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Erinnerungskonkurrenz

Geschichtsschreibung in den böhmischen Ländern vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart

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Joachim Bahlcke

Deutungen historischer Ereignisse unterliegen vielfältigen Modifikationen, Anpassungen und Ausblendungen, die ihrerseits Ausdruck veränderter Machtverhältnisse, Wertvorstellungen oder Legitimationsbedürfnisse sind. Das östliche Mitteleuropa ist in besonderer Weise geeignet, das Neben-, Mit- und Gegeneinander verschiedener Erinnerungsgemeinschaften in den Blick zu nehmen. Die hier vorgelegten Fallstudien zur böhmischen Ländergruppe stellen verschiedene Typen konkurrierender Geschichtsentwürfe vor, die sich religiös-konfessionell, räumlich-regional oder sprachlich-ethnisch motivierten Interessen verdankten. Dabei wird deutlich: Die erinnerungskulturellen Rivalitäten, die bereits in nachhussitischer Zeit einsetzten, prägten den Prozess der neuzeitlichen Staats- und Nationsbildung nachhaltig.

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Die tschechische und die slowakische Geschichtsschreibung zu Reformation und konfessionellem Zeitalter. Vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart

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Die tschechische und die slowakische Geschichtsschreibung zu Reformation und konfessionellem Zeitalter.

Vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart

I. Traditionen und Epochenkonzepte einer historischen Teildisziplin

Die tiefe Zäsur, die innerhalb der tschechoslowakischen Geschichtswissenschaft Mitte des 20. Jahrhunderts besonders die Kirchen- und Reformationsgeschichtsschreibung erfuhr, wird erst im Rückblick auf die Genese dieser Forschungsrichtung, ihre hohe Produktivität und ihr international anerkanntes Niveau offensichtlich. Nationalromantische Vorstellungen und politische Interessen hatten im 19. Jahrhundert günstige Rahmenbedingungen entstehen lassen, zugleich aber auch thematische Schwerpunkte fixiert. Sowohl für František Palacký als auch für Tomáš Garrigue Masaryk knüpfte die nationale Wiedererweckungsbewegung der Tschechen direkt an die hussitische Revolution an – die Reformationsepoche war Kern des weite Teile der intellektuellen Öffentlichkeit beschäftigenden Disputs um den „Sinn der tschechischen Geschichte“.1

Während Jan Hus zum Vorkämpfer moderner Humanität und Demokratie avancierte, wurde die Brüderunität um Johann Amos Comenius zur edelsten Blüte des reformatorischen Aufbruchs in Böhmen und Mähren verklärt. Mehrere Generationen von Allgemeinhistorikern – von Antonín Gindely, einem Schüler Palackýs, über Kamil Krofta bis hin zu Otakar Odložilík, einem der führenden Vertreter der tschechoslowakischen Geschichtsforschung in der Zwischenkriegszeit – widmeten einen beachtlichen Teil ihres Werkes Fragen der Reformationsepoche.2 Es gab vielfältige Kontakte und Kooperationen mit ← 23 | 24 → den evangelischen Kirchenhistorikern und Theologen, die von den politischen Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg besonders profitierten. Hier sind zumindest Ferdinand Hrejsa...

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