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Erinnerungskonkurrenz

Geschichtsschreibung in den böhmischen Ländern vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart

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Joachim Bahlcke

Deutungen historischer Ereignisse unterliegen vielfältigen Modifikationen, Anpassungen und Ausblendungen, die ihrerseits Ausdruck veränderter Machtverhältnisse, Wertvorstellungen oder Legitimationsbedürfnisse sind. Das östliche Mitteleuropa ist in besonderer Weise geeignet, das Neben-, Mit- und Gegeneinander verschiedener Erinnerungsgemeinschaften in den Blick zu nehmen. Die hier vorgelegten Fallstudien zur böhmischen Ländergruppe stellen verschiedene Typen konkurrierender Geschichtsentwürfe vor, die sich religiös-konfessionell, räumlich-regional oder sprachlich-ethnisch motivierten Interessen verdankten. Dabei wird deutlich: Die erinnerungskulturellen Rivalitäten, die bereits in nachhussitischer Zeit einsetzten, prägten den Prozess der neuzeitlichen Staats- und Nationsbildung nachhaltig.

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Von Palacky bis Pekar. Preußen als Thema der tschechischen Geschichtswissenschaft im 19. und frühen 20. Jahrhundert

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Von Palacký bis Pekař.

Preußen als Thema der tschechischen Geschichtswissenschaft im 19. und frühen 20. Jahrhundert

I.

Am Anfang war František Palacký – mit diesem programmatischen Satz ließe sich nicht nur pointiert in Anlehnung an vergleichbare deutsche Werke eine Meistererzählung über die tschechische Nationsgesellschaft einleiten, an deren Ausbildung der 1798 in Mähren geborene Palacký als erster politischer Führer seines Volkes erheblichen Anteil hatte. Ein solcher Satz hätte seine Berechtigung auch in einer Abhandlung, die sich der Genese der tschechischen Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert widmet, die durch den Historiker Palacký wegweisende Impulse und Prägungen erhielt. Es war sein strahlendes Bild von den Tschechen als Träger edler und fortschrittlicher Ideale, als Verfechter von altüberkommener Friedfertigkeit und slawischem Demokratismus, das der jungen Nationalbewegung Selbstbewusstsein und das Gefühl kultureller Wettbewerbsfähigkeit, teilweise gewiss auch Überlegenheit verlieh. Vor allem aber hob es sich markant von der Charakterisierung der nicht näher differenzierten Deutschen ab, die einzig als Repräsentanten feudaler Privilegien, nationaler Unterdrückung und Eroberungssucht auftraten.1 ← 300 | 301 →

Den schwierigen Versuch, den Politiker Palacký, „das anerkannte Haupt der deutschfeindlichen Czechen“, vom integren und verdienstvollen Historiker zu trennen, ja diesen sogar anerkennend als „deutschen Historiker wider Willen“ charakterisieren zu können, unternahm noch 1871 der in Breslau wirkende Historiker Colmar Grünhagen in den Preußische[n] Jahrbücher[n].2 Er beklagte freilich, dass Palacký „den deutschen Charakter seiner historischen Bildung in Frage zu stellen...

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