Show Less
Restricted access

Die kranke Republik

Körper- und Krankheitsmetaphern in politischen Diskursen der Weimarer Republik

Knut Langewand

Wie eine Demokratie krank gemacht wird, indem sie als siech, Geschwür oder Virus bezeichnet wird, kann man am Beispiel der Weimarer Republik ablesen.

Dieses Buch nähert sich der Verbindung von Krankheit und Krise aus der Perspektive demokratischer Spitzenpolitiker Weimars, die zermürbt von republikfeindlichen Anfeindungen krankheitsbedingt ihr Amt aufgaben.

Metaphern wie die des „kranken Volkskörpers" fanden Verbreitung in zeitgenössischen Debatten über Politik – bei Journalisten und Wirtschaftswissenschaftlern ebenso wie in Medizin, Psychologie oder Biologie. Dem Eindruck einer andauernden Krise der Demokratie wurde so Vorschub geleistet.

Es zeigt sich, dass Krankheitsmetaphern wegen ihres gegen Moderne und Aufklärung gerichteten Bedeutungskerns und ihres Beitrags zu einer Verengung realer Handlungsoptionen für ein Gemeinwesen problematisch, ja gefährlich sind.

Show Summary Details
Restricted access

5. Schlussbetrachtung

Extract

← 276 | 277 →

5.  Schlussbetrachtung

Mit dem Abstand von über fünfzig Jahren blickte ein Nebendarsteller auf der politischen Bühne der Weimarer Republik, der Sohn des Außenministers Stresemann, in seinen Erinnerungen auf jene Zeit zurück:

„Mußte die ‚ungeliebte Republik‘ scheitern? Keineswegs. Wenn man bedenkt, unter welchem innen- und außenpolitischen Unstern sie geboren wurde… so erstaunt sogar die Widerstandskraft der Weimarer Republik. Der Vergleich mit einem zu früh geborenen Baby liegt nahe. Nur mühsam läßt es sich am Leben erhalten (1919–1923), gewinnt allmählich an Kraft und Stärke (1924–1930), wird von schweren Fieberanfällen heimgesucht, gerät in Lebensgefahr (1931–1932) und läßt schließlich deutliche Anzeichen einer beginnenden Erholung erkennen, so daß man den kleinen Patienten von der Intensivstation in ein normales Krankenbett überführen könnte (Ende 1932). … Die Weimarer Republik, von schweren Kinderkrankheiten geplagt, besaß echte Überlebenschancen. …[Doch] ‚verschied‘ die von allen Seiten, auch vom Ausland, in entscheidenden Momenten verlassene ‚ungeliebte Republik‘, oder, um bei unserem Gleichnis zu bleiben, dem schwerkranken, aber sich bereits auf dem Wege der Besserung befindlichen Jungpatienten wurde eine zum Tode führende Injektion verabreicht, ein neues Verhängnis in der von Tragik umwitterten deutschen Geschichte.“1126

Diese zugleich tragische wie kuriose krankheitsmetaphorische Gesamtdeutung der Weimarer Zeit verweist, so zweifelhaft sie in der – angesichts Wolfgang Stresemanns politischer Überzeugungen freilich unbeabsichtigten – Übernahme vieler Topoi antirepublikanischer Metaphorik ist, auf ein Faktum, das in der Rede von der...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.