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Konzeption und Komposition von Gottscheds «Deutscher Schaubühne»

«Eine kleine Sammlung guter Stücke» als praktische Poetik

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Marina Doetsch

Erstmals wird aus einer zeitgenössischen Perspektive und unter Hinzuziehung der Peri- und Paratexte Gottscheds «Deutsche Schaubühne» als Projekt ernstgenommen. Die bisher vorherrschende Forschungsperspektive, es handle sich nur um eine Beispielsammlung zur Illustration der dramenpoetologischen Kapitel der «Critischen Dichtkunst», traut der «Schaubühne» kein Konzept zu. Dagegen beleuchtet die Autorin dieses Bandes, dass Gottsched durch die scheinbar fehlerhafte Veröffentlichungsreihenfolge der sechs Bände und durch spielerischen Umgang mit den Regeln die Dichotomie zwischen Poetik und dramatischer Praxis aufbricht und eine praktische Poetik der dramatischen Gattungen entwickelt. In detaillierten Textanalysen zeigt sie, warum es an der Zeit ist für eine Neubewertung der «Deutschen Schaubühne».

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3 Der zweite Band zur Eröffnung: die Suche nach der Mustertragödie und -komödie

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Der zweite Band erschien als erster und als solcher muss er auch eine andere Funktion erfüllen als die späteren. Das Konzept der Schaubühne steht und fällt mit diesem Teil. Daher ist die Auswahl1 der Beiträge2 von großer Relevanz: abgedruckt wurden die Übersetzungen von Racines Iphigenia, Saint-Evremonds Die Opern, Barbiers Cornelia, Addisons Das Gespenst mit der Trummel, Voltaires Zayre und Holbergs Jean de France. Die Funktion dieses Bandes besteht darin, mustergültige Beispiele zu liefern. Die Frage ist, was darunter zu verstehen ist. Sollen sie im Sinne der Critischen Dichtkunst alle Aspekte ihrer jeweiligen dramatischen Gattung regelkonform umsetzen oder sollen sie dadurch, dass diese nur brüchig realisiert werden, durch diese Vorgehensweise vorbildlich für alle Beiträge der Schaubühne sein? Da im vorigen Kapitel erarbeitet wurde, dass der Zweck dieses Projekts nicht darin besteht die Critische Dichtkunst praktisch umzusetzen, gehe ich von der zweiten Möglichkeit aus. ← 121 | 122 →

Allerdings ist Gottsched nicht der erste gewesen, der offen mit poetologischen Regeln umgegangen ist und eine relativ freie Umsetzung zugelassen hat. So hat sich Jörg Wesche mit den literarischen Spielräumen und Abweichungen in der deutschen Poesie und Poetiken des 17. Jahrhunderts auseinandergesetzt. Er hat gezeigt, dass poetische Varianten nicht Regelverstöße, sondern Möglichkeiten innerhalb der Normen sein können.3 Wie er Spielräume verstanden sehen möchte, hat er erläutert:

Dabei haben Spielräume durchaus auch normierenden Charakter. Sie nehmen eine Zwischenstellung zwischen Sprachnormen...

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