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Konzeption und Komposition von Gottscheds «Deutscher Schaubühne»

«Eine kleine Sammlung guter Stücke» als praktische Poetik

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Marina Doetsch

Erstmals wird aus einer zeitgenössischen Perspektive und unter Hinzuziehung der Peri- und Paratexte Gottscheds «Deutsche Schaubühne» als Projekt ernstgenommen. Die bisher vorherrschende Forschungsperspektive, es handle sich nur um eine Beispielsammlung zur Illustration der dramenpoetologischen Kapitel der «Critischen Dichtkunst», traut der «Schaubühne» kein Konzept zu. Dagegen beleuchtet die Autorin dieses Bandes, dass Gottsched durch die scheinbar fehlerhafte Veröffentlichungsreihenfolge der sechs Bände und durch spielerischen Umgang mit den Regeln die Dichotomie zwischen Poetik und dramatischer Praxis aufbricht und eine praktische Poetik der dramatischen Gattungen entwickelt. In detaillierten Textanalysen zeigt sie, warum es an der Zeit ist für eine Neubewertung der «Deutschen Schaubühne».

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7 Der sechste Band – der Abschluss und ein neuer Anfang

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Im sechsten Band der Schaubühne fallen alle Beiträge aus dem poetologischen Rahmen. Das beginnt damit, dass dieser genauso wie der erste aus sieben Beispielen besteht.1 Neben dem zusätzlichen Exemplum, das in diesem Fall ein Vorspiel ist und als letztes nach einem Nachspiel veröffentlicht wird – obwohl zeitgenössisch der Sinn dieser Gattung darin bestand, das es vor dem Hauptstück dargestellt wurde2 –, ist auch die weitere Umsetzung dieses Bandes ungewöhnlich: er enthält zwei Tragödien und vier Komödien (wenn man das Nachspiel als verkürztes Lustspiel zählt). Die ersten drei Exempla, zwei Tragödien von Gottsched und eine Komödie seiner Gattin, sind regelkonform angeordnet, doch beginnend mit Quistorps Hypochondrist über Uhlichs Unempfindlichen zu Herrn Witzling von der Gottschedin werden drei Komödien in Folge abgedruckt. Ist dies ein struktureller Fehler? Die Funktion der Tragödie wird von den Komödien übernommen, da Uhlichs Unempfindlicher, der den Platz eines regulären Trauerspiels einnimmt, als Verskomödie formal die Aufgabe ersetzt, während der Hypochondrist von Quistorp inhaltlich anknüpft.

Aber dieser Band fällt nicht nur aus dem strukturellen von Gottsched gesteckten Rahmen der Schaubühne, sondern alle Beiträge sind ungewöhnlich: Die parisische Bluthochzeit setzt die 3-Einheiten-Lehre auf Kosten der Handlung um, im Testament gibt es Spiel-im-Spiel-Situationen, Agis präsentiert einen fehlerhaften Helden, der Hypochondrist ist eine Fallstudie mit fast tragischem Ende, der Unempfindliche eine Verskomödie, in Herrn Witzling wird metareflexiv das Nachspiel eines Nachspiels dargestellt...

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