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Identitätsbildung und Partizipation im 19. und 20. Jahrhundert

Luxemburg im europäischen Kontext

Series:

Edited By Norbert Franz, Thorsten Fuchshuber, Sonja Kmec, Jean-Paul Lehners and Renée Wagener

Gesellschaften mit starker Einwanderung kennzeichnen vielfältige Formen von Identitätsbildung und das Ringen um politische und zivilgesellschaftliche Partizipation. Dies gilt in besonderer Weise für Luxemburg im 19. und 20. Jahrhundert. Hier entstand in einem Kleinstaat eine der jüngeren Nationen Europas und zugleich eine besonders offene, plurikulturelle Einwanderungsgesellschaft. Ziel dieses Bandes ist es, die Entstehung dieser Mehr-Kulturen-Gesellschaft im europäischen Zusammenhang zu verstehen. Die einzelnen Beiträge analysieren mit Hilfe unterschiedlicher sozial- und kulturwissenschaftlicher Annäherungen exemplarische Konfliktlinien der Identitätsbildung und des Kampfes um Partizipation.

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Landwirtschaftliche Interessenvertretung in Luxemburg im Spannungsfeld von Berufskammern, Parteiensystem und Genossenschaften (Michel Dormal und Dominik Trauth)

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Michel Dormal und Dominik Trauth

Landwirtschaftliche Interessenvertretung in Luxemburg im Spannungsfeld von Berufskammern, Parteiensystem und Genossenschaften

Sie können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden.1

(Karl Marx über die Bauern)

1.  Einleitung

In seinem Aufsatz „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ behauptete Karl Marx, die an lokale Verhältnisse gebundene Lebensweise der Bauern bedinge ein Defizit an „Klassenbewusstsein“, „nationaler Verbindung“ und politischer Organisationsfähigkeit. Der Repräsentant der Bauern müsse daher zugleich ihr Herr sein, der ihnen im Gewand des alten ordo ‚Schutz und Schirm‘ bieten müssen.2 In der Tat war der große Prozess der Agrartransformation, der vor rund 150 Jahren auch im Großherzogtum begann, für die ‚einfachen‘ Landwirte mit zahlreichen existenzbedrohenden Umbrüchen verbunden. Die Landwirtschaft stand um die Wende zum 20. Jahrhundert vor einem stetig wachsenden „Modernisierungsdruck“.3

Nicht nur die ländliche Gesellschaft veränderte ihr Angesicht. Im Zuge der Industrialisierung und Urbanisierung wandelten sich die Gesellschaften des ← 57 | 58 → westlichen Europas grundlegend. Die stetig wachsende Bevölkerung, die nun immer seltener an der Produktion landwirtschaftlicher Güter beteiligt war, verstärkte den Erfolgsdruck auf die Landwirtschaft und die Agrarpolitik. Zugleich galt es, drohende soziale Konflikte, die beispielsweise aus der Lohnungleichheit resultierten, zu verhindern. In der Folge ergaben sich für die Agrarpolitik der industrialisierten Länder zahlreiche politische Anpassungszwänge. Die ‚einfachen‘ Bauern, die traditionellerweise nie wirklich stark in den mitteleuropäischen Parlamenten vertreten waren, drohten, im Zuge der oben skizzierten Entwicklungen unter die Räder zu geraten. Besonders in Zeiten der Krise, der wirtschaftlichen Bedrohung und durch die Konkurrenz auf den Agrarmärkten formierten sich die Landwirte daher zu Interessengemeinschaften, Verbänden und Parteien.

In Frankreich und im wilhelminischen Kaiserreich entstanden beispielsweise mit der „Société des agriculteurs“ und dem „Bund der Landwirte“ spezielle außerparlamentarische Interessengruppen, die sukzessive in ein korporatistisches System der politischen Repräsentation und Konsensfindung eingeflochten wurden.4 Solche Verbände und Parteien übten meist erheblichen Einfluss auf die Verwaltung aus, sie waren oft anerkannte Partner des Staatsapparates oder wurden von ihm als offizielle Vertretungsorgane berufsspezifischer Interessen sanktioniert. In Luxemburg hat es allerdings eine (reine) Bauernpartei nie gegeben und in der Folge entstand ein großer Bedarf an außerparlamentarischer Repräsentation und Beteiligung der agrarischen Berufsgruppen am politischen Prozess.

Wer übte eine solche Funktion in Luxemburg aus? Die einschlägige Frage, wer die politische Repräsentation des Agrarsektors im Großherzogtum wahrnahm oder vielleicht gar an sich zog, ist bisher nicht explizit gestellt worden. Das wirtschaftshistorische Überblickswerk von André Bauler betont zwar die Bedeutung staatlich regulierter Rahmenbedingungen, vernachlässigt dabei aber die Frage der Repräsentation.5 Stattdessen geht Bauler von der Annahme aus, cohésion sociale und nationale Solidarität seien primär auf die geringe Größe Luxemburgs zurückzuführen. Es existieren nur vereinzelte Studien, die auch die Frage nach ← 58 | 59 → politischer Repräsentation und Landwirtschaft aufwerfen.6 Das Bild, welches für die Frage der Interessenvertretung daraus gewonnen werden kann, ist allerdings ein Vexierbild.

Im Großherzogtum beanspruchten sowohl staatliche Organisationen als auch freie Vereinigungen und die Parteien das Repräsentationsmonopol des Agrarsektors für sich – und das oft mit einem immanenten Absolutheitsanspruch. Die Akteure sind zahlreich, die historische Situation entsprechend unübersichtlich und komplex.7 Bislang harrt dieses historische Phänomen einer differenzierten wissenschaftlichen Darstellung. Die Landwirtschaftliche Interessenvertretung in Luxemburg ist ein akutes Desiderat der historischen Forschung.

Der vorliegende Aufsatz widmet sich der politischen Repräsentation des Agrar­sektors und exemplifiziert den Widerstreit parlamentarischer und außerparlamentarischer Repräsentation anhand eines ausgewählten historischen Falles: der Gründung der luxemburgischen Landwirtschaftskammer im Jahr 1924/25 und der mit ihr verbundenen Erwartungen.8 Als die Landwirtschaftskammer ins Leben gerufen wurde, verfügte das Großherzogtum erstmals über eine demokratisch gewählte ‚berufsständische‘ Interessenvertretung, in der sowohl die Arbeitnehmer als auch die Arbeitgeber vertreten waren – ein Alleinstellungsmerkmal im Vergleich zu den anderen Berufskammern. Ernsthaft erforscht wurde diese Gründung bisher nicht. So heißt es beispielsweise in einer Festschrift anlässlich des 75. Geburtstages der Berufskammern lapidar: „Nous ne disposons pas d’informations précises sur l’activité de la Chambre d’Agriculture durant la période de 1925 à 1945.“9 Weiterhin attestiert Mario Hirsch dem Großherzogtum zwar eine regelrechte „Konsensfindungsmaschinerie“, welche nicht zuletzt „auf ständestaatliche ← 59 | 60 → Elemente“ in Gestalt der 1924 geschaffenen Berufskammern aufbaue.10 Die keineswegs konsensuale historische Genese dieser „Maschinerie“ wird jedoch nicht aufgeklärt. Anderswo wird die Landwirtschaftskammer mit dem Etikett eines gescheiterten Versuchs versehen.11 Aber ist dieser Vorwurf gerechtfertigt? Wie positionierten sich die bereits existierenden Akteure des Agrarsektors zu dieser neuen Einrichtung? Kam es zu einem Konflikt zwischen Parlament und Berufskammer aufgrund spezifischer Repräsentationsbedürfnisse? Insgesamt ist die Forschungslage unbefriedigend und kürzere Publikationen wurden bisher primär aus Anlass von diversen Jubiläen vorgelegt.12

Diese Studie nähert sich dem Forschungsdesiderat auf zwei Wegen: Über einen historisch-akteursorientierten und einen konflikttheoretischen Zugriff. Beide treffen sich im Fokus auf das Politische, sind doch die untersuchten Entwicklungen untrennbar mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts, der beschleunigten Demokratisierung und der zunehmenden politischen Partizipation verklammert.

Im nächsten Kapitel werden zunächst die allgemeinen agrarpolitischen Verhältnisse in Luxemburg seit dem Ersten Weltkrieg dargestellt. Im Anschluss daran werden kurz die zentralen politikwissenschaftlichen Grundbegriffe erarbeitet. Die Darstellung der Akteure und Konfliktverläufe und die Analyse der rund um die Gründung der Landwirtschaftskammer zu verortenden politischen Prozesse bilden den Hauptteil. Nach einer ersten historischen Einschätzung des Wirkens der Landwirtschaftskammer schließt der Text mit einem Fazit.

2.  Agrarsektor und Agrarpolitik in Luxemburg seit dem Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg bedeutete für das Großherzogtum die zwangsweise Inte­gration der Landwirtschaft in die Kriegsernährungspolitik des Wilhelminischen ← 60 | 61 → Kaiserreiches, womit das Großherzogtum akuten Nahrungsmittelengpässen und der Hungergefahr ausgesetzt wurde. In der Öffentlichkeit wurde in der Folge das Verhältnis von Produzenten und Konsumenten polarisiert. Die Landwirte standen unter dem Verdacht, Nahrungsmittel zu horten und so die Preise in die Höhe zu treiben, sahen sich aber aufgrund der Preis- und Kriegspolitik selbst in einer Opferrolle.13 Wenngleich hierzulande eine Hungerkatastrophe monumentalen Ausmaßes wie im Kaiserreich ausblieb, bewirkte das Ende des Krieges dennoch einen fundamentalen Umschwung für die Landwirtschaft in Luxemburg: 1919 schied Luxemburg aus dem Deutschen Zollverein aus, und die seit Bismarck und Caprivi für diesen Zusammenschluss charakteristischen Schutzzölle wichen der wesentlich liberaleren Wirtschaftsunion mit Belgien (UEBL). Damit wurden der luxemburgischen Außenhandelspolitik konkrete Schranken auferlegt, und die von der Landwirtschaft vehement eingeforderten Schutzzölle14 waren nach dem Wirtschaftsvertrag vom 25. Juli 1921 als Mittel des Agrarprotektionismus ausgeschlossen. Unter dem Eindruck einer wachsenden Industrie und eines prosperierenden Handels, niedriger Löhne im Agrarsektor und fallender Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse musste die gesamte Agrarpolitik auf ein neues Fundament gestellt werden.15

Den Ausweg versprach eine konzentrierte Subventionierung der heimischen Landwirtschaft, die jedoch nur erfolgreich sein konnte, wenn sie mit einer koordinierten Ernährungspolitik verknüpft wurde. Weiterhin musste möglichen innergesellschaftlichen Konflikten, wie sie sich im Kontext des Ersten Weltkrieges angebahnt hatten, vorgebeugt werden. Die Rolle des Bauern wurde in diesem Kontext als verantwortungsvoller „Volksernährer“ neu definiert. Landwirtschaft wurde als eine Aufgabe von „nationaler Verantwortung“ verstanden.16 Zugleich musste ← 61 | 62 → die Produktion drastisch gesteigert werden, um die wachsende Arbeiterschaft in den industriellen Zentren zu ernähren, während die Zahl der Arbeitskräfte im primären Wirtschaftssektor sukzessive zurückging.

Einige potente Landwirte reagierten – ähnlich wie ihre Berufsgenossen in Deutschland und Frankreich – auf diese strukturellen Herausforderungen mit der Forderung nach Schutzzöllen. Der „Allgemeine Verband landwirtschaftlicher Lokalvereine“ (AVLL) verlangte demzufolge 1919 mit Nachdruck den wirtschaftlichen Zusammenschluss mit Frankreich und stand der UEBL ablehnend gegenüber.17 Dieser Spitzenverband reklamierte für sich als selbsternanntes Sprachrohr der Landwirtschaft ein gewichtiges Wort in Fragen der Agrarpolitik und das bereits vor dem Ersten Weltkrieg.18 Neben dem Verband existierten noch weitere landwirtschaftliche Organisationen, die im Alltag der ländlichen Bevölkerung eine wichtige Rolle spielten: Der Winzerverband, die Molkereigenossenschaften, die ländlichen Versicherungsvereine, die Zuchtgenossenschaften und die an den AVLL angeschlossenen Lokalvereine. In Anbetracht dieser Vielzahl von Vereinigungen zeigt die Landwirtschaft zu jener Zeit die markanten Zeichen einer professionellen Ausdifferenzierung des Agrarsektors, die sich deutlich im ländlichen Organisationswesen niederschlug.19 Eine solche Entwicklung legt die Vermutung nahe, der spätere Korporatismus luxemburgischer Couleur sei eine Reaktion auf die damalige Pluralisierung der Gesellschaft gewesen.20 ← 62 | 63 →

Gerade die staatlichen Organisationen, allen voran die Ackerbaukommission21, sollten bis zur Einrichtung der Landwirtschaftskammer dafür Sorge tragen, dass die Interessen der Landwirtschaft wahrgenommen und in wichtige politische Entscheidungen eingebracht würden. Autoritative Erklärungen durfte sie jedoch nicht abgeben und eine Anhörungspflicht existierte ebenfalls nicht.22 Ferner war es eine bewährte Praxis der Luxemburger Agrarpolitik, im Vorfeld großer Reformen und Innovationen eine Sonderkommission einzurichten, die sich ausführlich mit der jeweiligen Materie beschäftigte. Gutachten wurden nicht nur vor der Folie der heimischen „Agrarverfassung“ und durch Hinzuziehung statistischer Daten erstellt, sondern man informierte sich genauestens im benachbarten Ausland.23

In der Luxemburger Agrarpolitik drängten sich schließlich um 1920 weit über 700 Akteure, wenn auch mit unterschiedlichem Engagement in der Interessenvertretung, die das politische Feld präfigurierten.24 Im folgenden Abschnitt wird daher die Frage aufgeworfen, wie sich die politische Repräsentation, ihre historische Entwicklung und ihre verschiedenen Modi theoriegeleitet darstellen und untersuchen lassen.

3.  Politische Repräsentation als Analysegegenstand

3.1  Die Theorie gesellschaftlicher Konfliktlinien

Diese Studie legt die Konfliktlinientheorie zugrunde, die sich als Modell zur Analyse der Entwicklungspfade politischer Systeme bewährt hat. Zwei Dimensionen sind dabei analytisch zu trennen: die historisch-soziologische Genese eines ← 63 | 64 → Systems von gesellschaftlichen Spaltungen und Konflikten einerseits (1), andererseits die Frage, wie dieses Feld von Differenzen in ein relativ stabiles System politischer Optionen und Handlungsformen überführt wird (2).

(1) Die genaue Entwicklung sozialer Spaltungslinien ist von Land zu Land unterschiedlich verlaufen. Dennoch handelt es sich um Variationen innerhalb eines länderübergreifenden sozialen Wandlungsprozesses. Die Beschreibung der vier zentralen „cleavages“, wie sie Rokkan und Lipset in ihrer klassischen Studie vorgeschlagen haben, kann zumindest für die westeuropäischen Demokratien als verallgemeinerbares Modell betrachtet werden.25 Die beiden historisch frühen Spaltungslinien bildeten sich im Zusammenhang mit dem Entstehen des modernen Nationalstaates aus. Dies war erstens der Konflikt zwischen der im Zentrum der Nationsbildung stehenden kulturellen Gruppe und der Bevölkerung an der Peripherie, und zweitens die Auseinandersetzung zwischen dem die weltliche Macht monopolisierenden Staat und der Katholischen Kirche, die ihre korporativen Privilegien verteidigte. Die beiden historisch späteren Spaltungslinien sind der Industrialisierung und dem Siegeszug des Kapitalismus zuzuordnen: Die Verwerfungen zwischen Stadt und Land sowie zwischen Arbeitern und Kapital. Die vorliegende Studie konzentriert sich auf die Stadt-Land-Konfliktlinie.

(2) Im Zuge der Demokratisierung wurden diese sozialen Konfliktlinien zum Gegenstand einer kompetitiven Politisierung unter Einbeziehung immer weiterer Teile der Bevölkerung. Das Ergebnis ist daher nicht einfach eine spiegelbildliche Repräsentation der Sozialstruktur, sondern die Eröffnung eines kollektiven politischen Handlungsraums mit eigenen Spielregeln und Allianzen. Soziale Gruppen sind intern differenziert, die Grenzen ihrer sozialen Identitäten nicht zwingend scharf, hingegen können sie mehrere potentielle Interessen zugleich verfolgen. Die Bürger werden daher typischerweise mit einer geschichtlich selektierten Auswahl an „Gesamtpaketen“, an Programmen, Bindungen und Weltanschauungen konfrontiert.26 Zu fragen ist also nach den Bedingungen, welche der Übersetzung latenter Spaltungen in politisch repräsentierbare Optionen zugrunde lagen, oder dies verhinderten. Hier sind spezifische Pfadabhängigkeiten die Regel: Traditionen der Entscheidungsfindung, institutionelle Kanäle der Interessenartikulation ← 64 | 65 → oder die Regeln des Wahlrechts.27 Zentrale Akteure sind vor allem die Parteien und Verbände, die sich entlang einer oder mehrerer cleavages (Spaltungslinien) herausbilden.28 Parteien sind dabei keine „Transmissionsmaschinen“ homogener Interessen, sondern ähneln oft mehr einer „lose verkoppelten Anarchie“.29 Sie müssen intern eine Vielzahl inkohärenter Anliegen und Handlungslogiken zusammenbringen. Repräsentation bildet also nicht einfach nur ab, was vorher schon da war, sondern unterliegt selbst der Politisierung.30

3.2  Korporative und Kompetitive Repräsentationsmodi

An dieser Stelle muss die Unterscheidung zwischen kompetitiven und korporativen Modi der Interessenvertretung eingeführt werden.31 Ersteres meint die Repräsentation durch Abgeordnete und Parteien nach den Regeln eines allgemeinen und gleichen Wahlrechts. Letzteres formalisierte Verhandlungsprozesse mit und zwischen Verbänden, die ökonomische Schlüsselressourcen kontrollieren. Kein demokratisches politisches System kommt ganz ohne solche Verbände aus. Zwischen beiden Repräsentationsmodi besteht jedoch eine große Bandbreite an Mischungsverhältnissen.

Existieren zahlreiche, konkurrierende Interessenorganisationen, die unabhängig vom Staat verfasst und nur punktuell institutionell eingebunden sind, kann man von Pluralismus sprechen. Hier hat die Repräsentation der Konfliktlinien durch Parteien und Parlament Vorrang. Korporatismus im starken Sinne lässt sich hingegen im Anschluss an die klassische Definition von Schmitter als ein System der Interessenrepräsentation fassen, „in which the constituent units are organized into a limited number of singular, compulsory, noncompetitive, hierarchicaly ordered and functionally differentiated categories, recognized or licensed (if not created) by the state and granted a deliberate representational monopoly within ← 65 | 66 → their respective categories“.32 Im letzteren Fall besteht häufig auch eine starke personelle und organisatorische interne Verzahnung zwischen beiden Kanälen – Rokkan spricht auch von „Versäulung“.33

Während die elektorale Repräsentation einen inklusiven und egalitären Anspruch pflegt und in der Öffentlichkeit stattfindet, benachteiligt der korporative Modus jene, die weder über Druckmittel noch interne Organisationsfähigkeit verfügen. Die Macht, legitime Interessen zu definieren und auf die Agenda zu setzen, beruht hier in erster Linie auf straffer Organisation und Mitgliedschaftsstärke. Verhandlungen sind dabei häufig nur teilweise oder gar nicht öffentlich. Die Stärke des korporativen Modus liegt – so zumindest die immer wieder vorgebrachte These – in der Schaffung klarer Ansprechpartner und der entsprechenden höheren Effektivität der Politikergebnisse. Geht man im Anschluss an die pluralistische Demokratietheorie davon aus, dass die Legitimation politischer Verfahren auch auf der erfolgreichen Transformation sozialer Konflikte in gleichberechtigt konkurrierende Optionen beruht,34 scheint der Einwand plausibel, dass eine Dominanz des korporativen Verhandelns auf Dauer zu einem Demokratiedefizit führen kann.35

Eigenständige, wettbewerbsorientierte Bauernparteien entstanden in Europa, so die These Rokkans, nur da, wo die Stadt-Land-Konfliktlinie nicht korporatistisch kanalisiert werden konnte und durch Konflikte um sozialen Status kulturell aufgeladen wurde. Im Folgenden wird dieses Modell auf Luxemburg angewandt. Zuerst wird die korporative Organisationslandschaft der landwirtschaftlichen Interessen auf der anderen Seite dargestellt (4.1). Sodann wird die Repräsentation der Stadt-Land-Spaltung innerhalb des Parteiensystems betrachtet (4.2). Anhand der Fallstudie wird zuletzt diskutiert, wie beide Kanäle ineinandergriffen (5.). Es ← 66 | 67 → wird gezeigt, dass die korporatistische „Kanalisierung“ der Stadt-Land-Spaltung keineswegs reibungslos verlief und differenziert erklärt werden muss. Zudem werden demokratietheoretische Implikationen deutlich.

4.  Die zwei Modi der Repräsentation des Stadt-Land-Konflikts in Luxemburg

4.1  Korporatistische Strukturen

4.1.1  Die Ackerbaukommission

Die Zusammenarbeit von Staatsführung und nicht direkt staatlichen Akteuren, wie sie für den staatlich verordneten Korporatismus kennzeichnend ist, hat in Luxemburg eine lange Tradition, wenngleich mit dieser Art und Weise der Kooperation in ihrer Anfangszeit nicht zwingend eine Alternative zur parlamentarischen Repräsentation insinuiert war.

Die erste Institution, welche die landwirtschaftlichen Interessen im politischen Entscheidungsprozess repräsentieren sollte, entstand bereits im Jahr 1799 unter der französischen Administration im Wälderdepartement in Form eines offiziellen Expertengremiums. Diese Verwaltungsorganisation durchlief eine sehr turbulente Geschichte, konnte aber dem Agrarwesen für rund 100 Jahre ihren Stempel aufdrücken.36

Die Ackerbaukommission war nach fest vorgegebenen Kriterien zusammengesetzt und sollte, besonders nach ihrer Reform im Jahr 1857, die Interessen der unterschiedlichen Kantone in agrarpolitischen Fragen wiederspiegeln. Im Jahr 1867 wurde die Mitgliederzahl von neun auf elf erhöht. Ihre Mitglieder mussten sich in ihrem Heimatkanton bestens mit den landwirtschaftlichen Verhältnissen auskennen, jedoch musste nicht zwingend jeder Kanton vertreten sein. Es bestand außerdem die Möglichkeit, eine Kantonalversammlung abzuhalten, an der jeder interessierte Landwirt teilnehmen durfte.37 Die Kommission war keine freie Organisation und ihre Mitglieder wurden nicht gewählt, sondern vom ← 67 | 68 → Staatsoberhaupt ernannt. Aufgrund dieser personellen Abhängigkeit genoss sie allerdings ein wichtiges Privileg, das für eine korporatistische Repräsentation charakteristisch ist: Sie besaß das Monopol der landwirtschaftlichen Interessenvertretung, denn sie war die einzige Organisation, der eine solche Funktion von staatlicher Seite garantiert wurde. Allerdings war der Gesetzgeber nicht daran gebunden, die Ackerbaukommission in landwirtschaftlichen Fragen anzuhören. Es handelte sich also nicht um eine Berufskammer im modernen Sinne.

Mit den jeweiligen Verwaltungsreformen im Zuge der bewegten Geschichte des Großherzogtums bis zur Unabhängigkeit im Jahr 1839 änderte sich auch die Zusammensetzung der Ackerbaukommission und kurz nach den gewichtigen Umbruchphasen 1814 und 1830 scheint sie für einige Zeit gar nicht mehr existiert zu haben. Die Grundidee ging jedoch nicht verloren und blieb nach ihrer Wiedereinrichtung und trotz personeller Schwankungen immer die Gleiche: Ein Kreis von ausgewählten Experten sollte die jeweilige Landesregierung in agrarpolitischen Fragen unter der Berücksichtigung lokaler Besonderheiten und Interessen beraten. Darüber hinaus besaß die Kommission einige Exekutivfunktionen: Sie sollte zum Beispiel durch die Vergabe von Prämien die heimische Landwirtschaft fördern, was zu jener Zeit eine ganz typische, wenn auch nicht unbedingt effiziente Form der landwirtschaftlichen Förderung war. Finanziert wurde sie offenbar durch eine Viehsteuer, die sie allerdings nicht selbst einziehen durfte.38

1843 wurde die Kommission unter der Regie von Ferdinand Pescatore neu eingerichtet. Nach dessen überraschendem Tod übernahm der mit ihm verwandte Joseph Antoine Pescatore den Vorsitz. Einige heftige personelle Schwierigkeiten führten schließlich dazu, dass die Ackerbaukommission im Jahre 1857 reformiert werden musste, und es trat nun eine Phase der Konsolidierung ein. Das Gesetz vom 5. Dezember 1857 definierte ihre Rolle und ihren Aufgabenbereich wie folgt: Die Ackerbau Commission beschäftigt sich mit Allem, was auf die Verbesserung und die Fortschritte des Ackerbaues Bezug hat. Sie theilt der Regierung ihre Ansichten hierüber mit, macht Vorschläge darüber, welche Culturart am besten zu befolgen, welche Düngmittel am vortheilhaftesten anzuwenden, welche vollkommnere Geräthschaften anzuschaffen, und was für Hausthiere am nützlichsten einzuführen oder zu verbreiten sind. Sie ertheilt die Gutachten und Nachweisungen, welche die Regierung begehrt und wirkt zur Vollziehung der Gesetze und Reglements mit, welche die landwirthschaftlichen Interessen zum Gegenstand haben. ← 68 | 69 →39

Die Kommission sollte weniger entscheiden, sie sollte mehr beraten. Es ging darum, die Ackerbaupolitik im Großherzogtum insgesamt neu zu strukturieren. So wurde die Ackerbaukommission mit ständigen und wechselnden Sitzen bestückt. Zu ihren Aufgaben gehörte auch die Förderung des landwirtschaftlichen Vereinswesens. Mit der Familie Pescatore, die damals ihr Vermögen noch im Getreidehandel erwirtschaftete, hatten bisher keine ausgebildeten Agrarexperten den Vorsitz in der Kommission inne gehabt, sondern politisch einflussreiche Kaufleute. Eine Wende brachte hier das Jahr 1860, als der Tierarzt Eugen Fischer, der damals zu den herausragenden Agrarexperten und Agrarpionieren im Großherzogtum zählte, zum Präsidenten der Kommission ernannt wurde.40 Damit fiel auf staatlicher Seite zugleich die Entscheidung, den fachlich-konsultativen Charakter der Organisation stärker zu betonen.

Das Jahr 1883 brachte erneut einen fundamentalen Umschwung. Es wurde eine neue Spitzenbehörde geschaffen, der service agricole (auch Ackerbauverwaltung genannt). Die Ackerbaukommission musste den Großteil ihrer bisherigen Kompetenzen an diese neue Behörde abgegeben. Der service agricole zog alle Belange des landwirtschaftlichen Vereinswesens an sich und versuchte mit großem Impetus, diese zu gestalten.41 Die Kommission konzentrierte sich derweil weiterhin auf die Pferdezucht, beobachtete den Agrarsektor aufmerksam und beschäftigte einen eigenen Wanderlehrer.

Vor dieser Folie nimmt es nicht Wunder, dass die Ackerbaukommission zu Anfang des 20. Jahrhunderts vehement für sich einforderte, die wichtigste Inte­ressenvertretung der Landwirtschaft zu sein, und – nach eigenen Angaben – diese Aufgaben auch schon seit Jahrzehnten mit herausragender Sachkompetenz zu erfüllen. Es war eine der letzten Befugnisse, die ihr noch verblieben waren. Sie besaß freilich keinerlei demokratische Legitimation. Genau dies wurde allerdings nach der Jahrhundertwende zu einem immer wichtigeren Kriterium.

4.1.2  Die landwirtschaftlichen Lokalvereine

Seit den 1870er Jahren existierten allerdings landwirtschaftliche Organisationen, die – so könnte man es sehen – über eine gewisse demokratische Legitimation verfügten: landwirtschaftliche Vereine, in denen auch viele Kleinbauern ← 69 | 70 → versammelt waren. Diese sogenannten Lokalvereine,42 die sich der Förderung der Landwirtschaft vor Ort verschrieben, vermehrten sich erst nach der Gründung der Ackerbauverwaltung deutlich, weil im gleichen Jahr auch die entsprechenden gesetzlichen Grundlagen für landwirtschaftliche Genossenschaften geschaffen wurden.43 Um 1900 existierten bereits 400 solcher Vereine, was auf eine stark ausgeprägte Präsenz der Vereine in den Landgemeinden schließen lässt. An ihrem Zustandekommen war die luxemburgische Regierung in einem starken Maße beteiligt. Der Staat förderte die Entstehung der Lokalvereine: Ein Verein entstand meist im Gefolge eines landwirtschaftlichen Vortrages, und die Veranstaltung solcher ‚Events‘ war eine der Hauptaufgaben zunächst der staatlichen Ackerbaukommission, später der Ackerbauverwaltung. Ferner verkündeten die frisch gegründeten Vereine ihren ‚Geburtstag‘ in der Landespresse und baten die Ackerbauverwaltung oftmals darum, den neuen Verein doch bald mit einem offiziellen Besuch zum Beispiel in Person des staatlichen Landbauingenieurs zu beehren.44

In der Tat wurden diese Vereine zu einem wichtigen Ansprechpartner für die staatliche Agrarpolitik, insbesondere für die neu gegründete Ackerbauverwaltung.45 Die Zusammenarbeit mit den Vereinen bot dem Staat zahlreiche Möglichkeiten, die ruralen Verhältnisse vor Ort zu beeinflussen und modernisierend auf die Landwirtschaft einzuwirken. Die Vereine erhielten zudem oftmals staatliche Unterstützung. Namentlich die finanziellen Zuwendungen wurden nach der Wende zum 20. Jahrhundert immer wichtiger, als die Vereine den Fokus ihrer Tätigkeit auf den Einsatz technischer Gerätschaften, den Bezug von Saatgut, Zuchtvieh und vor allem Düngemitteln auf genossenschaftlicher Basis richteten. Diese Subventionen waren außerdem als Fördermittel für Staat und Regierung attraktiv, weil ← 70 | 71 → die Zollunion mit Belgien die Möglichkeiten der Agrarförderung im Sinne einer protektionistischen Preispolitik stark einschränkte.46

Insofern fand die Zusammenarbeit zwischen Staat und Vereinen auf einer rein administrativen Ebene statt und entwickelte sich nie zu einer außerparlamentarischen Interessenvertretung, wenn auch einzelne Parlamentarier in den Lokalvereinen tätig waren, wie beispielsweise der Notar Valentin Delvaux aus Weiswampach, der den Vorsitz des dortigen Lokalvereins führte.47

4.1.3  Der Allgemeine Verband landwirtschaftlicher Lokalvereine

Im Zuge des „Gründungs-Booms“, der das Genossenschaftswesen der 1880er und 1890er Jahre prägte, entstanden auch immer wieder Dachorganisationen, die versuchten, das Gros der Lokalvereine unter sich zu versammeln. Schließlich hat sich jedoch nur eine Spitzenorganisation durchgesetzt: der Allgemeine Verband landwirtschaftlicher Lokalvereine (AVLL), der 1909 ins Leben gerufen wurde und auch heute noch existiert. Auch am Zustandekommen dieser Organisation hatte der Staat einen ganz erheblichen Anteil.48

Bereits vor der Jahrhundertwende hatte es den Versuch gegeben, eine Spitzenorganisation auf genossenschaftlicher Basis und mit Befugnissen zur ‚berufsständischen‘ Interessenvertretung zu etablieren. Die erste „Allgemeine landwirtschaftliche Genossenschaft“ (1887) verfügte mit dem Organ „Der Landwirt“ auch über eine eigene Zeitschrift. 1891 organisierte sich diese Genossenschaft als ein „Allgemeiner Verband der landwirtschaftlichen Lokalvereine“. Dieser Verband verstand sich selbst als eine Organisation nach dem Vorbild der deutschen Bauernvereine und wollte explizit auf die Landespolitik Einfluss nehmen. Faktisch war er jedoch vornehmlich eine Bezugsgenossenschaft, die kurz nach der Jahrhundertwende wieder verschwand.49

Auch der AVLL aus dem Jahr 1909 war kein Verband, sondern vielmehr ein „Bezugsgeschäft auf genossenschaftlicher Basis.“50 Für einen Verband fehlte ihm die Revisionsbefugnis, also die Zuständigkeit, die Wirtschaftsführung der Mitglieder formal und materiell zu prüfen. Das war eine Kompetenz, welche ← 71 | 72 → die Regierung nicht bereit war, aus der Hand zu geben. So besaß der Staat das Revisionsrecht von der Dachgenossenschaft bis hinunter zum Lokalverein.51

Mit seinem Vorläufer von 1887 hatte der AVLL nur noch die prinzipielle Organisationsstruktur gemeinsam. Der ‚neue‘ Verband erlebte – verglichen mit seinen Vorgängern – eine geradezu spektakuläre Aufwärtsentwicklung.52 Der Warenumsatz erhöhte sich innerhalb weniger Jahre beträchtlich und seit dem Ende des Ersten Weltkrieges führte in Sachen landwirtschaftlicher Betriebsmittel kaum ein Weg am AVLL vorbei. Allein aus wirtschaftlicher Sicht war der Verband eine zentrale Institution in der Landwirtschaft.

Auch für die Selbstorganisation der Agrikultur war der AVLL entscheidend, denn ihm gehörte die Mehrzahl der landwirtschaftlichen Lokalvereine an. Im Jahr 1910, also kurz nach der Gründung, waren von den 397 Lokalvereinen schon 156 Vereine im Verband organisiert. Das entsprach rund 39%.53 Diese Quote stieg ständig, bis am Vorabend des Zweiten Weltkrieges über 90% im AVLL zusammengeschlossen waren.54 Allerdings gab es keinerlei Verpflichtung für landwirtschaftliche Organisationen und Berufsgruppen, sich dem AVLL anzuschließen. Der AVLL war eben eine Genossenschaft und kein Berufsverband, auch wenn er sich diesen Namen gab.

Marktgewicht, steigender Umsatz und wachsende Mitgliederzahlen stärkten das Selbstbewusstsein des Verbandes, sodass auch er sich bald als die ‚natürliche‘ Interessenvertretung der Landwirte ansah.55 Dennoch: Die offizielle Interessenvertretung der Bauern war der AVLL nicht. Seine starke Position in Fragen der Landwirtschaftspolitik geht auf die oben skizzierten Eigenschaften und eine allgemeine Kooperationsbereitschaft zwischen Regierung und Verband zurück, nicht auf eine formelle Regel. Der AVLL musste auch nicht zu Gesetzen gehört werden, welche die Landwirtschaft betrafen.56 Stattdessen stellte die Regierung (in Form ← 72 | 73 → der Ackerbauverwaltung) bis zum Jahr 1914 sogar einige Verwaltungsbeamte an, um den AVLL im Aufbau zu ‚unterstützen‘ und kontrollieren zu können. Dieser Umstand führte zu erheblichen Problemen und mündete schließlich in einen offenen Konflikt: Bedingt durch mannigfaltige Schwierigkeiten und einen schwerfälligen Verwaltungsapparat, erwirtschaftet der AVLL in den ersten drei Jahren nach seiner Gründung ein Defizit von über 11 000 Franken. 20 000 Franken musste der Vorstand aus eigener Tasche zuschießen, um den AVLL vor der Insolvenz zu retten. Obwohl diese Summe – verglichen mit den späteren Bilanzsummen des Verbandes – gering wirkt, war der Konflikt so heftig, dass die Ackerbauverwaltung ihre Mitarbeiter aus dem AVLL zurückziehen musste. Schließlich einigte man sich, und 1914 war der Verband eine wirklich ‚freie‘ Gesellschaft.

Im Umfeld der Wirtschaftsunion mit Belgien kam es erneut zum Konflikt mit Staat und Regierung. Aufgrund der französischen Zollpolitik befürwortete der Verband eine Zollunion mit Frankreich.57 Dementsprechend groß war die Enttäuschung, als die „Union économique belgo-luxembourgeoise“ (UEBL) gegründet wurde. Der Mangel an gangbaren Alternativen zur UEBL führte schließlich dazu, dass der Verband seine eigenen Interessen zurückstellen musste.58 Regierung und Verband versöhnten sich wieder, bis die wirtschaftliche Krise der 1930er Jahre die Beziehungen abermals in Mitleidenschaft zog.59 Zu einer institutionalisierten Zusammenarbeit ist es im hier behandelten Zeitraum jedoch nicht gekommen. Der AVLL wurde nur gehört, wenn es von staatlicher Seite für notwendig gehalten wurde.

4.1.4  Zusammenfassung

An dieser Stelle ist zu konstatieren, dass die Ackerbaukommission bis zum Jahr 1909 die einzige Organisation in Luxemburg war, die (früh-)korporatistische Züge trug. Aufgrund ihrer konzeptionellen Schwächen und ihrer „Top-Down“ Struktur konnte sie den Status einer umfassenden Interessenvertretung aber nie glaubhaft für sich reklamieren. Besonders auffällig ist das vollständige Fehlen partizipatorischer Strukturen. Demgegenüber formierte sich im Jahr 1909 unter reger Beteiligung der Regierung eine große Zentralgenossenschaft, deren Funktionäre zwar demokratisch von den zugehörigen Mitgliedern gewählt wurden, die aber nur mit dem bloßen Namen „Verband“ auftrat. Ein geschlossener, auf einheitliche ← 73 | 74 → Interessenvertretung ausgerichteter Berufsverband ist trotz steigenden politischen Gewichts nie aus diesem Zusammenschluss hervorgegangen.

Im Folgenden soll der zweite Modus der Repräsentation thematisiert und die Rolle der Stadt-Land-Konfliktlinie in der Gründungs- und Strukturierungsphase des luxemburgischen Parteiensystems untersucht werden.

4.2  Die elektorale Repräsentation

4.2.1  Kontext: Struktur der Wählerschaft und Effekte des Wahlrechts

Luxemburg war im 19. Jahrhundert eine weitgehend ländlich geprägte Gesellschaft. Eine Vorherrschaft städtischer Zentren bestand nicht. Um 1870 waren noch gut zwei Drittel der Bevölkerung in der einen oder anderen Weise in der Landwirtschaft tätig.60 Hinzu kam das Zensuswahlrecht, welches Grundbesitz bevorzugte. In einer später stark industriell geprägten Stadt wie Düdelingen gaben 1883 von insgesamt 55 eingeschriebenen Wählern noch 38 als Berufsbezeichnung „cultivateur“ an.61 Ein ökonomischer Bezug zur Landwirtschaft war demnach noch der Normalfall und markierte nicht zwingend die Zugehörigkeit zu einer speziellen Interessengruppe. Die Wahlrechtsreform von 1892, welche den Zensus von 30 auf 15 Franken senkte, öffnet das politische System erstmals verstärkt für eine heterogene Vielzahl anderer und zum Teil erst kürzlich entstandener Berufsgruppen, wie Wirte, Handwerker oder Eisenbahner. Unter den Abgeordneten dominierte im 19. Jahrhundert der Typus des agrarischen Rentiers, des Großgrundbesitzers, trotz des Einflusses der Unternehmer neuen Typs um die Familie Metz.62 Um die Jahrhundertwende wurden die Landnotabeln zunehmend von Juristen und Unternehmern verdrängt. Aktive Landwirte konnten hingegen, ähnlich den abhängig Beschäftigten, die Position eines Abgeordneten kaum anstreben, da sie sich eine längere Abwesenheit vom Hof nicht leisten konnten.63

Die politische Spaltung zwischen Stadt und Land als zwei klar unterscheidbaren, verstetigten Identitäten, mit denen eine Repräsentation gegensätzlicher Interessen einhergeht, ist daher relativ jungen Datums. Sie ist einerseits auf die rasante Entwicklung der Industrie zurückzuführen. Es handelte sich dabei aber u.E. nicht einfach um einen Gegensatz zwischen dem Alten und dem Neuen. Es fand zugleich eine genuin moderne politische Neudefinition dessen statt, was die relevanten ← 74 | 75 → „Landinteressen“ ausmachte.64 Der ‚Bauer‘ war einst Teil eines ständischen Gefüges; die moderne ‚Landwirtschaft‘ ist dagegen Teil einer arbeitsteiligen Ökonomie und Wirtschaftsordnung, in der alle für den Markt produzieren und auch alternative Erwerbsmöglichkeiten offen stehen.65

Eine maßgebliche Rolle für die politische Thematisierung dieser Interessen spielte in Luxemburg die Tatsache, dass die Ausweitung der politischen Partizipation innerhalb des Rahmens des alten Mehrheitswahlsystems begann. Bis 1919 wurden die Volksvertreter in 13 Kantonen nach Stimmenmehrheit gewählt. Daher waren die Kandidaten insbesondere auf die Unterstützung lokaler Elitennetzwerke angewiesen. Der Repräsentant musste, wie Ben Fayot schreibt, nicht so sehr eine politische Richtung als vielmehr „eigentlich das Wesen seines Kanton[s] darstellen: ein Großbauer in einem Landkanton, ein Schmelzherr in einem Industriekanton“.66 Nur im Hinblick auf diese Herkunft wurde ihm Urteilskompetenz zugebilligt – so zumindest der Subtext, wenn das „Luxemburger Wort“ dem Escher Abgeordneten Michel Welter vorwarf: In der Kammer eine große Rede zu halten ist leichter, als ein kleines Schwein zu züchten.67 Einen weiteren Beleg für die damalige Identifikation des Abgeordneten mit dem Wahlbezirk und des Wahlbezirks mit dessen ökonomischer Struktur findet sich in einem Leserbrief eines „Wählers von der Mosel“ von 1899. Konträr zur klassischen liberalen Demokratievorstellung68 empörte dieser sich über die Vorstellung, ein Industrieller könne sich im Moselort Grevenmacher zur Wahl stellen: […] es genügt nicht zu ← 75 | 76 → sagen, auch ich bin Luxemburger und habe dasselbe Recht in der Kammer zu sitzen, wie die jetzigen Vertreter […] Was würden die Eicher und Stadtbürger sagen, wenn Agrar- und Bauernkandidaten bei ihnen gern gewählt wären? […] Die Industriellen für die Industriellen, die Bauern, Winzer und Agrarier für uns.69 Repräsentiert werden sollte demnach also weder ein übergeordnetes Gemeinwohl, noch einzelne Wähler oder konkurrierende Parteien. Gegenstand der Repräsentation waren aus dieser Sicht vielmehr unpersönliche Kantonsinteressen, in denen Geographie und Ökonomie verschmolzen – von Hanna Pitkin auch als „unattached interests“ bezeichnet.70

Die Tatsache, dass die Zahl der Abgeordneten pro Kanton sich nach der regelmäßig erhobenen allgemeinen Einwohnerzahl richtete, verschärfte diesen Effekt. Die Landkantone sahen sich gegenüber den Kantonen Esch und Luxemburg, die von einer starken Urbanisierung und Migration profitierten, im Nachteil. Zwischen 1870 und 1917 stieg die Anzahl der Abgeordneten allein für den Kanton Esch von 3 auf 15, während sie in den Landkantonen stagnierte. Die Escher rechtfertigten sich: Ihr Kanton sei die ‚Milchkuh‘ der Nation, auf deren Kosten der Rest lebe.71 In der Summe führten diese Bedingungen um die Jahrhundertwende zu einer Situation, in der die Abgeordneten sich in erster Linie als Vertreter ihres Kantons begriffen und in der Verwerfungen, die aus den komplexen übergreifenden sozialen Wandlungsprozessen herrührten, vor allem als Konflikte zwischen Stadt- und Landwahlkreisen ausgetragen wurden. Eine identitäre Aufladung und ein Statuskonflikt entlang der Stadt-Land-Linie wurden damit zumindest mittelbar gefördert.

4.2.2  Die Thematisierung der Landwirtschaft im Parteiensystem bis 1919

Wie wurde die Stadt-Land-Spaltung in der elektoralen Repräsentation konkret thematisiert? Dies soll im Folgenden anhand einer exemplarischen Analyse von Parteiprogrammen und Wahlkämpfen untersucht werden.

Ein Mehrheitswahlrecht fördert grundsätzlich eine Konzentration der Parteialternativen: Allianzen werden bereits im Vorfeld der Wahl geschmiedet, statt später in Form von Koalitionen. Daher vermischte sich in Luxemburg bis 1919 die Stadt-Land-Spaltung in erheblicher Weise mit der Konfliktlinie zwischen Katholischer Kirche und säkularem Staat. Während Sozialisten und Liberale in den ← 76 | 77 → Stadtkantonen ein Bündnis eingingen, um die Konservativen auszuschließen, nutzten letztere das Meinungsmonopol der Kirche in den ländlichen Kantonen, um sich als natürliche Verbündete der Bauern, denen man einen wesenhaften Konservativismus zusprach, darzustellen. Denn für den Bauern, so behauptet das katholische „Luxemburger Wort“ ohne genauere Belege, habe die Linke nur Spott und Hohn übrig.72

Dass eine andere Konstellation durchaus möglich gewesen wäre, zeigt ein Blick auf das erste Wahlprogramm, mit dem Michel Welter und C.M. Spoo – die beiden ersten im weiteren Sinne ‚sozialdemokratischen‘ Abgeordneten – erstmals 1896 im Kanton Esch antraten. Ganz im Sinne von Karl Kautskys Forderung, dass der „Sozialdemokratie das Interesse für die Landwirthschaft so oder so aufgezwungen [wird] durch die wachsende Bedeutung, welche die agrarischen Fragen für das gesamte staatliche Leben in allen modernen Ländern erhalten“,73 richteten auch sie sich primär an den (damals auch im Süden noch relevanten) „Bauernstand“. Der Bauer wurde von Spoo und Welter als Bundesgenosse des modernen Proletariers angesprochen, vereint in der Abhängigkeit gegenüber dem Kapitalismus: Der […] alte, erfahrene Bauersmann habe in seinem Misstrauen gegen die Modernisierung richtig gelegen, denn nachdem die Dampfmaschine […] zuerst das Handwerk ruiniert[e], ist sie dann auch an den Bauern herangetreten und hat ihm die Konkurrenz der neuen Welt auf den Hals geladen. Dahinter stehe ein und derselbe Großkapitalist, der die Bauern von sich abhängig mache, sie durch Handel und Mechanisierung der Konkurrenz ausliefere, um ihnen anschließend überteuerten Dünger zu verkaufen. Daher müsse auch der Bauer ein antikapitalistisches Inte­resse haben.74 Bereits in der Wahlschrift der sozialistischen Kammerfraktion von 1908 wurden ähnliche Töne angeschlagen: Hier richtete man sich insbesondere gegen die Ackerbaukommission. Diese sei lethargisch, unqualifiziert, vor allem aber nicht demokratisch legitimiert. Man könne diese Rumpelkammer, deren Mitglieder von der Regierung auf Lebenszeit ernannt werden, nicht als Organ des Ackerbaustandes ansehen. Stattdessen forderten die Sozialisten, dass die Bauern in ihrer Gesamtheit angehört und befragt und ihre Selbstrepräsentation durch eine gewählte Landwirtschaftskammer institutionalisiert werden soll.75 Spoo, Welter ← 77 | 78 → und ihre Mitstreiter beanspruchten, die wahren Repräsentanten der Landwirte zu sein, während die vermeintlichen Bauerndeputierten in der Kammer sich überhaupt nicht um die Sache kümmerten.

Diese Beispiele verdeutlichen: Die politische ‚Übersetzung‘ von Konfliktlinien ist nicht das Spiegelbild einer fixen Interessenstruktur. In ihr steckt immer auch der Kampf um Hegemonie, um die (Deutungs-)Hoheit darüber, wie Interessen definiert und welche Koalitionen realisiert werden können. Der Konflikt zwischen Staat und Kirche erwies sich in dieser Hinsicht freilich als der historisch mobilisierungsfähigere Bezugspunkt, der die Stadt-Land Spaltung überwölbte. Dies zeigt eine Analyse der Wahlkämpfe von 1912 und Juni 1914. Die Stellungnahmen waren hier durch das umstrittene Schulgesetz und die (Selbst-)Positionierung der Kandidaten als „Antiklerikale“ oder „Gegner des [antiklerikalen] Blocks“ geprägt, die Stadt-Land-Konfliktlinie stand dagegen im Hintergrund. Vereinzelt fanden sich zwar pflichtschuldige Forderungen nach einer Landwirtschaftskammer, und die neue Rechtspartei warb mit dem Slogan: Hat der Bauer Geld, hat’s die ganze Welt für eine starke Landwirtschaft als Grundlage einer gesunden Volkswirtschaft.76 Doch erst mit Kriegsausbruch und der sich anschließenden Versorgungskrise und Inflation gewann der Konflikt zwischen ‚Produzenten‘ und ‚Konsumenten‘, wie es in der zeitgenössischen Terminologie hieß, an Schärfe. Das „Escher Tageblatt“ schrieb von einem regelrechten Klassenkampf.77 Der Bauer, so der Vorwurf aus den Städten, horte seine Produkte und profitiere vom Elend der Massen – viele Landwirte fühlten sich im Gegenzug nicht in ihrem Opfer für die Gemeinschaft gewürdigt.78 Anlässlich der aufgrund einer Regierungskrise polarisierten Wahl vom Dezember 1915 setzt die Rechte daher wieder stärker auf den Appell an die Ehre und Identität des freien Bauernstandes: Ein im Kanton Mersch auf der Liste der Liberalen antretender Landwirt wurde als Verräter gebrandmarkt. Das katholische „Luxemburger Wort“ stellte die rhetorische Frage: Kann unter den gegebenen Verhältnissen ein echter und rechter Bauer sich mit einem bekannten Bauernfeinde Arm in Arm dem Wählerkorps vorstellen?79 Die Sozialisten, so hieß es wenig später auch in der ersten Programmschrift der Rechtspartei von 1917, hätten infolge des Umstandes, dass sie keinen Landwirt in ihren Reihen zählen, […] eine der Landwirtschaft feindselige Haltung angenommen.80 Tatsächlich war es 1916 aber der ← 78 | 79 → Sozialistenführer Michel Welter, der Minister für Landwirtschaft und Ernährung in einer Koalitionsregierung wurde, wenig später jedoch an den Umständen des Krieges scheiterte. Bei der Wahl zur Konstituante von 1918 standen naturgemäß Verfassungsfragen im Vordergrund. Doch auch das Trauma der Lebensmittelknappheit wurde hier nachträglich nochmal thematisiert. Während die Linke gegen den klerikalen Großbauer Stimmung machte, warb die Rechtspartei mit Bauernkandidaten und dem Versprechen auf höhere Preise um die Gunst der Bevölkerung der ländlichen Kantone.81 Die weitverbreitete, aber durchaus nicht immer völlig zutreffende Zuordnung der Linken zur Industrie und der Rechten zum Land entsprach diesmal den tatsächlich artikulierten politischen Positionen.

Eine korporatistische Kanalisierung der Konfliktlinie wurde dabei stets parteiübergreifend gefordert. Realisiert wurde sie bis nach dem ersten Weltkrieg aber nicht, zumindest nicht durch von unten legitimierte Institutionen, sondern nur – ansatzweise – in der informellen Konsultation und ‚Versäulung‘ insbesondere zwischen der Rechtspartei und den ländlichen Eliten und Organisationen, die in Abschnitt 4.1 dargestellt wurden. Prototypisch für diese informellen Verbindungen war Eugen Hoffmann, Bürgermeister einer Landgemeinde, Mitbegründer des AVLL und seit 1916 Abgeordneter der Rechtspartei.

4.2.3  Volks- oder Bauernpartei? Die Zerreißprobe

Die Stadt-Land-Konfliktlinie wurde also durch das Parteiensystem punktuell repräsentiert, allerdings verschränkt mit anderen Konfliktlinien und ohne unmittelbar strukturierende Wirkung auf das Parteiensystem. Mit der Verfassungsreform von 1919 wurde jedoch das Verhältniswahlrecht eingeführt. Letzteres förderte das „Einfrieren“ des Konfliktliniensystems, da nun auch Minderheiten repräsentiert wurden und Koalitionen erst nachträglich verhandelt werden konnten. Damit stellte sich auch in Luxemburg die Frage nach der Gründung einer speziellen Bauernpartei. Den konkreten Anlass dazu bot die Auseinandersetzung um die Zollunion, die bekanntlich trotz eines zu Gunsten Frankreichs ausgefallenen Referendums letztlich mit Belgien abgeschlossen wurde. Der schon erwähnte Eugen Hoffmann führte eine Gruppe abtrünniger rechter Abgeordneter an, die öffentliche „Bauernversammlungen“ durchführten und sich nicht scheuten, zusammen mit linken und liberalen Politikern gegen das ungeliebte Zollabkommen Stimmung zu machen. Auch erste Stimmen zugunsten einer eigenständigen Bauernpartei wurden spätestens seit 1921 laut. Entgegen einem gerne bemühten Klischee konnte sich auch die Rechtspartei, sofern sie nicht die gewünschte ← 79 | 80 → Politik vertrat, der uneingeschränkten Unterstützung und vermeintlich blinden Gefolgschaft der ländlichen Wähler also keineswegs sicher sein. Die Rechtspartei, die in den Industrieregionen zugleich mit den Sozialisten um die Stimmen der Arbeiterschaft konkurrierte, sah sich damit der für Volksparteien typischen Spannung zwischen Regierungsverantwortung und den heterogenen Ansprüchen von Mitgliedern, Verbänden und Wählern ausgesetzt. Von der Aussicht auf eine Spaltung der Partei alarmiert, plädierte das Wort eindringlich für den Vorrang des Projekts ‚Volkspartei‘ vor jedem Partikularanliegen: Was kann es denn unserm Lande dienen […] wenn man die einzelnen Erwerbsstände zur gegenseitigen Bekämpfung zwingt.82 Nur mit Mühe gelang es auf einem außergewöhnlichen Parteitag am 27. November 1921, auf dem die Regierung ihren Standpunkt verteidigte, die Einheit der Partei zu wahren.83

1925 kam es zum endgültigen Bruch mit der Gruppe um Hoffmann. Diese trat bei den Wahlen nach dem Sturz der Regierung Reuter im Bezirk Nord als eigene „Bauernliste“ unter dem Namen „Wirtschaftlich unabhängige Rechtspartei“ an. Hoffmanns Abgeordnetenmandat konnte zwar verteidigt werden, es gelang ihm aber nicht, weitere Mandate hinzuzugewinnen, zumal er im Norden mit der „Unabhängigen Nationalpartei“ von Pierre Prüm mit einer weiteren abtrünnigen Liste um die Stimmen der ländlichen Wähler konkurrieren musste. 1931 trat Hoffmann mit einer „Bauern- und Mittelstandspartei“ an, konnte aber wiederum nur einen Sitz erringen.

Außerhalb des Bezirks Norden war es aber spätestens ab den 30er Jahren die Konfliktlinie von Kapital und Arbeit, die alle anderen überlagerte und die Wahlkämpfe bestimmte. Es blieb so bei einem begrenzten Konflikt um die Basis der Rechtspartei im ländlichen Norden, der nicht dauerhaft auf das landesweite Parteiensystem übersprang. Jean-Marie Majerus führt dies auf die entpolitisierende Auslagerung der Repräsentation landwirtschaftlicher Interessen in korporatistische Institutionen zurück, insbesondere in die 1924 gegründete Landwirtschaftskammer.84 Dies ist eine auf den ersten Blick plausible These, die auch mit dem in dieser Studie verwendeten theoretischen Modell übereinstimmt. Anders als Majerus suggeriert, war diese Umstellung auf den korporativen Kanal jedoch ← 80 | 81 → kein Ergebnis einer „geschickten“ Strategie der Rechtspartei. Das Projekt einer Landwirtschaftskammer hatte ältere Wurzeln, mehr Väter und eine kompliziertere Gründungsgeschichte. Es bleibt zu untersuchen, ob und mit welchen Konsequenzen die Kammer ihre vorgesehene Repräsentationsaufgabe überhaupt erfüllte. Dies wird in Kapitel 5 geschehen.

5.  Die Gründung der Landwirtschaftskammer (1921–1925)

Seit der Wende zum 20. Jahrhundert wurde die Frage der Interessenvertretung für die Landwirtschaft immer wichtiger. Dabei handelte es sich freilich um eine Entwicklung, die in den Gesamtkontext der Auseinandersetzungen um politische und ökonomische Interessenvertretung in Luxemburg einzuordnen ist. Mit dem „Gesetz vom 4. April 1924, betreffend die Errichtung von wählbaren Berufskammern“ erhielten die großen Zweige der Luxemburger Wirtschaft eine eigene außerparlamentarische Vertretung. Aus mehreren Gründen, die in diesem Kapitel ausführlich diskutiert werden, gestaltete sich die Gründung einer Berufskammer für den Agrarsektor aber besonders schwierig. Eine zentrale Rolle spielten dabei die jeweiligen Auffassungen von Repräsentation, die Konstellation der Akteure und der modus operandi der Agrarpolitik im Großherzogtum.

Die Einrichtung der Landwirtschaftskammer muss also von mehreren Seiten betrachtet werden. Zum einen von den landwirtschaftsspezifischen Debatten her: Hier lässt sich seit der Jahrhundertwende eine Kontroverse beobachten, bei der insbesondere die Reform der bestehenden Ackerbaukommission im Sinne von mehr Inklusion und Partizipation im Mittelpunkt stand. Dies wird in Abschnitt 5.1 rekonstruiert. Daneben drückte sich im Berufskammergesetz von 1924 auch ein allgemeiner Trend zum Korporatismus aus – jenseits der spezifischen Problemlagen einzelner Berufsgruppen. Dies wird in Abschnitt 5.2 dargestellt. Im Anschluss wird in Abschnitt 5.3 die parlamentarische Debatte rund um die Einrichtung der Berufskammern ausführlich untersucht. Den Abschluss bildet dann eine Problematisierung der tatsächlichen Entwicklung der Landwirtschaftskammer, deren Repräsentationsansprüche binnen Kürze wieder von verschiedenen Seiten untergraben wurden.

5.1  Politische Gegenentwürfe zur Ackerbaukommission seit 1896

Gegen die Ansicht, die Einrichtung der Landwirtschaftskammer sei nur eine entpolitisierende Regierungsstrategie gewesen, um konkurrierenden Bauernparteien den Boden zu entziehen, spricht zunächst der Befund, dass es sich im Kern um ein Ergebnis parlamentarischer Initiativen handelt. Wohl geht das integrierte ← 81 | 82 → Berufskammerngesetz von 1924 auf eine Regierungsvorlage zurück. Allerdings reagierte die Regierung damit, wie der Berichterstatter Pierre Dupong betonte, auf eine ganze Reihe vorangegangener Initiativen von Abgeordneten verschiedenster politischer Herkunft.85

Bereits im Februar 1897 – anlässlich der parlamentarischen Debatte über das Agrarbudget – hatte die Zentralsektion der Kammer vorgeschlagen, die bestehende Ackerbaukommission durch „wählbare Elemente“ zu ergänzen.86 Staatsminister Eyschen blieb diesbezüglich allerdings skeptisch. So führte er unter anderem an, die Ackerbaukommission selbst sei gegen eine solche Reform – was kaum verwundern dürfte. Die Einführung elektiver Mechanismen, so befürchtete man dort, würde die Kommission über Gebühr politisieren.

1903 forderte der sozialdemokratische Abgeordnete Leon Metzler, der 1902 zusammen mit C.M. Spoo und Michel Welter im Kanton Esch gewählt worden war, anlässlich der parlamentarischen Debatte zum Handelsbudget, die Reform der schon bestehenden Handelskammer hin zu einer auf Wählbarkeit beruhenden Institution. Der konservative Abgeordnete Prüm begrüßte seinerzeit diesen Vorschlag als ersten Schritt hin zu einer allgemeinen, wählbaren Interessenvertretung aller Berufsgruppen jenseits des Parlaments.87 Die erste parlamentarische Initiative zur Einrichtung einer Landwirtschaftskammer ging auf den Februar 1906 zurück und wurde wiederum von Leon Metzler eingebracht.88 Der Gesetzesvorschlag sah die Einrichtung einer wählbaren Landwirtschaftskammer mit beratender Funktion vor. Die Kammer sollte sich aus zwölf Mitgliedern, je eins pro Kanton, zusammensetzen, wobei als Wähler jeder Bürger zugelassen gewesen wäre, der auf einer Fläche von mindestens drei Hektar Landwirtschaft betrieb. Die Regierung wäre dazu ermächtigt gewesen, einen Tierarzt zu bestimmen, der ← 82 | 83 → ebenfalls zu der Kammer gehören sollte. Deren Aufgaben sah Metzler wie folgt: Cette Chambre représente les intérêts généraux de l’agriculture. Ses attributions sont purement consultatives. Elle est entendue en son avis lors de l’élaboration des lois et arrêtés intéressant l’agriculture. Elle donne notamment aussi son avis sur toutes les dépenses du budget de l’agriculture et sur les bases de répartition à adopter dans l’allocation de subsides à accorder à l’agriculture. Elle s’occupe de tout ce qui a rapport à l’amélioration et au progrès de l’agriculture.

Diese Berufskammer, deren Anhörung erstmals verbindlich sein sollte, hätte die bestehende Ackerbaukommission obsolet gemacht und Metzler machte auch keinen Hehl daraus, dass sein Vorschlag direkt gegen die Kommission gerichtet war. Diese habe „pas racine dans les couches profondes de nos populations rurales“ und sei ein nutzloses, absolutistisches Relikt.89 Die geforderte neue Landwirtschaftskammer hingegen wurde ausdrücklich mit Hinweis auf die Volkssouveränität begründet und sollte vor allem den einfachen (Klein-)Bauern dienen. Aus Metzlers Perspektive waren auch die bestehenden Genossenschaften für die Repräsentation der Luxemburger Landwirtschaft ungeeignet. Solche regional strukturierten Organisationen könnten eine durch öffentliches Recht für das ganze Land geschaffene Vertretung nicht ersetzen. Es bestehe zudem die Gefahr, dass diese Organisationen zum Werkzeug einiger einflussreicher Großbauern würden. Der Gesetzesvorschlag von 1906 wurde jedoch vom Staatsrat rundheraus abgelehnt, unter anderem mit Verweis auf die bestehenden Landwirtschaftsvereine und die Dominanz der Landwirte unter den Wählern. Vom Parlament wurde die Initiative nie formell abgelehnt, jedoch blieb sie jahrelang unbeachtet.

Erst im Januar 1913 brachte der Ettelbrücker Abgeordnete Kunnen abermals einen neuen Gesetzesvorschlag ein, welcher von Metzler unterstützt und als Ersatz für seinen ursprünglichen Antrag akzeptiert wurde.90 Der neue Antrag sprach nicht mehr von einer gänzlich neuen Landwirtschaftskammer, sondern nur von einer reformierten „Commission d’Agriculture sur base élective“. Die zentrale Innovation war, dass die Mitglieder dieser Kommission nun nicht mehr direkt gewählt werden sollten. Stattdessen würden die landwirtschaftlichen Lokalvereine, die Molkereigenossenschaften und andere Organisationen jeweils eine bestimmte Zahl von Vertretern aus ihren Reihen wählen.91 Dadurch würden diese Organisationen zum eigentlichen Entscheidungszentrum und der korporatistische Kanal entsprechend gestärkt. Auch dieser Vorschlag geriet in Vergessenheit. ← 83 | 84 →

Die Frage der Selbstrepräsentation der Landwirtschaft behielt aber nach wie vor ihre politische Brisanz. So schrieb das „Luxemburger Wort“ 1916: [Die Landwirte] könnten als ihre Vertretung nur eine Körperschaft anerkennen, deren Mitglieder sie selbst bestimmten, nicht aber ein Kollegium, das durch die Regierung aus einigen privilegierten Familien auserwählt wird.92

Kurz darauf wurden im Juni und Juli 1917 zwei neue Initiativanträge von den beiden konservativen Abgeordneten De Villers, späterer Präsident der Landwirtschaftskammer von 1929 bis 1933, und dem Präsidenten des AVLL Eugen Hoffmann eingebracht.93 Der Antrag von Hoffmann sprach von einem zu schaffenden conseil d’agriculture. Dieser solle aus 15 Mitgliedern bestehen, von denen drei von der Regierung ernannt und die übrigen nach einem reichlich komplizierten gemischten Wahlsystem bestimmt werden sollten. Alle Mitglieder einer Genossenschaft wären dabei automatisch Wähler gewesen, nur unter bestimmten Bedingungen sollten auch Nichtmitglieder dazu geeignet sein. Insbesondere der Staatsrat kritisierte den vorgesehenen Wahlmodus und sprach von einer regelrechten ‚Undurchführbarkeit‘.

Zusammenfassend ist also zu sagen, dass die Einrichtung einer Landwirtschaftskammer zwar Gegenstand zahlreicher Debatten und Wahlkämpfe wurde, man sich auf ein durchführbares Projekt aber nicht verständigen konnte. So blieb die Landwirtschaftskammer ein Fall für die wenig nachhaltigen Initiativen einzelner Politiker.

5.2  Die Vorgeschichte der Berufskammern

Alle bereits beschriebenen Initiativen rieben sich vor allem an der alten, von der Regierung ernannten Ackerbaukommission. Fragen der beruflichen Inte­ressenorganisation und -vertretung gewannen aber in jener Zeit auch über die spezifischen Probleme der Landwirtschaft hinaus an praktischem Gewicht, wie auch an ideologischer Popularität sowohl auf dem rechten wie dem linken Flügel des politischen Spektrums.

Bereits 1904 hatte das „Luxemburger Volk“, das Organ des kurz zuvor gegründeten Katholischen Volksvereins, den berufsständischen Gedanken gefeiert. Die „Organisation aller Berufsstände“ sei nicht nur „eine Reaktion gegen den übertriebenen Individualismus und Liberalismus des letzten Jahrhunderts, sondern ← 84 | 85 → auch die Grundlage für eine Neugestaltung der Gesellschaft“.94 Während die Landwirtschaft diesen Weg bereits seit längerem anstrebe, hieß es einige Jahre später, sei der korporative Gedanken nun endlich auch im Rest der Gesellschaft allgemein geworden. Davon zeugten etwa die vielfältigen Arbeitervereine.95

Schon 1919 waren in Großbetrieben die Arbeiterausschüsse geschaffen worden, als deren Zweck die „Förderung des Einvernehmens zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer durch die ordnungsgemäße Regelung gemeinsamer Angelegenheiten“ definiert worden war.96 Während diese Ausschüsse aufgrund der Streikwelle von 1921 wieder suspendiert wurden, hatten die Sozialisten am 18.7.1919 ein viel weitergehendes Gesetz in der Kammer eingebracht. Wie die meisten Gesetzesvorschläge, welche keine Mehrheit erlangten, ist dieser Vorschlag über die „organisation des principales branches de l’activité nationales du point de vue social et économique“ größtenteils in Vergessenheit geraten. Dabei nahm alleine das exposé des motifs 30 Seiten ein. Es waren jene Seiten, welche auch zwei Jahre später in der Kammerdebatte zum Berufskammergesetz die argumentative Grundlage der sozialistischen Abgeordneten bildeten.97 Inhaltlich entwarfen die Sozialisten darin eine ideale Neugliederung der Gesellschaft auf Grundlage korporativer Organisation, die sich bewusst als vollwertige Alternative zur Repräsentation durch Parlament und Parteiensystem verstand. Es lohnt sich daher, eine längere programmatische Passage zu zitieren: Le parlementarisme repose sur la fiction de la représentation du peuple […] Mais qu’est-ce le peuple? Le peuple n’est pas une abstraction, mais un organisme très compliqué […] avec organes, facultés, fonctions, aspirations qui demandent à se faire valoir […] La fonction sociale et la condition d’existence du peuple est le travail, la production, la transformation, la circulation et la répartition des produits de la terre et de l’activité humaine. C’est une erreur néfaste de l’école individualiste de croire et d’enseigner que, dans la société, il n’y a que des fonctions individuelles […]. Non, la vie de la société est une fonction sociale manifestant par l’activité réglée et lien ordonnée [sic] des groupements économiques.98

Man müsse demnach die ökonomischen und sozialen Funktionen auf der einen sowie den Parlamentarismus auf der anderen Seite ‚entmischen’. Der funktionale und der elektorale Repräsentationskanal – in der Terminologie Rokkans – sollten streng getrennt werden. Die Autoren machten freilich keinen Hehl daraus, dass sie ← 85 | 86 → vor allem in der neu zu schaffenden wirtschaftlichen Organisation den Weg der Zukunft sahen.99 Das Konzept sah eine wirtschaftliche Rätedemokratie vor, deren unterste Einheit die landwirtschaftlichen Genossenschaften einerseits und die Betriebe andererseits bilden sollten. Diese sollten dann Delegierte für kantonale Landwirtschaftsräte und Arbeiterräte entsenden und diese wiederum Delegierte zu einem landesweiten Rat.

Ein weiteres wichtiges Element in der Vorgeschichte des Berufskammergesetzes war das Gesetz zur Einrichtung einer wählbaren Arbeiterkammer, das der regierungsfreundliche Abgeordnete Jacoby im Parlament einbrachte. Es wurde im April 1920 ausgiebig diskutiert und auch verabschiedet100 – und zwar gegen den Willen der Gewerkschaften, die sich damals eine Form der Wirtschaftsdemokratie wünschten, die auf den Betriebsausschüssen aufbaute.101 Die Regierung setze diesen Beschluss allerdings schlicht nicht um. Stattdessen nahm sie diesen bereits verabschiedeten Text und machte ihn zur Grundlage ihres neuen allgemeinen Berufskammergesetzes.

5.3  Das Berufskammergesetz von 1924

Die erste Vorlage des Gesetzesprojektes zur Gründung der Berufskammern brachte der damalige Industrie- und Landwirtschaftsminister de Waha am 25.2.1921 ein.102 Die allgemeine Diskussion und erste Abstimmung folgte im Januar 1922, die zweite im Januar und April 1923. Im März 1924 wurde dann der endgültige Text verabschiedet. Die Protokolle der Diskussionen umfassten etliche Seiten, und im Laufe der drei Jahre wurden zahlreiche Bestimmungen neu in das Gesetz eingefügt, mehrfach geändert oder gestrichen. Dass die beruflichen Inte­ressenvertretungen wählbar sein sollten, war mittlerweile aber zum Grundsatz ← 86 | 87 → aufgestiegen, dem sich, neben allen Parteien, auch der Staatsrat anschloss. Vier zentrale Kontroversen prägten jedoch die Debatte zu dem neuen Gesetz: die Frage der Abgrenzung und Einteilung, des inneren Aufbaus, der Zuständigkeiten sowie der Finanzierung. Alle diese Fragen hatten tiefgreifende Implikationen für die Art und Weise, wie die Berufskammern ihre Repräsentationsaufgabe umsetzen sollten.

Das erste Problem war bereits die schlichte Definition und Gewichtung der Berufsgruppen. Umstritten war insbesondere, welche Berufsgruppen eine eigene Berufskammer erhalten oder aber einer anderen zugeschlagen werden sollten. Hier zeigte sich, dass die ökonomische Physiognomie der Gesellschaft keineswegs so natürlich und unmittelbar war, wie in der Kritik des Parlamentarismus meist unterstellt wurde. Tatsächlich war es die politische Macht, welche die Reichweite und Hierarchie der einzelnen Kategorien, die repräsentiert wurden, festlegte. Der Streit darum stand auch im Mittelpunkt eines Großteils jener ca. 20 Petitionen, welche im Laufe des Gesetzgebungsverfahrens von Seiten verschiedenster Berufsverbände bei der Kammer eingingen.103 So war zwischenzeitlich geplant, den Weinbau aus der Landwirtschaftskammer auszugliedern und in einer eigenen Kammer zusammenzufassen.104 Auf dieses Vorhaben reagierten wiederum die Gartenbauvereine mit Ablehnung: Mit dem Argument, der Gartenbau habe doch eine mindestens genauso große volkswirtschaftliche und kulturelle Bedeutung, forderten sie ihrerseits, eine eigene Kammer zu erhalten.105 Grundsätzlich stellte sich darüber hinaus auch die Frage, wie die beruflichen Kategorien empirisch qualifiziert werden sollten. Ein veritabler Einwand, zumal die Agrarhistoriker heute immer noch vor einem ähnlichen Problem stehen. Je mehr sich die luxemburgische Gesellschaft differenziert hatte, desto größer schien nun auch das Problem, die Bevölkerung einer eindeutigen Berufsgruppe zuzuweisen.

Insofern die neuen Kammern – im Gegensatz zu den alten Kommissionen – nun wählbar waren, ging es hier um handfeste Partizipationsrechte und Einflusschancen. So sah das Gesetzesprojekt anfangs für die Landwirtschaft eine bestimmte Mindestgröße der bewirtschafteten Fläche vor.106 Dies sollte angesichts ← 87 | 88 → dessen, dass es in verschiedenen Schichten der Bevölkerung durchaus weit verbreitet war, nebenbei noch etwas Kleingärtnerei und Kleintierzucht zu betreiben, die Existenz eines „ernsthaften“ Interesses sicherstellen. Das Größenkriterium wurde allerdings im Laufe der Debatten aufgegeben und durch die nicht näher präzisierte Maßgabe ersetzt, man müsse „im Hauptberuf“ Landwirtschaft betreiben, um als Wähler qualifiziert zu sein. Eine weitere Frage war, ob die in der Landwirtschaft beschäftigten Lohnarbeiter ohne eigenen Besitz in der Arbeiterkammer oder eben auch in der Landwirtschaftskammer organisiert sein sollten. Ersteres hätte einer klassenorientierten Zuordnung entsprochen, während das zweite und letztlich auch realisierte Modell einem konservativen „berufsständischen“ Verständnis entsprang.

Die zweite Streitfrage betraf den inneren Aufbau der Berufskammern selbst. Wohl war man sich von vornherein einig, dass die Mitgliedschaft in einer Berufskammer grundsätzlich für alle Angehörigen des entsprechenden Wirtschaftszweiges obligatorisch sein sollte. Gegensätzliche Ansichten bestanden jedoch in der Frage, ob die Wahl der Delegierten direkt und nach Köpfen erfolgen sollte, oder aber nach einem zweistufigen Wahlrecht. In letzterem – 1913 im Gesetzesentwurf des Abgeordneten Kunnen bereits angedeuteten – Modell hätten die bestehenden lokalen Genossenschaften und Betriebsausschüsse jeweils aus ihrer Mitte nach einem vordefinierten Schlüssel Vertreter bestimmt. Dies wäre die radikalere korporatistische Variante gewesen, die faktisch auch eine Zwangsmitgliedschaft in diesen über ein Repräsentationsmonopol verfügenden Organisationen impliziert hätte. Insbesondere die Sozialdemokraten um Michel Welter, aber auch die Nordabgeordneten Hoffmann und Boever insistierten auf dieser Variante – wenn auch aus verschiedenen Motiven. Während Hoffmann den Absichten der Regierung misstraute und die bestehenden Organisationen schlicht für effektiver hielt, leitete Welter den Imperativ der Organisation aus seinem Ideal einer mehrstufigen Wirtschaftsdemokratie ab. In seinen Augen kam den Berufskammern die Bedeutung von Verfassungsorganen zu. In diesem Zusammenhang kam er mehrfach auf das sozialistische Gesetzesprojekt von 1919 und die darin geäußerte Skepsis gegenüber einem individualistischen Demokratieverständnis zurück. So bekannte er im Januar 1922: Je dois vous dire que le suffrage universel est loin d’avoir aujourd’hui ce pouvoir magique qu’il avait dans le temps […] mais il y a un autre principe qui aujourd’hui tend à se substituer à ce principe abstrait, c’est le principe de l’organisation.107 Und spezifischer über die Landwirtschaft: Pour l’agriculture, ce seront les associations agricoles, et d’après cette proposition, il y aurait à établir ← 88 | 89 → le syndicat obligatoire, à créer dans chaque village […] et ce syndicat devra être la base de l’organisation nouvelle.108 Allerdings konnten die Sozialisten sich damit nicht durchsetzen. Die von Michel Welter zu dieser Frage herbeigeführte Kampfabstimmung verloren sie mit 8 gegen 23 Stimmen. Als Gegenargument wurde dabei insbesondere angeführt, dass ein derartiges Wahlsystem die individuelle Wahlfreiheit zu sehr beschränke. In der Hinsicht äußerte sich etwa de Waha, der zu bedenken gab: j’ai bien peur que par là on n’arrive à des inégalités, à des exclusions d’électeurs, d’intéressés […], exclusions que ne se justifieraient pas en fin de compte.109

Eine dritte Streitfrage betraf die Kompetenzen der neuen Berufskammern. Auch hier bestand die Wahl zwischen einer schwachen und einer starken Interpretation des Korporatismus: Sollen die Berufskammern Regierung und Parlament nur beraten, oder sollen sie selbst einen Teil dieser Arbeit und der entsprechenden Entscheidungskompetenzen übernehmen? Wieder war es die Landwirtschaft, die hier als Beispiel herangezogen wurde. Im Mittelpunkt standen die Ausgaben für die Landwirtschaft im Staatshaushalt. Die konkrete Verteilung dieser Gelder erfordere ein aufwendiges Fach- und Detailwissen, über welches die Abgeordnetenkammer und der Ressortminister nicht verfügen. Stattdessen, so der Vorschlag, solle die Landwirtschaftskammer selbst dafür sorgen, dass die Gelder an den richtigen Stellen verwendet würden.110 Die Sozialisten, von ihrem Ideal der dezentralisierten Wirtschaftsdemokratie geleitet, verteidigten diese Forderung nachdrücklich. Erneut war es de Waha, welcher dagegen Einspruch erhob: Sein Einwand lautete, dass eine solche Verflechtung das Prinzip der Zurechenbarkeit von politischen Entscheidungen und damit der Verantwortlichkeit unterlaufe.111 In diesem Punkt gelang es, eine Kompromissformel zu finden. So wurde der Artikel 29 des Gesetzes, welcher die Aufgaben definiert, folgendermaßen präzisiert: [La chambre d’agriculture] présente ses observations à la Chambre des députés sur l’emploi des crédits du budget de l’Etat alloués pour les exercices écoulés dans l’intérêt de l’agriculture ou de la viticulture et donne son avis sur les nouvelles allocations.

Die letzte große Streitfrage betraf die Finanzierung der Berufskammern: Soll diese aus dem Staatshaushalt gedeckt werden, oder durch Beiträge der Mitglieder? Das Argument für letzteres war, dass die Kammern so unabhängig von ← 89 | 90 → parlamentarischen Mehrheitsverhältnissen wären und daher vor der Gefahr ‚politischer‘ Beeinflussung geschützt seien. Auf der anderen Seite sprachen sich gerade die ‚Landwirtschaftsabgeordneten‘ gegen eine Finanzierung durch die Erhebung von Beiträgen aus. So wandte etwa der Abgeordnete Kohner, von Beruf Tierarzt, ein: Jamais p. ex. les agriculteurs ne toléreront […] que pour la création d’une chambre d’agriculture, on leur impose de nouveaux centimes.112 Diese auf den ersten Blick kleinliche Streiterei wegen der Finanzierung verbarg aber eine grundsätzliche Frage. Sollen die neuen Institutionen tatsächlich die Gesamtstruktur der politischen Repräsentation reformieren und damit den Rang informeller Verfassungsorgane erhalten, wie es die Sozialisten forderten, so wäre es nur folgerichtig, sie auch aus dem Staatshaushalt zu finanzieren. Die Finanzierung durch eigene Beiträge erhöht demgegenüber zwar die Autonomie der Kammern, siedelt sie aber damit auch außerhalb der Sphäre politischer Macht im gleichsam nur ‚zivilgesellschaftlichen‘ Bereich an. Auch hier hat sich letztlich die eher vorsichtige Variante durchgesetzt, wonach den Berufskammern innerhalb definierter Margen die Erhebung eigener Beiträge gestattet wurde.

Das Zwischenfazit lautet daher: Die Debatten, die zum Gesetz von 1924 führten, wurden nicht etwa zwischen Befürwortern und Gegnern einer korporatistischen Politik geführt, sondern zwischen zwei unterschiedlichen politischen Modellen des Korporatismus. Während der Minister de Waha für eine eher minimalistische Variante stand, vertrat insbesondere Michel Welter eine radikale Vorstellung von organisierter Wirtschaftsdemokratie. Tendenziell hat sich in den meisten Punkten eine gemäßigte und ‚konservative‘ Variante durchgesetzt. Als Vermittler zwischen beiden Positionen wirkte der Berichterstatter des Gesetzentwurfs, der von der katholischen Soziallehre geprägte spätere Premierminister Pierre Dupong.

Bezüglich der Landwirtschaftskammer bleibt daneben die Feststellung, dass Fragen der Organisation der Landwirtschaft zwar im Vordergrund der Debatten standen, die Aufgaben der Landwirtschaftskammer und ihre Stellung gegenüber den bestehenden Interessenorganisationen jedoch ungeklärt blieben. Insbesondere die beiden Nordabgeordneten Hoffmann und Boever (zugleich Bürgermeister der ländlichen Ortschaften Vichten bzw. Munshausen) wandten sich dabei gegen die Landwirtschaftskammer in der projektierten Form. Boever – zuvor selbst Mitglied in der Ackerbaukommission – echauffierte sich mit den Worten: Ich weiss genau Bescheid. Überhaupt, wie viele Bauern haben diese Landwirtschaftskammer verlangt. Fast keiner!113 Und auch Hoffmann sah in der Landwirtschaftskammer, ← 90 | 91 → die er ja noch 1917 selbst gefordert hatte, nun einen Angriff auf die in der Zwischenzeit erblühten landwirtschaftlichen Genossenschaften: il paraît qu’on veut détruire les syndicats.114 Die Durchsicht der bei der Kammer eingegangenen Petitionen stützt den Eindruck, dass die meisten Landwirte sich wenig für die neu zu schaffende Kammer interessierten und ihre Meinungen auch nicht in den politischen Prozess einbrachten. Einzig vom Gartenbausyndikat und dem Kleintierzüchterband scheinen Eingaben gemacht worden zu sein, nicht aber von den großen landwirtschaftlichen Organisationen.

Eine Frage mit erheblichen Implikationen, die jedoch nur ganz am Rande angeschnitten wurde, war die Beschränkung des Wahlrechts zu den Berufskammern auf luxemburgische Staatsangehörige. Diese Exklusion wurde, soweit es anhand der Quellen nachgezeichnet werden kann, ohne nähere Diskussion oder Begründung in den Gesetzesentwurf aufgenommen.115 Dies ist keineswegs selbstverständlich: Die politische Bedeutung der Staatsbürgerschaft war historisch eng mit der Herausbildung jenes territorialen, abstrakten Repräsentationsmodus verknüpft, gegen den die funktionale Repräsentation anfangs entworfen wurde.116 Erst in der zweiten Debatte im Januar 1923 wurde en passant von dem Gewerkschafter Pierre Krier die Forderung aufgestellt, die Berufskammern für Nichtluxemburger zu öffnen. Die Antwort von Dupong ist bezeichnend für den auch von Scuto diagnostizierten117 nationalistischen Tenor der Nachkriegszeit: Les ouvriers étrangers […] devront se résigner à ne pas exercer un droit de vote, qui nécessairement influe sur les décisions du pouvoir législatif […]. Il n’est pas indiqué d’abandonner ne fût-ce qu’une partie d’influence à l’étranger, pour ce qui concerne l’exercice du pouvoir législatif.118 Damit endete die Diskussion.119 Die Inklusion und Exklusion in die Nation erwies sich hier als versteckter Prüfstein für die Frage nach der Repräsentation. Dupong bekannte sich eindeutig dazu, dass die Repräsentation der Ökonomie auf nationaler Grundlage aufgebaut und einem nationalen Gesamtinteresse unterzuordnen sei. Die von ← 91 | 92 → den Sozialisten 1919 in den Raum gestellte Frage Mais qu’est-ce le peuple? erhielt so eine unmissverständliche Antwort.

5.4  Perspektiven – Die Landwirtschaftskammer nach 1924

Im Jahr 1925 wählten sich die Landwirte das erste Mal in der Geschichte des Landes selbst eine Interessenvertretung, die nun über ein staatlich anerkanntes Repräsentationsmonopol verfügte und zugleich in allen wichtigen Fragen der Agrarpolitik gehört werden musste. Ihr Vorsitzender wurde der aus Friesingen stammende Landwirt und Bürgermeister der nämlichen Gemeinde J. P. Keyl.120 Die Ackerbaukommission wurde abgeschafft, zwei ihrer ehemaligen Mitglieder wurden jedoch auch in die Landwirtschaftskammer gewählt. Die Mandate in der Berufskammer waren mit den Mandaten im Staatsrat oder in der Abgeordnetenkammer nicht vereinbar. Hierdurch sollte die Unabhängigkeit der Landwirtschaftskammer gesichert und eine übermäßige Politisierung vermieden werden. Dies waren die wesentlichen Merkmale einer auf Selbstverwaltung gegründeten Landwirtschaftskammer, wie sie im Gesetz vom 4. April 1924 niedergeschrieben waren.

Über das tatsächliche Funktionieren der Landwirtschaftskammer und ihr Verhältnis zu Regierung und Parlament oder den Bauernorganisationen gibt es widersprüchliche Angaben. Jean-Marie Majerus spricht ihr das Verdienst zu, in den zwanziger Jahren die Gründung einer eigenen Bauernpartei verhindert zu haben.121 Und auch Michel Delvaux behauptet: les paysans n’étaient pas organisées en groupe de pression compact avant la naissance de leur chambre professionelle […] La création d’une chambre professionnelle donna l’impulsion à une défense structuré des intérêts.122 Keine dieser Thesen ist bisher empirisch belegt. Daher ist lediglich der bereits zitierten Bemerkung aus der Festschrift zum 75jährigen Jubiläum der Berufskammern vorbehaltlos zuzustimmen: Nous ne disposons pas d’informations précises sur l’activité de la Chambre d’Agriculture durant la période de 1925 à 1945.123

Die breiten Diskussionen und Streitigkeiten über die Zusammensetzung des Wählerkorps verdeutlichen jedenfalls, dass der luxemburgische Staat nur dann bereit war, eine Berufskammer anzuerkennen, wenn sie seinen Vorstellungen und Kriterien von Repräsentation entsprach. Vor dieser Folie verdient der Artikel 28 des Gesetzes über die Landwirtschaftskammer besondere Beachtung, denn hierin ← 92 | 93 → reservierte sich die Regierung die Möglichkeit, die Kammer aufzulösen. Aus den Quellen geht jedoch nicht hervor, dass von dieser Bestimmung – zumindest im Kontext agrarpolitischer Entscheidungen – Gebrauch gemacht wurde. Stattdessen pflegte der luxemburgische Staat eine andere Praxis: Auf der einen Seite wurden die Fachgutachten der Landwirtschaftskammer zu wichtigen Fragen wie beispielsweise der Verwertung von Brennereierzeugnissen, Getreideprämien und der Unfallversicherung eingeholt. Auf der anderen Seite wurden aber auch genau in jenen Fällen besondere Fachkommissionen eingerichtet, welche eine Lösung zu diesen Themen erarbeiten sollten. Im Falle der landwirtschaftlichen Unfallversicherung schlug die Landwirtschaftskammer sogar selbst vor, eine Spezialkommission mit der Expertise zu beauftragen – die Kammer wollte jedoch in dieser Kommission vertreten sein.124

Obwohl sie auch in anderen Sonderkommissionen vertreten war, wurde durch diese Praxis das alleinige Monopol der Interessenvertretung doch merklich abgeschwächt, da die Konsensfindung innerhalb solcher ‚Expertengremien‘ nicht von der Berufskammer bestimmt wurde und sie selbst auch nur Ratschläge erteilen konnte. Hinzu kommt, dass die von der Landwirtschaftskammer eingebrachten Vorschläge in der Alkoholfrage (1931/32) und der Getreidefrage (1934) allem Anschein nach nicht berücksichtigt wurden. Auch in der Flurbereinigungskommission (1934) konnten sich die Ansichten der Landwirtschaftskammer nicht durchsetzen. In der Folge mehrten sich die Vorwürfe, dass die Landwirtschaftskammer nur ein verlängerter Arm des Staatsapparates sei und die Bewertung ihrer Rolle ist bis heute durchaus negativ ausgefallen. So konstatiert Jean-Pierre Buchler: „Als landwirtschaftliche Beratungsorgane der Regierung galten, soweit dies als erforderlich angesehen wurde, die verschiedenen Genossenschaftsverbände, sowie die vom Staat jeweilig eingesetzten Spezialkommissionen. Dieses Vorgehen hat auch noch nach der gesetzlichen Schaffung der Landwirtschaftskammer, im Jahre 1924, weiter bestanden. Durch die Schaffung dieser Institution sollte es dem Beruf ermöglicht werden, über die von der Regierung geplanten landwirtschaftlichen Vorhaben gehört zu werden, selbst Vorschläge einzubringen und selbständige, im Dienst der Landwirtschaft wirkende Einrichtungen zu schaffen. Leider wurde diese breite Zielsetzung nicht verwirklicht.“125 Buchler verfasste anlässlich des ← 93 | 94 → 75jährigen Bestehens des AVLL einen weiteren Beitrag, in welchem er der Landwirtschaftskammer ein ähnliches Zeugnis ausstellte.126

Dass der AVLL der Landwirtschaftskammer vorwarf, sie würde die ihr zugedachten Aufgaben nicht sachgemäß wahrnehmen, erklärt sich unter anderem daraus, dass sich der AVLL selbst als Vertreter der landwirtschaftlichen Interessen sah. Der Verband trat allerdings nur selten in offene Opposition zur Landwirtschaftskammer. Gerade in den ersten Jahren war das Verhältnis beider Organisationen zueinander eher kooperativ. Die Kammer durfte unentgeltlich ihre Ankündigungen in den „Mitteilungen“, dem Publikationsorgan des AVLL, veröffentlichen und dieser bekräftigte in der Sitzung der Landwirtschaftskammer: „Im Interesse einer engeren Zusammenarbeit zwischen Verband und Landwirtschaftskammer, die von beiden Teilen gewünscht wird, und um ein einheitliches Auftreten der Landwirtschaft zu sichern, werden Vorstand und Kammer in wichtigen Fragen vorher miteinander Fühlung nehmen und etwaige Meinungsverschiedenheiten im Voraus ausgleichen.“127 Es kam jedoch schon bald zu Problemen, weil die Landwirtschaftskammer ihre Berichte auch im „Luxemburger Wort“ veröffentlichte, das früher erschien als die „Mitteilungen“. Der AVLL befürchtete, hierdurch interessierte Leser zu verlieren und forderte Gleichberechtigung ein.128

Viel schwerwiegender war allerdings, dass bereits kurz zuvor die Öffentlichkeit der Sitzungen der Landwirtschaftskammer aufgehoben wurde. Als Grund hierfür wurde angegeben, dass interne Informationen über die Getreidepreise und die Getreidekommission publik geworden seien. Durch diese Maßnahme büßte die Landwirtschaftskammer jedoch nicht unerheblich an Ansehen ein und es entstand Raum für vielfältige Spekulationen, was hinter den Türen der Kammer vor sich gehe. Außerdem bediente sich die Kammer nun genau jener Praxis, die bei den Sonderkommissionen kritisiert wurde. Eben diese Kommissionen tagten nämlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit, weshalb ihnen vorgeworfen wurde, die Interessen der Landwirte seien in solchen Gremien nicht präsent und ihre Entscheidungen nicht nachvollziehbar. Die Kammer suchte sich einem solchen Urteil zu entziehen und veröffentlichte deshalb ihre Sitzungsberichte in der Presse. ← 94 | 95 →

Demgegenüber profilierte sich nun wieder der Verband als Wahrer landwirtschaftlicher Interessen und er pflegte darüber hinaus auch ein gutes Verhältnis zur Regierung. 1935 kam es sogar dazu, dass auf einer Regierungsreise keine Mitglieder der Landwirtschaftskammer, dafür aber der Präsident des Verbandes (Mertz) und der Chefredakteur der „Mitteilungen“ (Lessel) mitreisten.129 Das Selbstverständnis des AVLL beschreibt Jean Flammang wie folgt: Bis zur Gründung der Centrale Paysanne (1944) nahm er [der AVLL; D.T.] zu allen landwirtschaftlichen Tagesfragen Stellung; und zu allen wichtigen Problemen wurde er — auch nach Errichtung einer Landwirtschaftskammer in 1924 — vom Staat um sein Gutachten befragt.130 Flammangs Äußerung dokumentiert, dass selbst nach der Einrichtung der Landwirtschaftskammer ein hohes Maß an Polyzentrismus den Agrarsektor dominierte. Die Bildung der ‚Spezialkommissionen‘ ist daher auch als Versuch zu werten, die verschiedenen Akteure in den politischen Entscheidungsfindungsprozess mit einzubeziehen. Dies zeugt von einer strukturellen Schwäche der Berufskammer, deren Aufgabe es sicherlich auch hätte sein müssen, eine Vermittlungsfunktion zwischen den verschiedenen landwirtschaftlichen Genossenschaften zu übernehmen. Dies ist nicht geschehen und anstatt die Kompetenzen der Landwirtschaftskammer auszubauen, wurde am 17.1.1930 durch die Regierung ein Genossenschaftsrat ins Leben gerufen. Dieser sollte die Zentralstelle für alle landwirtschaftlichen Genossenschaften – und auch die Kreditkassen – sein, aber er wurde nicht etwa gewählt, sondern von der Regierung ernannt.

Darüber hinaus überschatteten viele persönliche Konflikte die Zusammenarbeit der landwirtschaftlichen Genossenschaften untereinander131 und auch die Kooperation zwischen Genossenschaften und Landwirtschaftskammer. Präsident Kremer, Vorsitzender der Landwirtschaftskammer um 1938, geriet beispielsweise heftig mit der „Ackerbau- und Viehzuchtgenossenschaft“ aneinander.132 Auch mit dem AVLL bahnten sich im Jahr 1936 Probleme wegen der Publikationsorgane an.133 Im Zusammenspiel mit den übrigen Reibungsverlusten, die sich aus der politischen Praxis um die Landwirtschaftskammer ergaben, ist es daher nachvollziehbar, dass sich die Vereine, Verbände und Genossenschaften damit schwer taten, die Berufskammer als Vertretungsorgan zu akzeptieren – ein virulenter Konflikt, der nie aufgelöst wurde. ← 95 | 96 →

Trotz der zentralen Rolle der Repräsentation landwirtschaftlicher Interessen und der obligatorischen Mitgliedschaft bildete die Landwirtschaftskammer keine untergeordneten Verwaltungsorgane aus. Sie sollte lediglich als Beratungsorgan fungieren und der Staat war nur willens, einen kleinen Betrag an Verwaltungsaufgaben auf die Landwirtschaftskammer zu übertragen. In Artikel 29 des Gesetzes vom 4. April 1924 wurden diese Aufgaben näher definiert: Die Kammer sollte Anstalten, Einrichtungen, Werke oder Dienstzweige, die vorwiegend der Landwirtschaft nützen, ins Leben rufen und diese gegebenenfalls unterstützen. Sie sollte ferner Beschwerden führen dürfen, Untersuchungen und statistische Erhebungen beantragen, Vorschläge über den Wein- und Ackerbauunterricht verfassen und Bemerkungen über die Verwendung des Ackerbaubudgets machen dürfen. Sie sollte einen Teil der Prämienvergabe regeln, sie schlug Molkereien für die nationale Buttermarke vor und konnte auch Gerätschaften verleihen. In ihren Zweckbestimmungen ähnelte sie also dem Pendant in Deutschland,134 aber sie vereinigte auch nicht mehr Kompetenzen auf sich als dies bei der vormaligen Ackerbaukommission der Fall war. Die Selbstverwaltung der Landwirtschaft erstreckte sich also im Wesentlichen auf die konsultativen Funktionen. Genau diese Funktion scheint die Landwirtschaftskammer, wie bereits angedeutet wurde, nur sehr eingeschränkt ausgeübt zu haben und in den 1930er Jahren mehrten sich die Stimmen in der Öffentlichkeit, die eine Reform der Kammer forderten.135

Die Einrichtung von Sonderkommissionen, des Genossenschaftsrates und die Einbeziehung immer weiterer Akteure in den Entscheidungsfindungsprozess nahmen den Ratschlägen der Kammer die Verbindlichkeit – in der Getreidekommission beispielsweise verfügte die Landwirtschaftskammer nur über zwei von 13 Sitzen.136 Der Zustand scheint sich im Umfeld der globalen Wirtschaftskrisen in den 1930er Jahren noch einmal zugespitzt zu haben. Bei der Festsetzung der Getreidepreise nach der Rekordernte 1937 soll die Kammer gar nicht mehr ← 96 | 97 → angehört worden sein.137 Auch in der ländlichen Sozialpolitik hat die Landwirtschaftskammer keine entscheidende Rolle gespielt. Hier schlug sie sogar selbst vor, eine Spezialkommission mit der Ausarbeitung der Entwürfe zu betrauen.138 In einer Beilage zum „Escher Tageblatt“, dem „Luxemburger Bauer“, wurde daher festgestellt: Durch derartige Handlungsweisen [gemeint war die Übertragung der Beratungsaufgaben auf Spezialkommissionen; D.T.] ist innerhalb der landwirtschaftl. Interessenvertretung ein solches Nebeneinander und Durcheinander entstanden, daß von einer einheitlichen und umfassenden Erschließung der landwirtschaftlichen Belange überhaupt nicht mehr die Rede sein kann.139 Auch die Konservative Presse bemängelte diesen Umstand: Die Landwirtschaftskammer, wie die Berufskammern überhaupt, leidet an dem Mangel ihrer Zusammensetzung und mehr noch an dem Mangel wirklicher Befugnisse. Daher ihr geringer Einfluss auf das landwirtschaftliche Geschehen, und daher auch das Entstehen verschiedener Kommissionen neben ihr. Daher drittens das einseitige Vorgehen des Staates, der sich oft, sogar auf Drängen der Landwirtschaft selbst, genötigt sieht, in die landwirtschaftliche Preis- und Produktionsfrage einzugreifen,140 so das „Luxemburger Wort“.

6.  Fazit

Wie ist die Luxemburger Landwirtschaftskammer also einzuordnen und welche Rolle spielte sie im politischen Feld? Beabsichtigt wurde eine auf Selbstverwaltung gegründete funktionale Repräsentation, die dazu geeignet gewesen wäre, ← 97 | 98 → die aggregierten Interessen der Landwirtschaft außerhalb des Parlaments in den politischen Prozess einzuspeisen. In mehreren Vorschlägen wurde damit eine korporatistische Alternative zur parlamentarischen Vertretung insinuiert, was nicht zuletzt in der breiten Diskussion um das Wahlrecht zur Berufskammer deutlich zutage trat. Mit der Ackerbaukommission, die dann zugunsten der Landwirtschaftskammer abgeschafft wurde, existierte hierzu bereits eine Vorläuferinstitution, die aber unter massendemokratischen Bedingungen und angesichts entsprechender Partizipationsforderungen nicht mehr haltbar war. Das grundsätzlich Neue war die Legitimation der Interessenvertretung nach demokratischen Prinzipien. Das ihr zugedachte Repräsentationsmonopol konnte die Landwirtschaftskammer in Anbetracht der großen Vielzahl anderer Akteure allerdings nicht für sich in Anspruch nehmen. Sie beerbte daher ihre Vorgängerin, die Ackerbaukommission, die in der konzeptionellen Ausgestaltung der Befugnisse der Landwirtschaftskammer fortlebte. Das Misstrauen, das die Regierung ihrer eigenen Schöpfung entgegenbrachte wird deutlich erkennbar im Artikel 29 des Gesetzes vom 4. April 1924, worin sich die Regierung ein Auflösungsrecht der Berufskammer reservierte. Sie war nicht bereit, den Kompetenzbereich der Kammer in irgendeiner Weise zu erweitern, oder ihr gar eine vermittelnde Funktion im Genossenschaftswesen zuzubilligen. Stattdessen wurden immer weitere Organisationen geschaffen, die den Handlungsspielraum der Landwirtschaftskammer maßgeblich einengten – wie beispielsweise den Genossenschaftsrat oder die Sonderkommissionen. Der Polyzentrismus des Luxemburger Agrarsektors wurde damit noch deutlicher, die Anfertigung von Gutachten unverkennbar an regierungsnahe Gremien delegiert und die ohnehin schon starke Machtposition der zentralen Bürokratie weiter gestärkt.141 Die langwierige Diskussion der Zeitgenossen über das Wahlrecht für die Landwirtschaftskammer erscheint in diesem Lichte ein wenig entbehrlich. Vor diesem Hintergrund präsentiert sich die Landwirtschaftskammer lediglich als ein weiterer Akteur im Ensemble der landwirtschaftlichen Interessenvertretung in Luxemburg mit recht beschränkten Kompetenzen. Diese Schwäche der Landwirtschaftskammer war struktureller Natur und resultierte nicht aus bloßen Durchsetzungs- und Umsetzungsschwächen. Die Landwirtschaftskammer hat versucht, ihre Aufgaben den Bestimmungen gemäß zu erfüllen. Sie hat unter anderem den Verkauf von Zuchtebern organisiert, sie hat Informationsvorträge abgehalten und technische Gerätschaften verliehen. Sie hat Vorschläge ausgearbeitet und ← 98 | 99 → darin versucht, die Interessen der Landwirtschaft zu bündeln.142 Der vermeintlich „ständestaatliche“ Gedanke, aus dem heraus die Landwirtschaftskammer geboren wurde, wurde daher deutlich entschärft. Es gelang keineswegs, einen klaren Ansprechpartner zu schaffen, wie es zuvor stets als Stärke korporatistischer Strukturen behauptet worden war.

Von der Forderung nach Demokratisierung und Wählbarkeit, die seit der Jahrhundertwende die Stoßrichtung der Kritik an der alten Ackerbaukommission bildete, ist alles in allem wenig geblieben. In den Debatten zum Gesetz von 1924 wurde, gerade im Bereich der Landwirtschaft, fast immer vom ‚Output‘ her argumentiert – von der vermeintlichen Rationalität der Ergebnisse. Dass Berufskammern auch eine Form politischer Partizipation bedeuten, schien nur dort Bedeutung zu haben, wo der Ausschluss der Ausländer legitimiert wurde. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Krisenerfahrungen des Ersten Weltkriegs erwiesen sich die Berufskammern so auch als Teil einer nationalen Formierung des Staatsvolks zur volkswirtschaftlichen Ressourcen- und Produktionsgemeinschaft.

Die von Jean-Marie Majerus aufgestellte These, dass die Landwirtschaftskammer ein geschickter Schachzug der Konservativen gewesen sei, um der Gründung einer eigenen Bauernpartei vorzubeugen, lässt sich folglich nicht bestätigen. Es konnte gezeigt werden, dass die Landwirtschaftskammer für die außerparlamentarische Interessenvertretung nicht geeignet war. Sie konnte sich das Repräsentationsmonopol für den Agrarsektor nicht sichern. Zudem ist darauf hinzuweisen, dass in der parlamentarischen Diskussion sich gerade auch die Sozialisten sehr stark für die Einführung der Berufskammern engagierten und gegenüber der Rechtspartei häufiger die weitreichenderen Vorschläge machten. Durchgesetzt hat sich ein konservatives, „schwaches“ Modell von Korporatismus, das auf enge Verflechtung des Staates mit den Berufsorganisationen, nicht aber eine Wirtschaftsdemokratie und eine Selbstrepräsentation der gesellschaftlichen Gruppen als grundsätzliche Alternative setzt. Die oft wenig transparente Verflechtung und Konsultation wurde von einer Regierungsbürokratie dominiert, für die es letztlich unerheblich war, ob sie mit ad-hoc Kommissionen, Genossenschaften oder einer Berufskammer konfrontiert war.

Erst in den dreißiger Jahren flammte die Debatte um die grundsätzliche Option Parlamentarismus versus Korporatismus in neuer Form wieder auf, allerdings unter ganz anderen politischen Vorzeichen, namentlich durch die vom „Luxemburger Wort“ propagierte Idee einer „berufsständischen Ordnung“ nach ← 99 | 100 → austrofaschistischem Vorbild. Eine grundlegende Reform der Landwirtschaftskammer wurde bis zum Einmarsch der deutschen Truppen 1940 aber nicht mehr ins Werk gesetzt. Stattdessen wurde die gesamte Luxemburger Landwirtschaft zwangsweise in den nationalsozialistischen „Reichsnährstand“ integriert und erst 1944 wurde – noch vor Kriegsende – ein weiteres Mal mit der Bauernzentrale eine funktionale Interessenvertretung für den Agrarsektor ins Leben gerufen.143

Das Schicksal der Landwirtschaftskammer ist vor dem Hintergrund der Luxemburger Agrarpolitik jener Zeit zu deuten, die von vielfältigen Umbrüchen und Krisenerscheinungen geprägt war. Viele Reformen des Agrarsektors wurden nicht angegangen oder konnten nicht mehr umgesetzt werden. Der Zweite Weltkrieg und die Zwangsintegration des Luxemburger Agrarsektors in die nationalsozialistische Kriegswirtschaft vertagten die einschneidende Erneuerung der berufsspezifischen Repräsentation im Großherzogtum auf die Nachkriegszeit, als sich die Modernisierung des Agrarsektors noch einmal über ein bis dahin ungeahntes Maß hinaus beschleunigte.


1 Marx, Karl, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte [zuerst 1852], in: Marx, Karl / Engels, Friedrich, Werke, Bd. 8, Berlin 1960, S. 111–207, hier S. 198.

2 Ausführlicher: Marx, Brumaire (Anm. 1), S. 198–200.

3 Eine besonders instruktive Darstellung bieten Mooser, Josef, Das Verschwinden der Bauern. Überlegungen zur Sozialgeschichte der „Entagrarisierung“ und Modernisierung der Landwirtschaft im 20. Jahrhundert, in: Münkel, Daniela (Hg.), Der lange Abschied vom Agrarland. Agrarpolitik, Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft zwischen Weimar und Bonn (Veröffentlichungen des Arbeitskreises Geschichte des Landes Niedersachsen (nach 1945), Bd. 16), Göttingen 2000, S. 23–35, Langthaler, Ernst, Landwirtschaft in der Globalisierung (1870–2000), in: Cerman, Markus u. a. (Hg.), Agrarrevolutionen. Verhältnisse in der Landwirtschaft vom Neolithikum zur Globalisierung (Querschnitte, 24), Wien 2008, S. 249–270.

4 Zum Bund der Landwirte vergleiche Fricke, Dieter / Hartwig, Edgar, Bund der Landwirte (BdL). 1893–1920, in: Fricke, Dieter (Hg.), Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789–1945), Leipzig / Köln 1981–1986, S. 241–270.

5 Bauler, André, Les Fruits de la souveraineté nationale. Essai sur le développement de l’économie luxembourgeoise de 1815 à 1999. Une vue institutionnelle, Luxemburg 2001, S. 31.

6 Kohl, Michael, Das landwirtschaftliche Genossenschaftswesen des Grossherzogtums Luxemburg, Luxemburg 1925; Hemmer, Carlo, Die Genossenschaften der Bauern und Winzer im Grossherzogtum Luxemburg, Luxemburg 1936; De Verband (Fédération Agricole Luxembourg) (Hg.), Allgemeiner Verband. 1909–1984. 75ième anniversaire, Luxemburg 1984; Ders. (Hg.), De Verband 1909–2009. 100 Joër am Déngscht vun der Landwirtschaft, Luxemburg 2009.

7 Grundlegend hierzu: Kohl, Genossenschaftswesen (Anm. 6).

8 Vom 4. April 1924 stammt das „Gesetz, betreffend die Errichtung von wählbaren Berufskammern“. 1925 wurde erstmals gewählt. Gesetz vom 4. April 1924, betreffend die Errichtung von wählbaren Berufskammern, in: Memorial des Großherzogtums Luxemburg (4.4.1924/21), S. 257–278. Synonym zum Begriff der Landwirtschaftskammer tauchen auch öfter die Begriffe „Ackerbaukammer“ oder „Bauernkammer“ in der Tagespresse und den hier zitierten Quellen auf.

9 Ohne Autor, 75ième anniversaire de la création des chambres professionnelles à base élective 1924. Luxemburg 2000, S. 37.

10 Hirsch, Mario, Organisierte Interessen, Kammern und ‚Tripartite‘, in: Lorig, Wolfgang / Hirsch, Mario (Hg.), Das Politische System Luxemburgs. Wiesbaden 2008, S. 192.

11 Buchler, Jean-Pierre, Die Entwicklung der Luxemburger Landwirtschaft, in: Gerges, Martin (Hg.), Memorial 1989. La société luxembourgeoise de 1839 à 1989 (Les publications mosellanes, 28), Luxemburg 1989, S. 705–718, hier S. 708.

12 Fragmentarisch etwa: Delvaux, Michel, Le caméralisme dans le système politique lu­xembourgeois, in: Chambre des Employés Privées, Cinquantième Anniversaire, Luxemburg 1974, S. 85–98. Am ausführlichsten untersucht wurde noch die Arbeiterkammer: Scuto, Denis, 75 ans au service du monde ouvrier et du progrès social. La Chambre de Travail (1924–1999), Luxemburg 1999; Castegnaro, John, Représentation des travailleurs, Dialogue social et paix sociale, in: Conseil d’Etat (Hg.), Le Conseil d’État face à l’évolution de la société luxembourgeoise, Luxemburg 2006, S. 187–193.

13 Trauth, Dominik, Schwarzschlachtungen und heimlich gehortete Kartoffeln. Die Situation der Luxemburger Landwirtschaft im Ersten Weltkrieg, in Majerus, Benoît / Roemer, Charles / Thommes, Gianna (Hg.), 1914–1918. Guerre(s) au Luxembourg – Krieg(e) in Luxemburg, Luxemburg 2014, S. 187–196.

14 Exemplarisch: Allgemeiner Verband der landwirtschaftlichen Lokalvereine des Großherzogtums Luxemburg, Die Zukunft unserer Landwirtschaft. Denkschrift zur Frage der wirtschaftlichen Neuorientierung unseres Landes, Luxemburg 1919.

15 Vergleiche Frisch, Jos, Das Genossenschaftswesen in Luxemburg von seinen Anfängen bis heute, in: Herr, Lambert, u. a. (Hg.), Landwirtschaft in Luxemburg. Nostalgie, Alltag, Perspektiven, Luxemburg 2003, S. 111–136, hier S. 123. Ganz zu schweigen von den Auswirkungen, die der Weltkrieg in der politischen Kultur der Luxemburger Gesellschaft gezeitigt hatte. Für die Agrarpolitik fehlen derartige Untersuchungen gänzlich.

16 Allgemeiner Verband der landwirtschaftlichen Lokalvereine des Großherzogtums Luxemburg, VI. Jahresbericht des allgemeinen Verbandes landw. Lokalvereine des Großherzogtums Luxemburg. Geschäftsjahr 1914–1915, Luxemburg 1915, S. 7.

17 Allgemeiner Verband der landwirtschaftlichen Lokalvereine des Großherzogtums Luxemburg, Zukunft (Anm. 14). Dies war keine Einzelerscheinung. Die Mehrheit der Bevölkerung in den landwirtschaftlich geprägten Kantonen sprach sich im Referendum von 1923 für den Anschluss an Frankreich aus. Vergleiche Majerus, Jean-Marie, Die Partei und die Bauernorganisationen, in: Trausch, Gilbert (Hg.), CSV Spiegelbild eines Landes und seiner Politik? Geschichte der Christlich-Sozialen Volkspartei Luxemburgs im 20. Jahrhundert, Luxemburg 2008, S. 627–673, hier S. 628 f. Inland. Am Ende, in: Luxemburger Wort 15.11.1921, S. 2. Lokales, in: Luxemburger Wort 15.11.1921, S. 2. Die Bauernversammlung zu Luxbg., in: Luxemburger Wort 16.11.1921, S. 2.

18 Kohl, Genossenschaftswesen (Anm. 6), S. 111–113. Flammang nennt den Verband ein „anerkannte[s] Sprachrohr der allgemeinen landwirtschaftlichen Berufsinteressen.“ Flammang, Jean, Vom Werden, Wachsen und Wirken des Allgemeinen Verbandes, in: De Verband (Anm. 6), S. 29–100, hier S. 39.

19 Vergleiche Bruckmüller, Ernst, Landwirtschaftliche Organisationen und gesellschaftliche Modernisierung. Vereine, Genossenschaften und politische Mobilisierung der Landwirtschaft Österreichs vom Vormärz bis 1914 (Geschichte und Sozialkunde, 1), Salzburg 1977, S. 67.

20 Vergleiche ausführlicher Ritter, Gerhard A., Politische Repräsentation durch Berufsstände Konzepte und Realität in Deutschland 1871–1933, in: Brauneder, Wilhelm (Hg.), Repräsentation in Föderalismus und Korporativismus (Rechts- und sozialwissenschaftliche Reihe, 21), Frankfurt am Main 1998, S. 231–252.

21 Die Ackerbaukommission trug – besonders in der Tagespresse – verschiedene Namen. Synonym zu ihr finden sich auch die Bezeichnungen „Agrarkommission“ oder „Landwirtschaftskommission“. In dieser Studie verwenden die Autoren nur den Begriff „Ackerbaukommission“. Dies ist die offizielle Bezeichnung in den luxemburgischen Gesetzestexten.

22 König-Großherzogl. Beschluss vom 28. November 1857 über die Einrichtung der Ackerbau-Commission, in: Memorial des Großherzogtums Luxemburg (28.11.1857/51), S. 505–511, hier S. 508.

23 Ein herausragendes Beispiel hierfür ist sicherlich die Gründung der Ackerbauschule zu Echternach. Siehe hierzu Faber, Charles / Fischer, Philippe-Eugène / Eyschen, Charles-Gérard, Rapport de la commission spéciale nommée par le gouvernement pour visiter les écoles et autres instituts agricoles des pays voisins, et pour étudier la question de la meilleure organisation d’un enseignement agricole, ainsi que celle de l’établissement d’une colonie de réforme et d’apprentissage pour les jeunes condamnés, mendiants et orphelins abandonnés, dans le Grand-Duché de Luxembourg, Luxemburg 1852.

24 Annuaire officiel du Grand-Duché de Luxembourg, Luxemburg 1920, S. 242–250.

25 Lipset, Seymour Martin / Rokkan, Stein, Cleavage Structures, Party Systems, and Voter Alignments, New York 1967; Rokkan, Stein, Staat, Nation und Demokratie in Europa, Frankfurt 2000, S. 342 ff.

26 Rokkan, Staat, Nation und Demokratie (Anm. 25), S. 333.

27 Ebenda, S. 355 f. Zum Wahlrecht siehe auch den Beitrag von Michel Dormal im vorliegenden Band.

28 Vgl. für Luxemburg die Studie von Decker, Luc, La structuration de l’espace politique luxembourgeois. Genèse et institutionnalisation des partis politiques, Saarbrücken 2011.

29 Vgl. Wiesendahl, Elmar, Parteien in Perspektive. Theoretische Ansichten der Organisationswirklichkeit politischer Parteien, Opladen 1998.

30 Präzise formuliert etwa von Donegani, Jean-Marie / Sadoun, Marc, La democratie imparfaite. Essai sur le parti politique, Paris 1994, S. 60: Il serait simpliste de croire que les partis ne font qu’enregistrer des données sociales pour les transmettre aux organes étatiques et convertir ainsi des demandes préexistantes en décisions. Il est assez clair que la réalité sociale censément traduite par les partis est d’abord constituée par eux.

31 Rokkan, Staat, Nation und Demokratie (Anm. 25), S. 316 ff.

32 Schmitter, Philippe, Still the Century of Corporatism?, in: Schmitter. Philippe / Lehmbruch, Gerhard (Hg.), Trends Toward Corporatist Intermediation, Beverly Hills 1979, S. 13; Vgl. für die klassische Doktrin des Korporatismus: Manoilesco, Mihail, Le siecle du corporatisme, Paris 1934.

33 Rokkan, Staat, Nation und Demokratie (Anm. 25), S. 324.

34 Linden, Markus, Interessensymmetrie trotz Vielfalt? Modi gleichwertiger Inklusion in pluralistischen Demokratietheorien, in: Thaa, Winfried (Hg.), Inklusion durch Repräsentation, Baden-Baden 2007, S. 61–81. Vgl. auch Dormal, Michel / Trinkaus, Fabian, Zwischen Klasse, Nation und innerer Zersplitterung. Die symbolische Repräsentation der Arbeiterschaft in Luxemburg 1880–1940, in: Linden, Markus / Thaa, Winfried (Hg.) Ungleichheit und politische Repräsentation, Baden-Baden 2014, S. 83–106.

35 Die Bürger würden dann gerade nicht ermutigt, „zwischen ihrer Loyalität zum Gesamtsystem und ihren Einstellungen zu den konkurrierenden Gruppen“ zu unterscheiden; siehe Rokkan, Staat, Nation und Demokratie in Europa (Anm. 25), S. 333.

36 Fischer, Philippe-Eugène / Koltz, Jean-Pierre-Joseph, Rapport général sur l’état de l’agriculture dans le Grand-Duché. De 1839 à 1889, in: Fischer, Philippe-Eugène / Koltz, Jean-Pierre-Joseph (Hg.), Rapport général sur l’état de l’agriculture dans le Grand-Duché, in: Statistique historique du Grand-Duché de Luxembourg, Luxemburg 1891, S. 1–386, hier S. 5–9.

37 Königl.-Großh. Beschluß vom 18. Januar 1867, wodurch die Organisation der Ackerbau-Commission abgeändert wird, in: Memorial des Großherzogtums Luxemburg (18.1.1867/2), S. 6 f.

38 Theves, Georges / Massard, Jos A., Die Ackerbauschule in Echternach 1856–1868, in: Annuaire de la ville d’Echternach, 1999, S. 63–110, hier S. 66 f.

39 König-Großherzogl. Beschluss vom 28. November 1857 über die Einrichtung der Ackerbau-Commission (Memorial 28.11.1857) (Anm. 22), S. 508.

40 Theves, Georges, Philippe-Eugène Fischer, 1821–1903, in: Bauerekalenner 55, 2003, S. 79–82.

41 Ausführlicher Buschmann, Xavier / Frisch, Jos, 100 Jahre Ackerbauverwaltung, in: Administration des services techniques de l’agriculture (Hg.), 1883–1983. 100 ans au service de l’agriculture, Luxemburg 1983, S. 8–58, hier S. 31–44.

42 Der erste landwirtschaftliche Lokalverein wurde 1875 in Weiswampach gegründet. Ausführlicher Mathieu, Pierre, Wämper Lokalverein 1875–2000, in: Lokalverein Weiswampach (Hg.), 125 Jor Lokalververäin Wampich. 1875–2000, Weiswampach 2000, S. 15–79.

43 Ausgenommen waren Kreditgenossenschaften, die nach luxemburgischem Recht ungesetzlich waren. Hemmer, Genossenschaften (Anm. 6), S. 32–37.

44 Die Redaktion. Landwirthschaftliches, in: Luxemburger Wort 30.12.1884, S. 2.

45 Die Ackerbauverwaltung war eine Landeskulturverwaltung nach vorwiegend badischem Vorbild und beschäftigte sich intensiv mit Wiesenmelioration, Flussbegradigungen, Drainagearbeiten und vielen weiteren Dingen mehr. Ausführlicher Enzweiler, Jean, Le Service agricole. Depuis sa création 1883 à 1893, in: Fischer, Philippe-Eugène / Koltz, Jean-Pierre-Joseph (Hg.), Rapport général sur l’état de l’agriculture dans le Grand-Duché, in: Statistique historique du Grand-Duché de Luxembourg, Luxemburg 1891, S. 387–511.

46 Ausführlicher Hemmer, Genossenschaften (Anm. 6), S. 14–20.

47 Mayr, Christine, Zwischen Dorf und Staat. Amtspraxis und Amtsstil französischer, luxemburgischer und deutscher Landgemeindebürgermeister im 19. Jahrhundert. Ein mikrohistorischer Vergleich, in: PROMT: Trierer Studien zur Neueren und Neuesten Geschichte, Bd. 1, Frankfurt am Main 2006, S. 336–355.

48 Hemmer, Genossenschaften (Anm. 6), S. 21–23.

49 Kohl, Genossenschaftswesen (Anm. 6), S. 60–63.

50 Kohl, Genossenschaftswesen (Anm. 6), S. 93.

51 Hemmer, Genossenschaften (Anm. 6), S. 52–57.

52 Der Verband war allerdings in den ersten vier Jahren nach seiner Gründung 1909 von wirtschaftlichen Schwierigkeiten gekennzeichnet. Siehe Kohl, Genossenschaftswesen (Anm. 6), S. 66–68 und S. 70.

53 Annuaire officiel du Grand-Duché de Luxembourg, Luxemburg 1910, S. 183.

54 Frisch, Jos, Vom Werden und Wachsen der Lokalvereine und ihres „Allgemeinen Verbandes“, in: De Verband (Fédération Agricole Luxembourg) (Hg.), De Verband 1909–2009. 100 Joër am Déngscht vun der Landwirtschaft, Luxemburg 2009, S. 45–61, hier S. 49–51.

55 Kohl, Genossenschaftswesen (Anm. 6), S. 111–113.

56 Buchler, Entwicklung (Anm. 11), S. 708. Vergleiche auch Kammer-Revue, in: Luxemburger Wort 30.5.1916, S. 2.

57 Ausführlicher Aldenhoff-Hübinger, Rita, Agrarpolitik und Protektionismus. Deutschland und Frankreich im Vergleich 1879–1914, Göttingen 2002.

58 Majerus, Partei (Anm. 17), S. 628 f.

59 Flammang, Vom Werden (Anm. 18), S. 47.

60 Als, Georges, Histoire quantitative du Luxemburg, Luxemburg 1991, S. 96.

61 Archives Nationales de Luxembourg (ANLux), AE 169, Wählerlisten von 1883.

62 Als, Nicolas / Philippart, Robert L., La Chambre des Députés. Histoire et lieux de travail, Luxemburg 1994, S. 291 ff.

63 Erst 1919 wurde die Aufwandsentschädigung für Abgeordnete gesetzlich geregelt.

64 Vgl. zum allgemeinen Zusammenhang von Demokratisierung, Kapitalismus und Bauernorganisation: Mann, Michael, Geschichte der Macht. Band 3. Die Entstehung von Klassen und Nationalstaaten. Teil II, Frankfurt 2001, S. 181–212.

65 Dem korrespondierte umgedreht eine neue ideologische Verklärung des „Bauerntums“. So entstand auch in Luxemburg ab 1929 mit der Zeitschrift „Landwuôl“ eine Bewegung, welche eine „durch Volkscharakter, Landschaft und Wirtschaftsweise bedingte ländliche Eigenart“ propagierte und die Landflucht aufhalten wollte. Dazu Blau, Lucien, Histoire de L’extrême-droite au Grand-Duché de Luxembourg au XXe siècle, Esch-sur-Alzette 1998, S. 344 ff. Vgl. allgemein auch Conze, Werner, Bauer, Bauernstand, Bauerntum, in: Brunner, Otto / Conze, Werner / Koselleck, Reinhart (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 1, Stuttgart 1974, S. 407–439.

66 Fayot, Ben, Sozialismus in Luxemburg. Von den Anfängen bis 1940, Luxemburg 1979, S. 37.

67 Bauernfreunde, in: Luxemburger Wort, 2.5.1908, S. 2.

68 Klar formuliert etwa bei Sieyès: „le droit de se faire représenter n’appartient aux citoyen qu’à cause des qualités qui leur sont communes et non à cause de celles qui les différencient“. Sieyès, Emmanuel-Joseph, Qu’est-ce que le tiers état? [zuerst 1789], Genf 1970, S. 210.

69 Aus dem Kanton Grevenmacher, in: Luxemburger Wort, 10.6. 1899, S. 2.

70 Pitkin, Hanna F., The Concept of Representation, Berkeley 1972, S. 174.

71 Spoo, C.M., Kantonssplëckerei, in: Differdinger Volksbildungsverein (Hg.), Dossier Spoo, Differdingen 1974, ohne Seitennumer.

72 Wen wählen wir, in: Luxemburger Wort, 23.5.1908.

73 Kautsky, Karl, Die Agrarfrage. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirthschaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie, Stuttgart 1899, S. 304.

74 Die Zitate stammen aus: Merkblätter aus der Geschichte der Sozialistischen Arbeiterbewegung Luxemburgs. Luxemburg 1927, S. 4–6.

75 Sozialistische Kammerfraktion, Vademecum für die Wähler des Kantons Esch. Kammerwahlen vom 26. Mai 1908, Luxemburg 1908, S. 13.

76 ANLux, AE 175 und FD 16, Wahlkampfmaterialien.

77 Klassenkampf, in: Escher Tageblatt, 16.8. 1916.

78 Vgl. auch Trauth, Schwarzschlachtungen und heimlich gehortete Kartoffeln (Anm. 13).

79 Die Blockangehörigkeit des Herrn Ludovicy, in: Luxemburger Wort, 21.12.1915, S. 5.

80 Dupong, Pierre, Die Partei Der Rechten. Eine Politische Aufklärungsschrift, Luxemburg 1917, S. 24.

81 ANLux, AE 170, Berichte der Wahlkampfversammlungen.

82 Die Bauernversammlung zu Luxbg., in: Luxemburger Wort, 16.11.1921, S. 3.

83 Die gestrige Tagung der Rechtspartei, in: Luxemburger Wort, 28.11.1921; siehe auch: Majerus, Jean-Marie, Die Partei und die Bauernorganisationen, in: Trausch, Gilbert (Hg.), CSV – Spiegelbild eines Landes und seiner Politik? Geschichte der Christlich-Sozialen Volkspartei Luxemburgs im 20. Jahrhundert. Luxemburg 2008, S. 627–673, hier S. 628 ff.

84 Majerus, Die Partei und die Bauernorganisationen (Anm. 83), S. 632.

85 In diesem Sinne ist auch die Einschätzung von Delvaux, Le Caméralisme (Anm. 12), S. 88, dass „la création des chambres professionelles chez nous accompagne … la victoire du parti de la Droite en 1919“ zwar historisch oberflächlich korrekt, unterschlägt aber, dass es nach dem Krieg einen breiten Konsens für diese Art von funktionaler Repräsentation gab.

86 Dabei bezog man sich auf die im Gesetz angedeutete (aber nie umgesetzte) Möglichkeit, die Auswahl der Kandidaten für die Ackerbaukommission kantonalen Versammlungen zu überlassen (vgl. §3 des König-Großherzogl Beschluß vom 28. November 1857 über die Einrichtung der Ackerbaukommission). Vgl. für die Parlamentsdebatte: Chambre des Députés, Compte-Rendu. Session de 1896–1897, S. 902 ff.

87 Oeffentliche Kammersitzung vom Donnerstag, 5. Februar, in: Luxemburger Wort, 6.2.1903, S. 2.

88 Chambre des Députés, Compte-Rendu. Session de 1905–1906, S. 1393 und Annexes, S. 786 ff.

89 Chambre des Députés, Compte-Rendu. Session de 1905–1906, Annexes, S. 789.

90 Chambre des Députés, Compte-Rendu. Session de 1912–1913, S. 918 und Annexes, S. 875 ff.

91 Kohl, Genossenschaftswesen (Anm. 6), S. 111–113.

92 Kammer-Revue, in: Luxemburger Wort 30.5.1916, S. 2.

93 Chambre des Députés, Compte-Rendu. Session de 1916–1917, Annexes, S. 397 ff. und S. 453 ff.

94 Luxemburger Volk, 15.10.1904, „Organisation“.

95 Luxemburger Volk, 26.6.1910, „Die Organisation der Stände I“.

96 Arrêté grand-ducal du 26 avril 1919, Mémorial Nr. 27/1919. S. 397 ff.

97 Eine popularisierte Variante des Textes erschien zudem unter dem Titel „Neue Wege“ zuerst als Artikelserie in der „Schmiede“, dann als Broschüre.

98 Chambre des Députés, Compte-Rendu. La Constituante de 1918–1919, Band V, S. 936.

99 Die prospektive Stellung der Landwirtschaft wurde eingehend behandelt. Die Autoren des Textes sprachen sich dagegen aus, die Bauern mit Proletariern gleichzusetzen, gar sie zu enteignen. Stattdessen solle man die bestehen landwirtschaftlichen Lokal­vereine zu Keimzellen einer gemäßigten Sozialisierung der landwirtschaftlichen Produktion machen.

100 Es wurde am 10 Juli 1920 im Mémorial veröffentlicht. Für die Debatte siehe Chambre des Députés, Compte-Rendu, Session de 1919–1920, S. 1709 ff.

101 Die Debatte rund um den Gesetzesvorschlag von Jacoby ist ausführlich dargestellt bei Scuto, 75 ans (Anm. 12), S. 44–58.

102 Wie bereits erwähnt handelte es sich um ein integriertes Gesetz, welches gleichzeitig eine Landwirtschafts-, Arbeiter-, Handwerker- und Angestelltenkammer mit identischer Struktur schuf. Zudem gliederte es die bereits seit 1841 bestehende Handelskammer in das neue System ein.

103 ANLux, CdD 2201, Petitionen.

104 Das Gesetz von 1924 sieht hingegen vor, dass von den 19 Mitgliedern der Landwirtschaftskammer mindestens 5 Sitze für Winzer reserviert sind, die eine ständige Kommission bilden sollen.

105 Petition der „Syndicats de l’horticulture“ vom 18.1.1922.

106 Une superficie soit de terres arables d’un hectare au moins, soit de quinze ares de vignobles, soit de trois hectares de prés ou pâturages, soit de cinq hectares de bois. Chambre des Députés, Compte-Rendu, Session de 1920–1921, Annexes, S. 668.

107 Chambre des Députés, Compte-Rendu. Session de 1921–1922, S. 1283.

108 Chambre des Députés, Compte-Rendu. Session de 1921–1922, S. 1294.

109 Chambre des Députés, Compte-Rendu. Session de 1921–1922, S. 1391.

110 Chambre des Députés, Compte-Rendu. Session de 1921–1922, S. 1410 ff.

111 Chambre des Députés, Compte-Rendu. Session de 1921–1922, S. 1501 f. Dies ist ein klassischer (und auch ernstzunehmender) Einwand gegen alle korporatistischen Mechanismen. Hier offenbaren sich auch gewisse Divergenzen innerhalb des Regierungslagers.

112 Chambre des Députés, Compte-Rendu. Session de 1921–1922, S. 1359.

113 Chambre des Députés, Compte-Rendu. Session de 1922–1923, S. 1565.

114 Chambre des Députés, Compte-Rendu. Session de 1921–1922, S. 1408.

115 Sie wurde nach unserem Kenntnisstand erst 1993 ganz abgeschafft.

116 Siehe Hahn, Alois, Staatsbürgerschaft, Identität und Nation in Europa, in: Holz, Klaus (Hg.), Staatsbürgerschaft. Soziale Differenzierung und politische Inklusion, Wiesbaden 2000, S. 53–72.

117 Scuto, 75 ans (Anm. 12), S. 55 f.

118 Chambre des Députés, Compte-Rendu. Session de 1922–1923, S. 117.

119 Allerdings forderte die „Fédération des Artisans“ in einer am 15.2.1923 an das Parlament gerichteten Petition explizit, diese Einschränkung aufzuheben. Damit blieb sie jedoch die Ausnahme.

120 Lokal-Chronik, in: Luxemburger Wort 20.7.1928, S. 3.

121 Majerus, Die Partei und die Bauernorganisationen (Anm. 83), S. 632.

122 Delvaux, Le Caméralisme (Anm. 12), S. 92.

123 Ohne Autor, 75ième anniversaire (Anm. 9), S. 37.

124 Vorschläge der Landwirtschaftskammer zur Schaffung von Maßnahmen für die Verhütung von Unglücksfällen in der Landwirtschaft. Sitzung des Vorstandes vom 10. Mai, in: Luxemburger Wort 16.6.1930, S. 3.

125 Buchler, Entwicklung (Anm. 11), S. 708.

126 Ders. Vorgeschichte zur Gründung des Allgemeinen Verbandes, in: De Verband (Fédération Agricole Luxembourg) (Hg.), Allgemeiner Verband. 1909–1984; 75ième anniversaire, Luxemburg 1984.

127 Landwirtschaftskammer. Sitzung vom 5. Januar 1926, in: Luxemburger Wort 16./17.1.1926, S. 2.

128 Landwirtschaftskammer. Sitzung vom 10. Februar 1926, in: Luxemburger Wort 22.2.1926, S. 2.

129 Landwirtschaftskammer und Lokalvereine, in: Luxemburger Wort 20.7.1935, S. 1.

130 Flammang, Vom Werden, (Anm. 18), S. 34.

131 Hemmer, Genossenschaften (Anm. 6), S. 22 f.

132 Foehr. Landwirtschaftspolitik, „Ackerbau- und Viehzuchtgenossenschaft“ und Herr Kremer, in: Luxemburger Wort 28.6.1938, S. 4.

133 Flammang, Vom Werden, (Anm. 18), S. 47.

134 Hüttebräuker, Rudolf, Die gesetzlichen Grundlagen, in: Landwirtschaftskammer Rheinland (Hg.), 50 Jahre Landwirtschaftskammer Rheinland, Bonn 1950, S. 7–14.

135 Bei den katholischen Jungbauern, in: Luxemburger Wort 11.11.1935, S. 4. Generalsekretär Majerus hob insbesondere hervor, dass die Landwirtschaftskammer zu wenige Kompetenzen besäße. Vergleiche auch: Der Streit um die Schweinepreise, in: Luxemburger Wort 4./5.9.1937, S. 4.

136 Beschluß vom 29. August 1934, betreffend die Einrichtung, die Zusammensetzung und die Tätigkeit der Getreidekommission, in: Memorial des Großherzogtums Luxem­burg (29.8.1934/47), S. 851–853, hier S. 852.

137 Da aber die berufendste Vertretung der Landwirtschaft, die Landwirtschaftskammer, es gewagt hat, ihrem Uwillen [sic!] darüber Ausdruck zu verleihen, hat die Regierung es nicht für nötig befunden, sie bei der Festlegung der Getreidepreise zu befragen, hat sie sich umso mehr ob dieser Anmaßung die Gunst der Rechtspartei verscherzt, als die gleichzeitig sich darüber wundern zu müssen glaubte, daß ihr immer mehr Kommissionen und Kommissionchen [sic!] gegenübergestellt werben, die doch nur dazu geeignet sein können, ihr den letzten Rest von Autorität und Einflußnahme wegzunehmen. Das „Luxemburger Wort“ gegen die Landwirtschaftskammer, in: Der Luxemburger Bauer (Beilage des „Escher Tageblatt“) 2.10.1937, S. 1. Vergleiche auch Die Landwirtschaftskammer, in: Der Luxemburger Bauer (Beilage des „Escher Tageblatt“) 30.10.1937, S. 1.

138 Exemplarisch: Vorschläge der Landwirtschaftskammer zur Schaffung von Maßnahmen für die Verhütung von Unglücksfällen in der Landwirtschaft. Sitzung des Vorstandes vom 10. Mai, in: Luxemburger Wort 16.6.1930, S. 3.

139 Die Landwirtschaftskammer, in: Der Luxemburger Bauer (Beilage des „Escher Tageblatt“) 10.9.1937, S. 1.

140 Ein Vorschlag an die Landwirtschaft, in: Luxemburger Wort 28.9.1937, S. 3.

141 Zur Rolle des Staates ausführlicher Hemmer, Genossenschaften (Anm. 6), S. 32–47.

142 So zum Beispiel bei der Regelung von Futtermittelpreisen. Generalversammlung der Viehverwertungszentrale, in: Luxemburger Wort 5.3.1935, S. 3.

143 Frisch, Werden (Anm. 54), S. 55.