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Identitätsbildung und Partizipation im 19. und 20. Jahrhundert

Luxemburg im europäischen Kontext

Series:

Edited By Norbert Franz, Thorsten Fuchshuber, Sonja Kmec, Jean-Paul Lehners and Renée Wagener

Gesellschaften mit starker Einwanderung kennzeichnen vielfältige Formen von Identitätsbildung und das Ringen um politische und zivilgesellschaftliche Partizipation. Dies gilt in besonderer Weise für Luxemburg im 19. und 20. Jahrhundert. Hier entstand in einem Kleinstaat eine der jüngeren Nationen Europas und zugleich eine besonders offene, plurikulturelle Einwanderungsgesellschaft. Ziel dieses Bandes ist es, die Entstehung dieser Mehr-Kulturen-Gesellschaft im europäischen Zusammenhang zu verstehen. Die einzelnen Beiträge analysieren mit Hilfe unterschiedlicher sozial- und kulturwissenschaftlicher Annäherungen exemplarische Konfliktlinien der Identitätsbildung und des Kampfes um Partizipation.

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Die Arbeiter aller Nationalitäten wünschen die italienischen Arbeiter ins Pfefferland. Zwischen Internationalismus und Xenophobie: Italienische Arbeitsmigranten in Düdelingen und die Anfänge der luxemburgischen Gewerkschaftsbewegung (ca. 1890–1930) (Fabian Trinkaus)

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Fabian Trinkaus

Die Arbeiter aller Nationalitäten wünschen die italienischen Arbeiter ins Pfefferland. Zwischen Internationalismus und Xenophobie: Italienische Arbeitsmigranten in Düdelingen und die Anfänge der luxemburgischen Gewerkschaftsbewegung (ca. 1890–1930)

Die andern Nationalitäten sind in der Minderheit und halten sich fern von den Italienern, welche ihnen wegen der Arbeitsconcurrenz ein Dorn im Auge sind. Die Arbeiter aller Nationalitäten wünschen die italienischen Arbeiter ins Pfefferland, und ist nicht ausgeschlossen, ja es steht zu erwarten, daß sie bei der ersten Gelegenheit dieselben zu vertreiben suchen. […] Es heißt dahier, sich beständig bereit zu halten, denn ich fürchte, falls eine Schlägerei zwischen den hiesigen Italienern und den anderen Nationalitäten vorkommt, es eine schwere und blutige werden wird.1 So schilderte ein Bericht der Gendarmerie Düdelingen im Mai 1897, wenige Jahre nach dem Einsetzen der italienischen Zuwanderung ins südluxemburgische Minettebassin, das Verhältnis zwischen Italienern und autochthoner Bevölkerung sowie anderen Nationalitäten. Der Report zeichnet insgesamt ein verheerendes Bild mit Blick auf die Atmosphäre in der lokalen Arbeiterbevölkerung. Die Italiener erscheinen als eine verachtete Minderheit, obwohl sie, so ist ebenfalls in dem Bericht zu lesen, „sich im Allgemeinen ziemlich gut aufführen“. Die Gründe für diese Exklusionstendenzen sieht der Gendarm zurecht in den Befürchtungen der einheimischen wie auch der deutschen Arbeiter, dass die zumeist unqualifizierten italienischen Arbeiter ihnen die Arbeitsplätze streitig machen oder zumindest den Arbeitgebern dazu dienen, die Löhne zu drücken.

Wie aber verhielten sich die frühen Düdelinger Gewerkschafter zu derartigen nationalen Spaltungstendenzen und xenophoben Strömungen an der Basis? Konnte sich angesichts solcher Spaltungstendenzen überhaupt so etwas wie eine solidarische, auf sozioökonomischen Kriterien beruhende Arbeiteridentität2 ← 131 | 132 → herausbilden? Und wie konnten gerade die Arbeiterorganisationen angesichts derartiger Verwerfungen an der Basis ihr Kernziel, den Ausbau politischer und gesellschaftlicher Partizipation der heranwachsenden Industriearbeiterschaft, realisieren? War es denn überhaupt ein Anliegen der Arbeiterorganisationen, zum Zweck der Organisationsstärkung die quantitativ bedeutsame Zuwandererschaft in die eigene Organisation zu inkludieren? Dazu hätte es einer Überwindung nationaler und soziokultureller Alteritätsempfindungen bedurft sowie, damit einhergehend, eine Pointierung gemeinsamer, sozioökonomisch definierter Interessen, beruhend auf einer jenseits nationaler und kultureller Grenzen erfahrenen Arbeitssituation und Klassenlage. Die luxemburgischen Gewerkschaften, so soll im folgenden Beitrag gezeigt werden, unterlagen einem durchaus typischen Mechanismus, der nahezu in der gesamten europäischen Arbeiterbewegung festzustellen war: Eine internationalistische Rhetorik, die durchaus auch mit konkreten Anstrengungen zur Vermittlung zwischen den einzelnen Landsmannschaften einherging, wurde immer wieder überlagert von einem Denken und Handeln in dezidiert nationalen Kategorien. Eine mögliche Identitätsstiftung auf sozioökonomischer Grundlage wurde gleichsam blockiert durch national definierte Alteritätserfahrungen. Ein weiteres Anliegen des Beitrags besteht darin, die oben angerissenen Stereotype zu überprüfen, indem die Erwartungen und Erfahrungen der italienischen Arbeiterschaft genauer beleuchtet werden. Dabei zeigt sich, dass viele Italiener einerseits bestrebt waren, in Luxemburg auch unter widrigen Umständen möglichst rasch Geld zu verdienen, um bald wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können, oder die in der Heimat verbliebene Verwandtschaft in den armen ländlichen Regionen Italiens zu unterstützen;3 andererseits nahmen sie keineswegs alle Bedingungen hin und setzten sich gegen ungerechte oder ← 132 | 133 → als ungerecht empfundene Behandlung sogar entschlossener zur Wehr als die einheimischen Luxemburger oder die Deutschen.

Zunächst soll die italienische Immigration nach Düdelingen bis zur Weltwirtschaftskrise in ihrem Umfang und ihren grundlegenden Strukturen skizziert werden, um gleichsam den historischen Rahmen abzustecken. Im Anschluss folgt dann die Problematisierung der angesprochenen Fragestellungen.

1.  Aus allen Himmelsgegenden wird die Bevölkerung durch den gebotenen Erwerb herbeigelockt. Italienische Immigration nach Düdelingen vom Beginn der luxemburgischen Industrialisierung bis zur Weltwirtschaftskrise

Wie im gesamten Großherzogtum spielte die italienische Zuwanderung in Düdelingen vor dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts kaum eine Rolle. Zur Jahrhundertwende jedoch lebten dort bereits nahezu 1.800 Italiener und Italienerinnen, bis 1910 wuchs die Zahl auf über 2.000. Die Gesamteinwohnerzahl betrug zu diesem Zeitpunkt ungefähr 10.500. Damit stellten die Italiener die eindeutig stärkste ausländische Zuwanderergruppe. Nach einem durch Krieg und Nachkriegskrise bedingten zwischenzeitlichen Einbruch lebten 1930, kurz vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise in Luxemburg, wieder über 1.800 Italiener in Düdelingen.4 Wohl war die italienische Zuwanderung im Betrachtungszeitraum ein überwiegend männlich geprägtes Phänomen, blieben die Familien der ausländischen Arbeitskräfte doch oftmals in der Heimat zurück; dennoch hielten sich laut Benito Gallo, einem kenntnisreichen Chronisten der italienischen Zuwanderung nach Luxemburg, wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg immerhin fast 600 Italienerinnen in Düdelingen auf, also eine durchaus beachtliche Zahl, die auch darauf hindeutet, dass viele Familien sich auf ein dauerhaftes Bleiben einrichteten.5 Wie sah es auf dem lokalen Hüttenwerk, dem größten Arbeitgeber für die Zuwanderer, aus? Mit 586 Personen stellten die Italiener am Vorabend des Ersten Weltkriegs hinter den Luxemburgern die mit Abstand stärkste Landsmannschaft, ← 133 | 134 → sie übertrafen die Deutschen, die mit weniger als 400 Personen vertreten waren, bei weitem.6

Bei sämtlichen hier angegebenen Zahlen und Daten ist Vorsicht geboten. Gerade innerhalb der italienischen Community herrschte ein ständiges Kommen und Gehen, die Fluktuation war beachtlich. Piero Galloro spricht zutreffender Weise von einer „culture de la mobilité“.7 Oftmals blieben die Italiener nur kurze Zeit an einem Industriestandort, um saisonal ins Heimatland zurückzukehren oder aber an einem anderen Ort eine Anstellung zu finden. Die Daten bilden also lediglich Momentaufnahmen ab, ohne die demographischen Schwankungen vollständig abzubilden. Trotz der unzureichenden Datengrundlage lässt sich allerdings an dieser Stelle festhalten, dass die italienische Präsenz in Stadt und Werk während des Betrachtungszeitraums, sieht man vom kriegsbedingten Einbruch ab, beachtlich war.

Das Gros der italienischen Luxemburgwanderer stammte aus Mittel- und Norditalien, die Zuwanderung aus dem Süden der Halbinsel spielte kaum eine Rolle.8 Selten spielte sich die Immigration isoliert ab; vielmehr entwickelten sich feste Migrationspfade und -systeme zwischen einzelnen Ortschaften und Regionen sowie dem Minettebezirk.9 Vor allem Venetien und Umbrien bildeten ← 134 | 135 → wichtige Herkunftsgebiete. Kaum der Erläuterung bedarf der Umstand, dass die Zuwanderung während der Industrialisierung nichts mehr mit der frühneuzeitlichen Luxemburgwanderung einiger weniger italienischer Kaufleute, wie etwa der Familie Pescatore10, gemein hatte. Es handelte sich um eine proletarische Massenwanderung, verarmte Landbewohner auf der Suche nach Beschäftigung stellten das Gros der Immigranten.

Die Lebensbedingungen innerhalb der italienischen Gemeinde waren dabei zum Teil verheerend. Ging es den Unternehmern um die rasche Verfügbarkeit billiger Arbeitskräfte, so wurde in infrastruktureller Hinsicht eine dezidierte laissez-faire-Politik betrieben. Eine Wohnungsenquete aus dem Jahr 1906 resümierte mit Blick auf die italienischen Wohnbezirke in Düdelingen: Die ungemein rasche Entwicklung, wir möchten sagen das plötzliche Emporschießen der Großindustrie hat inbetreff der Wohnverhältnisse unverkennbar etwas beklemmendes an sich: aus allen Himmelsgegenden wird die Bevölkerung durch den gebotenen Erwerb herbeigelockt, doch denkt niemand, vordran dieser neuen Bevölkerung auch nur ein einigermaßen genügendes, menschenwürdiges Obdach zu sichern und so kommt es denn, daß Viehställe primitivster Bauart zu Menschenwohnungen benutzt werden müssen. Die Benutzung dumpfer, ungesunder Kellerwohnungen gehört dann nicht mehr zu den Ausnahmen.11 Diese für sich selbst sprechende Beschreibung stammt wohlgemerkt nicht aus der Feder eines Funktionärs der Arbeiterbewegung, sondern geht aus einer staatlichen Wohnungsenquete hervor. Führt man sich vor Augen, dass gerade gelernte einheimische Arbeiter in der Eisen- und Stahlindustrie einen ordentlichen Lohn erzielen konnten und zudem nicht selten betriebliche ← 135 | 136 → Sozialleistungen empfingen,12 so deuten sich angesichts derartiger Schilderungen tiefe Risse innerhalb der lokalen Arbeiterbevölkerung an, welche nicht zuletzt national begründet waren. Wie aber reagierten die lokalen Gewerkschaften auf die Problematik der Zuwanderung im Allgemeinen? Dies soll nun im Folgenden diskutiert werden.

2.  Unter der Vielsprachigkeit der Belegschaften der Hüttenwerke wird aber die Möglichkeit, die Massen zu organisieren, sehr erschwert. Arbeiterbewegung und Immigration in Düdelingen

Die frühen luxemburgischen Gewerkschaften orientierten sich strukturell wie programmatisch eng am deutschen Vorbild. Entsprechend war das Großherzogtum vor dem Ersten Weltkrieg gewerkschaftsorganisatorisch Teil des freigewerkschaftlichen Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV), zu dessen achtem Agitationsbezirk mit Sitz in Frankfurt am Main es zählte.13 Der DMV schickte seine Vertreter über die Grenze, um für seine Sache zu werben oder um in einschlägigen Publikationsorganen über die Lage in dem gewerkschaftlich erst spät erschlossenen Nachbarland Bericht zu erstatten. So beurteilte David Fuhrmann in der Metallarbeiterzeitung, dem Publikationsorgan des DMV, die Lage im Minettebassin noch kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, am 11. Juli 1914, wie folgt: Unter der Vielsprachigkeit der Belegschaften der Hüttenwerke wird aber die Möglichkeit, die Massen zu organisieren, sehr erschwert, wozu noch kommt, daß die Unternehmer die für sie günstige Lage mit allen Kräften ausnutzen, indem sie durch Schürung des Nationalitätenhasses fortgesetzt Gegensätze zu schaffen suchen. Der Italiener wird gegen den Luxemburger, der Luxemburger gegen den ‚Preuß‘ ← 136 | 137 → aufgehetzt, und dadurch leider bei den unaufgeklärten Arbeitern erreicht, daß sie sich mit scheelen Augen ansehen und für die Organisation nicht zu haben sind.14 Die diagnostizierte fehlende Identitätsbildung auf sozioökonomischer Grundlage und damit einhergehend die Erschwerung politischer Partizipation für die rasch anwachsende luxemburgische Industriearbeiterschaft wird hier klar auf die dezidiert nationale Segmentierung der Arbeiterpopulationen zurückgeführt. Sprachlich und kulturell erlebte Alterität und Heterogenität lässt in Fuhrmanns Erwägungen eine Inklusion in die eigenen Organisationsstrukturen als nicht realistisch erscheinen. Es mag nicht verwundern, dass ein Gewerkschafter die Gründe für die weitgehende Erfolglosigkeit der eigenen Organisation ausschließlich bei den Unternehmern suchte, die wohl tatsächlich in gewisser Hinsicht von der nationalen und soziokulturellen Heterogenität ihrer Belegschaften profitierten. Es wäre jedoch zu einfach, einseitig die Arbeitgeber für nationale Verwerfungen verantwortlich zu machen.

Wohl bemühten sich die frühen Arbeiteraktivisten in Düdelingen wie andernorts, die zahlenstarke italienische Zuwandererschaft für sich zu gewinnen. Am 14. Januar 1906 etwa lud der DMV zu einer Versammlung in einer örtlichen Schankwirtschaft ein. Neben dem luxemburgischen Redner Jacques Thilmany waren der Italiener Anselmo Ungari und der Deutsche Hans Böckler, nach 1945 Präsident des Deutschen Gewerkschaftsbundes, anwesend. Der Erfolg dieser wie ähnlicher noch folgenden Veranstaltungen ließ allerdings zu wünschen übrig, hieß es doch in dem entsprechenden Polizeiprotokoll, unter den 120 Zuhörern seien nur wenige Italiener und Deutsche anwesend gewesen. Anselmo Ungari musste enttäuscht feststellen: Es ist unnötig, dass ich viele Worte verliere, denn zu meinem Bedauern muss ich sehen, dass diejenigen die meine Sprache verstehen, hier nur in einzelnen Personen vertreten sind.15 Bei weiteren Versammlungen dieser Art kristallisierte sich die gleiche Problemstellung heraus.

Es gab neben Versammlungen und Vortragsabenden noch weitere Bemühungen zur Überbrückung der nationalen und soziokulturellen Gegensätze und damit zur Stiftung einer nationenübergreifenden Arbeiteridentität sowie zur Inklusion der Zuwanderer in die lokalen politischen Organisationsformen, etwa, indem Plakate und Flugschriften zweisprachig gedruckt oder in einschlägigen Organen der sozialistischen Arbeiterbewegung italienischsprachige Seiten eingerichtet wurden. Genannt sei etwa das linkssozialistische Satireorgan „Der Arme Teufel“, in welchem ← 137 | 138 → eine Rubrik unter der Überschrift La pagina dei fratelli italiani16 erschien. All dies fruchtete letztlich wenig, und es ist bezeichnend, dass die luxemburgische Industriegewerkschaft just in einem Moment aus der Taufe gehoben wurde, als die italienische Präsenz vergleichsweise niedrig war, nämlich kurz nach dem Ersten Weltkrieg.

Die Wurzeln der luxemburgischen Industriegewerkschaften reichen zwar bis ins 19. Jahrhundert zurück, ihr endgültiges Zustandekommen ist jedoch nur vor dem Hintergrund von Krieg und Nachkriegskrise zu verstehen. Die geradezu existenziellen Krisenphänomene ließen die Legitimation der alten Ordnung vorübergehend ins Wanken geraten, während gerade für viele Arbeiter die bis dato schwachen und zum Teil verfemten Gewerkschaften zu Hoffnungsträgern avancierten.17 Ben Fayot bemerkte recht drastisch, „der Haß der Luxemburger auf die lohndrückenden Italiener“ habe dazu beigetragen, „daß der Verband vor 1916 nicht zur festen Massenorganisation wurde“.18 Unter Gewerkschaftern selbst hätten Ressentiments und nationale Stereotype vorgeherrscht, wonach die Italiener gegenüber den Arbeitgebern willfährig und unterwürfig seien. Außerdem hätten sie demnach einen effizienten Arbeitskampf verhindert, indem sie eine stets verfügbare industrielle Reservearmee und Manövriermasse stellten.

Die schwierige Quellenlage erlaubt es nur zum Teil, derartige Stereotype en détail nachzuzeichnen. Allerdings liefert die Politik der erstarkten Industriegewerkschaft nach dem Ersten Weltkrieg ein klares Indiz: Angesichts der umfassenden sozialen Krise und des Beschäftigungsnotstandes forderte man eine strenge Quotenregelung für ausländische Beschäftigte. Nicht weniger als 95 Prozent der Industriebelegschaften sollten luxemburgischer Abstammung sein.19 Die ← 138 | 139 → Solidar- und Identitätsgemeinschaft wurde aus der Sicht luxemburgischer Gewerkschafter in dieser Phase keineswegs sozioökonomisch, sondern streng national definiert. Sollten vor 1914 überhaupt irgendwelche solidarische Querbeziehungen zwischen Gewerkschaften und Einwandererschaft existiert haben, so wurden sie im Zuge der Nachkriegskrise regelrecht pulverisiert. Auf Kosten der Immigranten, in diesem Falle besonders der Italiener, sollten die sozialen Probleme überwunden werden: Die Italiener sollten, wie luxemburgische Mi­grationshistoriker in diesem Zusammenhang immer wieder treffend schreiben, als „soupape de sûreté“, als Sicherheitsventil in Krisenzeiten fungieren.20 Nur dank der Intervention der Arbeitgeber, welche die mittelfristige Abhängigkeit des kleinen Landes von der Arbeitsimmigration erkannten, wurden derartige Quotenpläne vereitelt.

Es lässt sich also festhalten, dass die Beziehungen zwischen luxemburgischen Gewerkschaften und ausländischer Arbeiterbevölkerung von einer geradezu dialektischen Spannung gekennzeichnet waren. Internationalistischen Ambitionen standen immer wieder nationale Stereotype und Beurteilungskategorien gegenüber. Eine gemeinsame Arbeiteridentität auf sozioökonomischer Grundlage entfaltete sich bestenfalls in schwachen Ansätzen. Im dritten und letzten Teil des Beitrags sollen nun noch zwei miteinander zusammenhängende Problemstellungen diskutiert werden: Zunächst wird der Frage nachgegangen, ob es sich bei den italienischen Einwanderern tatsächlich um eine willfährige Manövriermasse in den Händen der Stahlbarone handelte, wie oft, wenigstens implizit, behauptet wurde; im Anschluss wird aufgezeigt, welche Auswirkungen die latent vorhandenen Exklusionstendenzen mit Blick auf das Innenleben der italienischen Community in Düdelingen zeitigten.

3.  Die italienische Gemeinschaft in Düdelingen zwischen Politisierung, Exklusion und Inklusion

Marcel Lorenzini ist der Ansicht: „Bien avant l’histoire officielle du syndicalisme luxembourgeois il existait un mouvement ouvrier parmi le monde cosmopolite des immigrés de nos régions.“21 Dieser Eindruck bestätigt sich, wenn man einen weiteren Blick in die Düdelinger Polizeiprotokolle wirft. Hier ist immer wieder ← 139 | 140 → die Rede von konspirativen Zusammenkünften im Viertel Italien, so etwa am 1. März 1921, als die Gründung einer kommunistischen Zelle mit 25 Anhängern im italienischen Quartier vermeldet wird.22 Derlei Meldungen von Seiten der Behörden kulminierten am 3. Februar 1937, als ein Gendarm angesichts zahlreicher kleinerer Aktivitäten zu dem freilich überzogenen Urteil kam: In hiesigem Viertel Italien hat sich bereits ein Sowjetstaat im Kleinen gebildet.23

Diese Beispiele stammen aus der Zwischenkriegszeit, die insgesamt von einer stärkeren allgemeinen Politisierung gekennzeichnet war. Dennoch lassen sich in eine ähnliche Richtung zielende Tendenzen unter den Italienern auch schon für die Vorkriegszeit ausmachen. Werber wie der bereits erwähnte Anselmo Ungari oder aber Tullio Cavalazzi von der Mailänder Organisation „Umanitaria“, einer sozialistischen Organisation zur Unterstützung von Auswanderern, reisten schon etliche Jahre vor dem Ersten Weltkrieg durch das südwestluxemburgische Minettebassin, um Anhänger für die italienischen Gewerkschaften zu rekrutieren. Die „Umanitaria“ unterhielt zudem eine Filiale im Düdelinger „Café de l’usine“.24 Aufgrund fehlender Statistiken, Mitgliederlisten oder sonstiger Quellen ist nicht zu sagen, wie erfolgreich diese Bestrebungen genau waren. Indizien deuten aber auf eine durchaus beachtliche Resonanz hin.

Die wohl nachhaltigste und wirkmächtigste italienische Organisationsform in Düdelingen war die örtliche italienische Mutualitätskasse, der „Mutuo Soccorso italiano di Dudelange“. Im Umfeld dieser auf gegenseitiger Solidarität beruhenden Hilfskasse bildete sich eine ganze Vielzahl von musischen Sektionen oder Sportvereinen. Diese trugen bezeichnende Namen wie „Fratellanza“ oder „Stella Rossa“, meines Erachtens ein klares Indiz für die vorherrschenden politischen Tendenzen im italienischen Einwanderermilieu.25 Dass sich die Italiener nicht bestehenden luxemburgischen Organisationsformen anschlossen, lässt sich in diesem Lichte also keinesfalls auf politische Indifferenz oder Willfährigkeit zurückführen. Im Bemühen um politische Partizipation und Mobilisierung darf sogar ein gewisser ← 140 | 141 → Vorsprung der italienischen Arbeiter gegenüber ihren einheimischen Kollegen konstatiert werden.

Bleiben die Informationen über Organisationsversuche auf offizieller Ebene zugegebenermaßen dünn, so ist der Blick auf eine gleichsam informelle Organisationsebene wesentlich ergiebiger. In den werksinternen Belegschaftslisten sowie in den Düdelinger Gendarmerieprotokollen finden sich immer wieder Angaben über Ausstände auf der ARBED-Hütte. Solche Arbeitsniederlegungen etwa in den Jahren 1905, 1906, 1908 und 1909 wurden in ihrer überwiegenden Mehrheit, bisweilen ausschließlich, von italienischen Arbeitern getragen, die höhere Löhne, humanere Behandlung durch ihre Vorgesetzten und ganz allgemein bessere Arbeitsbedingungen einforderten. An diesen Ausständen beteiligten sich zwischen 40 und 80 Personen.26

Aufschlussreich hinsichtlich des Charakters und des Zustandekommens dieser kürzeren wilden Streiks sind die Vorgänge, welche die Düdelinger Gendarmerie im Jahre 1909 dokumentierte: Vor Monatsfrist schickte die Direktion des hiesigen Hüttenwerkes 2 Beamten nach Tyrol und Italien um allda Arbeiter anzuwerben, mit der Weisung diesen Arbeitern einen täglichen Arbeitslohn von frs. 3,25–4 zu versprechen. Die Beamten warben auch eine Anzahl Arbeiter an, welche hier bei den Hochöfen in der Roulage (Zufuhr von Coaks und Minette vom Erz = resp. Coakslager zu den Aufzügen der Hochöfen) eingestellt wurden, wo selbe einen Lohn von frs. 3,25–4 hätten verdienen können. Nachdem selbe einige Tage hier gearbeitet hatten erklärten sie diese Arbeit sei ihnen zu schwer, worauf sie in der Möllerhalle zum Minetteklopfen verwandt wurden. Hierbei hatte man ihnen aber bedeutet, dass sie bei dieser Arbeit weniger verdienen würden. Gestern bei Löhnung wurde denselben nur frs. 2,75 pro Tag ausgezahlt. Am heutigen Morgen stellten nun 25 Mann von denselben die Arbeit ein, unter Angabe der ihnen ausgezahlte Lohn entspreche nicht demjenigen der ihnen bei der Anwerbung versprochen worden sei. Sie verlangen frs. 3,50–4 Tagelohn andernfalls sie die Arbeit nicht mehr aufnehmen würden. Der Betriebschef der Hochöfen weigert sich ihnen die verlangte Lohnerhöhung zu gewähren unter der Begründung bei der Arbeit die sie jetzt verrichten würden, könne ihnen ein höherer Lohn nicht ausgezahlt werden. Die Arbeiter sind einstweilen nach ihren Wohnungen zurück gekehrt um die Rückkehr des Herrn Direktors, welcher verreist ist, abzuwarten, in der Hoffnung, dieser werde ihren Forderungen gerecht werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass heute Abend bei Antritt der Nachtschichte noch etwa 12 ← 141 | 142 → Mann, welche mit den andern zusammen angeworben waren, die Arbeit einstellen. Man glaubt nicht, dass die Bewegung eine grössere Ausdehnung annehmen wird.27

An diesem Ausstand offenbart sich das nationale, ja sogar regionale oder gar dorfnachbarschaftliche Substrat der innerbetrieblichen Gruppenbildung. Es schlossen sich nur Arbeiter zusammen, die bereits gemeinsam angeworben worden waren und auch im Betrieb in einer Kolonne zusammenarbeiteten, weitgehend getrennt von der übrigen Belegschaft. Solidaritäts- und Identitätsbildung vollzog sich demnach auf einer Ebene überschaubaren Umfangs. Der ganze Konflikt beruhte letztlich auf einem Missverständnis, das brennspiegelartig die häufig schwierige Kommunikation zwischen Arbeitgebern und italienischer Arbeiterschaft belegt. Eine weitere Eskalation wurde von Seiten der Behörden nicht befürchtet, was auch mit den fehlenden politischen Ambitionen der Streikenden zusammenhängt. Man wollte mit dem Betriebsherrn, Emile Mayrisch, verhandeln, um einen besseren Lohn und bessere Arbeitsbedingungen zu erzielen, es ging ausdrücklich nicht um politische Forderungen irgendeiner Art. Zwar wurden diese Streiks weder gewerkschaftlich gesteuert, noch gingen mit ihnen genuin politische Forderungen einher; dennoch konnten solche Ausstände und alltägliche Erfahrungen gelebter Solidarität mittel- und langfristig auch als Keimzelle formeller Organisation dienen.

Signifikant ist der Umstand, dass es sich bei allen erwähnten Ausständen um nahezu rein italienische Aktionen handelte, während sich die autochthonen oder deutschen Kollegen nicht anschlossen. Dies mag damit zu erklären sein, dass letztere mehr verdienten und bessere Arbeitsbedingungen vorfanden, mithin weniger Veranlassung zum Protest hatten. Zugleich aber manifestiert sich doch in diesen Streikaktionen die nationale und soziokulturelle Segmentierung innerhalb der Düdelinger Arbeiterpopulation, die nicht nur die Arbeits-, sondern auch die Lebenswelt strukturierte. Verschiedene Tiefenbohrungen in den umfangreichen betrieblichen Stammlisten sowie die zitierten Streiks weisen darauf hin, dass die italienischen Arbeiter nicht selten in eigenen Kolonnen, getrennt von den anderen Nationalitäten, eingesetzt wurden.

Noch evidenter ist die Segmentierung der Lebenswelten. Im italienischen Viertel in Düdelingen bildete sich ein ganz eigener Mikrokosmos mit italienischen Cafés, Geschäften, Vereinen und Schankwirtschaften.28 In dem eingangs zitierten Polizeibericht stellt der verantwortliche Stationskommandant fest, dass die italienischen Arbeiter […] gewöhnlich nur Schenken [besuchen], wo meistens Italiener verkehren. Damit verweist er auf eine nationale und soziokulturelle Milieubildung. Dieser ← 142 | 143 → Umstand ist meines Erachtens keineswegs nur auf die kulturelle und sprachliche Distanz zurückzuführen, sondern genauso auf die latente, von xenophoben Stereotypen getragene partielle Exklusion der Italiener. Von einem wie auch immer gearteten Klassen- oder Identitätsbewusstsein kann damit nur sehr eingeschränkt, bestenfalls innerhalb der nationalen und kulturellen Milieus die Rede sein.

Niklas Luhmann beschreibt die oben am Beispiel Düdelingens geschilderten Zusammenhänge als ein dialektisches Zusammenspiel von Exklusions- und Inklusionsmechanismen: In modernen, ausdifferenzierten Gesellschaften, so Luhmann, werden nicht Individuen, sondern ganze Personengruppen als „Menschen anderer Art“ exkludiert, im Gegenzug schließen sich diese Gruppen nach innen umso enger zusammen. Die Inklusionsmechanismen innerhalb der Gruppe werden dabei nach Luhmann von zeitlich stabilen Netzwerken getragen. Ein solches Netzwerk fand etwa im Düdelinger „Mutuo Soccorso“ seinen institutionell greifbaren Ausdruck, während sich daneben weitere öffentliche Orte wie die zahlreichen Cafés, Geschäfte oder Vereine zu Knotenpunkten des Netzwerks entwickelten. Auf das Individuum wurde dabei zweifelsohne ein gewisser Anpassungsdruck ausgeübt: Um von den Leistungen des Netzwerks profitieren zu können, musste sich der Einzelne weitgehend anpassen und in die Community integrieren. So konnten Unterstützungsleistungen nur im Falle des Anschlusses an den „Mutuo Soccorso“ empfangen werden.29 Auch politische Gruppierungen können sich ohne weiteres zu derartigen Knotenpunkten entwickeln. Wo dies geschah, wäre gerade die ständig erfahrene Ausgrenzung gleichsam eine Geburtshelferin politischer Organisation und Partizipation gewesen. Inklusionsmechanismen griffen letztlich im national und soziokulturell, weniger im sozioökonomisch definierten Rahmen. So mag die am Vereinswesen sich manifestierende Milieubildung eine etwaige Mobilisierung der Italiener für die lokalen Organisationsformen eher noch erschwert haben, denn zur Organisation ihrer Interessen konnten die italienischen Arbeiter auf eigene Vergemeinschaftungsformen rekurrieren.

Zuletzt sei hier aber noch darauf hingewiesen, dass die nationale und kulturelle Segregation nicht allzu schematisch und absolut gezeichnet werden sollte. Es gab auch Berührungspunkte zwischen autochthoner und allochthoner Bevölkerung und mit der Zeit entwickelte sich das italienische Viertel zum festen Bestandteil ← 143 | 144 → des Düdelinger Stadtbilds. Die Kontakte zwischen den verschiedenen Milieus manifestierten sich beispielsweise in den Feierlichkeiten zur Stadterhebung Düdelingens im Jahre 1908, als im Festzug auch eine Abordnung des „Mutuo Soccorso“ sowie der italienische Fanfarenzug vertreten waren.30 Ferner ist darauf hinzuweisen, dass in anderen Düdelinger Vierteln, etwa im Quartier Schmelz, verschiedene nationale Gruppierungen relativ problemlos in direkter Nachbarschaft lebten.31

Fazit und Ausblick

Zwar spielten die Italiener bei der Gründung der luxemburgischen Industriegewerkschaft keine Rolle, ja letztere erfolgte just in einem Moment, als deren Präsenz besonders gering war. Gleichwohl entfaltete sich im italienischen Viertel in Düdelingen, aber auch in ähnlichen Stadtteilen des luxemburgischen Minettebassins, ein veritables politisches Leben, ja im Kampf um politische und gesellschaftliche Partizipation hatten die italienischen Arbeiter sogar lange Zeit einen gewissen Vorsprung gegenüber ihren autochthonen Kollegen. Neben den sozialistischen Organisationen spielten dabei auch die katholischen Zusammenschlüsse eine wichtige Rolle, vor allem das Unterstützungswerk Bonomelli.32 Die weltanschauliche Polarisierung der Zwischenkriegszeit im Zusammenhang mit der Macht­etablierung des italienischen Faschismus, der auch in Düdelingen vor allem über die „Dopolavoros“ und Jugendorganisationen wie der „Balilla“ seine Spuren hinterließ,33 war gerade unter den Italienern stark ausgeprägt. So ← 144 | 145 → bekämpften die antifaschistischen Organisationen der italienischen Linken das Regime auch in der Emigration. Der politische Kampf wurde dabei vorbereitet durch informelle Zusammenschlüsse in Arbeits- und Lebenswelt.

Identitätsbildung verlief eher entlang nationaler und soziokultureller, ja bisweilen sogar regionaler und dorfnachbarschaftlicher Trennlinien und nicht, wie von zahlreichen Funktionären der Arbeiterbewegung sicherlich intendiert, auf einer sozioökonomisch definierten Klassengrundlage. Die Beziehungen zwischen autochthonen Arbeiterorganisationen und italienischer Gemeinschaft blieben insgesamt ambivalent: Man bekannte sich wenigstens ideell und rhetorisch zum Internationalismus, sah sicher aber immer wieder mit xenophoben Stereotypen vor allem an der Basis konfrontiert. Exklusionstendenzen auf nationaler und soziokultureller Basis erschwerten und blockierten die Einbeziehung der zugewanderten Arbeiterschaft in die lokalen Organisationsformen, bewirkten damit aber zugleich eine politische Mobilisierung auf sozioökonomischer Grundlage. Immigration und internationale Kontakte spielten gleichwohl eine fundamentale Rolle bei der Durchsetzung der Massengewerkschaften im Minettebassin, waren es doch zahlreiche deutsche Funktionäre, die bereits vor 1914 einen wichtigen Beitrag zum späteren organisatorischen Durchbruch leisteten. Neben der organisatorischen und politischen Expertise der deutschen Gewerkschafter ist in diesem Zusammenhang die im Vergleich zu den Italienern gewiss geringere kulturelle Distanz gegenüber den einheimischen Arbeitern und Funktionären zu betonen. Das Wirken von deutschen Spitzenfunktionären wie Hans Böckler, aber auch von Gewerkschaftsmitgliedern an der Basis sowie vor allen Dingen ihr Zusammenwirken mit italienischen Gewerkschaftern stellen für die Zukunft noch interessante Untersuchungsfelder bereit. ← 145 | 146 →


1 Die Gendarmerieberichte der Stadt Düdelingen finden sich im Nationalarchiv Luxemburg (AnLux). Hier siehe AnLux, J 76/64, S. 13.

2 Dieser durchaus schillernde Begriff kann hier nicht erschöpfend diskutiert werden. Verwiesen sei stellvertretend auf Kocka, Jürgen: Lohnarbeit und Klassenbildung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in Deutschland 1800–1875, Berlin 1983; Ritter, Gerhard A.: Arbeiterkultur im Deutschen Kaiserreich. Probleme und Forschungsansätze, in: Ritter, Gerhard A. (Hg.): Arbeiterkultur (Neue wissenschaftliche Bibliothek, Bd. 104), Königstein 1979, S. 15–39; Tenfelde, Klaus (Hg.): Arbeiter und Arbeiterbewegung im Vergleich. Berichte zur internationalen historischen Forschung (Historische Zeitschrift, Sonderhefte Bd. 15), München 1986; Welskopp, Thomas: Arbeitergeschichte im Jahr 2000. Bilanz und Perspektiven, in: Traverse 20 (2000), S. 15–30.

3 Besonders die Landwirtschaft litt im Italien des späteren 19. Jahrhunderts unter einer tiefen Strukturkrise, die viele Menschen in die Emigration trieb. Venetien, das die meisten italienischen Zuwanderer in Luxemburg stellte, war eine der am härtesten von der Krise betroffenen Regionen Oberitaliens. Zur ärmlichen Situation und zu den anhaltenden Krisensymptomen in den italienischen Herkunftsregionen vgl. Davis, John A., Economy, Society, and the State, in: Davis, John A. (Hg.), Italy in the Nineteenth Century, Oxford 2000, S. 235–263.

4 Das Datenmaterial entspricht den Angaben in Gallo, Benito, Les Italiens au Grand-Duché de Luxembourg. Un siècle d’histoires et de chroniques sur l’immigration italienne, Luxemburg 1987, S. 113 und 392. Zur Entwicklung der italienischen Zuwanderung in Luxemburg im Allgemeinen sowie den damit zusammenhängenden Problemstellungen vgl. Trausch, Gilbert, L’immigration italienne au Luxembourg des origines (1890) à la grande crise de 1929, in: Hémecht 33 (1981), S. 443–471.

5 Siehe Gallo, Les Italiens (Anm. 4), S. 392.

6 Diese Daten stammen aus einer umfangreichen Personalstatistik des Hüttenwerks, welche im AnLux innerhalb des Fonds ARBED gelagert ist: AnLux, ADU-U1-93.

7 Galloro, Piero, Le comportement migratoire des Cafoni dans les Bassins industriels luxembourgeois et lorrains (1880–1914), in: Montebello, Fabrice (Hg.), Un siècle d’immigration au Luxembourg. Actes du colloque organisé par le CLAE / Revue Passerelles 22(2001), S. 47–65, hier S. 47; vgl. dazu auch Trausch, L’immigration italienne (Anm. 4), S. 450. Die hohe Mobilität der unterbürgerlichen Migranten war durchaus ein allgemein gültiges, auch über Luxemburg hinaus verbreitetes Phänomen. Siehe dazu u. a. Bade, Klaus J., Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2002.

8 Die gesamte Halbinsel sowie die vorgelagerten Inseln waren von Emigration stark betroffen, wobei sich klare Migrationssysteme abzeichneten: Während viele Süditaliener und Sizilianer nach Übersee auswanderten, zog es die meisten Oberitaliener über die Alpen, ins Deutsche Reich, nach Lothringen und eben auch nach Luxemburg. Vgl. hierzu folgendes voluminöse zweibändige Werk: Storia dell’emigrazione italiana. Bd. 1: Partenze, Rom 2001; Storia dell’emigrazione italiana. Bd. 2: Arrivi, Rom 2002. Zur Situation im Deutschen Reich vgl. Del Fabbro, René, Italienische Wanderarbeiter im Wilhelminischen Deutschland (1890–1914), in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 76 (1989), S. 202–228.

9 Dieser Prozess entfaltete im Laufe der Jahre eine immer stärkere Eigendynamik, während zu Beginn noch gezielt vom Werk Agenten ausgesandt wurden, die Arbeitskräfte anwerben sollten. Zu den auch andernorts gültigen Mechanismen der Migration im Zeitalter der Industrialisierung vgl. Hoerder, Dirk / Lucassen, Jan / Lucassen, Leo: Terminologien und Konzepte in der Migrationsforschung, in: Bade, Klaus J. u. a. (Hg.), Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Paderborn 2007, S. 28–53.

10 Vgl. dazu Pescatore, Théo H.A., Joseph Antoine Pescatore, un „Italien“ à Luxembourg, in: Reuter, Antoinette / Scuto, Denis (Hg.), Itinéraires croisés. Luxembourgeois à l’étranger, étrangers au Luxembourg, Esch-sur-Alzette 1995, S. 58–61.

11 Zitiert nach Lehners, Jean-Paul, Wohnen in Düdelingen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in: Hudemann, Rainer / Wittenbrock, Rolf (Hg.), Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum (19. und 20. Jh.) (Veröffentlichungen der Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung, 21), Saarbrücken 1991, S. 35–58, hier S. 42. Die Wohnraumsituation offenbart besonders plastisch die sozialen Verhältnisse in zahlreichen Industriegemeinden während des Betrachtungszeitraums, nicht nur in Luxemburg.

12 Vgl. dazu allgemein Hilger, Susanne, Sozialpolitik und Organisation. Formen betrieblicher Sozialpolitik in der rheinisch-westfälischen Eisen- und Stahlindustrie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1933 (Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, Beiheft 94), Stuttgart 1996. Zu Luxemburg und zur ARBED vgl. Schmitz, Nadine, Le Paternalisme social d’Emile Mayrisch, Paris 1989 (unveröffentlichte Examensarbeit); besonders die Wohnraumpolitik analysiert Lorang, Antoinette, L’image sociale de l’ARBED à travers les collections du Fonds du logement, Luxemburg 2009.

13 Zum Wirken deutscher Gewerkschaften im Großherzogtum und zur organisatorischen Anbindung an den DMV vgl. Steil, Raymond, Einer für Alle, Alle für Einen! Der Deutsche Metallarbeiter-Verband in Luxemburg (1904–1918), in: 75 Joër fräi Gewerkschaften. Contributions à l’histoire du mouvement syndical luxembourgeois. Beiträge zur Geschichte der luxemburgischen Gewerkschaftsbewegung, Esch-sur-Alzette 1992, S. 103–139.

14 Steil, Einer für Alle (Anm. 13), S. 103.

15 AnLux, J 76/76, S. 17.

16 Vgl. Fayot, Ben, Les forces politiques et sociales face à l’immigration (1880–1940), in: Pauly, Michel (Hg.), Lëtzebuerg de Lëtzebuerger? Le Luxembourg face à l’immigration, Luxemburg 1985, S. 49–61, hier S. 55.

17 Zur Bedeutung des Ersten Weltkriegs für die luxemburgische Arbeiterbewegung sei auf die entsprechenden Kapitel in Denis Scutos umfangreicher Studie zur Streikbewegung 1921 im Minettebassin hingewiesen: Scuto, Denis, Sous le signe de la grande grève de mars 1921. Les années sans pareille du mouvement luxembourgeois 1918–1923, Luxemburg 1990. Für die große Bedeutung der Nachkriegsjahre spricht allein der vielsagende Untertitel des Buches. Scutos Arbeit fußt teilweise auf der älteren Grundlagenstudie von Gilbert Trausch, Contributions à l’histoire sociale de la question du Luxembourg 1914–1922, in: Hémecht 26 (1974), S. 7–117.

18 Fayot, Ben, Sozialismus in Luxemburg. Bd. 1: Von den Anfängen bis 1940, Luxemburg 1979, S. 140.

19 Zu diesem gescheiterten Gesetzesprojekt vgl. Hoffmann, Serge, L’immigration au Grand-Duché de Luxembourg. De l’époque industrielle à aujourd’hui, in: Luxembourg: histoires croisées des migrations, Paris 2002, S. 60–69, hier S. 65.

20 Beispielhaft in Trausch, L’immigration italienne (Anm. 4), S. 468.

21 Lorenzini, Marcel, Mouvement ouvrier italien au Luxembourg et dans la Grande Région: thèmes, problèmes, documentation, in: Caldognetto, Maria Luisa / Gera, Bianca (Hg.), L’histoire c’est aussi nous. Actes des Journées internationales d’études Dudelange (Luxembourg) 20 octobre 2007 et 11 octobre 2008, Turin 2009, S. 221–233, hier S. 226.

22 AnLux, J 76/2, S. 54ff.

23 Zitiert nach Muller, Christine, Des années turbulentes, in: Ville de Dudelange (Hg.), Centenaire Diddeleng 1907–2007, Düdelingen 2007, S. 44–49, hier S. 49. Das Zitat sagt wohl mehr über die Befindlichkeiten der aufgeschreckten Behörden als über das Innenleben in der italienischen Gemeinde aus. Dennoch lässt sich erkennen, dass eine Politisierung stattfand.

24 Zum Wirken der „Umanitaria“ in Düdelingen vgl. Gallo, Les Italiens (Anm. 4), S. 39.

25 Vgl. Gallo, Les Italiens (Anm. 4), S. 127; Blau, Lucien, Kicken im Schatten der Arbed, in: Ville de Dudelange (Hg.): Centenaire Diddeleng 1907–2007, Düdelingen 2007, S. 182–189, hier S. 182f.

26 Die werksinternen Belegschaftslisten sind außerordentlich gut erhalten und werden im Nationalarchiv unter der Signaturengruppe ADU-U1 (mit entsprechender Zahl für das jeweilige Jahr) geführt.

27 AnLux, J 76/75, S. 31.

28 Vgl. die entsprechenden Kapitel zu Düdelingen in Gallo, Les Italiens (Anm. 4).

29 Im Umfeld des Düdelinger Centre de Documentation des Migrations Humaines (CDMH) erschien ein informativer Sammelband zur Immigrantenkultur im Minettebassin, darin findet sich ein grundlegender Aufsatz zur Bedeutung der Mutualitätskassen in den italienischen Gemeinden: Caldognetto, Maria Luisa. Per una storia del Mutuo Soccorso italiano in Lussemburgo, in: Caldognetto / Gera (Hg.), L’histoire c’est aussi nous (Anm. 21), S. 25–56.

30 Dies ist im Festprogramm der Feierlichkeiten nachzulesen: Stadt Düdelingen. Festprogramm der Stadteinweihung, 2. August 1908. Dieses Dokument findet sich in mehreren lokalen Archiven, darunter im CDMH.

31 Vgl. Conrardy, Jean-Pierre / Krantz, Robert, Dudelange. Passé et présent d’une ville industrielle. Bd. 1: Bourg agricole – Ville moderne, Luxemburg 1991, S. 178.

32 Zum Wirken des „Opera Bonomelli“ in Luxemburg vgl. Perotti, Antonio, La situation des immigrés italiens dans le bassin minier et sidérurgique du Luxembourg et de la Lorraine avant 1914, in: Reuter, Antoinette (Hg.), Luxembourg – Italie. Hommage au Père Benito Gallo, Dudelange 1999, S. 113–126. Der vorliegende Beitrag konzentrierte sich explizit auf die sozialistischen Organisationen, wodurch die Bedeutung der christlichen, das heißt katholischen Organisationen nicht geschmälert werden soll.

33 Zur Tätigkeit auslandsfaschistischer Organisationen in der italienischen Community im Minettebassin vgl. Gallo, Les Italiens (Anm. 4), S. 393. Im CDMH findet sich unter anderem ein Ausweis der faschistischen Ortsgruppe Düdelingen („Fascio di Düdelingen“). In anderen luxemburgischen Industriegemeinden, vor allem in der Kantonshauptstadt Esch-sur-Alzette, wurden die weltanschaulichen Grabenkämpfe in dieser Phase noch deutlich härter ausgefochten.