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Identitätsbildung und Partizipation im 19. und 20. Jahrhundert

Luxemburg im europäischen Kontext

Series:

Edited By Norbert Franz, Thorsten Fuchshuber, Sonja Kmec, Jean-Paul Lehners and Renée Wagener

Gesellschaften mit starker Einwanderung kennzeichnen vielfältige Formen von Identitätsbildung und das Ringen um politische und zivilgesellschaftliche Partizipation. Dies gilt in besonderer Weise für Luxemburg im 19. und 20. Jahrhundert. Hier entstand in einem Kleinstaat eine der jüngeren Nationen Europas und zugleich eine besonders offene, plurikulturelle Einwanderungsgesellschaft. Ziel dieses Bandes ist es, die Entstehung dieser Mehr-Kulturen-Gesellschaft im europäischen Zusammenhang zu verstehen. Die einzelnen Beiträge analysieren mit Hilfe unterschiedlicher sozial- und kulturwissenschaftlicher Annäherungen exemplarische Konfliktlinien der Identitätsbildung und des Kampfes um Partizipation.

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Verspätete Verbürgerlichung. Politische Partizipation Luxemburger Juden im 19. Jahrhundert (Renée Wagener)

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Renée Wagener

Verspätete Verbürgerlichung. Politische Partizipation Luxemburger Juden im 19. Jahrhundert

1.  Einleitung

Die Emanzipation, das heißt die Mündigsprechung der Juden geschieht auf zweierlei Art: von Innen heraus und von Außen herein – so das „Brockhaus Conversations-Lexikon der neuesten Zeit und Literatur“ in seiner Ausgabe von 1832. Der deutsche Historiker Reinhard Rürup spricht für die Periode von 1791, als in Frankreich das Gleichstellungsgesetz in Kraft trat, bis zu den 1870er Jahren, als in vielen europäischen Ländern der rechtliche Emanzipationsprozess zu seinem Abschluss kam, von einem „Zeitalter der Judenemanzipation“.1

Von Außen herein“ waren die Angehörigen des jüdischen Glaubens in Luxemburg bereits während der Ära der Französischen Revolution emanzipiert worden, als das alte Herzogtum weitgehend im Département des Forêts aufging und sich Juden und Jüdinnen erstmals wieder in diesem Raum ansiedeln konnten. „Von Innen heraus“ zeigte sich das Streben nach Gleichheit vor allem im Bemühen um gesellschaftliche Teilhabe und Anerkennung, etwa in der Form von politischer oder wirtschaftlicher Partizipation, im Zugang zu gesellschaftlichen Institutionen, wie der öffentlichen Schule, oder in der Gleichstellung der jüdischen Religion mit nicht-jüdischen Glaubensgemeinschaften, was ihre freie Ausübung und finanzielle Förderung durch den Staat betraf.

In Luxemburg sind die Bestrebungen der jüdischen Minderheit, ihre Gleichberechtigung mit der katholischen Mehrheit einzufordern, bislang vor allem im Bereich der Ausübung der Religion sowie in dem ihrer Beteiligung am wirtschaftlichen und politischen Leben untersucht worden.2 Die Teilnahme ← 147 | 148 → einzelner jüdischer Männer am politischen Leben in Luxemburg wurde dabei als Zeichen für die Durchlässigkeit der Grenzen zwischen Mehrheitsgesellschaft und jüdischer Minderheit dargestellt: „Die jüdischen Einwohner des Großherzogtums waren nicht nur in das Wirtschaftsleben des Kleinstaats integriert, sondern unterhielten auch Kontakte zu ihren christlichen Nachbarn und beteiligten sich am Vereinsleben. Dass nur wenige Juden im Bereich der Politik in Erscheinung traten, ist sowohl auf ihre geringe Zahl als auch das anscheinend geringe Interesse der jüdischen Bevölkerung an politischer Betätigung zurückzuführen.“3 Exemplarisch werden in diesen Beiträgen die politischen Karrieren jüdischer Wirtschafts­akteure hervorgehoben, vor allem der spektakuläre politische Aufstieg der Familie Godchaux, die von der Mitte des 19. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts in der Tuchfabrikation eine wesentliche Rolle spielte.4

Im Zentrum des folgenden Beitrags sollen jedoch nicht vorrangig einzelne Personen stehen, sondern der breitere Umgang jüdischer Männer mit ihren politischen Rechten auf Landesebene sowie den Inklusions- und Exklusionsstrategien von Staat und Ziivilgesellschaft im “langen” 19. Jahrhundert. Es handelt sich dabei allerdings um eine sehr kleine Gruppe, denn es wurden 1806 nur 83 Angehörige jüdischen Glaubens angegeben, die 0,88 Prozent der Bevölkerung ausmachten. 1910 erreichte ihre Zahl 1.270 Personen, was lediglich einen Anteil von 0,49 Prozent der Gesamtbevölkerung bedeutete.5 ← 148 | 149 →

2.  Begriffsbestimmung und Methode

Eine solche Untersuchung stößt zunächst auf ein massives Hindernis: das der Unterscheidung zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Personen. Hinter dem statistischen Problem, die Präsenz jüdischer Männer im gesellschaftlichen Leben zu bestimmen, steht die stets wiederkehrende Frage, was „Jüdischsein“ in einer nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft ausmacht. „Geht man davon aus, dass weite Bereiche des Zusammenlebens einer konstanten Interaktion und einem steten Austausch unterliegen, so versteht es sich von selbst, dass auch ‚Konzeptionen des Jüdischen‘ immer im Spannungsverhältnis von innerjüdischer Selbstdefinition und nichtjüdischer Fremddefinition zu lokalisieren sind“, schreibt Julia Richers,6 die für einen kritischen Umgang mit dem Begriff „Identität“ plädiert. Sie verweist auf Rogers Brubaker, der stattdessen die analytischen Kategorien „Identifikation“, „Selbst-Verständnis“, „soziale Verortung“ für das Individuum sowie „kategoriale Gemeinsamkeiten“, „Verbundenheit in Form von Netzwerken“ und „Gruppenzusammengehörigkeitsgefühl“ für die kollektive Ebene vorschlägt: „Statt von geschlossenen (ethnischen) Gruppen auszugehen, sollte der Schwerpunkt in wissenschaftlichen Untersuchungen vielmehr auf den relationalen, prozesshaften, dynamischen und kognitiven Eigenschaften von Gruppenbildungen und Selbstdefinitionen liegen.“7

Angesichts der schlechten Quellenüberlieferung können die folgenden Ausführungen diesem hohen Anspruch nicht gerecht werden. Einerseits gibt es für Luxemburg kaum Dokumente zum jüdischen Selbstverständnis im 19. Jahrhundert. Andererseits ging – darauf lassen die wenigen vorhandenen Quellen schließen – der nicht-jüdische, vorrangig katholische Diskurs von der jüdischen Minderheit als geschlossener Gruppe aus. Darüber hinaus sorgte die nationalstaatliche Entwicklung zumindest auf statistischer Ebene für eine zunehmende Kategorisierung der Angehörigen der verschiedenen Glaubensrichtungen.8 Dies schlug sich zum Beispiel darin nieder, dass bei den Volkszählungen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Religionszugehörigkeit, später auch die Nationalität erfragt wurde.

Um ein klareres Bild der politischen Partizipation jüdischer Männer im 19. Jahrhundert zu zeichnen, musste aber für die vorliegende Untersuchung ← 149 | 150 → genau diese Kategorisierung verwendet werden. Für die Unterscheidung zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Männern ergaben sich mehrere Möglichkeiten. Da der Kreis der jüdischen Familien im 19. Jahrhundert überschaubar ist, hätte man rein intuitiv vorgehen und auf den Wählerlisten Angehörige der betreffenden Familien herausfiltern können. So hätte man aber mit Sicherheit Personen übergangen. Anhand von jüdisch klingenden Familiennamen wie Marx, Hirsch oder Wolf auf eine jüdische Glaubensangehörigkeit zu schließen, ließe zudem nicht nur außer Acht, dass solche Namen auch in christlichen Milieus vorkamen, u. a. deshalb, weil manche jüdische Familie ihre Religionsgemeinschaft im Lauf der Jahrzehnte verließ. Umgekehrt gab es auch Familien, deren Namen nicht auf eine jüdische Herkunft deuteten, oder solche, die ihren Namen änderten.

Eine weitere methodische Möglichkeit wäre eine Auswertung der Zahlungslisten der Mitglieder des israelitischen Konsistoriums gewesen. Die Geschichte des Konsistoriums zeigt aber, dass es häufig zu Streitigkeiten wegen nicht bezahlter Beiträge kam oder weil Angehörige jüdischen Glaubens sich aufgrund religiöser Differenzen, wegen Spaltungserscheinungen in der jüdischen Gemeinde oder ganz einfach aufgrund geografischer Entfernung nicht mehr an das Konsistorium angebunden fühlten. Das bedeutete aber keinesfalls zwingend, dass sie sich nicht mehr als Glaubensangehörige verstanden hätten. Die so zustande gekommene Liste wäre also unvollständig gewesen.

Ein dritter gangbarer Weg war die Auswertung der periodisch durchgeführten Luxemburger Volkszählung.9 Besonders die Angaben der ersten Volkszählungen ← 150 | 151 → sind nicht immer verlässlich. Für die Jahrgänge, bei denen wir noch über die detaillierten Original-Formulare zu den einzelnen Haushalten verfügen, stellen die Volkszählungen jedoch eine brauchbare Grundlage dar, aufgrund derer die jüdische Glaubensangehörigkeit einzelner Personen überprüft werden kann.

Die im vorliegenden Beitrag dargestellten Entwicklungen der Teilnahme jüdischer Bewohner des luxemburgischen Territoriums am politischen Prozess beruhen deshalb auf den Angaben der Volkszählungen. Im Verlauf dieser Erhebungen wurden die Mitglieder der einzelnen Haushalte von einem Zähler erfasst und die ausgefüllten Formulare anschließend vom Haushaltsvorstand signiert. Inwiefern es sich deshalb im Einzelnen bei der Angabe des religiösen Bekenntnisses um die Festschreibung einer Selbst- oder einer Fremdwahrnehmung handelt und wie der Begriff des Reli­gionsbekenntnisses von Zählern und Gezählten verstanden wurde, muss offen bleiben.

3.  Die Entwicklung des Wahlrechts in Luxemburg von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg

Auch wenn die Festung Luxemburg bereits 1795 fiel, wurde die französische Gesetzgebung systematisch erst ab 1797 im neu gegründeten Wälderdepartement angewandt – nach dem Friedensschluss zwischen Frankreich und dem Habsburger Reich in Campo Formio. Auch die politische Partizipation, sei es bei der Besetzung des politischen Apparats auf der Ebene des Departements, sei es bei der Auswahl von Repräsentanten des Departements in der Nationalversammlung, setzte ab diesem Zeitpunkt ein.10 Auch wenn aus der Französischen Revolution keine parlamentarische Demokratie im Sinne des 19. und 20. Jahrhunderts hervorging, bedeutete das Regime des Direktoriums, das die Jakobiner 1795 abgelöst hatte, ← 151 | 152 → den Beginn einer durch einen Wahlakt begründeten politischen Repräsentation in Luxemburg. Allerdings wurde die Zahl der Wähler durch einen hohen Wahlzensus erheblich eingeschränkt. Dies gilt weit mehr noch für das napoleonische Wahlsystem, das auf dem indirekten Zensuswahlrecht beruhte.11 So konnte das mittels eines hohen Zensus zusammengestellte Wahlkollegium für die Wahlen zum Generalrat eines Departements lediglich für jeden Posten drei Kandidaten vorschlagen, aus denen die Regierung dann auswählte. Dies hatte zur Folge, dass die Wahlmänner, die für entsprechende Wahlen bestimmt wurden, stets aus der Oberschicht ihrer Gemeinde stammten. Immerhin erlaubte das Wahlsystem Männern ab einem bestimmten Steueraufkommen, sich als Wähler zu beteiligen.

Die Bedeutung dieses Prozesses politischer Partizipation, der unter dem Regime des Direktoriums und Napoleons in Gang kam, wird häufig unterschätzt, wie bereits Josiane Bourget-Rouveyre betont hat: „Tout au long de l’Empire, par conséquent, le régime a été conscient de la nécessité pour lui de conserver des formes de représentation le liant étroitement à la nation, formes héritées non seulement de la République, mais également de la monarchie constitutionnelle.“12 Das Zensuswahlrecht war bereits in der kurzen konstitutionell-monarchischen Phase der Französischen Revolution eingeführt worden. Seine napoleonische Variante wurde wegweisend für das spätere Zensuswahlrecht in Luxemburg.

Mit der Niederlage Napoleons 1814 und der Übernahme des nun zum Großherzogtum erhobenen luxemburgischen Territoriums durch das Haus Oranien-Nassau verbesserte sich die Situation nicht wesentlich. In der politischen Symbolik ist sogar ein Rückschritt in dem Sinne festzustellen, dass unter König-Großherzog Wilhelm I. der Niederlande, mit verbalem Rückbezug auf die vor-revolutionäre Ständevertretung, in Luxemburg und den übrigen 17 niederländischen Provinzen États provinciaux eingeführt wurden. Die États, in denen erneut drei Stände – die Städte, die Landgemeinden und der Adel (der Klerus bildete keinen Stand mehr) –, vertreten waren, befassten sich hauptsächlich mit der Umsetzung nationaler Gesetze auf der Ebene der Provinz.13 Allerdings bedeutete dies nicht die Abschaffung ← 152 | 153 → der Rechtsgleichheit und Wiederherstellung von Sonderrechten für die einzelnen Stände. Während die Adligen ihre Vertreter nach dem System des allgemeinen Wahlrechts bestimmten, galt für die beiden anderen Stände ein Zensuswahlsystem. In der Versammlung selbst spielte der Stand jedoch keine Rolle mehr.14

Nachdem der größte Teil Luxemburgs sich 1830 der belgischen Revolution angeschlossen hatte und mit Ausnahme der Festung in der belgischen Province du Luxembourg aufging, wurde es 1839 geteilt: Der deutschsprachige Teil, der dem heutigen Gebiet Luxemburgs grosso modo entspricht, fiel als Großherzogtum Luxemburg wieder an König-Großherzog Wilhelm I. zurück. Räumlich abgetrennt von den Niederlanden wurde ihm nun zuteil, was Wilhelm unter dem Druck der Ereignisse in Belgien versprochen hatte: eine eigenständige Staatsführung.15

1841 erhielt Luxemburg seine erste Staatsverfassung. Auf der Ebene der politischen Repräsentanz änderte sich jedoch zunächst nur wenig. Die Volksvertretung war eine zu dieser Zeit auf dem Gebiet des Deutschen Bundes typische „Landständische Versammlung“, deren Abgeordnete nach dem indirekten Zensuswahlrecht gewählt wurden, bei dem von Wahlberechtigten gewählte Wahlmänner die Abgeordneten bestimmen. Alle drei Jahre wurde jeweils die Hälfte der Abgeordneten ausgewechselt. Eine wichtige Neuerung wurde aber eingeführt: Die Stimmberechtigten wie die Kandidaten mussten ausdrücklich Luxemburger sein.16

Die Zeit von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg war auf diese Weise zwar von zahlreichen politischen Wechseln geprägt, die sich jeweils auf die Wahlgesetzgebung niederschlugen, doch blieb die Gegenwart des Zensussystems ein Moment der Kontinuität. Wenn auch der Zensus in Form und Höhe variierte, so war er stets Ausdruck einer Gesellschaft, in der Partizipation an ← 153 | 154 → Besitz gekoppelt war. Während des gesamten „langen“ 19. Jahrhunderts stimulierte er so den Ehrgeiz der potentiellen Wähler, deren Steuerhöhe öffentlich gemacht wurde und die im Zweifelsfall ihre Einschreibung auf den Wählerlisten durch den Nachweis ihres Wohlstands erstreiten mussten. So trug der Zensus dazu bei, die Besitzbürger gleich welcher Herkunft zusammenzuschweißen und ihr Selbstverständnis als Träger des Nationalstaats zu vertiefen.

Im Folgenden soll versucht werden, das Aufkommen derjenigen jüdischen Männer zu analysieren, die wirtschaftlich in der Lage waren, an Legislativwahlen teilzunehmen, und ihr Verhalten angesichts der Möglichkeit politischer Partizipation darzustellen und einzuordnen.

4.  Der Luxemburger Wahlrechtsprozess als Gestaltungsraum jüdischer Partizipation im politischen und zivilgesellschaftlichen Bereich

Im Großherzogtum wuchs im 19. Jahrhundert die Zahl der Angehörigen jüdischen Glaubens (Abb. 1); sie machten aber vor dem Ersten Weltkrieg immer noch lediglich 0,49 Prozent der Gesamtbevölkerung aus17 – weit weniger als etwa im benachbarten Deutschen Reich, in dem die jüdische Minderheit 1880 1,24 Prozent stellte.18

Abb. 1:  Entwicklung des Anteils der Personen mit jüdischem Religionsbekenntnis nach den Angaben der Volkszählung von1864 bis 1922

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Die Angaben der Volkszählungen zeigen, dass jüdische Familien, wie auch nicht-jüdische in dieser Epoche, im Durchschnitt recht groß waren. Bei einer angenommenen durchschnittlichen Haushaltsgröße von fünf Personen ergäben sich für 1910, dem Jahr mit dem höchsten Anteil der jüdischen Minderheit, höchstens 254 jüdische Männer im Wahlalter. Da zudem nur Männer Luxemburger Nationalität wahlberechtigt waren, die über ein gewisses besteuerbares Einkommen verfügten, reduziert sich der Kreis derer, die überhaupt am politischen Prozess teilnehmen konnten, noch weiter. 1881 durften bei einem Zensus von 30 Franken genau 21 jüdische Männer wählen.19

4.1  Die napoleonische Zeit

Es gab in der napoleonischen Ära sicher keine aktiv betriebene Strategie der Staatsspitze, bürgerliche Juden in die politische Entscheidungsfindung einzubeziehen. Trotzdem integrierte das ausdifferenzierte Wahlsystem zumindest auf lokaler Ebene auch Angehörige jüdischen Glaubens.20 Zudem entwickelte sich in Paris eine neue jüdische Elite, deren sozialer Aufstieg sich auch in politischer Partizipation äußerte. Diese Elite unterschied sich erheblich von den traditionellen jüdischen Gemeinschaften im Osten Frankreichs, aus denen die Luxemburger jüdische Gemeinschaft sich anfangs vorrangig speiste.21 Doch auch in Luxemburg tauchten vereinzelt jüdische Unternehmer auf, darunter auch Fabrikanten.

Für die napoleonische Zeit existieren mehrere Listen der in der Stadt Luxemburg lebenden jüdischen Familien.22 Es ist also möglich, sich einen recht genauen ← 155 | 156 → Überblick über die als Juden bezeichneten männlichen Erwachsenen in der größten Stadt des Departements zu verschaffen. In der Stadt Luxemburg lebten 1806 offiziell 9471 Personen.23 Die Zahl jüdischer Glaubensangehöriger lag zu diesem Zeitpunkt bei 83 Personen, am Ende des französischen Regimes bei 126. Es ergibt sich mit 0,88 Prozent für das Jahr 1806 ein für Luxemburg im Vergleich mit späteren Stichjahren durchaus recht hoher Anteil jüdischer Personen an der Gesamtbevölkerung. Unter diesen 126 Personen finden sich von 1803 bis 1814 die Namen von insgesamt 28 erwachsenen Männern.

In der gleichen Zeitspanne wurden auch Listen der Höchstbesteuerten sowie ein „registre civique“ der Wahlberechtigten geführt. Der 1806 reformierte „Code administratif“ besagte, dass diese Bürger nicht über einen Zensus ermittelt wurden, sondern im Bürgerregister eingetragen sein mussten, um an einer Wahlversammlung für das „Collège électoral“ teilnehmen zu können, also jenes Wahlkollegium, das die Wahlmänner bestimmte.24 In dieses Wahlkollegium gewählt werden konnten aber nur jene, die auf der Liste der höchstbesteuerten Männer standen.25

Im „registre civique“ von 1806 sind für die Stadt Luxemburg (Sektionen Süden und Norden) insgesamt 1360 Wahlberechtigte eingetragen. Leider fehlen zahlreiche Seiten dieses Bürgerregisters. Doch auf den vorliegenden Bögen mit 367 Wahlberechtigten finden sich acht Namen aus der Gruppe der oben genannten 28 jüdischen Männer: ← 156 | 157 →

Gombel, Abraham, colporteur, 25 ans, rue de l’Arsenal

Gompel, Memel [Kompel, Nemel], colporteur, 36, rue Beaumont

Gompel, Scholem, marchand, 28, rue Philippe

Jacob, Lion [Lion, Jacques], marchand, 34 ans, rue des Capucins

Lazard, Isaac, aubergiste, 40 ans, rue de l’Arsenal

Meyer, Levy, tailleur, 31 ans, Grund

Picard, Meyer, colporteur, 38, rue de Beaumont

Salomon, Hain, marchand, 32

Es ergibt sich gegenüber den im registre civique stehenden Namen ein durchschnittlicher Anteil jüdischer Wahlberechtigter von 2,2 Prozent, der gegenüber dem Anteil an der Gesamtbevölkerung leicht erhöht ist. Auffällig ist jedoch, dass weder auf den Listen der Höchstbesteuerten, die allein wählbar waren, noch auf der Liste jener Männer, die ihre Stimme für die Wahl des Collège électoral de département abgaben, diese Namen auftauchen.26 Die Gründe hierfür sind unklar: Möglicherweise war keiner der jüdischen Männer in Luxemburg vermögend genug, um vom passiven Wahlrecht Gebrauch machen zu können.

4.2  Die Ära Wilhelms I.

Für die Zeit der von 1815 bis 1830 reichenden niederländischen Herrschaft verfügen wir nicht über die Listen der Wahlberechtigten, dagegen aber über die Aufstellungen der zugelassenen Wahlmänner für die Landstände, die ihrerseits die Abgeordneten für die Landstände bestimmten. Beim Jahrgang 1819 fällt auf, dass keiner der für die napoleonische Zeit erwähnten Männer auf den Listen zu finden ist.27 Dies könnte mehrere Gründe haben. Vielleicht hatte ein Teil der jüdischen Familien, die sich seit 1798 in Luxemburg niedergelassen hatten, das Großherzogtum mittlerweile wieder verlassen. Doch manche der fraglichen Namen sollten in späteren Jahren wieder auftauchen. Möglicherweise spielte zwischen ← 157 | 158 → 1815 und 1830 die auf 50 Gulden angesetzte Höhe des Zensus ebenfalls eine ausschlaggebende Rolle für die Teilnahme an Wahlen. Dies würde bedeuten, dass auch zu diesem Zeitpunkt jüdische Familien noch nicht den Wohlstand erreicht hatten, der in der bürgerlichen Gesellschaft den Zugang zum Zensuswahlrecht ermöglichte.28

Die Abwesenheit der jüdischen Männer ist umso frappierender, da wenigstens zur untersten Stufe des Drei-Ebenen-Wahlsystems auch jene Zugang hatten, die nicht über ein Spitzeneinkommen verfügten: So häufen sich auf der Liste der Wahlmänner von 1827 Bauern, Handwerker und Herbergsbetreiber. Doch auch hier fehlen jüdische Namen auf den Listen der „votans“, welche befugt waren, Wahlmänner zu wählen. Es scheint also in der Frage der Zulassungsberechtigung zum Wahlgeschäft eine Ausweitung stattgefunden zu haben, die die in Luxemburg ansässigen Juden jedoch nicht erreichte.

4.3  Staatliche Eigenständigkeit

Die Situation änderte sich nach der belgischen Revolution und der anschließenden Eigenständigkeit Luxemburgs 1839 fundamental. Wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen tauchten nun auch in der Politik vereinzelt Juden auf. Das 1841 reformierte Wahlgesetz bestimmte einen Zensus von 10 Gulden, eine Steuersumme, die mittlerweile eine Reihe jüdischer Bürger wohl erreicht haben dürften.29 Dagegen wurde im gleichen Artikel betont, dass nur geborene oder naturalisierte Luxemburger das Stimmrecht ausüben durften.30 Das 1848 eingeführte ← 158 | 159 → Naturalisierungsgesetz dürfte sich gerade für die häufig neu hinzugezogenen jüdischen Familien negativ ausgewirkt haben, da es zwei neue Zugangskriterien einführte: im Land geboren zu sein und seit 1814 dort den Wohnsitz gehabt zu haben. Nur Vermögenden stand zudem die Möglichkeit der Einbürgerung offen.31

Dass die Wahlreform nicht nur von Phänomenen der Inklusion, sondern auch der Exklusion begleitet war, erfuhr zum Beispiel der alteingesessene Handschuhfabrikant Isaïe Lippmann. Er konnte zwar weitaus mehr als die geforderten zehn Gulden an Steueraufkommen nachweisen, stellte aber erst nach Ablauf der gesetzlich festgehaltenen Frist fest, dass er nicht auf der Liste der Stimmberechtigten geführt wurde. Seinem Schreiben vom 15. März 1845 an den Gouverneur des Großherzogtums, Ignace de la Fontaine, mit der Bitte, ihn in die Wählerliste seiner Gemeinde Hollerich einzutragen, war jedoch kein Erfolg beschieden. In einer Notiz wies der zuständige Regierungsrat den Distriktskommissar darauf hin, dass der gesetzlich vorgesehene Zeitraum für einen Widerspruch verstrichen sei und betonte: Quand on procédera au renouvellement des listes, le sr. Lippmann devra non seulement se conformer aux dispositions ci-dessus rappelées, mais encore justifier de sa qualité de Luxembourgeois selon le prescrit des art. 3 et 6 de la Constitution d’État. Sa résidence dans le pays, quelque longue qu’en soit sa durée, ne suffit pas seule pour le faire admettre à la jouissance des droits politiques des Luxembourgeois. ← 159 | 160 →32

Das Beispiel illustriert, dass die jüdische Gemeinschaft in Luxemburg noch in hohem Maße eine Immigrationsgemeinschaft war. Die neue jüdische Minderheit machte so bereits vor anderen größeren Migrationsgruppen die Erfahrung der Diskrepanz zwischen einem Verständnis von Integration als sozialem Akt des Einlebens in eine zunächst fremde Gesellschaft und der mit den Anfängen des Nationalstaats einhergehenden Einführung von einschränkenden Regeln über den Zugang zur Staatsbürgerschaft.

Die neuen Bestimmungen entstanden auf Druck des politisch relevanten Teils der Bevölkerung, der nun verstärkt auf der Luxemburger Staatsbürgerschaft als Zugangsvoraussetzung bei der Besetzung wichtiger öffentlicher Posten bestand. Hier wird der erhöhte Stellenwert der Nationalität als Kriterium rechtlicher Anerkennung im sich herausbildenden Nationalstaat deutlich erkennbar.33 Die restriktivere Handhabung der Regelungen hinsichtlich der Staatsbürgerschaft führte dann im 20. Jahrhundert zu zahlreichen Konflikten und Ausgrenzungen, die sich nach dem Ersten Weltkrieg weiter zuspitzen und noch bei der Entschädigungspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg bittere Konsequenzen für jüdische Glaubensangehörige haben sollten.

Dass die luxemburgische Staatsbürgerschaft nun zum Ausschlusskriterium für politische Partizipation wurde, mag dazu geführt haben, dass unter den Personen, die sich einbürgern ließen, auch jüdische Bürger waren.34 Da sie im Unterschied zu anderen vor 1839 keine Positionen im öffentlichen Dienst innehatten, die den Weg zur Einbürgerung erheblich vereinfachten,35 waren sie darauf angewiesen, ← 160 | 161 → die Einbürgerung zu beantragen. Unter den allerersten Einbürgerungen, die nach 1841 im „Memorial“ abgedruckt wurden, waren jene des Pferdehändlers Abraham Cahen aus Stadt Luxemburg und des Tuchfabrikanten Guetschlick Godchaux aus dem Vorort Schleifmühl, die in der Folge auch bei Wahlen aktiv wurden.

5.  Die Probe aufs Exempel: Jüdische Männer im Wahlprozess

Bei den indirekten Wahlen für die Ständeversammlung von 1845 fanden sich auf den Listen der zu wählenden Wahlmänner die Namen von Abraham Cahen, der erstmals 1814 in den Listen jüdischer Familien aufgetaucht war, sowie der Brüder Guetschlick und Samson Godchaux, Neffen des seit Ende des 18. Jahrhunderts ansässigen und damit wohl ersten in Luxemburg etablierten Juden Pinhas Godchaux.36 Samson Godchaux war in Sandweiler bereits zum Ersten Schöffen ernannt worden. Dass alle drei auf der Liste des Kantons Luxemburg auftauchten, war kein Zufall. In der Hauptstadt und ihrer Umgegend waren seit der Wiederansiedlung die meisten jüdischen Familien anzutreffen.

Alle drei zeichneten sich durch ein verhältnismäßig hohes Steueraufkommen aus. Während der Mindestzensus 10 Gulden für Wahlberechtigte und 20 Gulden für Wahlmänner betrug, erreichten die Brüder Godchaux fast 100 Gulden, Abraham Cahen sogar beinahe 200 Gulden. Die drei Männer waren deshalb nicht nur Wahlberechtigte, sondern erfüllten auch die Bedingungen des höheren Zensus für die Besetzung der Posten der Wahlmänner.37 Dies zeigt, dass die jüdische Gemeinschaft in den 1840er Jahren sich in einem Prozess wirtschaftlicher Integration befand, der innerhalb des Zensussystems ihre politische Integration erst möglich machte. Auch wenn nur einzelne Familien zu Reichtum kamen, so belegt die Teilnahme dieser drei Männer am politischen Prozess die zunehmende Durchlässigkeit einer bislang geschlossenen politischen Klasse. Ihre Kandidaturen als Wahlmänner illustrieren, dass auch im jüdischen Bürgertum ein Interesse an politischer Teilhabe gegeben war.

Während Abraham Cahen und Guetschlick Godchaux bei den Wahlen von 1845 eher schwach abschnitten, erhielt Samson Godchaux im gesamten Kanton 455 Stimmen und platzierte sich auf Rang 43. Damit gehörte er zu den insgesamt 56 Wahlmännern, die berechtigt waren, am 2.5.1845 an den Wahlen ihres Kantons für die ← 161 | 162 → Landstände teilzunehmen.38 Die letzte Hürde, die Wahl in die Ständeversammlung, die jeweils im Anschluss an die Wahl der Wahlmänner stattfand, überwand er jedoch nicht. Bei den folgenden Wahlen vom 19.4.1848 war Samson Godchaux erneut auf der Liste der Wahlmänner zu finden und kandidierte auch wieder zur Abgeordnetenkammer. Er erhielt aber keine einzige Stimme bei der Abgeordnetenwahl; dieser Vorgang wiederholte sich 1849. Als jüdischer Kandidat, der auf die Unterstützung christlicher Wähler angewiesen war, hatte er zwar keine Schwierigkeiten, zum Wahlmann gewählt zu werden. Doch diese Unterstützung wurde ihm nur auf der Ebene des aktiven, nicht aber auf jener des passiven Wahlrechts zuteil.

Für Samson Godchaux scheint es trotzdem wichtig gewesen zu sein, nicht nur als Wahlberechtigter, sondern auch als Wahlmann fungieren zu können, denn auch 1858, 1860 und 1868 trat er wieder für die Wahlen zum Wahlmann an, wenn auch nicht mehr als Kandidat für die anschließende Wahl zum Abgeordneten.39 Den Wahlmännern, auf die die Abgeordneten zwecks ihrer Wahl angewiesen waren, kam durchaus eine gewisse Macht zu. Im indirekten Wahlsystem wurden sie von den Kandidaten hofiert, konnten sich untereinander absprechen, welche Kandidaten sie unterstützen wollen, und hatten auf diese Weise erheblichen Einfluss in der politischen Klasse. Dies erklärt, weshalb erstaunlich viele die Strapazen der Anreise zu den Wahlorten auf sich nahmen, in denen mit großer Häufigkeit Wahlen stattfanden, die oft einen ganzen Tag in Anspruch nahmen.40

Eine weitere Dimension der Einbindung in das Wahlverfahren ergab sich bei der Zusammensetzung der Wahlbüros. Ihre Mitglieder wurden zunächst von Richtern, später von Bürgermeistern, Schöffen und Gemeinderäten gestellt. Fanden sich aber in den Nebensektionen der Gemeinden auf diese Weise nicht genügend Wahlhelfer, so sah das Wahlgesetz ab 1857 vor, dass die höchstbesteuerten Stimmberechtigten, welche gegenwärtig sind und lesen und schreiben können, hinzugezogen würden. Mehrmals wurden so auch jüdische Männer zu Mitgliedern ← 162 | 163 → eines Wahlbüros. Diese Form der Beteiligung war per Gesetz festgelegt und zeigt, dass christliche und jüdische Wahlmänner gleichberechtigt waren.

Die politische Partizipation von Juden auf kommunaler Ebene muss in diesem Beitrag ausgeklammert bleiben; dort war der Zensus auf einen Steuerbetrag von mindestens fünf Franken festgelegt, so dass die Möglichkeiten zur politischen Teilhabe größer waren. Dennoch soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass ab den 1840er Jahren für einzelne Männer politische Aktivitäten in Gemeinderäten belegt sind. Abraham Cahen trat 1851 zwar letztlich erfolglos zu den Gemeindewahlen an.41 Samson Godchaux und nach ihm sein Neffe Paul waren dagegen jahrzehntelang Bürgermeister in Sandweiler bzw. Hamm,42 während Jules Godchaux von 1873 bis 1878 als Mitglied des Gemeinderats in Ettelbrück wirkte.43

6.  Jüdische Partizipation als statistisches Phänomen

Um ein vollständigeres Bild der Partizipation von Juden am politischen Leben auf der Landesebene zu erhalten, bietet sich ein Vergleich an zwischen den Detail­angaben der Volkszählung, und zwar für jene Jahre, für die die Listen überliefert sind, und den Listen der Wahlberechtigten sowie der kandidierenden bzw. gewählten ← 163 | 164 → Wahlmänner.44 Die Ebene der Wahlresultate konnte vernachlässigt werden, da erst 1927 mit Marcel Cahen ein jüdischer Abgeordneter in die Kammer einzog.45

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es überaus zahlreiche Wahlgänge. Zum allergrößten Teil handelte es sich dabei um Nachwahlen zur Besetzung freigewordener Mandate. Doch auch für die allgemeinen Wahlen wurden die elf, später dreizehn Wahlkantone des Landes meistens in zwei Serien aufgeteilt, die alternierend zu den Wahlen schritten. Allgemeine Wahlen, bei denen das gesamte Parlament erneuert wurde, fanden nach 1857 erst wieder 1915 statt. Eine weitere Schwierigkeit beim Vergleich der Listen der Wahlmänner mit den Angaben aus den Volkszählungen ist in der Tatsache begründet, dass letztere nicht zeitgleich und in demselben Rhythmus wie die Kammer- oder die Kommunalwahlen stattfanden. Deshalb gestaltet sich der Versuch, die Angaben aus der Volkszählung mit den Wählerlisten zu vergleichen, als recht schwierig.

Die folgende Liste zeigt ausschließlich jene jüdischen Wähler, die auf der Liste der Volkszählung von 1864 aufgeführt sind. Die angegebenen Zahlen sind also lediglich als ein Minimum zu betrachten (Tab. 1). ← 164 | 165 →

Tab. 146

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Es waren auch nur für zwei Wahlen komplette Wählerlisten ausfindig zu machen, nämlich für die Jahre 1857 und 1881. Ansonsten handelte es sich um Teilwahlen oder die Wählerlisten liegen nicht vollständig vor.47

Trotzdem bieten diese Listen aufschlussreiche Einblicke in die Wahlbeteiligung jüdischer Männer. So waren bei den Wahlen von 1857, also nach dem Staatsstreich Wilhelms III. von 1856, die nach dem indirekten Zensuswahlrecht mit zwei Kategorien von Wählern (Distriktswähler und Kantonswähler) durchgeführt wurden, jüdische Männer vorwiegend unter den Distriktswählern zu finden. Distriktswähler hatten jedoch über 125 Franken an Steuern zu bezahlen, eine hohe Summe, die in Luxemburg nur ein paar hundert Männer entrichteten. ← 166 | 167 →

Tab. 248

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Hier machten die jüdischen Wähler 1,1 Prozent aus, eindeutig mehr als der jüdische Anteil an der Gesamtbevölkerung.49 Dagegen befand sich unter den Kantonswählern, die schon ab 10 Franken Steuerleistung wahlberechtigt waren, mit Samson Godchaux nur ein jüdischer Wähler, der dazu noch von seinem Recht Gebrauch machte, gleichzeitig auch als Distriktswähler aufzutreten. Zu den Gründen für diese Abwesenheit der jüdischen Wahlberechtigten bei Kantonalwahlen ist wenig bekannt. Möglicherweise spielte hier das soziale Gefälle zwischen reichen und armen jüdischen Bürgern eine Rolle, bzw. verweist der Befund auf das unterschiedlich ausgeprägte Interesse an politischer Partizipation auf Seiten der verschiedenen sozialen Schichten innerhalb der jüdischen Bevölkerung. Ebenso ist es denkbar, dass kulturelle Barrieren zwischen Juden und Nicht-Juden die Partizipation verhindert haben, die zwischen wohlhabenden Bürgern weniger stark waren. Hier ist jedenfalls eine Differenz zum Verhalten christlicher Männer festzustellen, die auch bei niedrigerem Zensus von ihrem Wahlrecht Gebrauch machten. Zugleich wird erneut deutlich, dass Godchaux als Kandidat auf die Unterstützung christlicher Wähler angewiesen war, die ihm aber nur bis zu einer gewissen Ebene gewährt wurde.

Zwei Jahrzehnte später, bei den Wahlen von 1881, hatte sich das Bild zumindest hinsichtlich der Wahlberechtigten etwas geändert. Seit 1860 galt bereits ein einheitlicher Zensus von 30 Franken, und aus dem indirekten wurde ein direktes Zensuswahlrecht. Das Wahlgesetz von 1879 bestimmte jedoch, dass die Wirtshaussteuer, die Pferdesteuer und die Patentsteuer auf die Kolportage und auf die Ausübung der Wandergewerbe bei der Errechnung des Zensus nicht mehr miteinbezogen werden durften.50 Die Einschränkung traf jüdische Männer wohl ganz besonders stark. In absoluten Zahlen waren sie 1881 dennoch weit stärker vertreten, was als Zeichen eines gestiegenen bzw. breiter gestreuten Wohlstands verstanden werden kann.51 Der Anteil der Juden an der Gesamtzahl der Wahlberechtigten lag damit bei 0,3 Prozent; dies entsprach in etwa dem Anteil der jüdischen Glaubensangehörigen an der Gesamtbevölkerung. Die durch den vereinheitlichten Zensus größer gewordene Zahl wahlberechtigter jüdischer Männer führte jedoch nicht unbedingt zu deren gesteigerter Teilnahme an Wahlen: Auch in jüdischen Kreisen machten vor allem wohlhabende Bürger von ihrem Wahlrecht Gebrauch. ← 168 | 169 →

Insgesamt blieb die aktive Teilnahme jüdischer Männer am Wahlprozess gering. Einige Ausnahmen stechen aber hervor: Neben Samson Godchaux, der an allen Wahlgängen teilnahm, besuchten auch sein Bruder Guetschlik Godchaux sowie etwas später der Händler Israel Clement aus Ettelbrück häufiger die Wahlversammlungen. Samson Godchaux wurde 1872 von seinem Sohn Louis und seinem Neffen Paul begleitet.

Nicht nur die Ansiedlung jüdischer Familien, sondern auch die Partizipation jüdischer Männer war ein urbanes Phänomen (vgl. Abb. 2).52

Abb. 2:  Vergleich der jüdischen Ansiedlung mit der Verteilung wahlberechtigter jüdischer Männer nach Gemeinden.53

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Während in den drei ländlichen Nordkantonen (Wiltz, Clerf und Vianden) laut Volkszählung von 1864 überhaupt keine jüdischen Glaubensangehörigen angesiedelt waren,54 fanden sich unter den im übrigen Land lebenden jüdischen Glaubensangehörigen Wahlberechtigte zunächst nur in Luxemburg-Stadt und ihrem Vorort Hamm (mit Schleifmühl). In den 1860er Jahren kamen auch Juden aus Diekirch und Ettelbrück sowie der Ortschaft Larochette hinzu. 1881 schließlich finden wir die gleichen Orte wieder, in denen nun aber die Zahl der wahlberechtigten Juden jeweils gestiegen war. Die betreffenden Männer waren meistens Händler und Industrielle. Damit unterschieden sie sich nicht wesentlich von den christlichen Wahlberechtigten; zu letzteren kamen aber vor allem noch die Berufsgruppen der Bauern, Rentiers und öffentlichen Beamten hinzu. Die einzelnen jüdischen Männer, die über das Land verstreut in kleinen Gemeinden lebten, traten dagegen nicht hervor. Sie erreichten wohl nicht die erforderliche Zensushöhe oder waren nicht im Besitz der Luxemburger Staatsbürgerschaft.

7.  Vergleich und Bilanz

Für Männer wie Samson Godchaux war das politische Engagement nicht nur ein Teil ihrer wirtschaftlichen Gesamtstrategie, sondern auch ihres bürgerlichen Selbstverständnisses: Godchaux war neben seiner politischen Aktivität auch in zahlreichen Vereinen Mitglied – etwa im Bürger-Casino oder im Schützen­verein – und besaß einen Jagdschein.55 1870 finden wir seinen Namen unter den Organisatoren einer patriotischen Kundgebung. Zugleich war er aber auch Mitglied und ab 1852 Präsident des jüdischen Konsistoriums. Mit seinen Aktivitäten griff er nicht nur eine Praxis gesellschaftlicher Teilhabe auf, die einzelne jüdische Bürger schon vor der belgischen Revolution ausgezeichnet hatte,56 sondern demonstrierte auch seine Identifikation mit dem jungen Nationalstaat. Darüber hinaus zeigte er mit seiner Einbindung in soziale Netzwerke, dass wohlhabende jüdische Männer ← 170 | 171 → nach außen hin dem nicht-jüdischen Bürgertum mindestens ebenso intensiv zugewandt waren wie der insgesamt wirtschaftlich noch schwachen jüdischen Gemeinschaft.

In seinem Habitus passte sich Godchaux damit jenem der jüdischen Bürger in den Nachbarländern an. So schreibt Paula Hyman für Frankreich über die „Juifs d’État“: „Fully acculturated to French social patterns and values and fully integrated into state institutions, they nonetheless maintained strong ties of Jewish identity and association, despite their generally modest level of religious practice. With their seamless web of French culture and Jewish identity they incarnated the goal of French patriotism and Jewish particularity that had been expressed by the leadership of French Jewry from the era of emancipation. Their very existence proved the compatibility of French and Jewish loyalties that the motto of the central Consistory – Religion et Patrie – proclaimed.“57

Wenn wir politische Partizipation als Zeichen eines aktiven Bemühens um Teilhabe an der bürgerlichen politischen Kultur verstehen, setzte also in Luxemburg mit der formalen Unabhängigkeit und der schrittweise vollzogenen Herabsetzung des Zensus ein „Verbürgerlichungsprozess“ ein, in den auch jüdische Männer eingebunden waren.58 Dieser Indikator der „Verbürgerlichung“ blieb aber bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nur schwach ausgeprägt und machte sich vor allem in der liberalen Phase von Mitte des Jahrhunderts bemerkbar. Die Godchaux-Männer stellten mit ihrem recht erfolgreichen politischen Engagement in Luxemburg eher die Ausnahme als den Prototyp jüdischen Verhaltens dar.

Dies war in den Deutschland und Frankreich anders, wo das allgemeine Männerwahlrecht allerdings zu einem weit früheren Zeitpunkt als in Luxemburg eingeführt worden war.59 Schon kurz nach der Emanzipation waren in Frankreich jüdische Wähler und Mandatsträger zu finden, 1848 wurde mit Adolphe Crémieux ein Jude Justizminister. Auch in den deutschen Einzelstaaten entwickelte sich, trotz der weitaus konfliktreicheren und längeren Phase der rechtlichen Emanzipation, die erst mit großer Verspätung gegenüber Frankreich, Belgien, den ← 171 | 172 → Niederlanden oder Luxemburg abgeschlossen wurde, die politische Partizipation der (männlichen) Juden: Ab 1848 war in Deutschland eine politische Teilhabe zu verzeichnen, und bis 1881 stieg dort auch die Zahl der jüdischen Parlamentsabgeordneten und Stadtverordneten.60

Für Deutschland hat Barbara Vogel festgehalten: „In der historischen Entwicklung vollzogen sich die Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft und die Integration der Juden nicht nacheinander, sondern in gegenseitiger Beeinflussung. Die Juden traten nicht (nachträglich) in eine fertige bürgerliche Gesellschaft ein, sondern an deren Formierung beteiligte sich nicht nur die Mehrheit, sondern ebenfalls die Minderheit.“61 Das von ihr gezeichnete Bild kontrastiert mit der luxemburgischen Entwicklung, wo jüdische Männer erst mehrere Jahrzehnte nach der rechtlichen Emanzipation das Recht auf politische Mitbestimmung in die Tat umsetzten und dabei auf bereits gefestigte gesellschaftliche Strukturen stießen. Diese Verspätung erklärt sich zum Teil sicherlich dadurch, dass die erst Anfang des 19. Jahrhunderts neu entstandene jüdische Gemeinschaft in Luxemburg noch jung war und sich im Verlauf der Jahrzehnte erst konsolidierte. Zu erforschen wäre, inwieweit das ab 1841 restriktiver werdende Einbürgerungsrecht in Luxemburg sich von den Gesetzgebungen in den Nachbarländern unterschied und welche Auswirkungen es für die jüdische Minderheit als Immigrationsgemeinschaft besaß. Das Beispiel von Isaïe Lippmann deutet jedenfalls darauf hin, dass es der gestärkten jüdischen Motivation, Bürgerrechte auszuüben, entgegenstand.

Ebenso stellt sich die Frage, ob eine religiös bedingte Zurückhaltung jüdische politische Partizipation behinderte. Einerseits waren jüdische Männer, die am gesellschaftlichen Fortschritt teilhaben wollen, so Richers, „konfrontiert mit einer zwar im Umbruch begriffenen, aber noch dem Alten verhafteten Gesellschaft“.62 Andererseits bedeutete ihre Öffnung zur nicht-jüdischen Welt auch eine Infragestellung jüdischer Traditionen. Die jüdische Minderheit Luxemburgs rekrutierte sich zwar vorrangig aus traditionellen jüdischen ← 172 | 173 → Gemeinschaften Ostfrankreichs, doch wurde die offizielle jüdische Gemeinde von Männern geführt, die die jüdische Bereitschaft zur Integration in die Mehrheitsgesellschaft bekundeten.63

Der gegenüber den Nachbarländern verspätete Parteienbildungsprozess in Luxemburg, der erst ab dem Jahrhundertwechsel einsetzte, dürfte seinen Teil dazu beigetragen haben, dass es nicht zu einer Ermutigung jüdischer Männer von Seiten politischer Gruppierungen gekommen zu sein scheint. Doch bemerkt etwa Manfred Hettling auch für Deutschland: „[D]ie politische Vergemeinschaftung zwischen Juden und Nichtjuden im 19. Jahrhundert blieb, vorsichtig ausgedrückt, sehr partiell und fragil.“64

Zur geringen politische Partizipation von jüdischen Männern gesellte sich das Fehlen jüdischer Staatsbediensteter. Es ist frappierend, dass während des gesamten 19. Jahrhunderts im Kreis der orangistischen Notabeln, welche die König-Großherzoge sich heranzogen, wie auch generell im Staatsdienst jüdische Männer die absolute Ausnahme blieben.65 Die Entwicklung und rechtliche Ausgestaltung eines luxemburgischen Nationalstaats erfolgte zwar nicht wie in anderen Ländern unter formalem Ausschluss der Angehörigen der jüdischen Minderheit, ihr Zugang verwirklichte sich aber in der Praxis nicht.

Ganz ähnlich wie in den Nachbarländern fanden die individuellen Erfahrungen politischer Partizipation zudem vor dem Hintergrund eines sich verdichtenden gesellschaftlichen Antisemitismus statt. So sprach das Oppositionsblatt „Luxemburger Wort“ sich 1850 noch grundsätzlich gegen die politische Gleichstellung von Juden und Christen aus – die in Luxemburg bereits seit Jahrzehnten ← 173 | 174 → gesetzlich verankert war: Allerdings sehen wir eine Emancipation der Juden als einen Einbruch der Demoralisation und als eine große Gefahr für Ordnung, Gesetz und Frieden an. Die Juden sind ein fremdes, ausländisches Volk, das nach den Gesetzen seiner Religion nie und nimmer mit einem christlichen Volk in Eins verwachsen kann.66


1 Rürup, Reinhard, Der Liberalismus und die Emanzipation der Juden, in: Schaser, Angelika / Schüler-Springorum, Stefanie (Hg.), Der Liberalismus und die Emanzipation. In- und Exklusionsprozesse im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, Stuttgart 2010, S. 25–38, hier S. 34 (hier auch das Zitat aus dem Brockhaus von 1832) und S. 26.

2 Siehe etwa Goedert, Joseph, L’émancipation de la communauté israélite luxembourgeoise et l’administration du culte dans la première moitié du 19e siècle (1801–1855), in: Galerie 11/3 (1993), S. 345–384; Krier, Émile, Les juifs au Grand-Duché au XIXe siècle, in: Le choc des libertés. L’Église en Luxembourg de Pie VII à Léon XIII (1800–1880), Bastogne 2001, S. 119–128; Moyse, Laurent, Du rejet à l’intégration. Histoire des juifs du Luxembourg des origines à nos jours, Luxemburg 2011, S. 103–109 (Kapitel „Un apport significatif au pays“), 136–140 (Kapitel „Contributions politiques, économiques et sociales“), und 164–167 (Kapitel „Un député juif“); Schlesier, Stefanie, Bürger 2. Klasse? Die jüdische Landbevölkerung in Lothringen, Luxemburg und der Rheinprovinz im 19. Jahrhundert, Köln 2014.

3 Schlesier, Juden in Luxemburg (Anm. 2), S. 171–192, hier S.192; siehe auch: Dondelinger, Will, Jüdische Bevölkerung in Ettelbrück. Zum Gedenken an eine einst blühende Religionsgemeinschaft, Teil II, in: De Reider. Informatiounsblad vun der Gemeng Ettelbréck 24 (1998), S. 23–28, hier S. 27; Ders., Jüdische Bevölkerung in Ettelbrück, Teil III, in: De Reider 25 (1999), S. 24–37, hier S. 32.

4 Etwa Moyse, Du rejet à l’intégration (Anm. 2), S. 137f. Ebenfalls: Schlesier, Juden in Luxemburg (Anm. 2), S. 180–182, 188–189.

5 Archives de la Ville de Luxembourg, AVL, LU 11 – II – (1795–1814) 156, État des Juifs, 17.7.1806; Ergebnisse der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 nebst Ortsverzeichnis, Luxemburg 1911, S. 51.

6 Richers, Julia, Zeiten des Umbruchs und der Liminalität. Lebenswelten Budapester Juden im Vormärz, in: Lamprecht, Gerald / Ernst, Petra (Hg.), Konzeptionen des Jüdischen. Kollektive Entwürfe im Wandel (Schriften des Centrums für Jüdische Studien, 11), Innsbruck etc. 2009, S. 106–149, hier S. 108.

7 Richers, Zeiten des Umbruchs (Anm. 6), S. 110.

8 Zur Rolle der Statistik in der Regierungskunst, siehe: Foucault, Michel, Kritik des Regierens. Politische Schriften (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 1933), Berlin 2010, S. 110.

9 In der napoleonischen Zeit wurden sowohl allgemeine Bevölkerungszählungen vorgenommen, als auch spezifische Listen der jüdischen Glaubensangehörigen geführt. Wie das jährlich erscheinende „Exposé général sur la situation du Grand-Duché de Luxembourg“ zeigt, gab es von 1816 bis 1829 ebenfalls allgemeine Zählungen. Das Religionsbekenntnis wird aber nur im „Exposé“ für das Jahr 1828 erwähnt. Seit 1842 war Luxemburg als Mitglied des Zollvereins verpflichtet, an dessen statistischen Erhebungen teilzunehmen, die alle drei, ab 1875 alle fünf Jahre stattfanden. Ab 1855 wurde dabei auch nach dem Religionsbekenntnis gefragt. Michel, Harald, Volkszählungen in Deutschland. Die Erfassung des Bevölkerungsstandes von 1816 bis 1933, URL: http://www.ifad-berlin.de/wp-content/uploads/pub-volkszaehlungen-in-deutschland.pdf [Stand am 9.7.2016]. Auf dieser Basis verfügen wir für die Jahrgänge 1864–1910 der Volkszählung über Angaben zum Religionsbekenntnis. Es gab ebenfalls eine zunächst alle sechs Jahre stattfindende Zählung, die aus rein nationalen Beweggründen, für die Bestimmung der Zahl der Abgeordneten im Verhältnis zu den Kantonen, stattfand (Art. 43 der Verfassung von 1841). Hier wurde das Religionsbekenntnis nur anfangs und dazu noch unsystematisch ermittelt. So liegt etwa für 1847 eine Volkszählung vor, bei der das Religionsbekenntnis erhoben wurde. Allerdings fehlt im Nationalarchiv die mit Abstand wichtigste Zählung zu Luxemburg-Stadt, in der der allergrößte Teil der jüdischen Bevölkerung ansässig war. Die Volkszählung von 1847 war ebenfalls die erste, bei der auch nach der Nationalität gefragt wurde, siehe: Beschluß, wonach in Vollziehung des Artikels 43 des Wahl-Reglements vom 16. Oktober 1841 eine allgemeine Volkszählung am 31. Dezember 1847 vorgenommen werden soll, in: Verordnungs- und Verwaltungsblatt des Großherzogthums Luxemburg 71 (1847), S. 603–609, hier S. 608. Ab 1890 wurden beide Zählungen vereint. Siehe: Beschluß vom 11. Oktober 1890, welcher die Aufnahme einer allgemeinen Volkszählung im Großherzogthum am 1. Dezember 1890 anordnet, in: Memorial des Großherzogthums Luxemburg 53 (1890), S. 525.

10 Siehe etwa Trausch, Gilbert, Histoire du Luxembourg, Paris 1992, S. 62; Trausch, Gilbert, Les Luxembourgeois devant la Révolution française, in: Les relations franco-luxembourgeoises de Louis XIV à Robert Schuman / Actes du colloque de Luxembourg, 17–19 novembre 1977, Metz 1978, S. 83–117, hier S. 96–98, 110.

11 Siehe: Als, Nicolas / Philippart, Robert, La Chambre des Députés. Histoire et lieux de travail, Luxemburg 1994, S. 182. Das Buch gibt eine genauere Beschreibung der verschiedenen Wahlsysteme und einen guten Überblick über die Entwicklung der politischen Repräsentanz in Luxemburg (Kapitel 3).

12 Bourguet-Rouveyre, Josiane, La survivance d’un système électoral sous le Consulat et l’Empire, in: Annales historiques de la Révolution française 346 (= Les héritages républicains sous le Consulat et l’Empire) (2006), URL: http://ahrf.revues.org/7473, S. 7 [Stand am 9.7.2016].

13 Als / Philippart, La Chambre des Députés (Anm. 11), S. 183–184.

14 Calmes, Albert, Naissance et débuts du Grand-Duché. 1814–1830. Le Grand-Duché de Luxembourg dans le Royaume des Pays-Bas (Histoire Contemporaine du Grand-Duché de Luxembourg, Bd. 1), Luxemburg 1971 (Neudruck der Originalausgabe von 1930), S. 121–144.

15 Calmes, Albert, Le Grand-Duché de Luxembourg dans la Révolution Belge (Histoire Contemporaine du Grand-Duché de Luxembourg, Bd. 2), Brüssel 1939; Ders., La Restauration de Guillaume Ier, Roi des Pays-Bas (l’ère Hassenpflug) 1839–1840 (Histoire Contemporaine du Grand-Duché de Luxembourg, Bd. 3), Brüssel / Luxemburg 1947.

16 Calmes, Albert, La création d’un état (1841–1847) (Histoire Contemporaine du Grand-Duché de Luxembourg, Bd. 4), Luxemburg 1954; Franz, Norbert, Beitrag Luxemburg, in: Daum, Werner u. a. (Hg.), Handbuch der europäischen Verfassungsgeschichte im 19. Jahrhundert. Institutionen und Rechtspraxis im gesellschaftlichen Wandel. Bd. 2: 1815–1847, S. 543–573, der Beitrag für die Jahre bis 1871 ist im Druck. Vgl. die Texte der Verfassungen im Mémorial Législatif et Administratif du Grand-Duché de Lu­xembourg, Jg. 1841, 1841, 1848, 1856 und 1868.

17 Ergebnisse der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 nebst Ortschaftsverzeichnis (Publikationen der ständigen Kommission für Statistik, 36), Luxemburg 1911.

18 Gräfe, Thomas, Die politische Orientierung der Juden im deutschen Kaiserreich, München / Ravensburg 2007, S. 5.

19 Archives nationales du Luxembourg (ANLux), Section contemporaine, Ministères, administrations et institutions publiques, Ministère des Affaires étrangères (1732–1998), Affaires étrangères (1880–1940), Chambre des Députés, AE-168 Ville de Luxembourg: Liste des électeurs pour la Chambre des Députés de l’année 1881 – Listes alphabétiques des citoyens (Révision); Districts de Luxembourg, Diekirch et Grevenmacher (registres communaux). Die Listen wurden für jede Gemeinde angefertigt und enthielten für jeden Wahlberechtigten Angaben zu Namen, Beruf, Wohnort, Geburtsdatum und –ort sowie Steuerhöhe.

20 Siehe etwa Hyman, Paula E., The Jews of Modern France (Jewish Communities in the Modern World), Berkeley Los Angeles 1998, S. 50.

21 Christine Piette schätzt für 1809 den Anteil der Bourgeoisie an der jüdischen Gesamtbevölkerung in Paris auf 12 Prozent. Zit. nach Benbassa, Esther, Geschichte der Juden in Frankreich, Berlin /Wien 2002, S. 137. Zur neuen jüdischen Elite siehe Graetz, Michael, Les juifs en France au XIXe siècle de la Révolution française à l’Alliance israélite universelle, Paris 1989, S. 63–65.

22 ANLux, Fonds modernes, Régime français, Police générale, B-74 Insurrection de l’an VII (suite), Noms des citoyens juifs et de leurs femmes, 14.7.1806; État des juifs des deux sexes domiciliés dans la commune de Luxembourg, 1806; État des Familles juives établies à Luxembourg dép. des Forêts, 15.8.1810; État des Juifs avec leurs noms et prénoms des chefs de famille avec ceux de leurs enfans et l’époque qu’ils se sont établis à Luxembourg, 1814.

23 Einwohnerzählung vom 1.1.1806, nach: Franz, Norbert, Die Stadtgemeinde Luxemburg im Spannungsfeld politischer und wirtschaftlicher Umwälzungen (1760–1890). Von der Festungs- und Garnisonsstadt zur offenen multifunktionalen Stadt, Trier 2001, S. 270.

24 Bourguet-Rouveyre, Suvivance (Anm. 12), S. 4.

25 ANLux, Fonds moderne, Régime français (1795–1880), B-606 Luxembourg: Élections, 5094–5099: État des Cent plus imposés de la Commune de Luxembourg, 10 ventôse an 11 (1.3.1803); Etat nominatif des 54 contribuables les plus imposés de la Commune de Luxembourg [s.d.]; Liste des Cent plus fort contribuables de la commune de Lu­xembourg, 1812; Commune de Luxembourg, Liste nominative des individus de ladite commune, ayant droit d’être inscrits sur le registre Civique de l’arrondissement de Luxembourg dressée par le Maire, en exécution de l’article 2 titre premier du Décret impérial du 17 janvier 1806, 1.5.1806.

26 ANLux, B-606: Désignation des Votans qui sont venus déposer leurs bulletins dans la Section de Luxembourg Nr. 13 de l’Assemblée cantonale de Luxembourg, nord, Arrondissement de Luxembourg, Département des Forêts.

27 ANLux, Fonds modernes, Régime des Pays-Bas (1815–1839), Etats provinciaux, C-30: Elections pour le renouvellement des Etats, 1818–1819, Élections aux États du Grand-Duché pour l’an 1819. Ordre des Campagnes. Liste générale des individus imposés aux rôles des contributions directes, y non compris le droit de patente, dans le district d’Arlon, qui du chef desdites contributions, peuvent être nommées Électeurs à l’effet de choisir les Membres des États du Grand-Duché, pour l’ordre des campagnes en 1819; ebenda, 1820.

28 Seit 1879 wurde die Patentsteuer nicht mehr für die Rechnung des Zensus anerkannt, was sich als Ausschlusskriterium für die zahlreichen jüdischen Kleinhändler ausgewirkt haben könnte. Siehe: Gesetz vom 28. Mai 1879 über die Wahlen zur Deputiertenkammer, in: Memorial des Großherzogthums Luxemburg 42 (1879), S. 421–422,

29 Königlich-großherzogliche Verordnung vom 12.10.1841, Nr. 20, in Betreff der landständischen Verfassung für das Großherzogthum Luxemburg, in: Verordnungs- und Verwaltungsblatt des Großherzogthums Luxemburg 51 (1841), Art. 3, S. 425–436, hier S. 426; Reglement für die Wahl der Mitglieder der Stände des Großherzogthums Luxemburg, in: Verordnungs- und Verwaltungsblatt des Großherzogthums Luxemburg 51 (1841), S. 436–448. 1 Franken = 0,4725 Gulden, nach: Königlich-Großherzoglicher Beschluß, vom 20. August 1841, N° 17, in Betreff der Bestimmung des Werths des Franken in Niederländischer Münze, Art. 1, in: Verordnungs- und Verwaltungsblatt des Großherzogthums Luxemburg (1841), Nr. 34, S. 285–286, hier S. 285.

30 In der Revolutionszeit musste man u. a. in Frankreich geboren sein und mindestens ein Jahr auf französischem Territorium gelebt haben, um wahlberechtigt zu sein. Dies galt auch noch zur Zeit Napoleons. Siehe: Fleurigeon: Code administratif, ou Recueil par ordre alphabétique de matières, de toutes les lois nouvelles et anciennes, […] jusqu’au 1er janvier 1806 […], o. O. 1806, S. 700. In der niederländischen Zeit scheint das Kriterium der Nationalität keine wesentliche Rolle gespielt zu haben. Die Verfassung von 1816 präzisierte, dass das aktive Wahlrecht lokal geregelt werde, während das passive Wahlrecht zur Ständeversammlung im Prinzip nur den „Bewohnern“ der Niederlande zustehe. Constitution du Royaume des Pays-Bas et des Regnicoles: 1815. [S.l.] [1815], Article Premier, Par. 6–8.

31 Gesetz, die Naturalisation betreffend (vom 12. November 1848, Nr. 2), Art. 6, in: Verordnungs- und Verwaltungsblatt des Großherzogthums Luxemburg 97 (1848), S. 845–849, hier S. 847.

32 ANLux, Fonds modernes, Régime constitutionnel (1842–1856), Représentation nationale, G-339: Élections pour les États (2). Lippmann, Isaïe, Brief an Ignace de la Fontaine, 15.3.1845, und Reaktion vom 21.3.1845. Isaïe Lippmann scheint auf eine Einbürgerung verzichtet zu haben und später aus Luxemburg fortgezogen zu sein. Wir finden ihn 1858 als Antragsteller für ein Patent für eine Methode, die Färbetechnik von Lederhäuten zu verbessern, mit der Adresse Nr. 4, Rue Geoffrey, Saint Hilaire in Paris. Siehe: The London Gazette, 23.7.1858. In der „Luxemburger Zeitung“ vom 15.7.1921 heißt es über seinen Sohn Gabriel Lippmann, der soeben verstorbene Nobelpreisträger sei „1845 von französischen Eltern geboren“. Zit. nach: Pier, Jean-Paul / Massard, Joseph A. (Hg.), Gabriel Lippmann (1845–1921). Commémoration par la section des sciences naturelles, physiques et mathématiques de l’Institut grand-ducal de Luxembourg du 150e anniversaire du savant né au Luxembourg, lauréat du prix Nobel en 1908, Luxemburg 1997, S. 92.

33 Vgl. dazu Foucault, Kritik des Regierens (Anm. 8), S. 109–112; Bourguet-Rouveyre, Survivance (Anm. 12), S. 26.

34 Die erste Statistik zur Nationalität der jüdischen Glaubensangehörigen stammt aus der Volkszählung das Jahr 1905. Danach waren von 1210 521 Personen ausländischer Nationalität. Kohn, Johann Karl: Nationalité, origine et ménages. Les étrangers dans le Grand-Duché, (Publications de la Commission permanente de statistique, 13), Luxemburg 1907, S. 134. Von 1841 bis 1870 gab es 819 Naturalisationen, davon entfielen 12 (1,5%) auf jüdische Glaubensangehörige. Ruppert, Pierre, Table générale alphabétique et analytique des matières contenues au Mémorial du Grand-Duché de Luxembourg pour la période du 12 octobre 1830 au 31 décembre 1870, y compris les publications insérées au Mémorial d’Arlon depuis 1830 jusqu’à 1839, (Mémorial du Grand-Duché de Luxembourg), Luxemburg 1871, S. 170–177.

35 Königlich-Großherzoglicher Beschluß vom 18. März 1841, Nr. 8, in Betreff der Naturalisation der im Auslande geborenen Staatsdiener, in: Verordnungs- und Verwaltungsblatt des Großherzogthums Luxemburg 19 (1841), S. 117–118.

36 ANLux, Fonds modernes, Régime constitutionnel (1842–1856), Représentation nationale, G 339 Élections pour les États 1844–1848, Generalliste, in alphabetischer Ordnung, der Personen, welche im Kanton Luxemburg zu Wahlmännern ernannt werden können.

37 Landständische Verfassung für das Groß-Herzogthum Luxemburg, Art. 13.

38 ANLux, Fonds modernes, Régime constitutionnel (1842–1856), Représentation natio­nale, G-339: Élections pour les États (2).

39 1858 gaben von 54 möglichen Wählern in Sandweiler nur 27 ihre Stimme ab, diese aber sämtlich für Bürgermeister Godchaux.1860 versuchte er sein Glück erneut und erhielt wieder alle Stimmen der 21 anwesenden Wähler (von 55 theoretisch möglichen).

40 Thomas Gräfe verweist für Deutschland auf die trotz des beschränkten Einflusses des Reichstags und des eingeschränkten Wahlrechts hohe Wahlbeteiligung. Siehe: Gräfe, Politische Orientierung (Anm. 18), S. 3. In Luxemburg dagegen war der politische Handlungsspielraum des Parlaments ab 1848 bereits ausgedehnter.

41 Abraham Cahen wird ebenfalls in einer in abschätzigem Grundton verfassten Notiz zum „élément juif“ in der Freimaurerloge erwähnt: L’initiation à la loge fut suivie de l’entrée dans la vie publique. Surtout après 1848, les juifs n’hésitèrent plus à se mettre en évidence. En 1848, le rabbin Hirsch rédigea une feuille ultra-révolutionnaire: „Der Grenzbote“. En 1851, Abraham Cahen se présenta sans succès aux élections communales de Luxembourg. Calmes, Naissance et débuts (Anm. 14), S. 170f.

42 Emile Krier hat, wenn auch auf beschwichtigende Weise, die konfliktreiche Geschichte von Samson Godchaux’ Amtszeit als Bürgermeister von Sandweiler geschildert, der sich antisemitischen Ressentiments in Teilen der Bevölkerung ausgesetzt sah. In diesen Konflikten trat der Großherzog nicht als Förderer des Gleichheitsprinzips hervor. Immerhin war der Einfluss der Familie Godchaux auf die politischen Machthaber so groß, dass die Sektion Hamm, in der ihr Industrieanwesen lag und ihre Arbeiter angesiedelt waren, aus Sandweiler ausgegliedert und 1873 zu einer eigenständigen Gemeinde erhoben wurde. Krier, Juifs (Anm. 2), S. 124; Vgl. Bange, Eva, Die Schleifmühle im Spiegel der Stadtarchive. Analyse der Quellen, in: Schneider, Klaus / Nottrot, Jan (Hg.), Schläifmillen. Geschichte und Gegenwart, Luxemburg 2008 (20071), S. 63–72, hier S. 64.

43 Dondelinger, Jüdische Bevölkerung, Teil II (Anm. 3).

44 Bislang konnten lediglich für die Volkszählung von 1864 die für das Religionsbekenntnis gemachten Angaben ausgewertet werden. Auch die Volkszählungen von 1851 und 1867 würden sich noch für eine Auswertung anbieten, da auch hier jeweils die verschiedenen Religionsbekenntnisse in unterschiedlichen Kolonnen angekreuzt wurden und so die manchmal schwierige Entzifferung der Handschriften entfällt. Das gilt jedoch nicht für Volkszählungen wie jene von 1861 oder 1875, die sich aus Gründen der Unleserlichkeit für eine statistische Auswertung kaum eignen.

45 Siehe etwa: Moyse, Rejet (Anm. 2), S. 164–167.

46 ANLux, Rpop 544–546 Recensements de la population, dépouillement, 1864; ANLux, H 11 Renouvellements périodiques et élections partielles (1857–1860), Nomination des électeurs de canton; ANLux, CdD 765 Prüfung der Protokolle der Wahlen der Abgeordnetenkammer, 1869; ANLux, AE 168 Ville de Luxembourg: Liste des électeurs pour la Chambre des Députés de l’année 1881 – Listes alphabétiques des citoyens (Révision), Districts de Luxembourg, Diekirch et Grevenmacher; (registres communaux).

47 Daneben gab es zur Zeit des indirekten Wahlrechts auch die Listen der Wahlberechtigten, der am Wahltag gegenwärtigen Wähler, der von ihnen gewählten Wahlmänner sowie derjenigen Wahlmänner, die sich an der Wahl der Abgeordneten aktiv oder passiv beteiligten. Leider verfügen wir für die betreffenden Wahlen nicht über die Listen der Wahlberechtigten, sondern nur über jene der gewählten und der wählenden Wahlmänner. Vorhanden sind auch die Listen derjenigen, die sich als Kandidaten für die Wahl als Abgeordnete aufstellen ließen.

48 ANLux, H 11 Renouvellements périodiques et élections partielles (1857–1860), Liste nominative des électeurs de district d’après les listes électorales de 1857; Beschluß, wodurch die Listen der Cantonswähler veröffentlicht werden, in: Memorial des Großherzogthums Luxemburg, Zweiter Theil, 22.7.1857, Nr. 40, S. 333–345.

49 Die zeitlich nächstliegende Volkszählung von 1867 ergab 0,28 Prozent.

50 Gesetz vom 28. Mai 1879 über die Wahlen zur Abgeordnetenkammer, Art. 2.

51 Welche Auswirkungen der Krieg von 1870/71 auf die jüdische Bevölkerung in Luxemburg und damit auf ihre Wahlpopulation besessen hat, bedarf weiterer Untersuchungen. Während der Umfang der jüdischen Bevölkerung zunächst leicht zurückging, stieg er in den 1880er Jahren deutlich an. Die alteingesessenen jüdischen Familien scheinen größtenteils in Luxemburg verblieben zu sein.

52 Ähnlich wie in Deutschland. Vgl.: Gräfe, Politische Orientierung (Anm. 18), S. 5.

53 Arrêté portant publication de la liste des électeurs de canton (Mémorial 22.7.1857, Zweiter Theil, n° 40); ANLux, G 950–02 Recensement de la population 1864; H 11 Renouvellements périodiques et élections partielles (1857–1860); H 12 Renouvellements périodiques et élections partielles 1861–1874; AE 168 Ville de Luxembourg: Liste des électeurs pour la Chambre des Députés de l’année 1881 – Listes alphabétiques des citoyens (Révision); Districts de Luxembourg, Diekirch et Grevenmacher (registres communaux).

54 Erst in der Volkszählung von 1905 wurde eine Ansiedlung im Kanton Wiltz angegeben. Allgemeine Volkszählung im Großherzogthum Luxemburg, aufgestellt am 1. Dezember 1905, in: Memorial des Großherzothums Luxemburg, Annexe au N° 9 de 1905, S. 70.

55 Im liberalen Kleinbürgertum und in der Arbeiterschaft etablierte sich diese Form gesellschaftlicher Partizipation erst für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und der Einführung des allgemeinen Wahlrechts, auch wenn es einzelne Ausnahmen schon im 19. Jahrhundert gab. Siehe: Dondelinger, Jüdische Bevölkerung, Teil II (Anm. 3), S. 28.

56 Mehrere Beispiele bei Jungblut, Marie Paule, „Der Cercle Littéraire“. Auf der Suche nach einer frühbürgerlichen Identität, in: Hémecht 47/1 (1995), S. 107–133.

57 Hyman, The Jews of Modern France (Anm. 20), S. 94–95.

58 Hettling, Manfred, „Verbürgerlichung“ und „Bürgerlichkeit“. Möglichkeiten und Grenzen für die deutschen Juden im 19. Jahrhundert, in: Schaser / Schüler-Springorum (Hg.), Liberalismus und Emanzipation (Anm. 1), S. 177–198, hier S. 181.

59 In Frankreich wurde das allgemeine Männerwahlrecht 1848 eingeführt, in Deutschland 1869/71. Schmidt, Manfred G: Demokratietheorien: Eine Einführung, Wiesbaden 2010, S. 371. In Luxemburg wurde der Zensus erst im Rahmen der Einführung des allgemeinen Wahlrechts 1919 abgeschafft.

60 Schaser, Angelika / Schüler-Springorium, Stephanie, Einleitung. Liberalismus und Emanzipation. In- und Exklusionsprozesse im deutschen Liberalismus, in: Dies. (Hg.), Liberalismus und Emanzipation (Anm. 1), S. 9–24, hier S. 20. Ob sich in Luxemburg, ähnlich wie in Frankreich und Deutschland, jüdische Männer am revolutionären Aufbruch von 1848 beteiligten, bedarf weiterer Untersuchungen.

61 Vogel, Barbara, Inklusion und Exklusion von Frauen. Überlegungen zum liberalen Emanzipationsprojekt im Kaiserreich, in: Schaser / Schüler-Springorum (Hg.), Liberalismus und Emanzipation (Anm. 1), S. 203–204.

62 Richers, Zeiten des Umbruchs (wie Anm. 6), S. 124.

63 Vgl. zur dieser Frage, am Beispiel der Schulbildung, Wagener, Renée, Le rôle de l’école publique dans la participation sociétale des membres de la communauté juive au XIXe siècle, in: Wagener, Renée / Fuchshuber, Thorsten (Hg.), Émancipation, Éclosion, Persécution. Le développement de la communauté juive luxembourgeoise de la Révolution française à la 2e Guerre mondiale, Brüssel 2014, S. 57–88.

64 Hettling, Manfred, „Verbürgerlichung“ und „Bürgerlichkeit“. Möglichkeiten und Grenzen für die deutschen Juden im 19. Jahrhundert, in: Schaser / Schüler-Springorum (Hg.), Liberalismus und Emanzipation (Anm. 1), S. 177–198, hier S. 182.

65 Für das Notabeln-System Wilhelms I., siehe Calmes, Naissance et débuts (Anm. 14), S. 151f. Auch im Deutschen Reich war der Anteil jüdischer höherer Beamter gering. Siehe: Gräfe, Politische Orientierung (Anm. 18), S. 21. Bislang bekannt sind nur die Namen von Léo Lippmann, Generalkonsul des Großherzogtums für die Niederlande unter Wilhelm II., und Cerf Godchaux, der während der belgischen Zeit zwei Jahre lang Friedensrichter in Diekirch war, bevor er sich endgültig in Belgien niederließ. Siehe Moyse, Rejet (Anm. 2), S. 108; Schlesier, Juden in Luxemburg (Anm. 2), S. 182–183.

66 Luxemburger Wort, 1.3.1850, S. 3, zit. nach Fuchshuber, Thorsten, „One always panders to the basest hatred of Jews.” Samuel Hirsch, Der Volksfreund, and Luxemburger Wort’s campaign against secularization and Jewish emancipation 1848–50, in: Fuchshuber, Thorsten / Frishman, Judith / Wiese, Christian (Hg.), Samuel Hirsch, Religionsphilosoph, Emanzipationsverfechter und radikaler Reformer. Jüdische Identität im 19. Jahrhundert am Beispiel von Werk und Wirkung des ersten Oberrabbiners Luxemburgs (Arbeitstitel), Luxemburg [in Vorbereitung].