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Identitätsbildung und Partizipation im 19. und 20. Jahrhundert

Luxemburg im europäischen Kontext

Series:

Edited By Norbert Franz, Thorsten Fuchshuber, Sonja Kmec, Jean-Paul Lehners and Renée Wagener

Gesellschaften mit starker Einwanderung kennzeichnen vielfältige Formen von Identitätsbildung und das Ringen um politische und zivilgesellschaftliche Partizipation. Dies gilt in besonderer Weise für Luxemburg im 19. und 20. Jahrhundert. Hier entstand in einem Kleinstaat eine der jüngeren Nationen Europas und zugleich eine besonders offene, plurikulturelle Einwanderungsgesellschaft. Ziel dieses Bandes ist es, die Entstehung dieser Mehr-Kulturen-Gesellschaft im europäischen Zusammenhang zu verstehen. Die einzelnen Beiträge analysieren mit Hilfe unterschiedlicher sozial- und kulturwissenschaftlicher Annäherungen exemplarische Konfliktlinien der Identitätsbildung und des Kampfes um Partizipation.

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Das „Regieren der Bevölkerung“: Die Problematisierung der Prostitution in Luxemburg um 1900 aus einer intersektionalen Perspektive (Heike Mauer)

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Heike Mauer

Das „Regieren der Bevölkerung“: Die Problematisierung der Prostitution in Luxemburg um 1900 aus einer intersektionalen Perspektive

1.  Einleitung

Der vorliegende Beitrag untersucht die Auseinandersetzung um Prostitution in Luxemburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts und zeigt auf, inwieweit dies mit Partizipations- und Identitätsbildungsprozessen zusammenhängt. Theoretisch gerahmt wird diese Analyse der Prostitutionsverhältnisse indem die die geschlechtertheoretische Diskussion um Intersektionalität mit den Überlegungen Foucaults zur Gouvernementalität und dem „Regieren der Bevölkerung“ verbunden wird.

Bislang ist die um die Wende zum 20. Jahrhundert auch in Luxemburg einsetzende Problematisierung der Prostitution in Politik und Gesellschaft noch nicht systematisch erfasst worden.1 Insofern betritt dieser Aufsatz Forschungsneuland und kann im gegebenen Rahmen das Forschungsfeld lediglich vorläufig umreißen. Dabei stütze ich mich primär auf die im Luxemburger Nationalarchiv überlieferten Quellen der Justiz- und Polizeibehörden. Darin finden sich u. a. auch Hinweise auf die zivilgesellschaftliche Debatte in Form von Ausschnitten aus Tages- und Vereinszeitungen, in denen die bestehende Gesetzgebung kritisiert und Neuregelungsbedarf konstatiert wurde. Zusätzlich fließen parlamentarische Debatten und Artikel aus der Zeitung „Volkswohl“ in die Analyse ein.

Wie in vielen anderen Staaten um 1900 wird die Prostitution auch in Luxemburg im Kontext der Entstehung einer breiteren Sittlichkeits- und Mäßigkeitsbewegung problematisiert, die auch gegen den Alkoholismus kämpfte und allgemein für Moralität eintrat. So wurde im Großherzogtum 1898 im Umfeld der katholischen Eliten der „Verein gegen den Missbrauch der geistigen Getränke“ ins Leben gerufen, der die Mitgliederzeitschrift „Volkswohl“ publizierte. Dessen Kampf gegen den Alkohol ← 383 | 384 → wurde durch ein regelrechtes Netz von Assoziationen flankiert, die sich dem Sparen, dem Mädchenschutz, der Lehrerbildung oder der gesunden Ernährung (z. B. in Form von Wanderkochschulen) widmeten.2 Neben der Prostitutionsbekämpfung im engeren Sinne gehörte zum sogenannten „Mädchenschutz“ auch die Sorge um die Moral der Dienstmädchen.3 Bereits 1872 wurde der „Verein für christliche Dienstmädchen“, der sogenannte Zitaverein, mit dem Ziel gegründet, junge und unerfahrene Mädchen vom Land vor den „Gefahren der Stadt“ zu bewahren. Dazu förderte der Verein einen christlichen Lebenswandel seiner Mitglieder und gab alltägliche Hilfestellungen, die auch Nicht-Mitglieder in Anspruch nehmen konnten: So stand den Dienstmädchen bei Arbeitslosigkeit oder Krankheit ein Vereinswohnheim zur Verfügung. Außerdem unterhielt der Zitaverein eine kostenlose Stellenvermittlung, die sich gleichermaßen an seriöse Haushalte und Dienstmädchen richtete.4 Dies kann als wichtiges Instrument gegen die kommerziellen Stellenvermittlungsbüros gelten, die für den „Mädchenhandel“ mitverantwortlich gemacht wurden.5 Auch wurden Dienstmädchen, welche in Cafés und Wirtshäusern beschäftigt waren, regelmäßig von den Behörden verdächtigt, illegal als Kellnerinnen zu arbeiten und sich dabei zu prostituieren.6

Dies ist ein erster Hinweis darauf, dass die Auseinandersetzung mit Prostitution nicht nur staatlicherseits erfolgte, sondern gerade auch zivilgesellschaftliche Initiativen – und, wie sich zeigen wird, insbesondere auch Frauen – an der Pro­blemdefinition und -behebung teilhatten. ← 384 | 385 →

Allerdings wurde die Prostitution nicht allein als moralische Gefahr sondern auch als ein Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung angesehen. So kritisierte der zuständige Medizin-Inspektor der Stadt Luxemburg, Dr. Alesch, im Gesundheitsbericht des Collège Medical7 für das Jahr 1907: Ich konstatiere in den letzten Jahren eine bedeutende Zunahme der venerischen Erkrankungen. So notwendig die Bestimmungen über Gesundheitsschutz der Kinder […] sind, […] so finde ich auch notwendige Arbeit, durch Reglementierung der Prostitution der Zunahme der venerischen Erkrankungen vorzubeugen, da ausser der Schädigung des Krankheitsträgers bei unvollständiger Heilung auch seine Nachkommen physisch und psychisch belastet werden. Ueber der Quantität darf man die Qualität der Menschen nicht vergessen.8

Dem Untersuchungsgegenstand nähere ich mich aus einer intersektionalen Perspektive, die davon ausgeht, dass sich eine historische Analyse der Auseinandersetzung um Prostitution in Luxemburg nicht auf die Analysekategorie Geschlecht beschränken sollte, sondern auch Prozesse der Konstruktion von Fremdheit und Zugehörigkeit – also nationale Identitätsbildung – sowie ökonomische Verhältnisse untersuchen muss. Dazu arbeite ich in einem theoretischen Teil (2) die intersektionale Perspektive genauer heraus und erläutere (3), wie sich diese mit Foucaults Überlegungen zum Regieren verbinden lässt. Die „Regierung der Bevölkerung“ klingt in der oben zitierten Formulierung des Gesundheitsinspektors bereits an. Die Sorge um die „Qualität der Menschen“ impliziert eine Verklammerung der nationalen Gesundheitsfürsorge mit eugenischem Gedankengut, während der Vergleich zwischen Masse und Klasse zugleich auf eine ökonomische Rationalität hindeutet. Wie sich die Problematisierung der Prostitution als intersektionale Regierung der Bevölkerung genau verstehen lässt, werde ich in der historischen Fallstudie (4) genauer darlegen. Dazu erläutere ich zunächst den Kontext: Wie waren die gesetzlichen Regelungen der Prostitution konkret beschaffen? Wie wurden diese umgesetzt? Was genau wird an der Prostitution problematisiert? Dabei möchte ich aus der skizzierten intersektionalen Perspektive gezielt danach fragen, welche Vorstellungen von Geschlechterverhältnissen, von Fremdheits- und Zugehörigkeitskonstruktionen sowie von ökonomischen Verhältnissen in diese Problematisierung einfließen. Zugleich stelle ich aus der ← 385 | 386 → gouvernementalen Perspektive die Frage, welche Akteure in das Handlungsfeld involviert waren und welche Formen des „Regierens der Bevölkerung“ sie als ‚Antwort‘ auf das ‚Pro­blem‘ der Prostitution formulierten. Schließlich formuliere ich ein abschließendes Fazit (5).

2.  Intersektionalität und Gouvernementalität

2.1  Von der Frauengeschichte über die Gender-Studies zur Intersektionalität

Seit den 1970er Jahren entwickelte sich in der Geschichtswissenschaft das feministisch inspirierte Forschungsfeld „Frauengeschichte“, dessen Entstehung maßgeblich der „Neuen Frauenbewegung“ zu verdanken ist. Eines ihrer maßgeblichsten Ziele war die Sichtbarmachung von Frauen in der Geschichte. Inzwischen gilt die Frauengeschichte als additive und kompensatorische Geschichtsschreibung, da bestehende Erzählungen über ‚große Männer’ durch die Rekonstruktion des Lebenswerkes ‚großer Frauen’ ergänzt und die spezifischen Beiträge von Frauen für bestimmte historische Ereigniszusammenhänge herausgearbeitet wurden.9 Außerdem leistete die frühe feministische Geschichtsforschung eine Kritik der Historiographie: Die historische Frauenforschung erbrachte den Nachweis, dass eine strukturell androzentrische Geschichtsschreibung als allgemeine Geschichte ausgegeben wurde, und arbeitete deren spezifisch männliche Perspektive heraus.10 Zunehmend etablierte sich der Begriff der „Geschlechtergeschichte“, um zu unterstreichen, dass die Geschichte von „Frauen“ durch deren Verhältnisse zu „Männern“ maßgeblich mitbestimmt wird. Im Zuge dieses Wandels entwickelten sich Reflexionen über das Verhältnis zwischen „Geschlechtergeschichte und allgemeiner Geschichte“ sowie eine eigenständige Forschung zu historischen „Männlichkeiten“.11

So argumentierte Joan Scott für Geschlecht (gender) als wichtige Analysekategorie der Geschichtswissenschaft. Sie definiert Geschlecht (gender) als konstitutives Element aller sozialen Beziehungen, das auf wahrgenommenen Unterschieden ← 386 | 387 → zwischen den Geschlechtern („perceived differences between the sexes“) basiert. Zugleich stellt „Geschlecht“ (gender) eine grundlegende Form zur Bezeichnung von Machtbeziehungen dar.12 Die Unterscheidung zwischen sex als biologischem und gender als sozialem Geschlecht, die auch Scott noch vornimmt, wird allerdings seit Ende der 1980er Jahre durch die Geschlechterforschung zunehmend problematisiert. Zum zentralen Untersuchungsgegenstand wurden nun die gesellschaftlichen, institutionellen, diskursiven, politischen, rechtlichen, historischen, sozialen und alltagsweltlichen Prozesse und Praktiken, welche die Genusgruppen (also ‚die‘ Männer und ‚die‘ Frauen) in ihrer vermeintlich natürlichen Binarität und Komplementarität (der sogenannten ‚Heteronormativität‘)13 überhaupt erst konstruieren. Der Begriff Intersektionalität drückt in diesem Kontext aus, dass Vergeschlechtlichung mit anderen gesellschaftlichen Relationen, wie etwa Ethnizität oder ökonomischen Verhältnissen, verschränkt ist. Damit richtet sich Intersektionalität gegen die Vorstellung, Körper oder Subjekte allein als geschlechtlich zu denken, und nicht als zugleich rassifiziert, einer bestimmten sozialen Position zugehörig oder bezüglich ihrer körperlichen Verfassung normiert. Auch gesellschaftliche Strukturen, wie etwa „die Geschlechterordnung“ oder „der Kapitalismus“, können nicht voneinander isoliert betrachtet werden. Intersektionale Ansätze plädieren dafür, die Wechselwirkungen zu analysieren, wie sie zwischen hierarchischen Geschlechterordnungen, kapitalistischen Verhältnissen oder nationalen Zugehörigkeiten entstehen: Inwiefern stabilisieren sie sich gegenseitig, inwiefern modifizieren sie sich, inwiefern unterscheiden sie sich voneinander? ← 387 | 388 →

2.2  Intersektionalität – Herkunft und Konzepte

Der englische Begriff intersectionality wurde Ende der 1990er Jahre von der US-amerikanischen Juristin Kimberlé Crenshaw entwickelt.14

Theoretisch zu verorten ist Intersektionalität innerhalb der „Critical Race Theory“15 und besonders in der Tradition des Schwarzen Feminismus,16 der sich seit Ende der 1970er Jahren in den USA entwickelte. Dessen Kernelemente sind die Verbindungen zwischen Theorie und politischer Praxis sowie zwischen verschiedenen Unterdrückungsformen. So erklärte etwa das Combahee River Collective in seinem „Black Feminist Statement“ aus dem Jahr 1977: The most general statement of our politics at the present time would be that we are actively committed to struggling against racial, sexual, heterosexual, and class oppression and see as our particular task the development of integrated analysis and practice based upon the fact that the major systems of oppression are interlocking.17

Die Problematisierung solcher Verwobenheiten reicht historisch aber durchaus weiter zurück. Mitte des 19. Jahrhunderts verband die Abolitionistin Sojourner Truth ihren Kampf gegen die Sklaverei mit der Forderung nach Frauenrechten. Ihre Rede „Ain’t I a woman?“ unterstreicht ihre besondere Position als schwarze Frau, die sie von weißen Frauen radikal unterschied.18 Seit Mitte der 1990er Jahre greift auch die europäische Geschlechterforschung auf den Begriff der Intersektionalität zurück. Inzwischen ist der Forschungsansatz fest in den Gender Studies ← 388 | 389 → verankert und wird seit einigen Jahren gar als neues Paradigma gehandelt.19 Allerdings werden neben dem Schwarzen Feminismus in der deutschsprachigen Rezeption auch die Überlegungen der proletarischen und der neuen Frauenbewegung zum Verhältnis von Kapitalismus und Patriarchat sowie die diversen Einsprüche etwa von Migrantinnen, Behinderten und Jüdinnen gegenüber dem ‚Mainstream’ der Frauenbewegung in (West-)Deutschland als wichtige Vorläufer der gegenwärtigen Debatten genannt.20

Trotz der historischen, politischen und theoretischen Vorläufer dessen, was heute unter dem Begriff Intersektionalität verhandelt wird, blendeten Genderforschung und Frauenbewegung die Frage nach den Verwobenheiten von Machtdifferenzen, die u. a. soziale und politische Ungleichheit erzeugen, häufig aus. Mit der Betonung eines universalen und zeitlosen Patriarchats wurden nicht nur Unterschiede, sondern gerade auch Hierarchien zwischen Frauen21 bewusst negiert und unsichtbar gemacht. Es waren solche verkürzenden Generalisierungen von Seiten privilegierter Frauen mit ihrer partiellen Perspektive, die allein patriarchale Herrschaftsstrukturen kritisierten, welche die oben erwähnten Einsprüche und einen „intersectional turn“ überhaupt erst nötig machten.22 ← 389 | 390 →

2.3  Forschungsperspektive

Im Folgenden möchte ich eine eigene intersektionale Perspektive skizzieren. Dazu erläutere ich bislang unbeantwortete Fragen, die derzeit unter dem „Buzzword“23 Intersektionalität diskutiert werden, und nehme eine vorläufige Synthese in der Forschung geteilter Grundannahmen vor. Mit diesem Vorgehen möchte ich meine Verwendung des Begriffs präzisieren und ihn zugleich offen halten, um ihn in anders ausgerichteten theoretischen, empirischen und disziplinären Erkenntniskontexten verwenden zu können.24 Kathy Davis argumentiert, dass es gerade die Ambiguität und die „Unvollkommenheit“ der Konzeption seien, die Intersektionalität zu einer anschlussfähigen und produktiven Theorie der Genderforschung gemacht haben und die zahlreichen Forschenden trotz konfligierender Positionen einen gemeinsamen Bezugspunkt bieten.25 Allerdings steht der Versuch einer kritischen Synthese zunächst vor einem Problem, mit dem viele inter- und transdisziplinäre Forschungen konfrontiert sind: Heterogene Terminologien, theoretische Hintergründe und disziplinäre Kontexte erfordern die Übersetzung und Transformation von Konzepten in eine gemeinsame begriffliche Sprache.26

Bereits eine kursorische Sichtung aktueller Veröffentlichungen zu Intersektionalität macht deutlich, dass die Entwicklung einer „gemeinsamen Sprache“ schon eine Herausforderung für sich darstellt.27 Trotz dieser divergierenden Vorgehensweisen erscheinen mir folgende Grundannahmen für eine intersektionale Forschungsperspektive als zentral: ← 390 | 391 →

(1) Intersektionale Ansätze postulieren, dass Geschlechtlichkeit selbst in ihrem ständigen Konstruktionsprozess bereits von Ethnizität, Klasse, Sexualität oder Körpernormierungen durchdrungen ist und überhaupt nicht ohne solche Bezüge und Verschränkungen gedacht werden kann.28

(2) Intersektionale Ansätze betonen zweitens die Notwendigkeit, diese Verwobenheiten nicht allein in Bezug auf marginalisierte, sondern auch mit Blick auf privilegierte Positionen, wie etwa weiße, heterosexuelle, bürgerliche Männlichkeit, zu analysieren.29

(3) Schließlich impliziert Intersektionalität einen dezentrierten Machtbegriff: Die Ansätze gehen nicht von einer einzigen Strukturkategorie aus, aus der sich alle weiteren Herrschafts- und Dominanzverhältnisse ableiten lassen. Weder einzelne Marginalisierungen noch einzelne Privilegierungen implizieren zwangsläufig weitere. Am leichtesten lässt sich dies auf der Ebene personaler Identitäten illus­trieren: So geht etwa „Weißsein“ nicht automatisch mit einer intakten körperlichen Verfasstheit oder einer männlichen Geschlechtszugehörigkeit einher.30

An dieser Stelle zeigen sich erste Ähnlichkeiten mit den Überlegungen von Michel Foucault.31 Auch dieser konzipiert Machtverhältnisse relational und multidirektional. Darüber hinaus betont Foucault ebenso die „produktive“ Dimension von Macht.32 Im Folgenden möchte ich daher Foucaults Überlegungen zur Gouvernementalität und Biomacht skizzieren, um die intersektionale Perspektive in staats- und machttheoretischer Hinsicht zu präzisieren, wobei der Sexualität eine zentrale Bedeutung zukommt. ← 391 | 392 →

3.  Gouvernementalitätstheoretische Überlegungen

3.1  Die Gouvernementalität und die Machttheorie Foucaults

Staatliche Herrschaftsverhältnisse müssen ebenso wie gesellschaftliche Machtdifferenzen intersektional analysiert werden. Zugleich stellt sich damit die Frage nach dem zugrunde zu legenden Staatsverständnis. Was ist der Staat, und welche Rolle spielt er bei der Aufrechterhaltung, Stabilisierung und Transformation von intersektionalen Geschlechterverhältnissen und umgekehrt? Bislang sind diese Fragen von der Intersektionalitätsforschung eher am Rande aufgegriffen und kaum weiterverfolgt worden.33 Für Foucault hat der moderne Staat kein Wesen und stellt keine starre Institution dar, sondern besteht lediglich durch eine Reihe von Praktiken und Handlungsweisen, als Effekt dessen, was er als „Gouvernementalität“ bezeichnet.

In Bezug auf den Gegenstand des vorliegenden Beitrages, den Umgang mit der Prostitution, wäre nach dem Zusammenwirken diverser staatlicher Institutionen, wie etwa Parlament, Polizei und Gendarmerie, Regierung und Gerichte, zu fragen. Auch die Rolle von Interessenverbänden und zivilgesellschaftlichen Organisationen, wie Frauenvereinen, die Vereinigungen der Wirte und Hoteliers oder die Sittlichkeitsbewegung sowie Einzelpersonen und ihrer Partizipation bei der Formierung staatlichen Handelns ist dabei in den Blick zu nehmen. Der Staat ist bei Foucault weder „statisch“ noch als monolithisches Ganzes der Zivilgesellschaft gegenübergestellt. Vielmehr ist die permanente Staatsbildung als Prozess zu verstehen, der von Macht-, aber auch von Partizipationsverhältnissen durchzogen ist. Foucault geht sowohl von der Konflikthaftigkeit als auch von der Prozesshaftigkeit dieser Machtverhältnisse aus. Staatsapparate, Gesetzgebung und gesellschaftliche Hegemonien beschreibt er als „institutionelle Kristallisierungen“ einer Strategie der Macht.34

Eine besondere Form der Strategie der Macht stellt das „Regieren“ dar. Im Hinblick darauf differenziert Foucault in seiner „Geschichte der Gouvernementalität“ drei unterschiedliche Machttypen, die Souveränitätsmacht, die Disziplinarmacht und die Biomacht. ← 392 | 393 →

(1) Der „traditionellen Souveränitätsmacht“ (nach Foucault auch der juridische Machttypus), kommt das Recht zu, „sterben zu machen und leben zu lassen“. Prototypisch für diese Macht steht der Hobbes’sche Leviathan: Aus Furcht voreinander verzichten die Subjekte kollektiv auf die Ausübung von Gewalt. Die souveräne Gewalt wird an den Staat übertragen, der zum Herrn über Leben und Tod wird und als einziger legitim von seinen Subjekten den Tod verlangen kann. Dieses Recht, „sterben zu machen“, verkehren sowohl die Disziplinar- als auch die Biomacht in ihr Gegenteil. Foucault spricht in diesem Zusammenhang auch vom Recht „Leben zu ‚machen’ und Sterben zu ‚lassen’“.35

(2) Die Disziplinarmacht zielt auf die Regierung des individuellen Körpers. Dieser soll „gelehrig“ gemacht werden.36 Die Disziplin verlangt nach der Kon­trolle und Überwachung der individuellen Leidenschaften, nach der Dressur der Körper zur Arbeit. Exemplarisch stehen für die Disziplinarmacht seit dem Ende des 17. Jahrhunderts Institutionen wie Werkstatt, Kaserne, Schule, Hospital und Gefängnis.37 Im Gegensatz zur Souveränitätsmacht rückt die Disziplin die „Mikrophysik der Macht“38 in den Blick. An ihr lässt sich veranschaulichen, dass für Foucault Macht ununterbrochen jegliche Form der sozialen Beziehungen durchdringt und dass Macht nichts ist, was bestimmte Menschen besitzen und anderen Individuen oder Gruppen vorenthalten wird.39 Vielmehr wirkt Macht produktiv, indem bestimmte Subjekte (wie etwa der Sträfling, der Geisteskranke, der Homosexuelle) in jeweils spezifischen historischen Kontexten inkorporiert werden. So produziert Macht bestimmte, hierarchisch positionierte Körper und Subjektivitäten.

(3) Im Gegensatz zur Disziplin richtet sich die Biomacht nicht auf das einzelne Individuum, sondern auf das Leben als solches. Die Biomacht konstituiert ein neues Kollektivsubjekt, die „Bevölkerung“. Das „Regieren der Bevölkerung“ erfordert nach Foucault eine neue Form der Regierungskunst, da deren Masseneffekte – etwa das periodische Auftreten von Krankheiten, Hungersnöten ← 393 | 394 → und Revolten, aber auch Geburts- und Sterberaten – kontrolliert und in einem Gleichgewicht gehalten werden müssen.40 Dies erfordert Sicherheitstechniken, die mittels der Erhebung von Statistiken und der Berechnung von Wahrscheinlichkeiten operieren und Koordinierung und Zentralisierung – kurzum den Staat und dessen Verwaltungsapparate – verlangen.

Zugleich enthält die gouvernementale Regierungskunst das Moment der Selbstführung. Regieren bedeutet die Steuerung von erwartbarem Verhalten; es sind jedoch handelnde Subjekte, die in und durch ihre Selbstführung regiert werden. Daraus folgt, dass die gouvernementale Regierung, im Gegensatz zur Disziplin, nicht primär mit Zwang und Kontrolle operiert, sondern an die „Freiheit“ der Individuen appelliert, so dass der Gegensatz zwischen Freiheit und Regierung verschwimmt.41 Allerdings entsteht in dieser Konstellation der zugleich regierten wie handelnden Subjekte ein beständiges Potential, sich dieser „Führung der Führungen“ zu entziehen und sich also „nicht auf diese Weise und um diesen Preis“ regieren zu lassen.42 Zugleich lässt sich hieran eine Ambivalenz des Partizipationsbegriffes veranschaulichen: Partizipation an der „Regierung“ ist hier nicht gleichgesetzt mit politischer Teilhabe an einem demokratischen Prozess. Vielmehr ist damit die komplexe Beteiligung der Subjekte an der Aufrechterhaltung wie an der Destabilisierung und Transformation ihrer eigenen Regierung impliziert.

3.2  Gouvernementalität, Disziplin und Sexualität

Für Foucault dient die Sexualität als Scharnier zwischen Disziplinar- und Biomacht, da sie für beide von Bedeutung ist. Einzelne Körper werden im Hinblick auf die Sexualität diszipliniert: Hier ist an die Sexualerziehung der Kinder zu denken, also an die Vermittlung einer Sexualmoral, an die Bestrafung bei „Fehlverhalten“, wie z. B. Masturbation. Zugleich wird über die Sexualität auch die Bevölkerung als Ganze reguliert: Dies betrifft das Bevölkerungswachstum, die Gefährdung der Bevölkerung durch Geschlechtskrankheiten – etwa durch die Ausbreitung von Prostiution, aber auch Vorstellungen über die gesellschaftlichen Folgen individuellen „Fehlverhaltens“, wie es etwa in „Theorien“ der Degeneration artikuliert wurde.43 So erweist sich die Biomacht auch als Basis für staatliche Formen von Rassismus und Eugenik: Unter dem Paradigma der „Säuberung“ und „Erhaltung“ der eigenen „Bevölkerung“ legitimieren ← 394 | 395 → Regierungen „Rassekriege“ gegen fremde Bevölkerungen und unterwerfen die eigene Bevölkerung eugenischen Programmen.44 Auch hierbei spielt die Regulierung der Sexualität eine zentrale Rolle.

Auch Foucault deutet mit der Medikalisierung der Frauen, der Moralisierung des Proletariats und der Rede vom Schutz der „Rasse“ vor biologischen Gefahren Verbindungen zwischen verschiedenen Machtdifferenzen in Form von Geschlechter­hierarchien, Klassenverhältnissen und Rassismus an.45 Die Sexualität versteht er in diesen Differenzierungsprozessen als Transmissionsriemen und Scharnier. Allerdings bietet das Phänomen der Prostitution als Scheidelinie zwischen staatlich und gesellschaftlich legitimierten und delegitimierten Formen der Sexualität einen geradezu exemplarischen Untersuchungsgegenstand für das von Foucault umrissene Terrain der Gouvernementalität. Wie die Problematisierung der Prostitution in Luxemburg als eine Form des „Regierens der Bevölkerung“ verstanden werden kann, möchte ich im Folgenden aus einer intersektionalen Perspektive erläutern und analysieren. In Anlehnung an die von Foucault thematisierten Machtdifferenzen werde ich nach einer Einführung in den Kontext (4.1) im folgenden Kapitel den Umgang mit der Prostitution beleuchten. Dabei fokussiere ich anhand von drei Schlaglichtern auf (1) Geschlechterverhältnisse, (2) ökonomische Regulierungsversuche und (3) die Konstruktion von Fremdheit und nationaler Zugehörigkeit und werde aufzeigen, wie diese intersektional miteinander verwoben sind. Zugleich frage ich nach multiplen Machtprozessen und der Art und Weise, wie dabei verschiedene Marginalisierungen und Privilegierungen erzeugt werden. Dabei werde ich aufzeigen, dass die Auseinandersetzung um Prostitution in Luxemburg auch als Teil der nationalen Identitätsbildung und der Kämpfe um Partizipation – ebenso wie von Ausschlussprozessen – begriffen werden muss.

4.  Prostitution in Luxemburg

4.1  Der rechtliche Rahmen

Das „Gesetz vom 25. November 1854, durch welches die Artikel 330 bis 335 des Straf-Gesetzbuches abgeändert werden“46 sowie dessen Ausführungsbestimmungen formulieren die damalige Rechtslage zur Prostitution. Im Gesetz heißt es, ← 395 | 396 → dass derjenige Ausländer mit Gefängnis oder einer Geldbuße bestraft werde, der den Beschlüssen der Regierung in Bezug auf liederliche Häuser und öffentliche Dirnen zuwiderhandelt.47 In den Ausführungsbestimmungen, die der Justizminister Wurth-Paquet am 5. Juni 185548 erließ, wurde das Recht, die Errichtung eines Ortes gewerbsmäßiger Unzucht zu genehmigen, der Zuständigkeit der Bürgermeister und Schöffen in den Kommunen übertragen (Art. 1).49 Der Justizminister nahm lediglich Kenntnis von ihren Beschlüssen (Art. 11). Die Prostituierten unterlagen der Registrierung als sogenannte öffentliche Dirnen, was zugleich Auflagen bezüglich ihrer Mobilität und ihres Verhaltens in der Öffentlichkeit mit sich brachte: Ausdrücklich verbot das Reglement den Verkauf von Getränken oder Speisen in den öffentlichen Häusern. Die freie Wohnungswahl war den registrierten Frauen untersagt; sie mussten ein öffentliches Haus bewohnen (Art. 5) und durften Gaststätten und Schankwirtschaften nicht betreten (Art. 6). Auf öffentlicher Straße durften sie sich weder auf bemerkbare Weise sehen lassen, noch sich dort gemeinschaftlich oder gemeinsam mit Männern aufhalten (Art. 6). Bei Zuwiderhandlungen drohte Ergreifung, Verhaftung und Vorführung vor den Staatsanwalt oder die Unterbringung in einem Arresthaus. Ebenso war es Frauen ohne entsprechende Ermächtigung oder bei Diagnose einer Geschlechtskrankheit nicht erlaubt, sich in einem Hause der Unzucht aufzuhalten (Art. 7). Ortspolizei und Gendarmerie waren beauftragt, die Einhaltung dieser Bestimmungen zu kontrollieren (Art. 10).

Formal lassen sich diese Bestimmungen als „reglementierte Tolerierung“ charakterisieren, die den Städten und Gemeinden großen Spielraum bei der Ausgestaltung der konkreten Regelungen an die Hand gaben. Nur die Straßenprostitution blieb dabei gänzlich verboten. Theoretisch konnten Wirtinnen und Wirte sowie die „öffentlichen Dirnen“ solange legal innerhalb des Bordellsystems agieren, wie sie sich der Kontrolle durch die Ordnungsinstanzen unterwarfen und die eigene Kasernierung hinnahmen.

Allerdings wurden die skizzierten gesetzlichen Grundlagen zur Einführung der reglementierten Prostitution in Luxemburg auf der Gemeindeebene nie umgesetzt. ← 396 | 397 → Im Jahr 1908 richtete die Regierung unter der Leitung des Staatsanwaltes für Luxemburg-Stadt, Camille Velter, eine Kommission zur Bekämpfung der Prostitution ein.50 In ihrem Abschlussbericht aus dem Jahr 1911 kommentierte diese die damalige Situation folgendermaßen: Comme, en effet, jusqu’à ce jour aucune commune du pays n’a pris l’initiative d’un règlement sur la prostitution, l’art. 1 du règlement général équivaut à une interdiction pure et simple […].51 Die Gemeinden machten also keinen Gebrauch von ihrem Recht, öffentliche Häuser einzurichten. Ob dies moralische Bedenken dokumentiert oder eher auf einen fehlenden Regelungsbedarf schließen lässt, weil die Einrichtung eines Bordells finanziell unattraktiv war, muss bei der derzeitigen Forschungslage offen bleiben. Im Jahr 1909 stellte eine aus Mannheim stammende Frau einen schriftlichen Antrag, in Luxemburg-Stadt ein öffentliches Haus errichten zu dürfen.52 Bislang ist unklar, ob dieses Gesuch einer Ausländerin, die der Aktenlage zufolge anscheinend weder in Luxemburg einen Wohnsitz noch sonst eine Verbindung zum Großherzogtum zu besitzen schien, überhaupt dem Gemeinderat der Stadt Luxemburg vorgelegt wurde. Entsprochen wurde dem Gesuch jedenfalls nicht.

An den um 1900 geführten Diskussionen fällt auf, dass nicht die Straßenprostitution im Zentrum der Kritik stand. Vielmehr kreiste die juristische, moralische und medizinische Sorge der Exekutive und der Zivilgesellschaft um die klandestin ausgeübte, illegale Prostitution in den als „Kellnerinnenwirtschaften“ und Cafés getarnten Bordellen und Privatzimmern. Besonderen Argwohn erregten neben ausländisch geführten Schankwirtschaften, denen eine besondere Verwahrlosung unterstellt wurde, vor allem die privaten Stellenvermittlungsbüros sowie die sogenannten „Wilden Ehen“ oder Konkubinate, d. h. unverheiratet zusammenlebende Paare. So heißt es in einem Bericht der Gendarmerie Esch-sur-Alzette aus dem Jahr 1908: Die Kellnerinnen sind meistenteils deutsche Frauenpersonen, welche durch zu Luxemburg wohnende Stellenvermittler geliefert werden. Es sind diese Schenken diejenigen, in welchen von den betreffenden Kellnerinnen der Prostitution ziemlich gefröhnt wird. […] Ein weiterer grosser Uebelstand, man könnte fast sagen der grösste, besteht in der Kuppelei, resp. Zuhälterei d.h. in dem System der wilden ← 397 | 398 → Ehen.53 Obschon auf luxemburgischem Boden ausgeübt, konnte die Prostitution auf diese Weise externalisiert und als ausländisch, nicht jedoch als Teil der luxemburgischen Identität wahrgenommen werden

4.2  Drei Schlaglichter auf die Prostitution in Luxemburg

4.2.1  Geschlechterverhältnisse

Nur in einem einzigen Polizeiprotokoll ließ sich bislang ein Hinweis auf Homosexualität finden – und zwar in Form einer Randbemerkung.54 In den analysierten Quellen erscheinen die Prostitution und die Prostituierte als moralisch und sittlich fehlhandelnde Frauen und insgesamt als Negativfolie einer heterosexuellen Geschlechterordnung. Allerdings gehen die Polizeiprotokolle teilweise auf die Rolle der Wirte und Wirtinnen sowie der Ehemänner oder Lebenspartner bei der Kundenvermittlung ein. Die männliche Kundschaft bleibt dagegen vergleichsweise unsichtbar, ebenso wie das (fast ausschließlich männliche) Geschlecht der staatlichen Akteure in Gendarmerie und Polizei, Parlament und Ministerien.

In den Gendarmerieberichten, die 1908 zur Einschätzung der Lage im Großherzogtum an das Justizministerium geschickt wurden, heißt es etwa aus Esch-sur-Alzette, Prostituierte seien verkommene Frauenzimmer, die die Arbeiter verführten; der Bericht aus Rümelingen spricht von zweideutigen in wilder Ehe lebenden Weibsbildern jeglicher Nationalität.55 Selten finden sich, etwa in den Gendarmerieberichten, Aussagen über die „Freier“. Die Erklärungsversuche für das männliche Interesse an käuflicher Sexualität erschöpfen sich in einem verallgemeinernden Bemühen der männlichen Moral, namentliche Hinweise finden sich kaum. Die Behörden schienen eher großes Verständnis für deren Wunsch nach Anonymität aufzubringen, obwohl dies die Strafverfolgung aufgrund fehlender Zeugenaussagen erschwerte. Der Staatsanwalt der Stadt Luxemburg, Velter, äußerte sich dazu folgendermaßen: Les témoignages de personnes melées à des affaires de ce genre par occasion et dans un moment d’oubli de leurs devoirs, ternissent des ← 398 | 399 → réputations et portent le trouble et la discorde dans les familles, de sorte que l’on peut se demander si le remède n’est pas pire que le mal.56

Im Namen des Schutzes der Familie wurde also auf eine effektive strafrechtliche Verfolgung von Prostituierten verzichtet. Ehemänner und Söhne erschienen in den Augen des Staatsanwaltes eben nur im zitierten „Moment der Pflichtvergessenheit“ (moment d’oubli de leurs devoirs) als Teil des Prostitutionsverhältnisses. Diese Einseitigkeit spiegelt sich auch in den Statistiken wider, die durch die Polizei- und Gendarmeriebehörden erstellt wurden. Hierbei handelte es sich einerseits um Listen mit den Namen der der Prostitution verdächtigten Frauen; hinzu kamen Aufstellungen über die auszuweisenden ausländischen Frauen, die als Prostituierte galten, sowie über jene Frauen, die wegen des Verdachts einer Geschlechtskrankheit verurteilt worden waren.57 Über die Namen der „Freier“ schweigen sich die Polizeiberichte – trotz der Andeutung der Gendarmen, dass ihnen diese Männer namentlich bekannt seien – konsequent aus.

Hingegen bezog die erste luxemburgische Parlamentarierin Marguerite Clemens Thomas 1919/1920 in zwei Parlamentsdebatten Stellung gegen die Inhaftierung von Prostituierten und geschlechtskranken Frauen.58 Nach ihrer Argumentation rutschten vor allem arme Mädchen, die in einem Milieu der Kriminalität und der Deprivation aufwachsen mussten, in die Prostitution ab. Diese könnten wegen ihres Wunsches nach Teilhabe an dem sie umgebenden Reichtum leicht durch einen Mann verführt werden: Un jour elles sont arrivées dans la rue, un monsieur bien mis les a accostées, leur a promis tous les avantages, toutes les faveurs, leur a dit des paroles qu’elles n’avaient jamais entendues, elles ont écouté, elles ont cru et voilà leur première faute.59 Damit machte sich Clemens-Thomas eine weniger verbreitete Lesart des Phänomens zu eigen, nach der die Frauen als Opfer angesehen wurden, die aber anscheinend wenigstens zuweilen in einigen liberalen und sozialistischen Zeitungen vertreten wurde.60 ← 399 | 400 →

Häufiger allerdings stand die Prostituierte im Mittelpunkt jenes Diskurses, der ihre Schuld an ihrem eigenen und am allgemeinen gesellschaftlichen Verfall bekräftigte. Dies bezog sich sowohl auf Sittlichkeit und Moral wie auf die Gesundheit. So wurde der Einwurf der Abgeordneten Clemens-Thomas noch in der gleichen Parlamentsdebatte von dem Abgeordneten Auguste Thorn mit den Worten gekontert: Elles sont un danger public.61 Und der liberale Justizminister Auguste Liesch ergänzt: Le grand devoir que nous avons, c’est de préserver la société du contact de ces malheureuses. Et pour ce faire, il n’y a pas d’autre moyen que de les mettre à l’écart.62 Auch das „Volkswohl“ sprach den sich prostituierenden Frauen die Schuld an der Übertragung von Geschlechtskrankheiten zu. Dort hieß es in einer Ermahnung aus dem Jahr 1917: Auch die strengste polizeiliche und ärztliche Überwachung der Prostituierten bietet keine Gewähr für deren Gesundheit.63

Das „Volkswohl“ richtete sich in einer gezielten Kampagne gegen die „Animierkneipen“, d.h. Gaststätten mit weiblicher Bedienung, die als Horte der Geschlechtskrankheiten bezeichnet wurden, in denen sich Alkoholismus und Prostitution die Hand gäben.64 Diese Pestherde müssten ausgetilgt werden: Die Gesundheit unseres Volkes, der gute Ruf des Landes, die Ruhe der Familien und die Moralität der Bevölkerung verlangen es.65 Über die sich prostituierenden Frauen wurde nicht nur im „Volkswohl“, wo sie als Giftpflanze[n] bezeichnet wurden, sondern auch in anderen Zeitungen diffamierend berichtet. Das „Luxemburger Wort“ störte sich am frechen […] Gebahren der Schandweiber,66 die „Luxemburger Zeitung“ forderte, der gefährliche Zuzug der Dirnen müsste den Luxemburgern vom Halse geschafft werden,67 und auch die „Luxemburger Volkszeitung“ forderte die Behörden auf, an die Bekämpfung und Ausrottung der Dirnenpest mit Nachdruck heranzutreten.68

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Prostitution innerhalb einer heterosexuellen Ordnung verankert war. Zugleich lässt sich ein „Geschlechterbias“ ← 400 | 401 → erkennen, indem Prostitution auf die verdächtigen Frauen reduziert wird. Die Bedrohung der Gesellschaft durch Sittenlosigkeit und Krankheiten wird auf die Frauen projiziert. Das Handeln der männlichen Kundschaft stand nicht im Fokus der Behörden und ist deshalb in den herangezogenen Quellen kaum jemals ein Thema. Die männliche Kundschaft genoss daher im Namen des Schutzes der Familie das Privileg der Anonymität der Privatsphäre, wobei es sich um eine erstaunliche geschlechtliche Umkehrung der Dichotomie von Privatheit und Öffentlichkeit handelte.

4.2.2  Ökonomische Verhältnisse

Wie im Folgenden noch aufgezeigt werden soll, manifestierten sich im Prostitutionsdiskurs auch Machtdifferenzen entlang ökonomischer Verhältnisse sowie entlang von Konstruktionen von Fremdheit und Zugehörigkeit, so dass die Vorstellung über eine Privilegierung „der Männer“ gegenüber „den Frauen“ im Umgang mit der Prostitution zu kurz greift. Beim Blick auf das Verhältnis von Prostitution und Ökonomie fällt zunächst auf, dass die Zunahme der Prostitution in Zeitungs- und Gendarmerieberichten mit der Industrialisierung des Südens verbunden wird. Diese Ansicht bringt auch die Staatsanwaltschaft zu Luxemburg sowie die bereits erwähnte, vom Staatsminister eingesetzte Kommission zum Ausdruck: Plus tard, lorsque le commerce et l’industrie attirèrent dans les centres naissants des milliers d’hommes vivant dans un célibat forcé ou volontaire, et leur fournirent un travail abondant et relativement bien rénumeré, la prostitution apparut à la tête des éléments qui exploitent les faiblesses et les passions des travailleurs.69

Auch in der Chambre des Députés wird die Prostitution als ein Problem des Arbeitermilieus dargestellt. So äußert sich beispielsweise der Abgeordnete Neyens 1915 im Parlament: Malheureusement, trop d’ouvriers sont invités, tous les jours, à dépenser leur argent dans des maisons qui sont souvent la ruine morale et physique de nos braves ouvriers. Je parle des maisons de tolérance, lesquelles, trop nombreuses malheureusement dans notre pays, soutirent l’argent des poches de nos ouvriers au détriment de la vie de famille, du bonheur et de la paix intérieure du ménage, au détriment surtout de la santé physique et morale des ouvriers.70

Allerdings stellten die Kunden der Schankwirtschaften in Hollerich sich gewöhnlich als Personen besserer Stände und [als] Verheirathete heraus.71 Für den Industriestandort Esch hielt die Gendarmerie fest, dass sich [d]ie Kundschaft nicht ← 401 | 402 → allein aus dem Arbeiterstande […], sondern auch ziemlich aus den übrigen Ständen [rekrutiert].72 Die große Anzahl von Wirtshäuser und der sich u. a. im übermäßigen Konsum von Branntwein äußernde, grassierende Alkoholismus am Ende des 19. Jahrhunderts waren eine Begleiterscheinung der Industrialisierung und Modernisierung der Gesellschaft. Nach Fayot konzentrierten sich 1897 laut einem Bericht der Steuerdirektion 64 Prozent der Wirtshäuser im Kanton Esch. Dies entsprach einer Wirtshausquote in Esch-sur-Alzette von 56 Einwohnerinnen und Einwohnern pro Wirtshaus. Insgesamt belief sich die Zahl der Wirtschaften im Großherzogtum auf 2.856.73 Die Zunahme der Kellnerinnenbedienung wird dabei als Resultat dieser hohen Wirtshausdichte und des damit verbundenen Konkurrenzdrucks zwischen den Wirten interpretiert. Als Maßnahme gegen Prostitution machten einige Polizeikommissare der Gendarmerien deshalb den Vorschlag, die Zahl der Wirtschaften zu begrenzen.74

Doch auch innerhalb der Administration herrschte durchaus Skepsis, ob eine hohe Besteuerung der Schankwirtschaften sich nicht geradezu als kontraproduktiv für die Eindämmung der Prostitution erweisen wird: L’élévation des taxes n’a pas remédié au mal, car pour les payer le cabaretier doit forcément, dans certains milieux, avoir recours à des moyens illicites dont le principal est de favoriser la débauche clandestine.75 Im Dezember 1908 wurde dann das Gesetz über die Schankwirtschaften verabschiedet, das eine Ergänzung der bisherigen Bestimmungen darstellte.76 Es beabsichtigte eine Reduzierung der Zahl der Wirtschaften und sah strengere Auflagen für ausländische Wirte vor. Dazu verlangte das Gesetz vom Anmeldenden, Betreiber, Direktor und Geschäftsführer einer Wirtschaft einen mindestens fünfjährigen Aufenthalt im Großherzogtum; verbunden waren damit obendrein Abgaben für die Neueröffnung von Wirtschaften sowie jährliche Taxen. Dazu hatte sich der Abgeordnete Schiltz in der der Verabschiedung des Gesetzes vorangegangenen Parlamentsdebatte wie folgt geäußert: Wir müssten strenger sein bei Erteilung der Konzession, besonders an Ausländer. […] Es darf uns nicht ← 402 | 403 → genügen, dass er nichts im Strafregister stehen hat.77 Auch die Gendarmerieberichte hoben ausländische Wirtschaften als besonders unsittlich hervor. Dies verweist bereits auf das nächste Spotlight, nämlich die Grenzziehungen mittels der Kon­struktion von Fremdheit und nationaler Zugehörigkeit.

Die Beschäftigung von Frauen als Kellnerinnen wurde weder im Gesetz von 1908 noch in seiner Neufassung vom 27. Juli 1912 geregelt – obwohl dies in der Stellungnahme des Staatsrates vom 22. Juli 1912 ausdrücklich bemängelt worden war.78 So behielten die Gemeinderäte die Zuständigkeit, die diese jedoch nicht immer zur Besteuerung nutzten. Erst der großherzogliche Erlass vom 13. August 1915 über die Beschäftigung von Frauen in den Schankwirtschaften formulierte zum ersten Mal landesweit geltende Richtlinien der Kellnerinnenbeschäftigung. Auch dort wurde allerdings das Recht, eine Kellnerinnensteuer zu erheben, den Gemeinden überlassen.79 Diesen Umstand kritisierte das „Volkswohl“ scharf und machte dafür die starke Stellung der Wirte als bedeutender Wählergruppe angesichts des bis 1919 geltenden Zensuswahlrechts verantwortlich: In Wirtshausangelegenheiten dem Gemeinderat die Entscheidung überlassen ist ein gefährlich Ding. Beweis: das Vorgehen der Gemeinden betreffend Schließungsstunde und freie Nächte. Nur in den seltensten Fällen hält ein in den Gemeinderat gewähltes Rückgrat den Druck der Großwähler, der Wirte aus. Meistens knicken sie vor dem Machtwort der Wirte zusammen wie ein Schirm im Sturm.80

4.2.3  Grenzziehungen: Staatsbürgerschaft, Nation und Ethnizität

Nicht erst zu Beginn des Ersten Weltkrieges 1914, sondern bereits 1908 beklagten die Behörden, dass Luxemburg von Staaten mit restriktiven Rechtsordnungen bezüglich der Prostitution regelrecht „umzingelt“ sei, so dass das kleine Großherzogtum zu einem attraktiven Aufenthaltsort für ausländische Prostituierte hatte werden können. 1908 hieß es dazu in einem Gendarmeriebericht aus Esch: Allen Ausländern ist bekannt, dass hierzulande das in wilder Ehe leben nicht verboten ist. Dieserhalb nisten sich die meisten Paare hierlands und speziell im Kanton Esch/Alzette mit Vorliebe ein. Es sind meistenteils verkommene Frauenzimmer, […] Es wird ← 403 | 404 → dann von diesen Frauenzimmern die Prostitution gewöhnlich mit Vorwissen ihres Zuhälters getrieben.81 Auch in einem Bericht der Stadtpolizei heißt es über die Situation in Luxemburg-Stadt und Hollerich, dass die Prostituierten aus umliegenden Städten wie Metz, Diedenhofen oder Trier kämen: Gewöhnlich verlassen diese Frauenspersonen diese Städte, um Kontrollen zu entgehen oder wenn sie mit einer Geschlechtskrankheit behaftet sind.82 Das Großherzogtum erscheint hier als Opfer ausländischer Gesetzgebung, durch die Luxemburg zum Magnet für ausländische Prostituierte geworden sei, die im Land nun Krankheiten und Unmoral verbreiteten. So forderte 1907 der Abgeordnete Schiltz in einer Parlamentsdebatte über das Wirtshausgesetz: Warum gebrauchen wir nicht öfters die gesetzliche Handhabe der Ausweisung. All der moralische Schund, welcher in Lothringen nicht geduldet wird, darf sich hier ungestört bei uns in Rümelingen festsetzen und sein Unwesen weitertreiben. […] Würden wir mehr von unserem Ausweisungsrecht Gebrauch machen, dann müsste manche feile Dirne aus den Wirtshäusern weg über die Grenze gehen und manches Elend würde mit ihr aus den Wirtshäusern wegziehen.83 Hier erscheint eine Lösung des Prostitutionsproblems vor allem in einer nationalen Schließung zu bestehen, da die Prostitution als ausländisches Phänomen, nicht aber als Teil der luxemburgischen Nation und Identität begriffen wird.

Die Animierkneipen erregten auch die Aufmerksamkeit der Zivilgesellschaft. So initiierte der katholische Frauenbund 1912 eine Petition, die von über 3.000 luxemburgischen Frauen unterschrieben werden sollte. Darin hieß es: Die Unterzeichneten Luxemburger Frauen, ergriffen von der Not, die durch das Umsichgreifen des Animierkneipenunwesens über unser Land, besonders über seine Söhne und Töchter gekommen ist, bitten die hochlöbliche Regierung und Abgeordneten-Kammer, die zur Unterdrückung dieser Seuchenherde, welche die Volksgesundheit und Volkssittlichkeit vergiften, dienlichen Massregeln ungesäumt ergreifen zu wollen.84 Hier zeigt sich, dass auch luxemburgische Frauen – lange bevor sie das Wahlrecht als zentrales Mittel ihrer politischen Partizipation und Integration in die Nation als Staatsbürgerinnen auch nur forderten – an der Auseinandersetzung um Pros­titution teilhatten.

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges und der Besetzung des Landes durch deutsche Truppen mischte sich eine gewisse Scham in die Kritik, da die luxemburgische Regierung unfähig schien, die Prostitution zu bekämpfen. So hieß es in der ← 404 | 405 → „Luxemburger Volkszeitung“ vom 19. Februar 1915: Auf Ersuchen der deutschen Heeresleitung mußten über 40 hier angesiedelte ausländische Dirnen ausgewiesen werden. Uns scheint, […] daß u n s e r e Behörden diese Frauenzimmer vor Ankunft der deutschen Garnison hätten eruieren und über die Grenze setzen sollen.85

Die Escher Sektion des katholischen Mädchenschutzvereins bezeichnete in einer Petition an die Regierung das Kellnerinnenunwesen im Großherzogtum Anfang 1915 als unsere brennende Schande vor dem gesamten Auslande, durch die die Frauenehre so schnöde mit Füßen getreten [werde] und wo als rächende Folge Mannesglück und Manneskraft elend dahinsiecht. Auch sie forderten die Regierung zum Handeln auf.86 Die Vorsitzende des Mädchenschutzvereins und spätere Präsidentin des Frauenbundes, Nelly Velter-Simon, war übrigens die Ehefrau des Staatsanwaltes Camille Velter, des Vorsitzenden der bereits erwähnten, von der Regierung einberufenen Kommission gegen die Prostitution.87 Bei mindestens einer Luxemburgerin der Oberschicht erregten die ausländischen Prostituierten so viel Unmut, dass sie in einer persönlichen Eingabe an den Staatsminister forderte: Chassez les putains qui pullulent notre quartier de la gare dans leurs pays respectifs. Die Absenderin des anonymen Briefes gab sich als Luxembourgeoise, soucieuse de son pays et de son sexe88 zu erkennen.

Die Einschreibung der luxemburgischen Frauen ins nationale Kollektiv und ihre politische Partizipation erfolgte im Namen der moralischen und körperlichen Gesundheit der Bevölkerung, auf die die Begriffe „Frauenehre“, „Mannesglück“ und „Manneskraft“ verweisen, allerdings auf Kosten jener ausländischen Frauen, die diese Werte vermeintlich bedrohten, so dass die Partizipationsbestrebungen der luxemburgischen Frauen untrennbar mit Ausschlussforderungen gegenüber den als unmoralisch und prostitutiv wahrgenommenen Ausländerinnen verbunden waren.

Untätig waren die luxemburgischen Behörden jedoch keineswegs: Wegen des Verdachts der Prostitution wurden zwischen September 1914 und Januar 1915 über 100 Ausweisungsbescheide ausgestellt. Es muss betont werden, dass die Ein- und Ausschlüsse, die sich entlang der Differenz zwischen Fremdheit und Zugehörigkeit vollzogen, eng mit der Frage der Staatsbürgerschaft verknüpft waren und so auch ein politisches Konstrukt darstellten. Denn auch luxemburgische Frauen konnten ihre luxemburgische Staatsangehörigkeit durch Heirat mit ← 405 | 406 → einem Ausländer verlieren. Zugleich gelang es einigen Frauen, die luxemburgische Staatsangehörigkeit durch Heirat mit einem Einheimischen zu gewinnen und so die Aufhebung des gegen sie erlassenen Ausweisungsbefehls zu erwirken.89

Exkurs: Biografische Stationen einer Belgierin im Großherzogtum

Dass sich nicht alle der Prostitution verdächtigen Ausländerinnen ihrer Ausweisung fügten, sondern vielmehr ihrerseits ebenfalls Partizipationsbestrebungen artikulierten, soll vor der abschließenden Synthese am Beispiel einer Belgierin veranschaulicht werden. Geboren wurde Nelly Hollande90 im Januar 1878 nur zehn Kilometer von der luxemburgischen Grenze entfernt im belgischen Arlon.91 Anhand von Anmeldeformularen der „Police des Étrangers“ kann ihr erstmaliger Aufenthalt im Großherzogtum auf das Jahr 1904 datiert werden. Zuvor wohnte sie von 1902 bis März 1904 in Brüssel. Ihre Mobilität innerhalb der heutigen Großregion war beträchtlich: Von März bis Juni 1904 unternahm Nelly Hollande eine Reise mit den Stationen Namur, Donon, Antwerpen, Amsterdam und Rotterdam. Vor und nach diesen Aufenthalten gab sie an, in Arlon gewohnt zu haben. Ab August 1904 pendelte sie von Arlon aus ins Großherzogtum und meldete sich mehrfach in Hollerich und in Luxemburg-Stadt an: Anscheinend arbeitete sie während des Sommers als Buffetdame auf dem Jahrmarkt „Schueberfouer“ in der Stadt Luxemburg.92 Erstmals äußerten die Behörden in Arlon im September 1904 auf eine Anfrage aus Luxemburg den Verdacht, dass sich Nelly Hollande prostituierte, und stellten ihr eine schlechte Führung aus.93 Im April 1914 meldete sie sich, als wohnhaft in einem Hotel, erneut in Hollerich an. Als Beruf ist domestique (Dienstmagd) angegeben. Für die Zwischenzeit sind weitere Aufenthalte in Arlon und für das Jahr 1913 Adressen in Sedan und in Paris auf dem Anmeldebogen ← 406 | 407 → vermerkt. Anfang August 1914 meldete sie sich dann in Luxemburg-Stadt an. Nelly Hollande war schon bei ihrer ersten Einreise geschieden; laut Anmeldebogen hatte sie ein Jahr lang mit ihrem Mann – einem Polizisten aus Brüssel – zusammengelebt, bevor sie sich wegen häuslicher Zwistigkeiten von ihm getrennt hatte. Kinder hatte sie anscheinend keine.

Ende August oder Anfang September 1914 geriet sie in eine Wirtshauskontrolle und wurde als Kellnerin ohne Ausweispapiere und Zeugnisse im „Café des Bains“ angetroffen, laut mehrerer Polizeiprotokolle eine sehr übel beleumdete Wirtschaft einer luxemburgischen Wirtin.94 Deswegen erbat der Generalstaatsanwalt am 10. September 1914 vom Staatsminister das Verbot der Niederlassung, und zwar mit der Begründung: [C]ette femme est engagée comme serveuse dans un cabaret malfamé et dépourvue de papiers de légitimation. A Arlon, elle était réputée se livrer à la prostitution et sa conduite était mauvaise.95 Bereits zwei Tage später wurde dem Gesuch stattgegeben, so dass Nelly Hollande nach Arlon ausreiste.96 Im August 1917 erfolgte ihre erneute Festnahme in Differdingen wegen des Verstoßes gegen ihr Aufenthaltsverbot. Dort war sie als Fabrikarbeiterin tätig. Die neun Kilometer zwischen ihrem belgischen Wohnort Athus und Differdingen pendelte sie täglich mit dem Zug. Zu einer 15-tägigen Gefängnisstrafe und einer Geldbuße von 50 Francs verurteilt,97 schrieb sie am 19. August 1917 aus dem Gefängnis von Luxemburg-Stadt an den Staatsanwalt: C’est la guerre et il n’y-a pas de resources en Belgique, la seul qu’il y-a se son les usine du Grand-Duché j’ai du travaille à Differdange mais comme je suis expulssé, n’ayent pas la permition d’abiter le grand-Duché, je vous demanderai de gagner mon pain honèttément à l’usine de Differdange, je vous demanderai Monsieur le Procureur la permission d’aller travailler le matin au train de 6h du matin à retourner à Athus au train de 7h40. Je vous promet Monsieur le Procureur que je n’irais jamais loin que Differdange […].98 ← 407 | 408 →

Obwohl sich der Generalstaatsanwalt in einem Schreiben an den Justizminister nach dem Erhalt ihres Gesuches auch positiv über ihren Lebenswandel äußerte, war vor allem der anhaltende Kriegszustand dafür verantwortlich, dass Nelly Hollande nach ihrer Haft nicht nach Belgien abzuschieben war. So hieß es im Schreiben des Generalstaatsanwalts vom 1.9.1917 weiter: Etant donné que dans les circonstances actuelles les autorités luxembourgeoises rencontreraient des difficultés à la faire reconduire en sa qualité de Belge à la frontière par emploi de la force publique, j’ai l’honneur de vous proposer de lui accorder la permission sollicitée […].99 Dieser Empfehlung gab der Justizminister statt, so dass Nelly Hollande weiter zwischen Differdingen und Athus pendeln konnte. Im Großherzogtum niederlassen durfte sie sich jedoch nicht, ebenso wie sie weiterhin der Auflage einer einwandfreien moralischen Führung unterlag.100

Dennoch meldete sich Nelly Hollande im März 1919 erneut in Luxemburg-Stadt an und wurde deshalb erneut inhaftiert. Nach Aussage des Polizeikommissars von Luxemburg arbeitete sie wieder im „Café des Bains“. Gegen die luxemburgische Wirtin des Cafés und zwei weitere Kellnerinnen liefen zu dieser Zeit Verfahren wegen des Verstoßes gegen das Reglement zur Kellnerinnenbedienung, und auch Nelly Hollande stand wieder im Verdacht, sich dort prostituiert zu haben.101

Anfang Juli 1919 verließ sie das Großherzogtum endgültig. Eine zweite Eingabe an den Generalstaatsanwalt blieb erfolglos. Darin hatte Nelly Hollande darauf verwiesen, dass die 1917 erteilte Arbeitserlaubnis für das gesamte Land gelte. Zudem sei das Niederlassungsverbot inzwischen aufgehoben, und aufgrund der schlechten Wirtschaftslage in Belgien sei sie weiterhin gezwungen, in Luxemburg Geld zu verdienen. Davon wolle sie ihre Ausreise in die USA finanzieren, um dort bei ihrem Bruder zu leben. Ob Nelly Hollande dieses Vorhaben ohne Stellung im Großherzogtum dennoch verwirklichen konnte, muss ungewiss bleiben:102 In Luxemburg verliert sich ihre Spur im Sommer 1919. ← 408 | 409 →

Diese biographischen Ausschnitte dokumentieren exemplarisch, dass – trotz des offensichtlichen Machtgefälles zwischen den Akteuren die betroffenen Frauen als Handelnde begriffen werden müssen, die versuchten, die konkrete Verfolgung von Prostitution und Unsittlichkeit in ihrem eigenen Interesse zu beeinflussen. Damit müssen die ausländischen Prostitutionsverdächtigen – neben Regierungen, Behörden, Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft – als Teil des gouvernementalen Kräfteverhältnisses begriffen werden, welches sich in Luxemburg bezüglich der Prostitution herausbildete.

5.  Fazit

Der vorliegende Beitrag verfolgte zwei Ziele. Zunächst wurde im theoretischen Teil eine intersektionale Forschungsperspektive formuliert und diese anhand der Überlegungen Michel Foucaults zum „Regieren der Bevölkerung“ zu einem Analyseraster für das historische Fallbeispiel weiterentwickelt. Bezüglich der Problematisierung der Prostitution in Luxemburg zeigte sich zunächst eine große Differenz zwischen den rechtlichen Regelungsmöglichkeiten und der praktischen Umsetzung. Zudem erwies sich, dass neben dem Parlament, der Regierung und den Justizbehörden auch Frauenvereinigungen und Vereine der Sittlichkeitsbewegung und Einzelpersonen an der intersektionalen „Regierung der Bevölkerung“ beteiligt waren.

Anhand der auf das historische Fallbeispiel geworfenen Schlaglichter und des biographischen Exkurses wurde zugleich deutlich, wie diese Kraftverhältnisse intersektional miteinander verwoben waren, und wie daraus, entlang mehrerer Kategorien, Marginalisierungen und Privilegierungen entstanden. Auffallend ist zunächst der Gegensatz zwischen luxemburgischen und ausländischen Frauen: hier zunächst die (bürgerlichen) Luxemburgerinnen, die, in Sorge um die Sittlichkeit, politische Initiativen gegen die Prostitution und die Animierkneipen ergriffen und die wie etwa Nelly Velter-Simon zum Teil eng mit denjenigen politischen Eliten verbunden waren, die ebenfalls die Bekämpfung der Prostitution vorantreiben wollten. Auf der anderen Seite stand eine Ausländerin, die knapp 15 Jahre lang immer wieder versuchte, sich ihren Lebensunterhalt in Luxemburg zu verdienen. Diese konträren Positionen verweisen auch auf Klassendifferenzen und auf Unterschiede in den konkreten Lebensverhältnissen: Die (groß-) bürgerlichen Wohnformen in Villen und Stadthäusern103 stehen in einem starken Kontrast zum Lebensalltag der Kellnerinnen und Dienstmädchen, den diese bei mitunter häufigem Wohnortswechsel in kurzfristig angemieteten Hotel- oder Pensionszimmern ← 409 | 410 → verbrachten. Vor diesem Hintergrund erscheint die Verleihung eines Diploms und eines goldenen Kreuzes durch den „Verein für die Interessen der Frau“ an Dienst-„Mädchen“, die mindestens 25 Jahre in einem Haushalt gedient hatten, auch als Ermahnung zu einer stetigen, sesshaften, bürgerlichen Lebensweise und nicht allein als Anerkennung einer langjährigen weiblichen Berufsbiographie.104

Erst durch eine solche intersektionale Perspektive wird somit nachvollziehbar, wieso die Problematisierung von Prostitution zugleich bürgerlichen Frauen die Inklusion in das nationale Kollektiv und eigene politische Partizipationsmöglichkeiten ermöglichte, während ausländischen Frauen Kriminalisierung und Abschiebung drohten. An diesem Prozess der Identifizierung von Prostitution mit dem Ausländischen waren bürgerliche Frauen beteiligt, indem sie die Prostituierten und nicht deren Kunden für eine Gefahr für Gesundheit und Moral der Bevölkerung hielten. Sowohl das Verständnis der Behörden für die Anonymität der „Freier“ als auch die ökonomische und politisch starke Stellung der einheimischen Wirte trugen dazu bei, dass andere Akteure nicht im gleichen Maße zur Zielscheibe der staatlichen Prostitutionsbekämpfung wurden.


1 In einem Aufsatz geht Jungblut am Rande auf mögliche Kontinuitäten hinsichtlich der Prostitutionsbekämpfung ein. Jungblut, Marie-Paule, Nationalsozialistische Geschlechterpolitik in Luxemburg: Anspruch und Wirklichkeit, in: Goetzinger, Germaine u. a. (Hg.), „Wenn nun wir Frauen auch das Wort ergreifen …“. Frauen in Luxemburg 1880–1950, Luxemburg 1997, S. 309–318.

2 Vgl. hierzu Das Volkswohl. Organ des Luxemburger Vereins gegen den Alkoholismus (Luxemburg, 1899–1930).

3 Vgl. zur Situation der Dienstmädchen auch: Goetzinger, Germaine, „Da lôsst mech an den Dengscht gôen“. Zur Sozial- und Alltagsgeschichte der Dienstmädchen, in: Goetzinger u. a. (Hg.), Frauen (wie Anm. 1), S. 191–205. Kmec, Sonja, "Da léiers de e bësschen Franséisch an d'Welt kennen": sur les traces d'une domestique luxembourgeoise à Bruxelles et Paris, in: Conter, Claude D. / Sahl, Nicole (Hg.), Aufbrüche und Vermittlungen: Beiträge zur Luxemburger und europäischer Literatur- und Kulturgeschichte / Nouveaux horizons et médiations : contributions à l’histoire littéraire et culturelle au Luxembourg et en Europe, Bielefeld 2010, S. 63-83.

4 Ney, Margarete, Orte gesellschaftlichen Lernens: Frauenhäuser in Luxemburg als Aufgabenfeld der katholischen Kirche, Bern etc. 2008, S. 77–84.

5 Vgl. hierzu beispielsweise die Parlamentsdebatte vom 23. Februar 1910. Compte-Rendu des Séances de la Chambre des Députés du Grand-Duché de Luxembourg (CdD), Luxemburg, 1909/1910.

6 Vgl. hierzu etwa das Protokoll No. 9/24/15 der Polizeistation Hollerich vom 24.4.1915, Archives Nationales du Luxembourg (ANLux), J64/18.

7 Zur Geschichte des Collège Médical vgl. Nati, Romain, Étapes essentielles de l’organisation sanitaire, médicale et hospitalière au Luxembourg, in: Conseil d’État (Hg.), Le Conseil d’État face à l’évolution de la société luxembourgeoise, Luxemburg 2006, S. 195–214.

8 Situation Sanitaire du Grand-Duché de Luxembourg pendant l’année 1907, Annexe au Mémorial A Nr. 61, 1908, S. 10. Alle folgenden Zitate werden, ohne Anpassung der Rechtschreibung, in ihrer Originalsprache wiedergegeben.

9 Kessel, Martina / Signori, Gabriela, Geschichtswissenschaft, in: von Braun, Christina / Stephan, Inge (Hg.), Gender-Studien: Eine Einführung, Stuttgart etc. 22006 (12000), S. 113–123, hier S. 118 f.

10 Griesebner, Andrea, Feministische Geschichtswissenschaft. Eine Einführung, Wien 2005, S. 89.

11 Martschukat, Jürgen / Stieglitz, Olaf, „Es ist ein Junge!“: Einführung in die Geschichte der Männlichkeiten in der Neuzeit, Tübingen 2005; Medick, Hans / Hausen, Karin (Hg.), Geschlechtergeschichte und Allgemeine Geschichte: Herausforderungen und Perspektiven, Göttingen 1998.

12 Scott, Joan W., Gender: A Useful Category of Historical Analysis, in: The American Historical Review 91 (1986), S. 1053–1075, hier S. 1067; für eine Kritik an Scott vgl. Canning, Kathleen, Feminist History after the Linguistic Turn: Historicizing Discourse and Experience, in: Signs 19 (1994), S. 368–404; Hunt, Lynn, The Challenge of Gender. Deconstruction of Categories and Reconstruction of Narratives in Gender History, in: Medick / Hausen, Geschlechtergeschichte (wie Anm. 11), S. 15–56; zur Rezeptionsgeschichte von Scott vergleiche auch Opitz, Claudia, Gender – eine unverzichtbare Kategorie der historischen Analyse. Zur Rezeption von Joan W. Scotts Studien in Deutschland, Österreich und der Schweiz, in: Honegger, Claudia / Arni, Caroline (Hg.), „Gender“ – Die Tücken einer Kategorie. Joan W. Scott, Geschichte und Politik, Zürich 2001, S. 95–115; Opitz, Claudia, Nach der Gender-Forschung ist vor der Gender-Forschung. Plädoyer für die historische Perspektive in der Geschlechterforschung, in: Casale, Rita / Rendtorff, Barbara (Hg.), Was kommt nach der Genderforschung? Zur Zukunft der feministischen Theoriebildung, Bielefeld 2008, S. 13–28.

13 Wagenknecht, Peter, Was ist Heteronormativität? Zu Geschichte und Gehalt des Begriffs, in: Hartmann, Jutta u. a. (Hg.), Heteronormativität: Empirische Studien zu Geschlecht, Sexualität und Macht, Wiesbaden 2007, S. 17–34.

14 Crenshaw, Kimberlé, Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory, and Antiracist Politics, in: University of Chicago Legal Forum (1989), S. 139–167.

15 Die „Critical Race Theory“ entsprang einer kritischen Rechtstheorie in den USA, Crenshaw gilt als eine ihrer ersten Vertreterinnen. Vgl.: Caldwell, Victor F., Booknote on „Critical Race Theory: The Key Writings that formed the movement“, in: Columbia Law Review 96 (1996), S. 1363–1374, hier S. 1364.

16 Das Verhältnis von Rassismus zu Sexismus (und weiteren Unterdrückungsformen) ist das zentrale Thema des Schwarzen Feminismus. Einflussreiche Publikationen sind u. a.: Hull, Gloria T. / Bell Scott, Patricia / Smith, Barbara (Hg.), All the Women are White, all the Blacks are Men, but some of us are brave: Black Women’s Studies, New York 1982; hooks, bell, Ain’t I a Woman: Black Women and Feminism, Cambridge 1981; Collins, Patricia Hill, Black Feminist Thought: Knowledge, Consciousness, and the Politics of Empowerment, New York etc. 2000.

17 Combahee River Collective, A Black Feminist Statement, in: Smith, Barbara, Home girls: A Black Feminist Anthology, New York 1983, S. 264–274, hier S. 264.

18 Zum Kontext von Truths Rede vgl. Brah, Avtar / Phoenix, Ann, Ain‘t I A Woman? Revisiting Intersectionality, in: Journal of International Women’s Studies 5 (2004), S. 75–86, hier S. 77; ebenso von Truth inspiriert ist hooks, Woman (wie Anm. 16).

19 Davis, Kathy, Intersectionality in Transatlantic Perspective, in: Klinger, Cornelia / Knapp, Gudrun-Axeli (Hg.), ÜberKreuzungen: Fremdheit, Ungleichheit, Differenz, Münster 2008, S. 19–35, hier S. 23; zu den Unterschieden zwischen amerikanischer und europäischer Rezeption bes. S. 24–28. Der Paradigmenwechsel wird in vielen Publikationen bemüht. Exemplarisch: Knapp, Gudrun-Axeli, „Intersectionality“ – ein neues Paradigma der Geschlechterforschung?, in: Casale / Rendtorff, Genderforschung (wie Anm. 12), S. 33–53; ablehnend: Andrea Bührmann, Intersectionality – ein Forschungsfeld auf dem Weg zum Paradigma? Tendenzen, Herausforderungen und Perspektiven der Forschung über Intersektionalität, in: Gender: Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft (2009), S. 28–44.

20 Vgl. den Überblick über die Auseinandersetzung von minorisierten Frauen mit der Frauenbewegung bei Walgenbach, Katharina, Gender als interdependente Kategorie in: Dies. u. a., Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität, Opladen etc. 2007, S. 23–64.

21 Dies gilt ebenso für Machtungleichgewichte zwischen privilegierten Frauen und marginalisierten Männern. Vgl. hierzu: Walgenbach, Gender (wie Anm. 20), sowie Rommelspacher, Birgit, Dominanzkultur: Texte zu Fremdheit und Macht, Berlin 1995.

22 Vgl. Mohanty, Chandra Talpade, Under Western Eyes: Feminist Scholarship and Colonial Discourses, in: Mohanty, Chandra Talpade u. a. (Hg.), Third World Women and the Politics of Feminism, Bloomington etc. 1991, S. 51–80.

23 Davis, Kathy, Intersectionality as Buzzword, in: Feminist Theory 9 (2008), S. 67–85.

24 Ähnlich: Yuval-Davis, Nira, Jenseits der Dichotomie von Anerkennung und Umverteilung: Intersektionalität und soziale Schichtung, in: Lutz, Helma u. a. (Hg.), Fokus Intersektionalität: Bewegungen und Verortungen eines vielschichtigen Konzeptes, Wiesbaden 2010, S. 203–221, hier S. 188; zustimmend auch Davis, Intersectionality (wie Anm. 23), S. 77.

25 Davis, Intersectionality (wie Anm. 23), S. 76 f.; zustimmend auch Knapp, die an der Theoriefähigkeit der Intersektionalität allerdings Zweifel anmeldet: Knapp, Intersectionality (wie Anm. 19), S. 44; Bührmann hält Offenheit sogar für die Möglichkeitsbedingung der Intersektionalitätsforschung: Bührmann, Intersectionality (wie Anm. 19), S. 37.

26 Lutz u. a. konstatieren Übersetzungsprobleme hinsichtlich des Antidiskriminierungs- und des Ungleichheitsdiskurses: Lutz u. a., Fokus Intersektionalität – Eine Einleitung, in: Dies. (Hg.), Fokus Intersektionalität (wie Anm. 24), S. 9–30, hier S. 16.

27 Davis geht davon aus, dass sich eine Reihe von sozial-, wirtschafts- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen auf Intersektionalität beziehen und dies u. a. mit phenomenologischen, strukturalistischen, psychoanalytischen und dekonstruktivistischen Prämissen aus feministischen, anti-rassistischen, multikulturellen, queeren und der disability Perspektive(n) tun. Davis, Intersectionality (wie Anm. 23), S. 68.

28 Sauer, Birgit / Wöhl, Stefanie, Governing Intersectionality. Ein kritischer Ansatz zur Analyse von Diversitätspolitiken, in: Klinger / Knapp, ÜberKreuzungen (wie Anm. 19), S. 249–273, hier S. 254.

29 Habermann, Friederike, Freiheit, Gleichheit, Ausschluss. Staatlichkeit und Intersektionalität, in: Sauer, Birgit u. a. (Hg.), Staat und Geschlecht: Grundlagen und aktuelle Herausforderungen feministischer Staatstheorie, Baden-Baden 2009, S. 199–213, hier S. 204 f.; Walgenbach, Gender (wie Anm. 20), S. 63. Hierin weist die intersektionale Perspektive eine Nähe zu den Critical Whiteness Studies auf. Vgl. exemplarisch: Wollrad, Eske, Weißsein im Widerspruch: Feministische Perspektiven auf Rassismus, Kultur und Religion, Berlin 2005.

30 Walgenbach, Gender (wie Anm. 20), S. 46.

31 Kritisch hierzu Lorey, Isabell, Kritik und Kategorie, in: Transversal 10 (2008), URL: http://eipcp.net/transversal/0806/lorey/de [Stand am 7.10.2016]. Sie bemängelt gerade eine fehlende, explizite Auseinandersetzung mit Macht.

32 Zum Wandel des Machtbegriffes von Foucault vgl. Lemke, Thomas, Eine Kritik der Politischen Vernunft: Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität, Berlin etc. 2011.

33 Ausnahmen sind: Habermann, Freiheit (wie Anm. 29); Sauer / Wöhl, Intersectionality (wie Anm. 28); Kerchner, Brigitte, Vielfalt, Komplexität oder Intersektionalität? Zum Einsatz der Diskurstheorie in der neueren Geschlechterforschung, 2011, URL: http://www.fu-berlin.de/sites/gpo/pol_theorie/Zeitgenoessische_ansaetze/index.html [Stand am 10.7.2016].

34 Foucault, Michel, Sexualität und Wahrheit, Bd. 1: Der Wille zum Wissen, Frankfurt 1983, S. 113 f.

35 Foucault, Biopolitik: (Anm. 35), S. 65.

36 Ebenda, S. 73.

37 Ebenda, S. 74; zu letzterem ausführlicher auch Foucault, Michel, Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt 1976.

38 Foucault, Michel, Mikrophysik der Macht: über Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin, Berlin 1976.

39 Foucault, Michel, Die Macht und die Norm, in: Ders., Mikrophysik (wie Anm. 38), S. 114–123, hier S. 114 f.

40 Foucault, Biopolitik (wie Anm. 35), S. 73.

41 Foucault, Michel, Subjekt und Macht, in: Ders., Schriften in vier Bänden, Bd. 4: Dits et Ecrits, Frankfurt 2005, S. 269–294, hier S. 286 f.

42 Foucault, Michel, Was ist Kritik?, Berlin 1992, S. 12.

43 Foucault, Biopolitik (wie Anm. 35) S. 75–77.

44 Ebenda, S. 79–84.

45 Vgl. ebenda sowie Foucault, Sexualität (wie Anm. 34), S. 145.

46 Loi du 25 novembre 1854 modifiant les articles 330 à 335 du Code pénal. in: Mémorial A Nr. 65, 1854. Seit der Strafgesetzreform von 1879 findet sich die entsprechende Regelung im Loi du 18 juin 1879 portant révision du Code pénal, die entsprechende Regelung in Artikel 385 cf. Memorial A Nr. 58, 1879.

47 Loi du 25 novembre 1854 (wie Anm. 46), Art. 2, Abs. 2.

48 Arrêté royal grand-ducal du 14 mai 1855 et règlement du 5 juin suivant, concernant les maisons de débauche et les personnes qui se livrent à la prostitution, in: Mémorial A Nr. 17, 1855.

49 Allgemeiner zu kommunalen Aufgaben vgl.: Franz, Norbert, Durchstaatlichung und Ausweitung der Kommunalaufgaben im 19. Jahrhundert. Tätigkeitsfelder und Handlungsspielräume ausgewählter französischer und luxemburgischer Landgemeinden im mikrohistorischen Vergleich (1805–1890) (Trierer Historische Forschungen, 60), Trier 2006, S. 115 f.

50 ANLux, J 64/39, Arrêté gouvernemental du 9.12.1908. Neben Camille Velter waren der Medizininspektor Alesch, Distriktkommissar Braun und Regierungsrat Jean-Baptiste Sax (alle Luxemburg-Stadt) Mitglieder der Kommission.

51 ANLux, J 64/39, Rapport de la Commission de Prostitution, 1911, S. 7.

52 ANLux, J 64/39, Bittgesuch. In Sachen der Frau Senta Rogati in Mannheim, um Genehmigung zum Betriebe eines öffentlichen Hauses in Luxemburg, 1909.

53 ANLux, J 64/39, Bericht Nr. 270 der Großherzoglichen Gendarmerie Bezirk Luxemburg, Station Esch-sur-Alzette, 1908.

54 ANLux, J 64/24, Bericht Nr. 20/18 der Stadtpolizei Luxemburg vom 21.6.1918.

55 ANLux, J 64/39, Bericht Nr. 270 der Grossherzoglichen Gendarmerie Bezirk Luxemburg, Station Esch-sur-Alzette; ebenda, Bericht Nr. 265 der Grossherzoglichen Gendarmerie Bezirk Luxemburg, Station Rümelingen, 1908.

56 ANLux, J 64/39, Bericht Nr. 38/12/08 der Staatsanwaltschaft zu Luxemburg vom 26.11.1908.

57 Die Listen finden sich in: ANLux, J 64/18.

58 Wagener, Renée, Marguerite Thomas-Clement: Sprecherin der Frauen: die erste Luxemburger Abgeordnete, in: Goetzinger, Germaine u. a. (Hg.), Frauen (wie Anm. 1), S. 104.

59 CdD (wie Anm. 5), 1919/1920, S. 4339.

60 Vgl. hierzu die Artikel aus der „Escher Zeitung“, dem „Volksboten“ und der „Luxemburger Zeitung“, die im ANLux, Aktenbestand J 64/39, archiviert sind.

61 CdD (wie Anm. 5), 1919/1920, S. 4340.

62 Ebenda, S. 4340.

63 Was jedermann von den Geschlechtskrankheiten wissen muß?, in: Das Volkswohl. Organ des Luxemburger Vereins gegen den Alkoholismus, Ausgabe März-Juni (1917), S. 4.

64 Die Animierkneipen in Luxemburg, in: Das Volkswohl, Ausgabe Januar-Juli (1911), S. 23 f., hier S. 23.

65 Die Animierkneipen weg!, in: Das Volkswohl, Ausgabe September-Oktober (1914), S. 10 f., hier S. 11.

66 Gegen das Dirnenwesen!, in: Luxemburger Wort, 1.7.1916, S. 3.

67 Vom Tage, in: Luxemburger Zeitung, 1914 (undatierter Zeitungsausschnitt aus: ANLux, AE 536).

68 Stadt-Chronik, in: Luxemburger Volkszeitung, 19.5.1917.

69 ANLux, J 64/39, Rapport de la Commission de Prostitution, S. 3.

70 CdD (wie Anm. 5), 1914–1915, S. 459.

71 ANLux, J 64/39, Bericht Nr. 450 des Polizei-Commissariats Hollerich vom 1.11.1908.

72 ANLux, J 64/39, Bericht Nr. 270 der Grossherzoglichen Gendarmerie Bezirk Luxemburg, Station Esch-sur-Alzette, 1908.

73 Fayot, Ben, Sozialismus in Luxemburg, Bd. 1, Luxemburg 1979, S. 29. Spitzenreiter ist Martelingen mit 39 Einwohnern pro Wirtshaus.

74 ANLux, J 64/39, Bericht Nr. 321 der Grossherzoglichen Gendarmerie Bezirk Luxemburg, Station Düdelingen, 1908; ebenda, J 64/39, Bericht Nr. 406 der Grossherzoglichen Gendarmerie Bezirk Luxemburg, Station Differdingen, 1908.

75 ANLux, J 64/39, Bericht Nr. 38/12/08 der Staatsanwaltschaft zu Luxemburg vom 26.11.1908.

76 Mémorial A Nr. 76, 1908.

77 CdD (wie Anm. 5), 1907–1908, S. 265.

78 CdD (wie Anm. 5), 1911–1912, S. a823

79 Großherzogl. Beschluß vom 13. August 1915, betreffend die Reglementierung der Frauenbedienung in Hotels und Schankwirtschaften, Mémorial A Nr. 72, 1915. Der Erlass regelte vor allem die (sittlich-moralischen) Anforderungen, die Wirte und Kellnerinnen zu erfüllen hatten.

80 Reglement betr. weibliche Bedienung in Schankwirtschaften, in: Das Volkswohl Ausgabe September-Oktober (1915), S. 3–16, hier S. 14.

81 ANLux, J 64/39, Bericht Nr. 270 der Grossherzoglichen Gendarmerie Bezirk Luxemburg, Station Esch-sur-Alzette, 1908.

82 ANLux, J 64/18, Bericht Nr. 72 der Stadtpolizeien Hollerich und Luxemburg, 1915.

83 CdD (wie Anm. 5), 1907–1908, S. 265.

84 ANLux, J 64/39, An die hochlöbliche Regierung und Abgeordnetenkammer, 1912.

85 ANLux, J 64/39, An die Polizei, in: Luxemburger Volkszeitung, 19.2.1915.

86 ANLux, J 64/39, An die Wohllöbliche Großherzogliche Regierung, 1915.

87 Mersch, Jules, Les Familles Servais, in: Biographie nationale du pays de Luxembourg depuis ses origines jusqu’à nos jours, Fascicule 20, Luxemburg 1972, S. 63.

88 ANLux, AE 536, Brief an Excellence, Monsieur le Ministre, 1914.

89 Solche Fälle sind beispielsweise in den Aktenbeständen J 71/25 und J 71/27 (beide ANLux) dokumentiert.

90 Aufgrund der bis heute andauernden Stigmatisierung, die mit dem Verdacht, sich zu prostituieren, einhergeht, habe ich den Namen zum Schutz der damals Betroffenen und möglicher Nachfahren anonymisiert.

91 Alle Angaben finden sich, soweit dies nicht anders vermerkt ist, in ANLux: Dossier Nr. 2219 der Police des Étrangers.

92 ANLux, Schreiben des Polizeikommissars von Luxemburg an die Generalstaatsanwaltschaft vom 6.9.1914, Dossier Nr. 2219.

93 Auskunft der Gemeinde Arlon Nr. 43933 vom 16. 9. 1904, Dossier Nr. 2219, ANLux. Eine zweite Auskunft holten die luxemburgischen Behörden im Juli 1914 ein, in der Nelly Hollande erneut der Prostitution verdächtigt wurde, obwohl sie im „casier judicaire belge“ nicht vermerkt war. Vgl. das Schreiben aus Brüssel (mit Annex) vom 30. Juli 1914 im gleichen Dossier.

94 ANLux, Schreiben des Polizeikommissars von Luxemburg an die Generalstaatsanwaltschaft vom 6.9.1914, Dossier Nr. 2219. Diese Wirtin ist auch in einem Verzeichnis der Animierkneipen in Luxemburg-Stadt und Hollerich als Inhaberin eines weiteren Cafés aufgeführt. Siehe ANLux, J64 /18: Bericht der Stadt-Polizei Luxemburg an die Staatsanwaltschaft zu Luxemburg Nr. 72.

95 ANLux, J 71/25, Schreiben des Generalstaatsanwaltes an den Staatsminister vom 10. 9. 1914.

96 ANLux, Vermerk vom 22.9.1914: Schreiben des Polizeikommissars von Luxemburg an die Generalstaatsanwaltschaft vom 6.9.1914, Dossier Nr. 2219.

97 ANLux, J 71/25, Schreiben des Generalstaatsanwaltes an den Justizminister vom 1. 9. 1917.

98 ANLux, Handschriftlicher Brief von Nelly Hollande an den Staatsanwalt, Dossier Nr. 2219.

99 ANLux, J 71/25, Schreiben des Generalstaatsanwaltes vom 1.9. 1917.

100 ANLux, J 71/25, Schreiben des Justizministers an den Generalstaatsanwalt vom 1.9.1917.

101 ANLux, Vermerk des Polizeikommissars vom 20.8.1919, Dossier Nr. 2219.

102 Ihr Name findet sich jedenfalls nicht in den Passagierlisten der US-Einwanderungsbehörden. Ihr Bruder Achille Hollande, 1915 in die USA eingewandert, beantragte im Juli 1919 bei den amerikanischen Behörden einen Pass, um eine Reise nach Belgien anzutreten. Vgl. National Archives and Records Administration (NARA), Washington D.C., Passport Applications, January 2, 1906 – March 31, 1925; ARC Identifier 583830 / MLR Number A1 534; NARA Series: M 1490; Roll #1690.

103 Vgl. hierzu den Beitrag von Josiane Weber in diesem Band.

104 Vgl. hierzu: Goetzinger, Germaine, Der „Verein für die Interessen der Frau“ oder Bürgerliche Frauenbewegung in Luxemburg, in: Goetzinger u. a. (Hg.), Frauen (wie Anm. 1), S. 63–79, hier S. 66 f.