Show Less
Restricted access

Hans Henny Jahnns musikalisches Erzählen in «Fluss ohne Ufer»

Polyphonie und Kontrapunkt als Elemente einer dissonanten Utopie

Series:

Sebastian Otto

Der Autor geht der Frage nach, ob Hans Henny Jahnn in seinem Komponistenroman «Fluss ohne Ufer» musikalische Erzähltechniken verwendete. Ausgehend von Jahnns Rede «Die Aufgabe des Dichters in dieser Zeit» erfolgt eine Skizzierung der Grundlinien der Ästhetik, der Baukunst und Musik, die der Autor dann per Analogie auf die Dichtung überträgt. Zum Verständnis der Harmonik und des musikalischen Erzählens zieht er u.a. Kepler und Leibniz heran. Der zweite Teil der Arbeit deutet «Fluss ohne Ufer» mit Hilfe musikalischer Kompositionstechniken wie Fuge, Polyphonie und Kontrapunkt als dissonante Utopie. Den Schlusspunkt bildet eine vergleichende Erörterung der «Ideen» Herders und des «unklassischen» Humanismus Jahnns.

Show Summary Details
Restricted access

II. Teil

Extract

← 138 | 139 →

II.  Teil

Wie jeder vorliegenden literaturwissenschaftlichen Interpretation zu H.H. Jahnns Fluss ohne Ufer geht es auch dieser um die schrittweise, kontinuierliche Erfüllung einer These. Diese tritt zumeist in einfacher, sehr allgemeiner Gestalt in Form eines Satzes auf. Bei Reiner Niehoff leitet sich die These bereits aus dem Titel seiner Habilitationsschrift Die Kunst der Überschreitung ab: Fluss ohne Ufer ist Überschreitung, welche später anhand der Begrifflichkeiten Batailles zur (Grenz-)Überschreitung der ‚homogenen‘ bürgerlichen Gesellschaft mit Hilfe ‚heterogener‘ unökonomischer Formen der Vergeudung konkretisiert wird. Für Marion Bönnighausens Dissertation Musik und Utopie ließe sich formulieren: Fluss ohne Ufer visiert die ästhetische Utopie einer kultischen Gemeinschaft (Ugrino) an, welche die instrumentelle Vernunft der modernen Gesellschaft ablösen soll. Und für diese Untersuchung gilt: Fluss ohne Ufer kann unter einem bestimmten Neigungswinkel als polyphon-kontrapunktisch strukturierte Dichtung gelesen werden, die sich mit einem dissonanten Utopie-Begriff verbinden lässt, der die Komponenten Harmonik und Mitleid enthält.

Die Erfüllung einer These nimmt den weitaus größten Raum einer literaturwissenschaftlichen Interpretation ein. Dazu gehört, dass die Voraussetzungen, die einer These zugrunde liegen, erläutert werden. Exemplarisch ist dies an Reiner Niehoffs Habilitation Die Kunst der Überschreitung zu beobachten: Niehoff fügte in seine Habilitationsschrift mehrere Exkurse zu Georges Bataille ein, um durch Begriffsarbeit dessen gedankliche Nähe hinsichtlich der Begriffe ››Verschwendung‹‹ und ››Überschreitung‹‹, auf die sich Niehoffs Untersuchung stützt, zu denen Jahnns zu zeigen. Erst hierdurch wird die Interpretation...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.