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Goethes «Wahlverwandtschaften» im 21. Jahrhundert gelesen

Aagot Vinterbo-Hohr

Goethes Roman «Die Wahlverwandtschaften» geht der Relation von Mensch und Gesellschaft in der Feudalzeit auf den Grund – und stößt nicht nur bei Zeitgenossen auf heftige Kritik. Die Autorin dieses Bandes bricht vom Lager der traditionellen Rezeption auf, indem sie das Leben am Ort der Handlung, einem Adelsgut, anhand reiner Textanalyse durchleuchtet, wobei das im Romangeschehen thematisierte Geflecht der sozialen, militärischen und religiösen Machtstrukturen der Feudalgesellschaft zu Tage tritt. Die durch Symbolik wie durch Form und Eigenart des Erzählstils dargestellten sozialen Verhältnisse und Konflikte werden dadurch freigelegt. Die Erkenntnisse der Untersuchung öffnen Perspektiven auf Struktur- und Alltagsprobleme der globalisierten Gesellschaft der Gegenwart.

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2. Der Hauptmann

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2.  Der Hauptmann

„Der Hauptmann kam.“1 Er wird keinen Augenblick lang geglaubt haben, dass Charlotte den Tintenklecks mit dem Daumen entfernen wollte. Warum er dennoch Zuflucht im Hause einer Antagonistin sucht, liegt auf der Hand: Der Hauptmann kämpft um die nackte Existenz. Der Unmutsausdruck einer Ehefrau würde ihm primär keine Sorge bereiten, weil die Entscheidungsgewalt in familiären Fragen beim Ehemann liegt. Erst die dümmliche Nachschrift Eduards veranlasst den erfahrenen Soldaten, das Schloss seines Freundes als potenziell feindliches Gebiet anzusehen und sich mit einer Parlamentärflagge zu nähern: „Er hatte einen sehr verständigen Brief vorausgeschickt, der Charlotten völlig beruhigte. So viel Deutlichkeit über sich selbst, so viel Klarheit über seinen eigenen Zustand, über den Zustand seiner Freunde, gab eine heitere und fröhliche Aussicht.“2

Charlottes Widerwille gegen die Anwesenheit des Hauptmannes auf dem Gut hat Anlass zu Spekulationen gegeben, so z. B. wurde ein verunglücktes Liebesverhältnis vermutet. Doch die Ursache dieses – übrigens gegenseitigen – Antagonismus ausschließlich im Individuellen zu suchen, wäre prinzipiell verfehlt. Der neue Bewohner des „rechten Flügel[s] des Schlosses …, wo er sehr bald Bücher, Papiere und Instrumente aufgestellt und geordnet hatte, um in seiner gewohnten Thätigkeit fortzufahren,”3 wird nämlich nicht mit seinem Namen, sondern seinem militärischen Rang introduziert und durch den ganzen Text hindurch benannt. An diesem Mann, dessen Charakter der eines Soldaten ist, durch “patience and the precise calculations of...

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