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Goethes «Wahlverwandtschaften» im 21. Jahrhundert gelesen

Aagot Vinterbo-Hohr

Goethes Roman «Die Wahlverwandtschaften» geht der Relation von Mensch und Gesellschaft in der Feudalzeit auf den Grund – und stößt nicht nur bei Zeitgenossen auf heftige Kritik. Die Autorin dieses Bandes bricht vom Lager der traditionellen Rezeption auf, indem sie das Leben am Ort der Handlung, einem Adelsgut, anhand reiner Textanalyse durchleuchtet, wobei das im Romangeschehen thematisierte Geflecht der sozialen, militärischen und religiösen Machtstrukturen der Feudalgesellschaft zu Tage tritt. Die durch Symbolik wie durch Form und Eigenart des Erzählstils dargestellten sozialen Verhältnisse und Konflikte werden dadurch freigelegt. Die Erkenntnisse der Untersuchung öffnen Perspektiven auf Struktur- und Alltagsprobleme der globalisierten Gesellschaft der Gegenwart.

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Prolog im Herbst: Ein Dichter begegnet seiner Leserschaft

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„… das ist doch mein bestes Buch!“

So antwortet Goethe, nachdem er eine „ganze Weile ernsthaft geschwiegen“ hat, „endlich und mit vieler Innigkeit“ einer namentlich nicht bekannten Dame, die seinen soeben erschienenen Roman Die Wahlverwandtschaften als „wirklich unmoralisch“ bezeichnet und erklärt hatte, dass sie es „keinem Frauenzimmer [empfehle].“1

Wieland hingegen, der diesen Meinungsaustausch wiedergibt, gehört nicht zu den „sittsamen Leute[n], die schreien!“2, sondern er empfiehlt seiner Tochter Charlotte das Buch zum gleich dreimaligen Lesen – „wie Goethe selbst sagt“3. Der scheinbar waghalsig vertrauensvolle Vater zweifelt nicht, dass dann ihr „eignes Urtheil“ mit dem seinigen „ziemlich zusammenstimmen“ wird, obwohl er ihr „Verlangen“, das Urteil des Vaters zu wissen, „diesmal nicht stillen kann“. Wieland hat, wie es scheint, zu diesem Zeitpunkt Die Wahlverwandtschaften nur das erste Mal gelesen, und beurteilt: „…auch gehört es von einer Seite unter die besten, von der andern unter die tadelnswürdigsten Producte eines das Publikum gar zu sehr verachtenden, genialischen, Urhebers.“4 Auf sein endgültiges Urteil kommen wir zurück. Mit der Verurteilung des Autors jedoch war ihm der Philosoph und politische Schriftsteller August Wilhelm Rehberg – allerdings anonym – in der Allgemeinen Literaturzeitung am 1. Januar 1809 zuvorgekommen: „In keines Volks Literatur ist es jemals vorgekommen, daß ein Liebling des Volkes das ← 1 | 2 → Uebermaß von Verehrung seiner Zeitgenossen mit so derben Aeußerungen der Verachtung erwiedert habe.“5

Wielands vorläufige Ansicht im Brief an seine Tochter, dass das Buch „von den einen...

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