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Psychologie und Totalitarismus

Die Abwendung vom Humanitätsgedanken in der Psychologie und die Folgen (ca. 1895–1945)

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Susanne Guski-Leinwand

Die große historische und politische Frage: «Wie konnte das geschehen?» erhält auf Basis dieses Buches eine Antwort aus psychologischer Sicht. Die Autorin präsentiert neue Aspekte in der Totalitarismus-Forschung: Sie stellt die Bedeutungen psychologischer Ansätze und ihr Hineinwirken in politische Konzepte bis hin zum Nationalsozialismus dar und analysiert sie in ihren Zusammenhängen. Sie untersucht, bis zu welchem Moment die Psychologie in Deutschland sich dem Humanitätsgedanken verpflichtet sah und wann bzw. wodurch sich dieses änderte. So konnten z. B. ein psychologischer Darwinismus, organisches Denken und antisemitische Positionen Einzug halten. Bisher unbekannte politische Konzepte bedienten sich der Psychologie und umgekehrt, schließlich opferte man den Humanitätsgedanken. Prominente Fachvertreter des 20. Jahrhunderts trugen unterschiedlich stark hierzu bei. Das Buch stellt Konzepte und Beteiligte in ihren zugehörigen Kontexten vor. Ein bisheriger «weißer Fleck» der Geschichte erhält Konturen.

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5. Auswirkungen einer radikalen Deszendenztheorie als Darwinismus in der Psychologie: Untersuchung des psychologischen Lehrgebäudes Felix Kruegers

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5. Auswirkungen einer radikalen Deszendenztheorie als Darwinismus in der Psychologie: Untersuchung des psychologischen Lehrgebäudes Felix Kruegers

Eine radikale Deszendenztheorie wie sie auf Basis der bisherigen Ergebnisse in der vorliegenden Untersuchung erkannt wurde, bedarf einer eigenen Einordnung. Da sie sich auf soziale bzw. sozial-psychische und individualpsychische Aspekte bezog, muss sie als ein gesondertes Phänomen innerhalb des als sozialen Darwinismus (vgl. Hertwig, 1918) bzw. Sozialdarwinismus und abgegrenzt zu anderen Paradigmen wie dem Humanitätsgedanken betrachtet werden.

Francis (1981) hatte in Abgrenzung vom Sozialdarwinismus und dessen dreier Varianten herausgearbeitet, dass der Sozialdarwinismus im Laufe der Zeit sehr verschieden verstanden wurde als „1. Eine Schule der wissenschaftlichen Soziologie, 2. eine Soziallehre, 3. ein Typus von gesellschaftspolitischen Handlungsanweisungen.“ (Francis, 1981, S. 209).

Wie bereits im Eingangskapitel über die Bedeutung des Humanitätsgedanken erläutert wurde, ist der Humanitätsgedanke in der Psychologie nach dem Tode von Wilhelm Wundt kaum noch thematisch aufgegriffen worden. Im Jahr der Errichtung des ersten Lehrstuhls für Psychologie, 1923 an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, erschien in „Die Neue Rundschau“ die „Rede über Humanität“ von Jakob Wassermann (1873–1934), einem deutschen Schriftsteller jüdischer Abstammung. Wassermann unterschied in dieser Rede: „Menschlichkeit ist individuell gerichtet, Humanität sozial.“ (Wassermann, 1923, S. 7). Besonders die Psychologie der Zweiten Leipziger Schule unter Felix Krueger hatte sich einer „sozialen Entwicklungspsychologie“ verschrieben, ohne jedoch die Humanität zum Gegenstand ihrer Untersuchungen zu machen. Gleichzeitig bedeutete für Krueger die Auseinandersetzung um eine soziale Entwicklungstheorie die Schaffung...

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