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Medizin im Konzentrationslager Flossenbürg 1938 bis 1945

Biografische Annäherungen an Täter, Opfer und Tatbestände

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Jessica Tannenbaum

Die Quellenstudie liefert einen Beitrag zur Medizingeschichte des KZ Flossenbürg. Durch die über 1945 hinausgehende Perspektive kann die Autorin in Übereinstimmung mit der aktuellen Täterforschung deutlich machen, wie Justiz und Standesvertretungen in der Nachkriegszeit mit den ärztlichen Tätern umgingen. Da das KZ Flossenbürg im Nürnberger Ärzteprozess keine Rolle spielte, hat dies die Einschätzung der medizinischen NS-Verbrechen an diesem Ort grundsätzlich verzerrt. Die Autorin zeigt, wie die Lagerärzte durch ein Netzwerk miteinander verknüpft waren und sich gegenseitig hilfreiche Dokumente sowohl während des 2. Weltkrieges als auch danach ausstellten. Am Sonderfall des Chirurgen H. Schmitz stellt sie dar, wie viele SS-Ärzte sich den juristischen Konsequenzen in Bezug auf das Lager Flossenbürg entziehen konnten.

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4. Tatbestände: Fehlende medizinische Versorgung und medizinische Verbrechen

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4. Tatbestände: Fehlende medizinische Versorgung und medizinische Verbrechen

Bereits Toni Siegert, der als Erster die Geschichte des Konzentrationslagers Flossenbürg systematisch erforscht hat, hat angedeutet, dass im Lagerkomplex Flossenbürg mehr Menschen durch Vernachlässigung, katastrophale Lebensbedingungen und an der völlig unzureichenden hygienischen Infrastruktur gestorben sind als durch aktiven medizinischen Mord:

„Der quantitative Umfang der Häftlingstodesfälle, die sich aus ärztlicher Vernachlässigung oder medizinscher Fehlbehandlung ergaben, war mit hoher Wahrscheinlichkeit noch größer als der der vorsätzlich medizinischen Tötungsaktionen.“715

Siegert fügte noch die Einschränkung an, dass sich entsprechende Schätzungen „jeglicher zahlenmäßiger Feststellung“716 entziehen. Dies gilt, mit einzelnen Ausnahmen, auch heute noch. Daher werden im Folgenden die qualitativen Tatbestände der Ärzteschaft aufgeführt, ihre medizinische Relevanz erklärt und ihre Bedeutung für die Überlebenswahrscheinlichkeit des Häftlingskollektivs, aber vor allem eines individuellen Häftlings, analysiert. Quantitative Schätzungen unterbleiben weitgehend.

Es sei vorangestellt, dass die unterschiedlichen Stufen medizinischer Tätigkeit, beziehungsweise ihrer Unterlassung, einer teils implizit, teils explizit gewünschten Vernichtung der Gefangenen entsprachen. Zu keinem Zeitpunkt wurde bei KZ-Gefangenen von an sich wertvollen Wesen ausgegangen. Das entscheidende Kriterium, das den „Wert“ eines Gefangenen bestimmte, war seine oder ihre körperliche Arbeitskraft. War diese beeinträchtigt, sank der „Wert“ und damit die Chance, zu überleben.

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