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Das Franco-Regime in Spanien

Der Streit um einen chamäleonhaften Systemtypus

Walther L. Bernecker

Seit Jahrzehnten führen Sozialwissenschaftler und politisch interessierte Zeitgenossen einen Streit um die Typologie des Franco-Regimes in Spanien (1936/1939–1975). Die Brisanz des Themas liegt darin, dass es sich nicht nur um eine wissenschaftliche, sondern zugleich um eine politisch-ideologische Debatte handelt. Setzten die Diskutierenden den Franquismus zuerst mit Faschismus gleich, kamen (vor allem in der Phase des Kalten Krieges) alternative Charakterisierungen hinzu: Militärdiktatur, Nationalkatholizismus, Autoritarismus oder konservative Entwicklungsdiktatur.

Der Band diskutiert die verschiedenen typologischen Ansätze, er weist deren Reichweite und Grenzen auf und eröffnet Perspektiven für die weitere Debatte.

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I. Einleitung und Fragestellung

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I. Einleitung und Fragestellung

Die Debatte über den Charakter des Franco-Regimes ist so alt wie dieses selbst und hält bis heute an.1 Die antifranquistischen Kämpfer im Bürgerkrieg (1936–1939) bezeichneten den im ‚nationalen Lager‘ entstehenden „Neuen Staat“ von Anfang an als „faschistisch“. Hierfür schienen mehrere Argumente zu sprechen: Zum einen war bekannt, dass Franco von den faschistischen Mächten Deutschland und Italien unterstützt wurde, zum anderen wurde die faschistische Falange-Partei, nach ihrer Vereinigung mit anderen Rechtsorganisationen, zur einzig zugelassenen politischen Organisation im Franco-Lager erklärt; schließlich wurden die Arbeiterbewegung und ihre Interessenvertretungen zerschlagen, eine Gleichschaltung auf vielen Gebieten versucht, der staatliche Terror massiv als Mittel zur Einschüchterung der Zivilbevölkerung eingesetzt. Die zeitgenössische Charakterisierung des Franquismus als „faschistisch“ hat den Bürgerkrieg und die ersten Jahre des Regimes überstanden und ist (vor allem von dessen Gegnern) immer wieder – zumeist in politisch-polemischer Absicht – verwendet worden.

Demgegenüber haben sich schon früh weitere Interpretationsrichtungen herausgebildet, die darauf abhoben, dass das Regime spätestens ab 1943 nicht nur von faschistischen Symbolen und Gesten abrückte, sondern sich auch vom politischen System der Achsenmächte distanzierte. Sie verwies darauf, dass die Bezeichnung „totaler Staat“ in Spanien nur selten verwendet wurde und die „Einheit von Staat und Gesellschaft“ nie mehr als eine Rechtfertigungsfloskel für die „Nationale←9 | 10→ Bewegung“ war. Im Vokabular und in der Mentalität eines traditional denkenden Diktators wie Franco kam totalitäres Gedankengut kaum vor. Nach 1945...

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