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Großstadtglaube

Katholische Präsenz in Berlin

Thomas Brose

Großstadt = Gottlosigkeit? Sind die spätmodernen Metropolen mit ihren Lebensrhythmen überhaupt dafür geeignet, Spiritualität und Glaube eine Chance zu geben? Braucht Religion den Exodus aufs Land?

Tatsächlich sind Religion und Urbanität, das Sakrale und das Säkulare, historisch auf das engste miteinander verknüpft. Am Beispiel Berlins zeigt die Publikation, was sich daraus für die Entwicklung einer zeitgenössischen (katholischen) Theologie ableiten lässt, wenn diese bereit ist, auf die Sprache der Großstadt zu hören und in ein fruchtbares Gespräch mit Philosophie und Literaturwissenschaft einzutreten («Berliner Ansatz»).

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3. Richtung Stadtmitte: Annäherungsversuche

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3. Richtung Stadtmitte: Annäherungsversuche

3.1 Walter Benjamin und Franz Hessel

„Der Flaneur ist der Priester des genus loci“, erklärt Walter Benjamin. „Dieser unscheinbare Passant mit der Priesterwürde und dem Spürsinn eines Detektivs – es ist um seine leise Allwissenheit etwas wie um Chestertons Pater Brown.“ In seinem Essay Wiederkehr des Flaneurs meint der im gutbürgerlichen Berliner Westen Aufgewachsene, es existierten zwei Arten von „Stadtschilderungen“: „Der oberflächliche Anlaß, das Exotische, Pittoreske wirkt nur auf Fremde. Als Einheimischer zum Bild einer Stadt zu kommen, erfordert andere, tiefere Motive.“19 Solche Einsichten erwartet er von dem Dichter und Rowohlt-Lektor Franz Hessel, bekannt als Spaziergänger von Berlin. Berühmt für seine Interpretationskunst, verwandeln sich für den Literaten Zeitungskioske in ganze Bibliotheken, Schilder in Ölgemälde.

„Hierzulande muß man müssen, sonst darf man nicht.“, bemerkt der Flaneuer über die eilig-nervösen Berliner. „Hier geht man nicht wo, sondern wohin. Es ist nicht leicht für unsereinen.“20 Darum verfolgt Hessel in den Jahren der Weimarer Republik eine „Kulturmission“: nämlich seinen gehetzten Mitbürgern das gelassene Gehen beizubringen: „Aber vielleicht ist es noch nicht zu spät. Flanieren ist eine Art Lektüre der Straße, wobei Menschengesichter, Auslagen, Schaufenster, Café-Terassen, Bahnen, Autos, Bäume zu lauter←31 | 32→ gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Wort, Sätze, und Seiten eines immer neuen Buches ergeben.“21

Auf den Spuren des „Spaziergängers“ zögert Walter Benjamin, der Theoretiker...

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