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«Futura contingentia, necessitas per accidens» und Prädestination in Byzanz und in der Scholastik

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Stamatios Gerogiorgakis

Die Studie stellt einen direkten Vergleich zwischen der Scholastik und der byzantinischen Philosophie und Theologie dar. Sie stellt Lehren der Philosophie und Theologie des Hoch- und Spätmittelalters einander gegenüber und bespricht diese in kritischer, jedenfalls nicht in doxographischer Hinsicht.

Die Zeitlogik hat ihren Ursprung in der Antike. In der Spätantike und insbesondere im Mittelalter erlangten ihre Resultate auch eine theologische und politische Brisanz. Das Studium der Semantik von Sätzen über Zukunftsereignisse, die eintreten oder auch ausbleiben können, sowie das Studium der Semantik von Sätzen über Vergangenheitsereignisse lehren uns Einiges über Zukunftserwartungen. Zusätzlich ist der Vergleich lateinischer und griechischer mittelalterlicher Quellen zur Zeitlogik bezeichnend für die Reichweite der philosophischen Reflektion in der mittelalterlichen Weltanschauung.

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3. Schlussfolgerungen aus den frühen Zeitlehren

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In der griechischen Patristik gab es Autoren, die bereit waren, den Glauben an die Realität der Zeit und damit die Realität der Vergangenheit aufzugeben. Diese Bereitschaft hat einen aristotelischen Unterton. Die Gegenwart markiert nach Aristoteles eine Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft, stellt aber keine ausgedehnte Zeit dar.175 Basilius von Cäsarea legte eine radikalisierte Version dieser aristotelischen These nahe: Nur die Gegenwart ist da, aber diese ist nicht zeitlich ausgedehnt. Was wiederum zeitlich ausgedehnt ist, ist nicht da.

Im Anschluss an die als aristotelisch wahrgenommene These der Irrealität der Zeit entstand in Byzanz eine prädestinationsverneinende Theologie.

Das war allerdings nicht die einzige richtungsweisende Zeitkonzeption der griechischen patristischen Literatur. Im Gegensatz zu Basilius von Cäsarea verstand Johannes Chrysostomos unter Gegenwart eine ausgedehnte Zeit, ja die gesamte Zeit, und er nahm damit den thomistischen Eternalismus vorweg: Der göttliche Plan ist unverrückbar, da er aus Gottes Sicht gegenwärtig ist.176

Ansatzweise vertraten also manche griechische Kirchenväter eine Zeitkonzeption, die später in der scholastischen Prädestinationslehre ausgebaut wurde.

Im Übergang zum Mittelalter versuchte die griechische wie die lateinische Theologie mit Hilfe der damaszenischen Formel: Vorherwissen ist nicht Vorherbestimmen, die von Cicero und den Aristoteles-Kommentatoren aufgegebenen Rätsel bezüglich der Willensfreiheit im Theismus zu lösen.

Alexander von Aphrodisias war der Meinung, dass Petrus eine reelle Chance zum Tugendhaftwerden hat, obwohl Gott bestimmt weiß, dass Petrus zum Schluss untugendhaft wird. Aber wie kann...

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