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«Futura contingentia, necessitas per accidens» und Prädestination in Byzanz und in der Scholastik

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Stamatios Gerogiorgakis

Die Studie stellt einen direkten Vergleich zwischen der Scholastik und der byzantinischen Philosophie und Theologie dar. Sie stellt Lehren der Philosophie und Theologie des Hoch- und Spätmittelalters einander gegenüber und bespricht diese in kritischer, jedenfalls nicht in doxographischer Hinsicht.

Die Zeitlogik hat ihren Ursprung in der Antike. In der Spätantike und insbesondere im Mittelalter erlangten ihre Resultate auch eine theologische und politische Brisanz. Das Studium der Semantik von Sätzen über Zukunftsereignisse, die eintreten oder auch ausbleiben können, sowie das Studium der Semantik von Sätzen über Vergangenheitsereignisse lehren uns Einiges über Zukunftserwartungen. Zusätzlich ist der Vergleich lateinischer und griechischer mittelalterlicher Quellen zur Zeitlogik bezeichnend für die Reichweite der philosophischen Reflektion in der mittelalterlichen Weltanschauung.

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4. Einleitende Bemerkungen zur Zeitphilosophie des Hoch- und Spätmittelalters

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Eine seit der Antike wohlbekannte These lautet, dass die Vergangenheit irreversibel ist bzw. dass wahrheitsgemäße Aussagen über die Vergangenheit notwendig wahr sind. Diese Notwendigkeit liegt aber nicht an der Natur der Aussagen über Vergangenes, sondern sie basiert auf dem kontingenten Faktum des Zeitvergehens. Sie ist eine akzidenzielle Notwendigkeit, eine „necessitas per accidens“, wie die Logiker des Mittelalters sagten. Lesern zuliebe, die die Logik-Terminologie des Mittelalters irritieren könnte, nannte ich diese Notwendigkeit: Irreversibilität der Vergangenheit. Diese terminologische Neuerung werde ich auch weiterhin verwenden.

Die antike Debatte darüber, ob Geschehenes aus einem späteren Standpunkt notwendig ist, begann mit den Analysen von Diodor Kronos und Aristoteles über die Bedeutung der Modalausdrücke („Es ist möglich, dass p“, „Es ist notwendig, dass p“), wenn sie in Verbindung mit Zeitbestimmungen verwendet werden.178 Dass wahre Aussagen über die Vergangenheit zwingend wahr sind (necessitas per accidens-These), war wohl der einzige Grundsatz, in dem Diodor und Aristoteles übereinstimmten. Als erste Prämisse seines Meisterarguments nahm Diodor an, dass Geschehenes nicht ungeschehen gemacht werden kann. Aristoteles äußerte sich etwas umständlicher, meinte aber dasselbe. Man könne, so der Stagirite, nicht beabsichtigen, Troia erobert zu haben.

Das Erwünschte ist nichts Geschehenes. Niemand hegt z.B. die Absicht, Troia erobert zu haben. Denn man berät nicht über schon Geschehenes, sondern über Künftiges und Kontingentes. Das bereits Geschehene aber kann nicht ungeschehen gemacht werden. Darum ist richtig was bei Agathon steht: „Einzig dazu ist sogar Gott...

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