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Selbstoptimierung

Eine kritische Diskursgeschichte des Tagebuchs

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Ralph Köhnen

Lebenskunst hat Konjunktur: Offenbar ist der Traum, das Leben als Gesamtkunstwerk einzurichten, zur ethischen Maxime geworden. Beteiligt ist dabei seit der Antike das Motiv von Selbsterforschung bzw. Selbstbesserung, das über die Frühe Neuzeit bis in die Gegenwart wirksam geblieben ist. Tagebücher sind dabei ein notwendiges Begleitmedium gewesen und haben wechselhafte Formen angenommen, die von religiösen, wirtschaftlichen, psychologischen und medizinischen Aufschreibesystemen bestimmt worden sind. In diesem umfassenden mediologischen Sinn untersucht der Autor Programme der Selbstschrift und stellt diese an Beispielen dar, die sich von Pacioli über Pepys, Leibniz, Herder, Moritz, Goethe, Hebbel, Schmitt, Jünger oder Rainald Goetz bis in die Gegenwart der Social Media erstrecken.

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3. Im Geiste des Kapitalismus – der puritanische Weg zur Verwaltung von Ich und Öffentlichkeit (Beadle, Hartlib, Pepys, Franklin)

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3. Im Geiste des Kapitalismus – der puritanische Weg zur Verwaltung von Ich und Öffentlichkeit (Beadle, Hartlib, Pepys, Franklin)

Die calvinistische Internationale

Es sind vier Themen, die ab 1600 den Diskurs des Tagebuchs im engeren, modernen Sinn prägen: wirtschaftlich-politische Vorgänge, seelisch-geistliche Einstellungen, Wissenschaftshaltungen und eine zunehmend wichtiger werdende persönlich-weltliche Ebene der subjektiven Lebensorganisation. Die sich verzweigenden Formen der Aufzeichnungstechniken beruhen zwar auf unterschiedlichen Diskursfeldern, zeigen aber doch Verwandtschaften, was den Umgang mit ‚Daten‘ bzw. ‚Datis‘ angeht.

Besonders stark aktiviert wird die ökonomische Haushaltung, wenn sie sich mit einem Glaubenssystem verknüpft. Zwar ist Gelderwerbsstreben zweifelsfrei auch anderen Kulturen nicht fremd – aber als spezifisch abendländisch hat Max Weber in seiner epochalen Studie zur Protestantischen Ethik die Rückverstärkung der Profitneigungen durch bestimmte Reformationslehren ausgemacht, namentlich Calvinismus und Puritanismus. Diese machen den ‚Geist‘, die ideelle Aufladung des Kapitalismus aus – dahingehend nämlich, dass Mechanismen von Affektkontrolle und Selbstzwang im Verein mit buchhalterischen und technischen Mitteln eine Verselbstständigung des Steigerungsdenkens bewirkten. Wenn sich das gläubige Individuum als Teil dieser religiösen Gemeinschaft empfinden will, muss es gravierende Selbstzwänge ausüben und sich Leistungsziele setzen. Nicht nur aber werden damit umfangreiche Verinnerlichungsprozesse in Gang gebracht – vielmehr durchzieht die neue Glaubensform neben den häuslichen bald auch alle öffentlichen Sphären. Denn bei Außerkraftsetzen der kirchlichen Beherrschung des Lebens tritt an diese Leerstelle bald eine „unendlich lästige und ernstgemeinte Reglementierung der ganzen Lebensführung“.107 Nur in geringem Umfang trifft dies für das Luthertum zu, ausgesprochen intensiv aber für den Calvinismus als „Pflanzschule der Kapitalwirtschaft“.108 Dass man in Calvins Strenge und Purismus die „kalte Vernunft eines Juristen“ gesehen und ihn als „Gottes Hirtenhund“, ja als „protestantischen Savonarola“ bezeichnet hat, mag illustrieren, dass das Leben nicht nur in Calvins Wahlstadt Genf sehr formenstrikt geprägt war – es statteten dort sogar die Geistlichen bei den Familien Hausbesuche ab, um deren moralische Verfassung zu überprüfen.109

Wieso werden gerade diese protestantischen Richtungen für das Aufkommen des Kapitalismus verantwortlich gemacht? Weber ist sich durchaus im Klaren, dass es eine entwickelte Finanzwirtschaft seit dem späten Mittelalter gibt. Es fehlen aber bis ins 16. Jahrhundert die Agenten, die auf breiter Ebene eine entsprechende Geisteshaltung mitbringen, um alle Potenziale der Erwerbswirtschaft auszuschöpfen. Dazu gehört nämlich ein Subjekt, das bereit ist, nicht etwa durch gelegentliche Kompensationstätigkeiten Sündenabbau zu betreiben, sondern in systematischer Lebensführung und mit großem Willen zu einer dauernhaft produzierenden Lebensführung alle Tätigkeiten auch effizienter zu gestalten – und hierfür noch Gottes Zustimmung an der Seite zu haben. Im Unterschied zum Katholizismus ist es eben nicht die Sammlung von Einzelleistungen, die je nach Situation eingesetzt werden konnten, um Sündenvergebung zu erlangen. Vielmehr geht es in Teilen des Protestantismus um eine starke, bindende Prozessualität des ←48 | 49→Erfolgsstrebens mit einer „systematischen Selbstkontrolle“, der eine „zum System gesteigerte Werkheiligkeit“ zugrunde liegt.110 Die christliche Askese ist aus den Mönchszellen in den Berufsalltag gewandert und in diesem Sinne zu einer „systematisch durchgebildeten Methode rationaler Lebensführung geworden, mit dem Ziel, den status naturae zu überwinden, den Menschen der Macht der irrationalen Triebe und der Abhängigkeit von Welt und Natur zu entziehen“111 – und damit die ganze Persönlichkeit einzubegreifen.

Während der Lutheraner – sola fide, sola scriptura, sola gratia – sich auf seine Glaubensgerechtigkeit verlassen kann,112 ist Puritanern und Calvinisten diese feste Basis abhanden gekommen. In deren Sicht hat sich Gott vielmehr zurückgezogen – jedenfalls scheint die Welt auf sich gestellt, Gott nur in absoluter Transzendenz denkbar und der einzelne Mensch von den anderen isoliert: „Aus dem menschlich verständlichen ‚Vater im Himmel‘ des Neuen Testaments ist […] ist hier ein jedem menschlichen Verständnis entzogenes transzendentes Wesen geworden“.113 Diese Weltsicht wird noch dadurch extremisiert, dass der einzelne dem nächsten misstraut und auf Hilfe nicht zu hoffen ist114 – in weite Teile des Pietismus reicht jedenfalls die Einsicht hinein, dass Verlass in dieser Welt nur auf einen selbst ist. Und flankiert von Descartes’ radikal egofixiertem Erkenntnismodell des ‚Cogito ergo sum‘ kann dann die Konzeption eines Ich auf den Weg gebracht werden, das mit maximal kalkulierter Rationalisierung sich selbst behauptet und damit auch seinen Stand der Prädestination zu verbessern glaubt.115 Lauter Zeichen der Erwähltheit werden dann im irdischen Erfolg gesehen, mag dieser auch substanziell weit hinter göttlichen Sphären zurückbleiben. Insofern aber die Gnadenwahl nicht sicher erkannt werden kann, wächst ←49 | 50→eben das Bemühen, diese Unsichtbarkeit zu kompensieren und sichtbare Werke statt Worte zu schaffen. Der heute noch gängige Alltagssatz ‚Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott‘ ist ein Nachhall dieses Selbsterhaltungsgedankens und zeigt zugleich, wie damit ein Glaubenssystem gedreht werden kann: Der Mensch, der sein Leben einem rationalen Kontrollsystem unterwirft, dünkt sich, indem er gelingende Selbsthilfe betreibt, irgendwann als sein eigener Gott. In dieser Selbstfixierung gerät auch Freundschaft in Misskredit und ist Nächstenliebe ein eher abstrakter Beitrag zum Gottesdienst, ohne doch wirklich sozial gemeint zu sein. Alle Arbeit geschieht zwar zum Nutzen des Menschengeschlechts, freilich ist dies vor allem dem Ruhm eines abstrakt bleibenden Gottes verpflichtet. Dieser Utilitarismus führt an einem bestimmten Punkt dazu, dass sich die Zahl der nützlichen Taten verselbstständigt – Heilsgewissheit (certitudo salutis) ist nur dadurch zu erlangen, dass der einzelne für sich eine hohe Produktivität anstrebt.

Gewisse Kulturleistungen der protestantischen Ethik werden in dieser Sicht durchaus gewürdigt, doch wird am protestantischen Erwerbsstreben die klare Neigung erkennbar, sich von allen Zwecken einer guten Lebensführung zu verselbstständigen und letztlich in einer entfesselten Eigendynamik stark irrationale Züge anzunehmen.116 Es ist insofern nicht gut nachvollziehbar, wie bereits die frühen Kritiker Webers, aber auch spätere wie Luhmann und Habermas dessen Ausführungen affirmativ lesen konnten in Richtung eines nicht nur erfolgreichen, sondern auch lebenswerten Kapitalismus-Modells, das Weber in der (auch eigenen) protestantischen Tradition entwickelt habe. Weber ist vielmehr historisch-analytisch daran orientiert, den modernen Menschen über jene Voraussetzungen und geschichtlichen Bedingungen aufzuklären, die in einer um 1900 beschleunigten kapitalistischen Welt kaschiert werden. Gänzlich unübersehbar ist seine Kritik am Autonom-Maschinenhaften des Erwerbsstrebens oder an der Subordinierung des einzelnen unter ein Dispositiv des Kapitalismus, welches das Subjekt beherrscht, das einen geschäftsmäßigen Normenzwang verinnerlicht.117 Denn nicht mehr die Wahl des Puritaners, sondern der Imperativ zur Produktion beherrscht den modernen Menschen: „Der Puritaner wollte ←50 | 51→Berufsmensch sein, – wir müssen es sein“,118 lautet die Gegenwartsdiagnose, und es ist nunmehr kein leichter Mantel der finanziellen Sorge mehr, den man zugunsten des Seelenheils leicht abwerfen könnte, sondern es ist ein „stahlhartes Gehäuse“, in welches sich der Erwerbstreibende eingezwängt sieht.119 Berechnungen des Tages und der Erträge über längere Zeit lösen sich von den Akteuren ab und verselbstständigen sich: Damit gelangen Formen des Kapitalismus zur Reife, die sich zwar bereits vorher schon in der Anlage abzeichneten, aber in Verhältnissen der „Wahlverwandtschaften“ zwischen Glaubensformen und Berufsethik120 virulent werden.

Empirische Aufmerksamkeit: Beobachtungstechniken in der Frühen Neuzeit (Bacon, Galilei)

Bevor die Rechenschaftspflicht von Calvinisten und Puritanern durch Aufzeichnungssysteme präzisiert wird, tritt das neue Wissenschaftsverfahren der Induktion hinzu, das Francis Bacon unter dem Prinzip der Observatio ausarbeitet bzw. in der englischen Variante der observation in Umlauf bringt. Gegen Vorurteilsbefangenheit, Begriffsgläubigkeit oder blinde Weltanschauung begründet Bacon dies im Novum Organum Scientiarium (1620) mit dem Ziel einer reinen Sammlung von Detailkenntnissen, aus der alle Theorie- und Hypothesenbildung erst erfolgen soll. Das Tagebuch steht solchen Detailbeobachtungen zur schriftlichen Fixierung offen, und so ist es erklärbar, dass (auch wenn das Konzept auf die Antike zurückgeht) sich eine der ersten nicht nur nominellen, sondern programmatischen Formulierungen dazu in Bacons Essay Of Travel (1597) findet. Dort merkt er zu Reisetätigkeiten über Land an, man solle seine Beobachtungen tagebuchartig fixieren:

„It is a strange thing, that in sea voyages, where there is nothing to be seen, but sky and sea, men should make diaries; but in land-travel, where-in so much is to be observed, for the most part they omit it; as if chance were fitter to be registered, than observation. Let diaries, therefore, be brought in use.“121

Bacon führt sodann eine lange Liste derjenigen Dinge an, die aufzuschreiben sind: Vorgänge an Fürstenhöfen, Botschafterbegegnungen, Verhandlungen in Gerichtssälen, kirchliche Versammlungen, Denkmäler in Klöstern, städtische Befestigungsanlagen und Häfen, Häuser und Gärten, Waffenarsenale, Schatzsammlungen, Wohnanlagen, Warenlager, Reitübungen und militärisches Exerzieren. Zum Bildungsreisegepäck des Jungadels im 18. Jahrhundert wird es dann später gehören, alles aufzuschreiben, „whatsoever is memorable, in the places where they go“,122 um diese Eindrücke dann auch mit Briefwechseln und Befragungen durch die Erzieher zu stützen. Dazu tritt ein nutzenorientiertes Zeitverständnis, das Bacon in seinem Essay Of Dispatch formuliert und dort mit dem Geld- und Arbeitsverständnis verknüpft: „For time is the measure of business, as money is of wares; and business is bought at a dear hand where there is small dispatch.“123 Die sinnvoll genutzte Zeit, das „business“, ist wiederum in drei Teile gegliedert, nämlich Vorbereitung, eingehende Prüfung und Perfektionierung,124 die überschaubare Zeiträume beanspruchen sollen. Alle Sorge der Beobachtung hat hier noch mit der Gegenwart, ja mit der Tageseinheit zu tun.125

Dass beobachtete Dinge aufgeschrieben werden müssen, scheint nicht weiter erklärungsbedürftig. Und doch ist das hinzutretende Element des wissenschaftlichen Tagebuchführens in dieser Zeit bei Galilei und Kepler sichtbar. Galilei, der im Sidereus Nuncius (1610) seine überwältigenden ←52 | 53→Beobachtungen zu den Jupitermonden einträgt, nutzt die diarische Notiz als erkenntnisleitende Form: Protokolliert werden sowohl die durch den Fernrohrblick gewonnenen Erkenntnisse seiner Himmelsgeometrie als auch die Selbsterfahrungen des Forschers, was sich in einer möglichst authentischen und expressiven Niederschrift artikuliert. So schreibt Galilei über seine Entdeckerfreuden mit Datumsbeglaubigung:

Als ich um die erste Stunde der auf den 7. Januar des laufenden Jahres 1610 folgenden Nacht die Gestirne des Himmels durch das Fernrohr betrachtete, geriet mir der Jupiter ins Bild, und da ich mir ein sehr vorzügliches Instrument gebastelt hatte, erkannte ich (was vorher wegen der Schwäche des anderen Gerätes nie gelungen war), daß bei ihm drei Sternchen standen, die zwar klein, aber sehr hell waren. Sie versetzten mich, obgleich ich sie zu den Fixsternen zählte, dennoch in einiges Erstaunen, weil sie auf einer vollkommen geraden Linie parallel zur Ekliptik zu liegen und heller als die übrigen Sterne gleicher Größe zu glänzen schienen.126

Damit ist nicht einfach eine sachliche Reportage gegeben, sondern zugleich eine Erzählung oder ein Ereignisbericht, der den tastenden Erkenntnisprozess anschaulich macht und seine Ergebnisse mit Vermutungen, Erwartungshaltungen und Vorläufigkeitserklärungen konfrontiert: Galilei entdeckt die bis dahin unbekannten Jupitermonde (und den vierten wenige Tage später auch noch), Himmelskörper, die man vorher aufgrund von begrenzter Sehkraft nicht wahrgenommen hat und auf deren Entdeckung flugs das Erstlingsrecht angemeldet wird – all dies rückversichert mit der Anmerkung, dass sie ohne das famose Gerät nicht zu machen gewesen wäre. Die emotionsgeladene Narration spiegelt jene theoretische Neugier bzw. curiositas, die Hans Blumenberg als Bedingung dieser Entdeckung und ihrer Formulierung bezeichnet hat.127 Mit seinem Entdeckerpathos richtet sich ←53 | 54→Galilei auch gegen die Buchgelehrsamkeit, die für ihn in nichts weiter als im gedankenlosen Repetieren von Sätzen besteht, die über die Welt und ihr Funktionieren nichts aussagen.128

Nicht nur soll dadurch das Forschungsprojekt an Kontur gewinnen, auch das Forschersubjekt konstituiert sich dabei. Diese Intention ist bis heute vielfach abgewandelt worden – zum Beispiel in Lichtenbergs Sudelbüchern bzw. Tagebüchern, die wissenschaftliche Beobachtungen und Datenreihen mit Aspekten literarischen und philosophischen Denkens sowie Aufzeichnungen privater Gefühlslagen verbinden und das Bewusstsein der Zeitnutzung fortführen.129 Zum Optimierungsdenken haben sie in der Sache teilweise, zu dessen Notationsform vieles beigetragen.

Beichtbücher und Statistik (Beadle, Hartlib)

Im doppelten Horizont von erwerbsorientierten Lebenspraktiken und wissenschaftlichen Maximen werden wiederum die Programmformulierungen der Selbstschrift dringlicher, wenn sie an die antiken Forderungen zur Selbstschau anknüpfen und in die aktuellen Glaubensauseinandersetzungen eintreten bzw. protestantische Positionen profilieren. Vor allem mit den puritanischen Selbsttexten (weniger den calvinistischen) werden auch schriftliche Beicht- und Lektüreprogramme als Erinnerungszeichen von Gottes Wirken installiert.130 John Beadle (1595–1667), Prediger des inneren Seelenraumes, anglikanischer Gemeindevorsteher und engagierter ←54 | 55→Reformist gegen eingesessene kirchliche Zeremonien, erläutert in seinem Traktat The Journall or Diary of a Thankfull Christian eindringlich seinen Imperativ, über Glaubenserfahrungen Tagebuch zu führen.131 Damit individualisiert er auch die verschiedenen Arten von Beicht- und Pönitentialbüchern, die seit dem 16. Jahrhundert katalogartig schematisiert in Gebrauch sind. Ganz unverkennbar steht seine Programmatik unter dem Einfluss des Calvinismus mit all seinen Imperativen, Selbstordnung herzustellen, um daraus die zufälligen Weltläufte zu überwinden und die Tat sprechen zu lassen. Die Pointe eines längeren Entwicklungsprozesses liegt darin, dass in der zunehmenden Selbstgewissheit des Erwähltseinsstandes schließlich das Ich in ein Handelsverhältnis mit Gott tritt und eigene Schuld aufrechnet mit eigenen Verdiensten, für die Gott sich erkenntlich zu zeigen habe.132 Hier dehnt sich – auch unter dem Einfluss von Bacons praktischem Empirizismus – alle Berechnungstätigkeit in staatliche Dimensionen aus. Die Notwendigkeit dazu leitet Beadle auch aus einem Vergleich mit weltlichen Zwecken her, woraus nebenher deutlich wird, welche Formen des Notierens es bereits gibt:

„We have our State Diurnals, relating the Nationall Affairs. Tradesmen keep their shop books. Merchants their Accompt books. Lawyers have their books of presidents. Physitiants their Experiments. Some wary husbands have kept a Diary of daily disbursements. Travellers a Journall of all they have seen, and hath befallen them in their way. A Christian that would be exact hath more need, and may reap much more good by such a Journal as this.“133

Es folgen Anweisungen zum Tagebuchführen, wozu auch Relektüren des Geschriebenen gehören, das Aufzeichnen aller Ziele und Wünsche, drittens das Bedenken, dass die Wohltaten abgemessen sind, und viertens die Wertschätzung dieser individuellen Glückszumessung durch Gott.134 Beadle argumentiert, dass ebenso Heiden wie auch hochrangige Personen Tagebuch geführt hätten, schließlich aber Gott selbst hierin tätig sei, insofern er sich an alle Wohltaten und Anstrengungen gegenüber allen Menschen ←55 | 56→erinnere: „He has a book of remembrance of every passage of providence that concerns us“ – und erst recht für den Menschen sei das Tagebuch ein unverzichtbares mnemotechnisches Mittel, um allem Vergessen entgegenzusteuern.135 Es helfe, die Dankbarkeit aufrechtzuerhalten, den Gläubigen zu stärken und seinen Weg zum Guten fortzusetzen. Signifikanterweise ist es aber auch nützlich, indem es ganz prosaisch anzeigt: „Who will bring us any profit?“136

Beadle führte in dieser Absicht genaue Gemeindebücher und -register z.B. über Kollekteeinnahmen, Ausgaben oder Almosen und Unterstützungsleistungen. Es gab zwar um 1600 bereits nicht nur im Elisabethanisch-Puritanischen England private religiöse Tagebücher, auch wurde ab den 1640er Jahren die Idee eines privaten Gewissens- und Handlungstagebuchs offenbar durch andere Prediger in kleineren Instruktionstexten formuliert, etwa von Isaac Ambrose, Richard Baxter oder Edmund Staunton.137 So gibt Ambrose die Anweisung „to erect a Tribunal for the conscience“,138 um im Selbstgericht die eigenen Verfehlungen aufzuzählen, auch erwähnt er antike Tagebücher als Kronzeugen für die richtige Selbstbuchhaltung: „Such a Register (of God’s dealings towards him, and of his dealings toward God in main things) the Lord put into a poor creature’s heart to keep in the year 1641“, und ferner hält Ambrose als Textmuster ein kurzes „daily register of a weak unworthy Servant of Christ“ bereit, an dem sich bußfertige Christen orientieren können.139 In seiner Systematik, Ausführlichkeit und Wirkung steht Beadle allerdings singulär: Die folgenreiche Idee, die er systematisch durchdenkt, ist die eines religiösen Tagebuchs, das ermöglichen sollte, die Wohltaten mit den Prüfungen Gottes besser im Gedächtnis behalten zu können, und diese Idee wird nicht nur in seinem unmittelbaren Wirkungsort Essex in Predigten bereits um 1640 entwickelt, sondern 1656 auch publiziert und weithin – auch in London – bekannt.140

Betrachtet man Beadles Konzept nüchtern und weniger glaubenstrunken, handelt es sich um ein Rechnungswesen von göttlichen Gnadenerweisen und Prüfungen, die dem einzelnen Gemeindemitglied zugemessen sind und mit denen es sich einzurichten hat. Immer wieder wird der ‚Account‘ erwähnt (dessen Semantik nicht nur das ‚Konto‘, sondern auch die ‚Erzählung‘ umfasst), und mit ‚dealings‘ sind Wirtschaftshandlungen gemeint. Gedächtnis heißt vor allem Selbstprüfung durch Bewusstwerdung der Unterhandlungen zwischen Gott und Ich, doch wird bei diesen Konzeptionen eben auch ökonomisches (‚account‘, ‚dealings‘), juristisches (‚trial‘) und verwaltungstechnisches (‚register‘) Vokabular eingesetzt. So sieht etwa Beadle den gläubigen Tagebuchschreiber als „Steward“, dessen Einkünfte größer sein müssen als der unternehmerische Einsatz, was auch per Hinweis auf die Arbeit mit Geld im Matthäus-Evangelium (25, 15–30) belegt wird. Dass Puritaner mittlerweile einen guten Teil der Handel treibenden mittleren Schicht ausmachen, erklärt diese Begrifflichkeit.141

Das Prinzip der Observation machen sich aber auch die Register schaffenden Verwaltungsfachleute in London und Oxford zu eigen. So schlug etwa Samuel Hartlib (ca. 1600–1662) in Anlehnung an Théophraste Renaudots Pariser Bureau d’Adresse 1647 vor, man habe in London Register aller Güter, Personen und Beschäftigungen, Ämter- und Kommissionenverzeichnisse zu unterhalten,142 die dem Commonwealth von Nutzen seien – dieses Informationsbüro sollte dauernde bzw. feste Kataloge und fließende Register enthalten, um Kommunikationen aller Art zu kartieren. Die Bevölkerung sollte diese Daten dem inneren Zirkel der Forscher möglichst reichhaltig zur Verfügung stellen,143 und so wird bereits hier das Vorhaben erkennbar, das Wissen über den Menschen zusammenzutragen und in der Bildung wieder zirkulieren zu lassen. Teils noch erhalten sind Hartlibs Tagebücher, die Ephemerides von 1634–60, ebenfalls ein Gemisch aus wissenschaftlichen und verstreuten anderen Notizen. Was Wetterbedingungen wie auch Gefühlslagen angeht, empfiehlt Hartlib:

„soe compare them with his owne observations of the chainge and alteration of the Aire from day to day which doubtless as it was the way at first taken by the ←57 | 58→Antients to find out theire efficacy (I meane the making such a constant observation & Keeping such a Diary) soe the doeing of that againe & giuing vs first an History or Diary of the observations of the weather & its changes in all respects & then an Account of the seuerall Places Motions or Aspects each day of the seuerall Bodys of the Heauens with the Agreements doubts or disagreements that these bare one to another“.144

Die minutiöse Beobachtung des Kleinen gibt dabei bisweilen mehr Aufschluss als die großen Dinge, die umgekehrt eben durch kleine Anhaltspunkte erschließbar werden: „And truly when I consider that things of the greatest consequence doe oft tymes depend vpon the most Comon observations and that Matters of the Highest Improuement doe receiue theire beginning from Meane small ordinary experiments“.145 Insofern darauf die neuen Wissenschaften basiert werden sollen, zeigt sich Hartlib deutlich Bacon verpflichtet – der Wunsch nach Institutionalisierung klingt an dessen Nova Atlantia und dessen Forschungsinstitution des ‚Salomon’s House‘ an. Bevölkerungspolitisch geht aber seine Ambition weiter im statistischen Bestreben nach Erforschung der Population. Und damit bekommt der durchaus gottgefällige, viel zitierte Satz Bacons aus den Meditationes sacrae (1597), dass Wissen (göttliche) Macht sei – „for knowledge itself is a power whereby he knoweth“146 –, im Zuge seiner sozialpolitischen Anwendung einen entscheidenden neuen Akzent. Neben den vielen anderen Varianten des berühmten Diktums wird dann eben diejenige von Hobbes zeitgenössisch wichtig, wenn dort ein wichtiges Bedingungsverhältnis eingeführt wird: „scientia propter potentiam“ heißt es 1655 in De corpore147 Wissen dient dem Machtgewinn, und zwar auch ohne göttliches Attribut, vielmehr in einem ganz empirisch-säkularen Sinn.

Vermischtes aus Politik und Schlafzimmer: Samuel Pepys

Solche empirische Achtsamkeit, deren protestantisch-religiöser Hintergrund offenkundig ist, wird auch zum Fundament einer gebildeten, wissenschaftlich kommunizierenden Öffentlichkeit. Samuel Pepys, der in der weiteren Londoner Nachbarschaft Hartlibs wohnte, erwähnt diesen auch in seinen Tagebüchern, die er zwischen 1660 und 1669 mit großer Akribie führte, stellt dort aber das handelnde Subjekt mit privaten Erfahrungsräumen und öffentlichen Wirkungsfeldern ohne jegliche puritanische Gottesdevotion oder Verpflichtung auf Statistiken dar und schreibt auch deutlich humoristisch eingefärbt. Noch ganz ungetrennt und im Rohzustand werden dort die unterschiedlichsten Funktionen des Tagebuchs sichtbar: Es fungiert als Haushaltsbuch mit Rechnungen, Posten und Bilanzen wie auch Reflexionen über den (anglikanischen) Gottesglauben, es verbindet private Dinge – bis zu intimen Geständnissen und Darstellungen über den Ehestand – mit öffentlichen Fragen, politischen Nachrichten und Staatsangelegenheiten, in denen sich Pepys als aufstrebender Sekretär im Marine-Ministerium gut auskannte. Er gehörte zu jenem Typus des Geschäftsmannes und Politikers, der sich zugleich als ‚man of pleasure‘ und Frauenkenner verstand, durch geschickt geknüpfte Beziehungen und offenbar geschätzte Verwaltungsarbeit in die einflussreichen Kreise in London gelangt war und ein entsprechendes Selbstbewusstsein entwickelt hatte.

Als bekennender Verehrer Francis Bacons und besonders von dessen Stücktext Faber Fortunae wie auch seines Organon hat sich Pepys dessen Maxime der Tagebuchführung über das produktive Leben zu eigen gemacht. Vielfach dokumentiert er soziale und politische Ereignisse, gibt aber auch Erlebnisberichte, Gespräche und Plaudereien mit Freunden wieder, stellt Reflexionen an über Literatur und Kunstereignisse (vor allem Theaterbesuche), Speisepläne, Kleidungsmode, Perücken etc. – kurzum, prinzipiell jede Art von Alltagsbegebenheit wird notatwürdig. Kontinuierlich verfolgte Themen sind der ökonomische Rechenschaftsbericht, Betrachtungen über die eigene (und anderleuts) Gesundheit sowie politische Protokolle, die Pepys auch als Gedächtnisstütze brauchte. Gelegentlich unternimmt er Abschweifungen in wissenschaftliche Gebiete, in denen er immerhin zu dilettieren wusste. All dies wird oft übergangslos gemischt mit privaten Rechenschaftsberichten, die fröhlich erinnernd, jedoch auch selbstermahnend ausfallen können.

Pepys kultiviert in diesen Jahren ein ausgearbeitetes „Gelübdesystem“,148 das sich auf moralische und ethische Selbstanweisungen erstreckt, mithin auf die tatsächlich umfassenden kulinarischen, kunstmäßigen, aber auch erotischen Vergnügungen. Diese können in gemischter Sprache artikuliert und vor allem durch Gebrauch einer geheimen Stenographieschrift, bei der wahrscheinlich Thomas Skeltons Tachygraphie Pate stand, vor seiner Frau versteckt werden. Insofern verwundert es nicht, dass auch imaginierte und realisierte Ehebrüche geschildert werden: „But I have used of late, since my wife went, to make a bad use of my fancy with whatever woman I have a mind to, which I am ashamed of, and shall endeavour to do so no more.“149

Seelische und ökonomische Dinge, berufliche Themen und Freizeitvergnügungen stehen eng zusammen und sollen sich durch Selbstregulierungen im Schreiben gegenseitig verstärken:

„My mind is now in a wonderful condition of quiet and content, more than ever in all my life, since my minding the business of my office, which I have done most constantly; and I find it to be the very effect of my late oaths against wine and plays, which, if God please, I will keep constant in, for now my business is a delight to me, and brings me great credit, and my purse encreases too.“150

Die Versicherung in Gott, die auch hier mit dem Portemonnaie verknüpft wird, ist nicht allzu dogmatisch zu nehmen; Pepys besuchte anglikanische und puritanische Gottesdienste gleichermaßen und behandelte Gebote oder Vorschriften mit lockerer Situationsethik. Finanzielle Dinge werden von ihm kontinuierlich durchgesehen, sei es recht profan mit Geldbeträgen von Ausgaben, Schulden oder Einnahmen und Guthaben, nicht selten aber auch in Verbindung mit Gottesdank für den zunehmenden Wohlstand:

„All this morning making up my accounts, in which I counted that I had made myself now worth about 80 £l., at which my heart was glad, and blessed God […] In the afternoon Mr. Sheply told me how my Lord had put me down for 70 guilders among the money which was given to my Lord’s servants, which my heart did much rejoice at.“151

Selbstermahnungen zur Sparsamkeit erfolgen häufig, und damit einhergehend wird die gelegentlich gute Wirksamkeit, aber auch Verfehlung der Vorsätze beobachtet und wiederum notiert. In Monats- und Jahresabschlüssen tritt der meist erzählerische Charakter zurück zugunsten eines resümierenden, dann aber auch pastoralen Stils, bei dem sich der Schreiber eine hohe Position zuerkennt: „Myself, blessed be God! in a good way, and design and resolution of sticking to my business to get a little money with doing the best service I can to the King also; which God continue! So ends the old year.“152 Damit werden insgesamt Muster des bürgerlichen Erwerbseifers und Arbeitseinsatzes aufgegriffen und fortgeprägt, die in calvinistisch geprägten Regionen aufgekommen sind.

Medizinische Selbstbeobachtungen und auch diätetische Regelkundgebungen zum klugen körperlichen Verhalten, auch zu Verdauungsvorgängen finden sich zahlreich und mit witzigen Anekdoten aufbereitet, die sich wiederum mit ‚Observationen‘ verknüpfen.153 Dazu fügt Pepys in Listenform die vier Selbstanweisungen, sich so warm wie möglich zu halten, Anstrengungen zu vermeiden, durch Vomitieren oder Einläufe die Verdauung beschwerdefrei zu halten und schließlich selbstaufmerksam zu bleiben bei Verstopfungssymptomen, um Körperspannungen zu lockern.

Das tägliche Schreibexerzitium zeugt von strenger Disziplin, Schulgang und Regelbefolgung – bedenkt man, dass Pepys fast zehn Jahre lang (von Januar 1660 bis Mai 1669) sein Leben aufschrieb, täglich in verschiedenen Stufen der Textorganisation mindestens eine Seite niederlegte und letztlich nur durch ein Augenleiden gestoppt wurde, ist sehr viel regulierte Lebenszeit in das Unternehmen geflossen. Gelegentliche Selbstberichte aus der Tagebuchwerkstatt zeigen, dass Pepys in mindestens drei, wahrscheinlich fünf Stufen gearbeitet hat: Das Rohmaterial bilden Rechnungen, Aufzeichnungen, Protokolle, die auch in Listen und Tabellen organisiert sein können; hinzugefügt werden Notizen, diese wiederum in Merkbücher eingetragen, daraus wird die Reinschrift im Tagebuch formuliert, und auch hier kann noch einmal Revision erfolgen.154 Das Unternehmen ist also recht gut strukturiert und über die Länge der Zeit mit strenger Arbeitsmoral durchgeführt, die sich eben auch auf den Schreibprozess erstreckt.

Hochbetagt vermachte Pepys seine Tagebücher, die er zu Lebzeiten geheim hielt, dem Magdalene College in Cambridge, was auch den Schluss zulässt, dass bereits der aufgestiegene Beamte im 17. Jahrhundert ein geschichtliches Verständnis der eigenen Existenz hatte, die er als exemplarisch begriff – dies noch nicht in einem symbolischen oder gar menschheitlichen, aber in einem öffentlich-repräsentativen Sinn. Und seine Rezeption hält bis zu heutigen Bloggern an – Zeichen nicht nur für die Aktualität seines lebensfreudigen und (bei allem Selbstermahnungen) konstruktiven Stils, sondern auch dafür, dass sich hier bereits der moderne Typus „öffentlich geglücktes Ich“155 ankündigt, der im urbanen Sinn Selbstprofilierung betreibt. Denn zugleich schreibt Pepys eines der frühen Zeugnisse dafür, dass die private und die öffentliche Sphäre unterschieden werden, aber auch zusammen passen können. Eine Rolle jedoch vermeidet Pepys konsequent: die des Vorbilds. Die Auffassung der Pädagogik seit Comenius, dass der Mensch von Geburt an ein sozialtaugliches und auch verbesserungsfähiges Wesen ist, verfolgt er jedenfalls und ergänzt dies durch John Lockes Ethik und Erziehungsgestaltung in Some Thoughts Concerning Education, die dazu geeignet sein solle, „den leichtesten, kürzesten und erfolgversprechendsten Weg“ zu weisen, „um sittliche Persönlichkeiten und tüchtige und befähigte Männer für die verschiedensten Berufe hervorzubringen“.156 Den Humor verliert Pepys dabei nicht. Auch wenn seine Diaristik durch ein dokumentarisches Erzählen geprägt ist, das kleinere oder größere Zeitereignisse erzählerisch ausbaut, ist es doch mehr als ein in diesem sachorientierten Sinn elementares Journal157 – der äußeren Faktizität wird eine innere, bisweilen ←62 | 63→ironische Teilnahme an die Seite gestellt, die gleichfalls der Beobachtung würdig ist. Pepys verhandelt zwar noch keine Identitätsbildungsprozesse, geht aber sehr aufmerksam mit seiner Innenwelt wie auch seinen Körperzuständen um und leistet in seinen Darstellungen schon hundert Jahre vor Herder oder Moritz vieles, was dort dann zum ausgearbeiteten System wird.

Benjamin Franklin: der säkulare Weg des Perfektibilisten

Die Linie des Empirismus verlängert sich nicht nur ins 18. Jahrhundert, sondern wird, vom einzelnen aktiven Individuum aus gedacht, auch gesellschaftliche Bedeutung erlangen. Der Moralphilosoph, Praktiker und Wissenschaftler sowie später einflussreiche Politiker Benjamin Franklin kann als der Inbegriff des ehrgeizigen, sich selbst bildenden und Herausforderung suchenden Autodidakten gelten, der im stolzen Selbstbewusstsein einer profunden Bücherbildung in der spät geschriebenen, 1771 begonnenen und 1791 veröffentlichen Autobiographie seinen Werdegang reflektiert hat. Zugleich formuliert er damit eine frühe Figuration des american dream. Mögen auch manche Rückphantasien oder fingierte Ereignisse dort eingeflossen sein, ist es Franklin ohnehin mehr um die Exempelfunktion seines Lebensmodells gegangen, in die vor allem Stationen und Szenen eines arbeitsamen, tugendhaften Lebens im Sinne seiner calvinistischen Erziehung gefügt sind – das eigentlich geplante Book of Virtues ist Teil der Autobiographie geworden. Vieles lässt sich dort aber auch über die Entwicklung seines technischen Interesses, seines monetären Bewusstseins und Erwerbsstrebens und seiner politischen Aktivitäten ablesen, all das gestützt durch strukturierte Lebensplanung, um Ausschweifungen zu vermeiden, Energien zu kanalisieren und das Leben durch penible Stundenpläne zu rhythmisieren. Fundiert ist dies durch eine exzellente Bücherbildung, was Franklin später dazu veranlasst hat, eine Subskriptionsbibliothek zu gründen und überhaupt das ‚Improvement by constant Study‘ zu empfehlen.158

Franklin hat die Leitprinzipien und auch ihre Notation im zweiten Teil seiner Autobiographie aufgeschrieben – geleitet von seinem „bold and arduous Project of arriving at moral Perfection“159 – und im Alter von zwanzig Jahren die folgenden 13 Grundtugenden skizziert, die möglichst konkret und distinkt gefasst sind, damit man ihre Verwirklichung tabellarisch erfassen kann.160

Temperance: Maßhalten bei Essen und Trinken, um kühles Denken und Urteilen zu ermöglichen;

Silence: Sprechen auf das Nötige reduzieren, Vermeiden von Geschwätzigkeit – auch, um schlechter Gesellschaft zu entgehen;

Order: Dinge an definierten Orten halten, Handlungen in bestimmten Rhythmen strukturiert vollziehen, auch um Zeit zu sparen;

Resolution: mit Entschlusskraft und ohne Selbstzweifel Pläne umsetzen;

Frugality: Sparsamkeit, kluger Umgang mit Ressourcen;

Industry: sinnvolle, fleißige Zeitnutzung;

Sincerity: Aufrichtigkeit;

Justice: keine Rechtsverletzung begehen und Gutes tun;

Moderation: Extreme meiden;

Cleanliness: Hygiene beachten;

Tranquility: auch in schwierigen Situationen Ruhe bewahren;

Chastity: Keuschheit, mindestens sexuelle Ausschweifungen vermeiden, da sie zur Erschlaffung führen;

Humility: Vermeidung von Stolz (Pride) – eine Kategorie, die Franklin auf Anraten eines Priesters hinzufügte und er selbst als das schwierigste Projekt einstuft, weswegen er es in die Nachfolge Jesu und Sokrates’ gleichermaßen stellt.

Das Rezept ist nun, die Tugenden nacheinander und durch konzentrierte Selbstbeobachtung im jeweiligen Fokus auf jede einzelne umzusetzen. Dazu dient eine ausgefeilte Diagrammtechnik: In der senkrechten Linie finden sich mit Anfangsbuchstaben die Tugenden verzeichnet, horizontal sind die sieben Wochentage notiert, und jeweilige Verfehlungen werden am Tagesende mit einem Punkt im Diagramm markiert.

Abb. 1:Tugendkatalog Benjamin Franklins

Der Tugendkatalog wird auf diese Weise abgearbeitet und durch Fehlermeldungen gesichert – ist bei ‚Temperance‘ eine Woche lang keine Verfehlung auffällig geworden, kann das Augenmerk auf die nächste Zeile (‚Silence‘) gehen undsofort, bis idealerweise alle Zeilen leerbleiben, die Laster auf Null gestellt sind und das Blatt Papier unschuldig dasteht. Denn es gehört zu Franklins Überzeugungen, dass einmal gelernte und eintrainierte Tugenden auch eigentlich nicht mehr verletzt werden – gleichsam ein Stufenmodell von Bildung. Und darin haben die ‚Tables of Examination‘, die die Selbstbeobachtung in Statistik überführen, ihren Zweck: Sie werden solange in Form eines Büchleins mitgeführt, bis die Eintragungen immer seltener werden und zum Schluss gar nicht mehr durchgeführt werden müssen. Damit lassen sich Verfehlungen unmittelbar vermerken und werden jedenfalls für den ←65 | 66→Einzelnen instantan zählbar – wie eine Smartwatch auf heutigem Standard Schritte, Blutdruckwerte, Kalorienverbrauch usw. misst. Franklin bereitet damit eine Notationstechnik vor, die einerseits auf die Liste des Haushaltsbuchs oder Adam Rieses Linientechnik zurückgeht, andererseits sich auf Herman Holleriths hundert Jahre später entwickelte Lochkartentechnik vorausbeziehen lässt – nur wird Hollerith keine Punkte mehr malen (oder ausradieren und neu setzen), sondern Löcher stanzen, Stromführung durchlassen und durch Codierung eine statistische Registratur ermöglichen. Dass Franklin sein Leben in einem dauerhaften Arbeitsprozess eingerichtet hat, lässt sich auch an der Faktur seiner Autobiographie erkennen, die in zwei Spalten organisiert ist: links der Entwurfstext, die rechte Hälfte ist freigehalten für Ergänzungen oder Korrekturen.161

Franklin hat sich nicht nur viel mit deistischen Argumenten beschäftigt und die Methode von Dogmenprüfung und Zweifel gepriesen, also in der Konsequenz säkular gedacht. Vielmehr hat er ausdrücklich seine Tugendtabelle glaubensneutral gehalten. In dieser Zurückhaltung, die rein auf moralisch-ethische Prinzipien der Selbstgestaltung des Lebens abzielt, dokumentiert sich auch ein geradezu globaler Anspruch auf Verallgemeinerbarkeit; spezialisierte Glaubenskonzepte werden außen vor gelassen, “for being fully persuaded of the Utility and Excellence of my Method, and that it might be serviceable to People in all Religions, and intending some time or other to publish it, I would not have any thing in it that should prejudice any one of any Sect against it.”162 Das Glücksstreben sei eine universale Sache der Menschheit, unabhängig von religiösen Ausprägungen, denen gegenüber Toleranz leitend sein soll und deren Pluralisierung Franklin ausdrücklich anerkennt. Es ist gleichwohl in der Aufrichtigkeit und Benevolenz des einzelnen Menschen fundiert – und Franklin sieht sich hier ganz unbescheiden exemplarisch. Auf dieser kalkulierenden Selbstrechenschaft basiert denn auch diese persönliche Glaubwürdigkeit, die Franklin letztlich zum erfolgreichen Geschäftsmann und Politiker hat werden lassen – ein Rezept, das er bewusst anwendet und bei dem man darüber ←66 | 67→streiten darf, ob nicht der ökonomische Nutzen des Wohlverhaltens letztlich der Zweck ist.163

Sozial verträgliche und aufrichtige Verhaltensformen des einzelnen sind es, die das Zusammenleben und das Wirtschaftstreiben fundieren sollen, weswegen sie wichtiger Teil des Franklinschen Besserungssystems sind, das eben in seinen Notationen ein Beobachtungsmedium des Subjekts ist.164 Wie eng Moralphilosophie und Ökonomie zu dieser Zeit verknüpft sind, zeigt sich eben an der Auffassung, dass jeder einzelne nach Verbesserung streben soll, und sei es auch aus zunächst egoistischen Motiven – um letztlich dem Allgemeinwohl zu dienen. In Adam Smiths The Wealth of Nations wird dieser Gedanke dann ökonomisch pointiert, wenn das egoistische Handeln in ‚natürlicher Freiheit‘ des einzelnen in einen allgemeingültigen Kontext gestellt wird, damit für das größtmögliche Allgemeinwohl gesorgt sei.165

Xenophons Erinnerungen über Sokrates’ Lebensführung haben sich in den Überlegungen Franklins zur Lebensführung ebenso niedergeschlagen wie Aristoteles-Lektüren, von denen Franklin gelegentlich spricht. Entscheidend sind an den antiken Vorbildern nicht nur die Selbstregeln, Ordnungsbemühungen und Maßhaltestrategien, sondern die Dimensionen ←67 | 68→eines gesellschaftlich verantwortlichen Handelns mit verbindlichem Wertesystem, dessen Erfüllung schriftlich nachgehalten wird.166 Eminent wichtig geworden und geradezu zu Leitparolen avanciert sind seine praktischen Ratschläge, die noch bis heute in den Handbüchern der Manager und im Alltagsbewusstsein kursieren. Benjamin Franklin hat sie 1748 in einer brieflichen Ermahnung an einen jungen Geschäftsmann pointiert:

„Remember that Time is Money. He that can earn Ten Shillings a Day by his Labour, and goes abroad, or sits idle one half of that Day, tho’ he spends but Sixpence during his Diversion or Idleness, ought not to reckon That the only Expence; he has really spent or rather thrown away Five Shillings besides.”

Im selben Brief macht Franklin auch Rechnungen nach Tages- und Jahresinvestitionen und warnt vor Verschwendung von Zeit und Geld, rät aber zu nützlichen Investitionen, die das Geld multiplizieren, fort- und weiterzeugen können:

“Remember that Money is of a prolific generating Nature. Money can beget Money, and its Offspring can beget more, and so on. Five Shillings turn’d, is Six: Turn’d again, ’tis Seven and Three Pence; and so on ’til it becomes an Hundred Pound. The more there is of it, the more it produces every Turning, so that the Profits rise quicker and quicker. He that kills a breeding Sow, destroys all her Offspring to the thousandth Generation. He that murders a Crown, destroys all it might have produc’d, even Scores of Pounds. […] In short, the Way to Wealth, if you desire it, is as plain as the Way to Market. It depends chiefly on two Words, Industry and Frugality; i.e. Waste neither Time nor Money, but make the best Use of both.”167

Es wäre nicht nur Versäumnis, sondern auch Verrat an den sich stets potenzierenden Möglichkeiten des Geldes, einen anderen als den Marktweg zu gehen – der nun einmal Zeit braucht, die zu Handlungen genutzt werden kann, um alle Möglichkeiten des Geldes zu realisieren ad infinitum. Dies erfordert eine äußerst disziplinierte, strikt geregelte Lebensführung, die sich in Tageskonzepten niederschlagen soll:

Abb. 2:Als Exempel gedachter Tagesplan Franklins

Franklin fasst damit vorangegangene Tendenzen eines Erwerbsstrebens vergangener Jahrhunderte zusammen und pointiert sie ins Lebenspraktisch-Politische eines Utilitarismus, der in finanziellen und sozialen Dingen wiederum großen Nachklang finden wird. Die überaus günstige Wahrnehmung Franklins in Deutschland seit seinen ersten Besuchen 1766 bekommt erneuten Auftrieb in der Revolutionszeit, als sich anlässlich der ersten französischen Übersetzung von Franklins Autobiographie Herder, Goethe u.a. 1791 in der Freitagsgesellschaft zusammenfanden, um dort Themen von Franklins 1727 gegründetem Selbsterziehungs-, Moral- und Debattierclub ‚Junto‘ durchzuspielen. Herder pries ausdrücklich die Lebensregeln, die Franklin angeregt hat, und die Einwirkung auf Goethes Ideal des tätigen Menschen lässt sich unmittelbar vermuten.168 Franklin ist nicht Initiator, sondern bündelt rationalistische und moraltheorologische Tendenzen seiner Zeit, die die folgenden Selbstschreibprogramme durchsetzen werden.

107 Max Weber: Protestantische Ethik, S. 9. Der Hinweis von Roeck (vgl. 2017, S. 563, bes. S. 776), dass im Prinzip alle Richtungen des Christentums, auch der Katholizismus, auf die Herausbildung einer kapitalistischen Mentalität hingewirkt hätten, verfehlt den Kern des Arguments von Weber, dass es eben bestimmte Teile des Protestantismus waren, die Systematisierung und Reglementierung des Lebens im utilitaristischen Sinn zum Programm erhoben hätten. Der Hinweis auf das katholische Fugger-Milieu (Roeck 2017, S. 636) ist zwar im ökonomischen Sinn und auch in der globalisierten Dimension zutreffend, doch ist dort keineswegs an die Internalisierung von Arbeits- und Pflichtrhythmen durch alle gedacht. Eher schon wäre die Bürokratisierung, die die Montanindustrie im 15. Jahrhundert mit sich brachte (vgl. Roeck 2017, S. 624 ff.), hier anzuführen, doch müsste diese wiederum auf eine mentale Disposition treffen, um zum Programm einer Verinnerlichungstechnik werden zu können – dies ist freilich erst im 16. Jahrhundert der Fall.

108 Weber: Protestantische Ethik, S. 17, zitiert hier Sombart, Der moderne Kapitalismus I, S. 380.

109 Roeck 2017, S. 773 ff.

110 Weber: Protestantische Ethik, S. 114; vgl. 119 u.ö.; S. 115.

111 Weber: Protestantische Ethik, S. 119.

112 Vgl. neuerdings Roeck 2017, S. 735.

113 Weber: Protestantische Ethik, S. 94.

114 Exemplarisch angeführt wird Bailey, der eine gehörige Vorsicht vor anderen empfiehlt und dafür den Propheten Jeremias 17,5 zitiert: „Verflucht sei der Mann, der sich auf Menschen verlässt“. Was im alttestamentarischen Text situationsethisch gemeint sein mag, wird im Puritanismus zum Umgangsprinzip der Vorsicht, woraus wiederum Antriebe zur Selbstdurchsetzung erwachsen (vgl. Weber: Protestantische Ethik, S. 97).

115 So die plausible Parallelisierung von Weber, Protestantische Ethik, S. 118.

116 Vgl. Weber: Protestantische Ethik, z.B. S. 47; 54.

117 Weber: Protestantische Ethik, S. 30, S. 230.

118 Weber: Protestantische Ethik, S. 230.

119 Weber: Protestantische Ethik, S. 230; die Industriemetapher findet sich auch in der Bezeichnung von „stahlharten puritanischen Kaufleuten“ (ebd., S. 108). Die Wendung wird bei Graeber aufgegriffen (2017, S. 92), und reflektiert wird damit ein Zusammenhang, der zur Modernekritik auch Georg Simmels gehört bzw. seiner Diagnose von harten Sachzwängen und rein formalen ökonomischen Logiken entspricht (Die Großstädte und das Geistesleben, 1903).

120 Weber: Protestantische Ethik, S. 80; Maurer (2017, S. 276) spricht von „Begünstigungskonstellationen“.

121 Francis Bacon: Of Travel; 1962, S. 54.

122 Francis Bacon: Of Travel; 1962, S. 54.

123 Francis Bacon: Of Travel; 1962, S. 76.

124 Francis Bacon: Of Travel; 1962, S. 77. Das wissenschaftliche Aufschreibesystem wird auch in der utopischen Erzählung Nova Atlantis (Fragment; posthum 1627 veröffentlicht) genutzt, wenn auf der fiktiven Insel Bensalem drei Forscher (‚Depredators‘) dafür zuständig sind, die Experimente in Büchern aufzuschreiben, weitere drei (‚Compilers‘) Eintragungen in Listen und Tabellen vornehmen (Nova Atlantis, 1627/1844, S. 269).

125 So Bacon in dem Kapitel Of the Moderation of Cares der Meditationes Sacrae (1597).

126 Galilei 2002, S. 111 („De itaque septima Ianuarii, instantis anni millesimi sexcentesimi decimi, hora sequentis noctis prima, cum caelestia sidera per Perspicillum spectarem, Iuppiter sese obviam fecit; cumque admodum excellens mihi parassem instrumentum (quod antea ob alterius organi debilitatem minime contigerat), tres illi adstare Stellulas, exiguas quidem, veruntamen clarissimas, cognovi; quae, licet e numero inerrantium a me crederentur, nonnullam tamen intulerunt admirationem, eo quod secundum exactem lineam rectam atque Eclipticae parallelam dispositae videbantur, ac caeteris magnitudine paribus splendidores.“ Opere III/1, S. 80).

127 Vgl. Hans Blumenberg: Das Fernrohr und die Ohnmacht der Wahrheit, 1966, S. 338.

128 Die Sprachverwendung Galileis ist nicht durch umständliches Räsonnieren und Ruminieren der immer gleichen Lehrsätze gekennzeichnet, die sich nur gegenseitig beweisen, auch nicht durch eine Darstellungstechnik in Paragrafen. Galilei trägt seine Überlegungen vergleichsweise zielbewusst vor, doch ist die Satzdiktion häufig von Einschüben, Parenthesen, zugleich von Markierungen des Erstaunens durchsetzt, die die emotionale Beteiligung des Entdeckers am beobachteten Objekt spiegeln. Dies nähert die Traktatform stärker der Diaristik bzw. dem Wirtschafts- und Hausbuch an, wissenschaftlich im zeitgenössischen Sinne ist sie nicht mehr – der Erzählcharakter ist unübersehbar.

129 Bei allem humoristischen Abstand ist auch bei Lichtenberg noch dieser Gedanke zu erkennen: „Wie kann ich dieses Ding oder den gegenwärtigen Augenblick am besten nützen?“ heißt es in den Sudelbüchern (A 3, S. 17); zur Tagebuchform und zum Staatskalender siehe ebd., S. 10 f.

130 Vgl. Manfred Schneider 1987, S. 679.

131 Vgl. John Beadle 1656, S. 22 f.

132 Auf eine solche selbstbewusste Umkehr des Verhältnisses von Mensch und Gott weist auch Max Weber hin (Protestantische Ethik, S. 128).

133 Vgl. Beadle 1656, n39.

134 Vgl. Beadle 1656, S. 102 ff.

135 Beadle 1656, S. 166 (Zitat); vgl. 1656, S. 170.

136 Beadle1656, S. 174.

137 Vgl. Murray 1996, XXX ff.

138 Ambrose: Complete Works, S. 367.

139 Ambrose: Complete Works, S. 91.

140 Vgl. Murray 1996, S. XXV.

141 Murray 1996, S. XXXVI.

142 Hartlib 1647, S. 42f.

143 Vgl. Stangl 2001, S. 181.

144 Hartlib 1657, Blatt 26/56/2b.

145 Hartlib 1657, Blatt 26/56/2b.

146 Bacon: Meditationes Sacrae, S. 71. Im Kapitel De haeresibus findet sich die Formulierung „ipsa scientia potestas est”; ebd., S. 402.

147 Hobbes: De Corpore, I, 6, S. 4.

148 Winter 1997, S. 484.

149 Pepys 29. Juni 1663, vgl. dt. Übersetzung Pepys S. 171.

150 Pepys 28. Juni 1662, vgl. dt. Übersetzung Pepys S. 127.

151 Pepys 30. Mai 1660, vgl. dt. Übersetzung Pepys S. 27.

152 Pepys 31. Dezember 1663, vgl. dt. Übersetzung Pepys S. 19.

153 Z.B. Pepys 13. Okt. 1663; „And so rose in the morning in perfect good ease […] continued all the morning well, and in the afternoon had a natural easily and dry stoole, the first I have had these five days or six, for which God be praised, and so am likely to continue well, observing for the time to come when any of this pain comes again“ (vgl. dt. Übersetzung Pepys S. 183).

154 Winter 1997, S. 484.

155 Rainald Goetz 2011, S. 102.

156 Im vollen Wortlaut: „and after having well examined and distinguished what Fancy, Custom or Reason advices in the Case, help to promote that way in the several degrees of Man, which is the easiest, shortest and likeliest to produce virtuous, useful and able Man in their distinct Callings” (Locke 1693, S. IV f.).

157 So der Begriff von Christian Schärf (2012, S. 39 ff.) für Pepys’ Journal, womit das vor allem Außenbezogene gemeint ist, „ohne ein sich selbst intensiv reflektierendes Subjekt zu entwerfen“ (ebd., S. 43). Zweifellos fehlt auch die Leseradressierung, aber in den zahlreichen Selbstadressen entwickelt Pepys ein signifikantes und modernes Selbstbewusstsein.

158 Franklin: The Autobiography, S. 143.

159 Franklin: The Autobiography, S. 162.

160 Franklin: The Autobiography, S. 149 f.

161 Vgl. Franklin: Autobiography, S. 26 ff. und S. 75 f.

162 Vgl. Franklin: Autobiography, S. 157.

163 Max Weber (Protestantische Ethik, S. 26) sieht Franklins Bemühungen letztlich einem Utilitarismus des Erwerbsstrebens verpflichtet, vernachlässigt dabei allerdings die sozialen Ambitionen dieses amerikanischen Politikers der ersten Stunde.

164 Benjamin Franklins „tabellarisch-statistische Buchführung“ und Tugend-Fortschrittsberichte sind nach Max Weber ein klassisches Beispiel dafür, dass anders als beim jesuitischen Tagebuch, welches fortlaufend oder tabellarisch mit seinen Selbstreflexionen Teil eines umfassenden Beichtprogramms war, der reformierte Christ sich mit der täglichen Niederschrift vielmehr in Eigenverantwortung ‚den Puls fühlte‘ (Protestantische Ethik, S. 127).

165 Zu den zentralen Gedanken von Gewerbefleiß im Wettbewerb und Gewinnmaximierung vgl. etwa Smith: Wohlstand der Nationen, Viertes Buch, Kap. 2, S. 369 ff (und passim). Wirksam verbreitet wird der Ansatz eines allgemeinen Glücksstrebens im wechselseitigen Vertrauen von Fürsten und Untertanen (freilich ohne Betonung des Egoismus) auch in der deutschsprachigen aufklärerischen Ökonomie namentlich durch Justi, der in seinem Kurzen systematischen Grundriss die „gemeinschaftliche Glückseligkeit“ als Zweck des Staates fordert und den Wohlstand aller Parteien und Stände „unzertrennlich mit einander vereiniget“ sieht (Kurzer systematischer Grundriss, 1761, S. 221).

166 Vgl. Franklin: Autobiography, S. 64; hier ist Franklins Perspektive zweifellos auch durch die eigenen staatsmännischen Ambitionen gelenkt.

167 Benjamin Franklin: Advice to a Young Tradesman, 21. Juli 1748 (franklinpapers.org).

168 Vgl. Beatrice M. Victory: Benjamin Franklin and Germany, S. 109 ff., S. 119.