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Selbstoptimierung

Eine kritische Diskursgeschichte des Tagebuchs

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Ralph Köhnen

Lebenskunst hat Konjunktur: Offenbar ist der Traum, das Leben als Gesamtkunstwerk einzurichten, zur ethischen Maxime geworden. Beteiligt ist dabei seit der Antike das Motiv von Selbsterforschung bzw. Selbstbesserung, das über die Frühe Neuzeit bis in die Gegenwart wirksam geblieben ist. Tagebücher sind dabei ein notwendiges Begleitmedium gewesen und haben wechselhafte Formen angenommen, die von religiösen, wirtschaftlichen, psychologischen und medizinischen Aufschreibesystemen bestimmt worden sind. In diesem umfassenden mediologischen Sinn untersucht der Autor Programme der Selbstschrift und stellt diese an Beispielen dar, die sich von Pacioli über Pepys, Leibniz, Herder, Moritz, Goethe, Hebbel, Schmitt, Jünger oder Rainald Goetz bis in die Gegenwart der Social Media erstrecken.

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5. Arbeit mit Gott: die Schreibübungen des Pietismus

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5. Arbeit mit Gott: die Schreibübungen des Pietismus

Unternehmertum des Glaubens: August Hermann Francke

Die Rede vom pietistischen Tagebuch, das sich im Laufe des 18. Jahrhunderts gattungsimmanent psychologisiert habe,220 hat zur Folge gehabt, dass man die dort waltenden ökonomischen oder empirischen Einschläge weitgehend negligiert hat. Einen alleinigen Idealtypus des pietistischen Tagebuchs gibt es jedoch nicht – vielmehr verzweigen sich seine Formen in Richtungen der vita activa wie ebenso der vita contemplativa. Dabei differenzieren sich die Wirkungen ebenso in die genannte Linie der lebenspraktischen Notizen wie andererseits in die Richtung des Herzensbuches deutlicher aus. Signifikant für die gemischte Anlage der Daten ist, dass Johannes Hübners Naturlexikon von 1704 dieses als „kaufmännisch ein Buch, worin die laufenden Geschäfte der Zeit nach geordnet eingetragen werden“,221 definiert und damit sowohl die seit dem Spätmittelalter dominierende Funktion des Tagebuchs erfasst als auch Einflüsse des puritanisch-calvinistischen Grundgedankens einer effizienten Lebensführung reflektiert. Dies wirkt auch in die diarische Praxis der Pietistengemeinden hinein, verkreuzt sich dort aber mit anderen Funktionen – welche durchaus als Nachhall der Prädestinationslehre zu sehen sind, wenngleich mit leichten Akzentverschiebungen.

Die pietistische Bewegung, die die Gewissensfunktion durch Innenschau stärken will und hierfür bestimmte Textformate einrichtet (Sündenerkenntnis und Reue, Umkehr durch Bußhandlungen und Erneuerung), stellt eine Erneuerung der religiösen Tradition dar – gleichsam eine Vertäglichung des Bußsakraments, das seit dem Laterankonzil von 1215 vorsah, dass jeder Christ einmal im Jahr alle Sünden zu beichten hatte. Entsprechend gibt es eine protestantische Erinnerungskultur, die etwa mit dem von Heinrich Milde verwendeten Typus des Calendarium Historicum anklingt, der aus Sicht des Protestantismus wichtige Ereignisse festhielt – und so lässt er in seine Ausgabe von 1594 eigene Tages- und politische Ereignisnotizen ←87 | 88→einfließen.222 Während aber auch Michael Krüger in seinem Schreib = und Historien = Calender von 1674 noch, den Telegrammstil nutzend, den Tag rückblickend veranstaltet, gehen die Tagebücher der Pietisten über die Gedächtnisfunktion hinaus und stellen Organisations- und Handlungsbücher dar, die Seelenereignisse allenfalls benennen und sich vor allem um äußere Ereignisse kümmern. Dies ist gegen den Ansatz z.B. Hockes zu halten, der das pietistische Tagebuch des 18. Jh. als „Laboratorium einer frommen Seelensprache“223 bezeichnet hat. Denn die Muster der Bekenntnissprache sind deutlich vorgefertigt (und insofern dann doch aus dem Labor): Nach Formregeln verfasste Diarien wurden von den Missionaren nach Halle gesandt und dort in den Halleschen Berichten auszugsweise veröffentlicht; geheimere Dinge wurden in Paralleltagebüchern festgehalten. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts kommen die eigentlichen Seelen- und Herzenstagebücher auf, die diese von den führenden Pietisten vernachlässigte Seite reanimieren.

Der berühmteste Unternehmer in Sachen Glaubensfragen ist wohl August Hermann Francke, der in seinen umfangreichen Tagebüchern die Spaltentechnik nutzt und parallel Geld, Namen, Termine und Betrachtungen notiert. Ausgangspunkt ist sein Lehrer Philipp Jacob Spener, dessen Eigenhändiger Lebenslauf – 1682 vorsorglich für die eigene Leichenpredigt geschrieben, die 1705 dann auch gehalten wurde – eher sparsam die äußeren Lebensdaten mit seiner Wendung zu Gott, ferner einige Begegnungen und eine feindlich gesonnene Lebensumgebung schildert. Von mehr Pathos und positiver Weltgestimmtheit durchzogen, auch von praktischem Unternehmergeist beseelt liest sich Franckes Lebenslauff von 1691, der ein Bekehrungsschema enthält: „Sündenerkenntnis, Sündenangst, Glaubenszweifel, Erlösungswunsch, ringendes Gebet, dann plötzliche Erleuchtung und Glaubensgewißheit, in Gestalt eines kurzen, aber heftigen Bußkampfes und überraschenden Durchbruchs auf engem Raum dramatisch konzentriert“.224 Damit ist eine Norm vorgegeben, die den bußfertigen, aber weniger stilkundigen Gemeindemitgliedern zur Verfügung gestellt wurde. Das ganze Prozedere mit seinem festen Ablauf auch in der organisierten Bußkampfpraxis hat einen durchaus ←88 | 89→rationalen Akzent225 – woraus schließlich die gut 20.000 noch erhaltenen Lebensläufe resultieren, die sogar, erkennbar in Schnabels Insel Felsenburg, zum Muster für Literatur werden.

Einsicht in das schlechte ungläubige und nach der Bekehrung gute, vor allem auch zeitlich sinnvoll genutzte Leben gibt Francke vielfach, so etwa in seiner Predigt Der rechte Gebrauch der Zeit. So fern dieselbe gut und, so fern dieselbe böse ist, die er am 4. Januar 1713 im Waisenhaus zu Halle hält und 1715 publiziert. Sie bezieht sich auf zwei Stellen des Neuen Testamentes226 und pflegt eine deutliche Sprache, indem sie das Nützlichkeitsdenken vorgibt und die Rede vom ‚Ausverkauff der Zeit‘ entwickelt: „Ach wecke uns der gestalt auf, daß wir hinfort alle Stunden recht anwenden uns zu unserer letzten Stunde gebührend zu bereiten, damit wir durch deine Gnade das ewige Leben erlangen mögen! Amen.“227 Der Geburtstag ist Sinnbild des vergehenden Lebens, und die Tagstruktur des Heils, des Grimmes, der Angst, der Finsternis oder der Wohltat schimmert immer wieder durch. Zeit manifestiert sich als eine „Sache von großem Wert (rem pretiosissimam)“, und zwar dergestalt, dass Christen die „Gelegenheit gutes zu thun nicht verabsäumen“.228 Mit Zeit sei im Sinne des Paulus ganz kaufmännisch zu verfahren, und hier wird der Nexus von Gelderwerb und Christentum evident. Man solle nämlich

„keine einige bequeme Zeit, gutes zu wircken, versäumen, sondern es so damit machen, wie es ein Kauffmann machen möchte, so er eine Waare auf dem Marckt anträfe, von welcher er grossen Gewinn hoffete, die ihm aber alle Augenblick leichtlich könte weggekauffet werden, und die er hernach vielleicht sein Lebelang nicht wieder bekommen dürffte. Denn gleichwie der Kauffmann keine Stunde versäumen würde, solche Waare, so es ihm möglich wäre, gantz weg oder auszukauffen, und nichts dahinden zu lassen: Also will er, sie sollen, so viel an ihnen ist, eines jeden Tages, einer jeden Stunde, ja eines jeden Augenblicks, wahrnehmen, daß sie immer etwas gutes aus der Zeit als aus einem schnell vorbeylauffenden Strom heraus reissen, so ihnen mit in die Ewigkeit folge, wie einer der alten Lehrer redet; denn so rauschen unsere Tage dahin wie ein Strom, und ein Jahr gehet nach dem andern hin, ehe wirs uns versehn.“229

Das carpe-diem-Motiv, seit Horaz’ Oden und Marc Aurels Ermahnung, dass „wir nur diesen kurzen gegenwärtigen Augenblick leben“,230 in unterschiedlichen Nuancen immer wieder zitiert, wird hier mit einer Warnung verbunden, die auch einen Wettbewerbston hat:

„Nehmen wir nun die Zeit nicht wohl wahr, und achtens nicht, daß ietzt eine Stunde, und denn wieder eine unnütz verlaufft, so leiden wir immer Schaden, und zwar solchen, den wir nicht wieder ersetzen können. Darum erfordert eben Paulus Verstand und Weisheit dazu, daß man die Zeit gleichsam auskauffen solle.“231

Mit dieser Möglichkeit des immer eintreffenden Kairos entsteht nicht nur der Gedanke an Nutzbarkeit, sondern wächst auch eine Rechtfertigungspflicht, die sich in Franckes eigener permanenter Schriftproduktion und mithin in mehreren tausend Seiten von Notiz- und Faktentagebüchern niedergeschlagen hat. In dieser Intention wird es allgemein zum pietistischen und darüber hinausgehenden Imperativ, das eigene Leben auch als Verwaltungspraxis zu organisieren, zu strukturieren und zu vernetzen, freilich mit weniger asketischen Tendenzen im Vergleich zum Puritanismus, sondern auch auf Erfüllung des diesseitigen Lebens bedacht.232 In diesem Verständnis entsteht der zeitliche Nutzenimperativ der Moderne, der von der Frühen Neuzeit an über Benjamin Franklin bis zu den Ratgeberbüchern des 20. Jahrhunderts in vielen Varianten durchbuchstabiert worden ist.

Auch wenn die Metaphorik Franckes ökonomisch geprägt ist, dominiert hier ebenso wie im frühneuzeitlichen Motto des carpe diem noch der eschatologische Aspekt – der Seelenschatz ist nur bedingt Warensammlung. Keineswegs praktizieren die Tagebücher Franckes aber Innenschau, vielmehr prägen emsige Notiz- und Berechnungstätigkeiten seine Diaristik. Am ehesten noch finden theologisch-praktische Fragen im Jahr seines Amtsantritts in Halle 1691 ihren Ort und werden Argumente in religionspolitischer Sache Personen zugeschrieben bzw. wiederholt durchgeführt. Jedoch finden sich auch Reisetätigkeiten, Stellenbesetzungen und Arbeitsstrukturierungen in Franckes Umfeld behandelt. Ansonsten waltet das Berichtswesen über diese und jene theologische Äußerung von Kollegen, Examensprüfungen, Beichtabnahmen und Gnadenerweise, eigene Predigten, Pläne zum Aufbau einer Infrastruktur und eines betrieblichen Netzwerks.233

Die Tagebücher werden so zu Handlungsberichten im Namen des Herrn – und damit auch zu Anleitungen, wie man einen kirchlichen Betrieb, der in Halle eben auch soziale Einrichtungen mit Einnahmen, Ausgaben, Spendenwesen und Finanzwesen insgesamt aufweist, gut führt und im Voraus plant. Die Kalender Franckes enthalten oftmals nur knappe Ereignisangaben; vergleichbar dem Muster Paciolis stellt Francke sein Notationssystem mit dem 1. Januar 1716 um und lässt offenbar einen Sekretär (wahrscheinlich seinen Sohn) in der linken Spalte die Aktanten oder die Sache notieren (die insofern als Protoregisterspalte funktioniert), während in der rechten die entsprechenden Sach- oder Problemaspekte kurz wiedergegeben werden. Damit wird die Buchführung extensiv und stärker systematisiert, was zur schnellen Rückorientierung hilfreich ist. Ab dem 2. Okt. 1716 entfällt die Registerspalte und behält Francke nur noch das chronologische Protokoll bei, das nach Ablaufpunkten beziffert ist – es übernimmt dies ein Sekretär ab September 1716, der noch relativ ausführlich etwa Gesprächsinhalte und Abläufe protokolliert. Damit ist auch eine Arbeitsethik besiegelt, die sich im fortwährenden Prozess begreift und ihre einzelnen Schritte zunehmend intensiv betrachtet, um sie auch arbeitsteilig zu optimieren. Solche Prozesse sind noch vor allem vom arbeitenden Individuum aus gedacht – das Wirtschaftstreiben ist weniger strukturell aufgezogen, sondern von volitional handelnden Akteuren im sozialen Kontext initiiert. Man kann freilich die Brüdergemeinde als eine der Zellen betrachten, aus denen sich Netzwerke und Strukturen des Wirtschaftshandelns herausbilden.234

Spuren hat Francke aber auch in der Pädagogik hinterlassen, insofern sie überwachend und ausforschend aktiv wird. Entscheidend werden dafür die Erfahrungen in der Waisenhaus-Arbeit, die in Franckes Aufsatzsammlung Segensvolle Fußstapfen ausgeführt sind, wo es über die Notwendigkeit von beaufsichtigendem Personal für die Erziehung heißt:

„Es ist die Inspektion nicht nur praesenti corpore (mit gegenwärtigem Leibe), sondern auch praesenti animo (mit gegenwärtigem Geist) und also treulich zu verrichten […] Denn die sorgfältige Inspektion ist der eigentliche nervus der Erziehung, daher niemand darin nachlässig oder commode, sondern vielmehr durch die Gnade Gottes excitat (geweckt) und mühsam sein soll“.235

Damit spätestens – und auch bereits mit Tendenzen zur Selbsterziehung der Zöglinge und möglicher Milderung direkter körperlicher Strafen – ist die Vorstufe gesetzt zu einer Pädagogik der Allsichtigkeit, deren Blickinstanzen dann in der Spätaufklärung internalisiert werden sollen, sei es von Delinquenten, sei es von Kindern. Foucaults Beobachtung, dass sich im Laufe des 16. Jahrhunderts die Beichte vom Bußsakrament löst, um sich dann über Gewissensbeeinflussung und Seelenlenkung als Pädagogik zu konstituieren, setzt wohl etwas zu früh an; dass die Geständniskultur sich aber in alle Lebensbereiche verzweigt (Justiz, Medizin, Liebesbeziehungen und natürlich Pädagogik) und daraus eine Unzahl von Büchern entsteht, kann vor allem auf Tendenzen ab 1700 bezogen werden.236

Der streng geregelte, disziplinierte Arbeitsplan gilt auch für die Mitarbeiter des Waisenhauses bzw. die Leiter der ökonomischen, schulischen oder krankenpflegerischen Abteilungen. Zur besseren Strukturierung der Abläufe und einer effizienten Betriebsführung soll in der täglich abzuhaltenden Konferenz dieses Leitungsgremiums jeder Mitarbeiter sein Memorial führen, „auf welchem den Tag über verzeichnet, was ihm unter seiner Aufsicht vorgefallen; welches dann sofort in Ueberlegungen gezogen und um beständig guter Ordnung willen, wie es abgeredet worden, aufgezeichnet wird“.237 Dies bedeutet nicht nur Optimierung von Arbeitsabläufen in einem geistlichen Business-Betrieb, vielmehr zeigt sich auch, dass Beobachtungen eben dieses Datenmaterial liefern, aus dem dann pädagogische Regulative folgen.

Insgesamt ist auch Francke ein homo faber, der sich nicht sonderlich in Selbstreflexionen verliert, sondern in seinen Tagebuchskizzen erkennbar dem eigenen Nutzenimperativ folgt und ihn praktiziert, dann nur sehr sporadisch und auch kaum in Ich-Form, sondern im Wege allgemeiner Gedanken oder anstehender Diskussionen reflektiert. Admonitiones und Adhortationes tauchen hier und auch da auf, Briefein- und ausgänge werden gelistet, Speisefolgen mit diesem und jenem Handlungspartner finden sich erwähnt oder Gespräche über Geldaufwendungen im Zusammenhang des Waisenhauses. So ist insgesamt die Beobachtung von Schönborn wie auch Holm plausibel, dass im Herzen des Pietismus das Tagebuch nicht als Seelenraum fungiert, sondern Handlungsskripts und Organisationslisten überwiegen238 – tatsächlich wird auch über geistliche Handlungen geschrieben, aber eben nur im Modus der Benennung von Umständen oder beteiligten Personen. Das Tagebuch des praktizierenden Pietismus ist eben nicht intim-privatistisch, sondern gehorcht einer Ökonomie, die im sozialen Rahmen „eines komplex gestaffelten Systems von Teilöffentlichkeiten“ funktioniert.239 Dies gilt für die ganze pragmatische Seite von Missionstätigkeiten, ebenso in Sachen Spendeneinwerbung. Auch Nikolaus Graf von Zinzendorfs Special = Diarium, Diarium des Jüngerhauses, London Congregation Diary (1716–19) ist dafür ein Beispiel. Erst später, nämlich 1731–1754, bekommen dessen Herrnhuter Losungs-Tagebücher den Charakter eines allgemeineren Tagesprojekts und -erfüllungsbuchs, insofern man dem als Tagesmotto gegebenen Bibelvers eigene Notizen hinzufügen kann.

Die produktive Krise: Albrecht von Haller

Die Frage bleibt, warum der Imperativ zur innerlich-religiösen Tagebuchselbstschau erst später zündet – etwa bei Albrecht von Haller, Christian F. Gellert oder Philipp M. Hahn (1772–77), die als eigentliche Sündenbekenner im Tagebuch aktiv werden und in der Denkhaltung den ←94 | 95→Selbstpeinigungen von Adam Bernds Eigener Lebens-Beschreibung (1738) nahekommen. Ein Grund liegt wohl darin, dass dort der Glaube in eine ernste Krise geraten ist und er (wie bei Bernd) immanent problematisch geworden oder jenseits des physikotheologischen Versöhnungsgedankens nun doch mit moderner Wissenschaft in Konkurrenz getreten ist (wie bei Albrecht von Haller).

Haller, einer der wichtigsten Mediziner des 18. Jahrhunderts, stammt aus der mechanistischen Boerhaave-Schule, bringt aber mit einem calvinistischen Seelenkonzept im Hintergrund den Leib-Seele-Zusammenhang durch das neue Paradigma das Nervensystems ins Gespräch, so auch wieder bei den Hallenser Ärzten um 1750. Seine zentrale Schrift Von den empfindlichen und reizbaren Teilen des menschlichen Körpers (1753) wird zum Gründungsbuch der modernen Nervenphysiologie: Nervenbahnen werden dort mikroskopisch untersucht, Zellstrukturen beschrieben und die Verhältnisse von sinnlichem Reiz und ausgelösten Reaktionen experimentell gemessen. Dabei gelangt Haller zu der fundamentalen Einsicht, dass Körperteile durch Nervenbahnen zum einen sensibel ausgestattet, also reizbar sind und im Reizzustand deutlich ausgeprägtere Reaktionen zeigen. Sofern sie innerviert sind, werden Muskeln aber durch Reize verändert – sie sind also auch irritabel, weil sie ihre Form wechseln, kontrahieren und expandieren. Sensibilität und Irritabilität sind insofern die neuen Paradigmen, die in die Experimentalphysiologie Einzug halten.240 Jenseits der medizinischen Forschungen schrieb Haller jahrzehntelang Literaturkritiken, verfasste aber um 1740 auch ein Tagebuch, das durch einen Rhythmus von Selbstzweifeln und Anflügen der Selbstvernichtung, von Selbstanfrage, Beichte und Anrufung Gottes mit guten Vorsätzen, Empfindungsforschungen, aber auch Naturforscherbeobachtungen geprägt ist und erst im Nachlass veröffentlicht wird. Im Tagebuch seiner Beobachtungen über Schriftsteller und über sich selbst241 schlägt sich der Nervendiskurs in Form geschärfter Selbst-Sensibilität nieder und werden Anklagen gegen das Ich und den allgemeinen Zustand der Welt geführt, die sich ganz ähnlich lesen wie in Adam Bernds fataler, wohl kathartisch programmierter Autobiographie, nämlich der Eigenen ←95 | 96→Lebens-Beschreibung von 1738. So schreibt Haller am 3. Dez. 1737 von seinem Tagebuch als „Sündenregister“,242 das er seit einem Jahr führe und eine geistliche Besserung erbracht habe – nebst der Bitte zu Gott: „Zerknirsche mein steinernes Herz, daß ich fühle was dein Zorn ist. – Herr erbarme dich meiner!“243 Seine Fragmente religioser Empfindungen 1736/37 sind Protokolle religiösen Ringens um Glauben und Verzweiflung, dann zunehmend Vorsätze und Bitten an Gott; so heißt es etwa (und sinngemäß an mehreren anderen Stellen): „Noch ist mein ganzes Leben irdisch gesinnt. Und ich weiß nicht ob ich mein Herz fassen darf, in diesem Augenblick vor Gott zu treten. Sein allsehendes Auge siehet alle Unlauterkeit meines Herzens, und Heucheley ist vor ihm sowohl Greuel als Thorheit.“244 Haller fasst, den Tod der ersten und zweiten Frau bedenkend, immer wieder Vorsätze, die eine katalogartige Form haben:

„Vater reiche mir deine Hand, führe mich ab vom Weg des Verderbens worauf ich wandle […] Nimm mich mir selber, nimm meinen Willen, mein Herz zu dir! O ich wollte es dir gerne geben. – Gib mir die Kraft, daß ich hinfort I. den Anfang und das Ende des Tages mit der Untersuchung meines Selbst und mit Überzeugung meines Herzens mache; dann auch wohl etwas lese, was die Furcht Gottes bey mir rege machen könne II. Mit dem Gebet anfange und schliesse; III. alle unnöthige unnütze Gesellschaften meide IV. alle meine Stunden entweder mit Studien oder mit dem Worte Gottes, oder mit einsamen Betrachtungen ausfülle; dass der Müssigang kein Weg zur Sünde werde. V. Gegen alle meine groben und feinern Sünden beständig kämpfe, auch mich darum enthalte des Geschwätzes, der Raillerie, unnöthiger Projekte, und daraus folgender hypothetischer Sünden.“245

Anknüpfend an die mittlerweile bekannten Standards, übermittelt vor allem durch den Pietismus, wird damit auch die Rhetorik der Empfindsamkeit und der Diskurs des Herzenstaktes vorgegeben. Inhaltlich und stilistisch wirkte diese Tendenz weiter, etwa in Johann G. Hamanns Tagebuch eines Christen (1757) mit seinen Kämpfen der Anfechtung, Bewältigung und Rechtfertigung – die sich dann aber in einen Subjektivismus mit Aufbruchstimmung wandeln und die Beobachtungsinstanz in den Bekennenden selber verlagern: „So wie alle unsere Erkenntniskräfte die Selbsterkenntnis zum ←96 | 97→Gegenstand haben, so unsere Neigungen und Tugenden die Selbstliebe. Das erste ist unsere Weisheit, das letzte unsere Tugend. So lange es dem Menschen nicht möglich ist, sich selbst zu kennen, so lange bleibt es eine Unmöglichkeit für ihn, sich selbst zu lieben.“246

Mit solchen Ansätzen wird in einem allerdings längeren Prozess, der sich bis 1800 erstreckt, der Imperativ zur Selbsterkenntnis in eine moderne Anthropologie überführt. Aus dem Motiv der Anfechtung entsteht das psychologische Paradigma der Entwicklung. Und so ist in dieser ausführlichen Beschäftigung mit dem eigenen Inneren auch der Schritt zur Säkularisierung angelegt, wenn es in systematisierender und kausalpsychologisierender Weise mehr und mehr zum Ziel wird, feinste Nuancen von Stimmungen und Gefühlen zu erspüren, aufzudecken und einem Publikum zugänglich zu machen.

Insofern also der Pietismus in seinen Standardautobiographien klare Selbstbekenntnismuster mit Bekehrungserlebnis, Bußkampf und Gnadendurchbruch ohne weitere literarische Aspiration einsetzt und die tägliche Feder der Diaristik den kirchenbetrieblichen Alltag organisiert mit ihren zukunftsweisenden Handlungslisten, wäre die Gattungsbezeichnung des pietistischen Tagebuchs selbst zu revidieren und eher von der späteren, protestantisch inspirierten seelenkundlichen Selbstschrift her zu denken. Auch deshalb greift die geläufige These, das pietistische Tagebuch habe sich gattungsimmanent psychologisiert, zu kurz – andere Diskursfelder sind hier ebenso involviert und bilden wichtige Einflussfaktoren.

220 So die Leitthese von Niggl 1977, S. 94.

221 Zit. nach Boerner 1969, S. 13 f.

222 Vgl. Holm: Calendarium Historicum/Heinrich Milde, 2008.

223 Hocke: Das europäische Tagebuch, 1963, S. 10.

224 So die Ritualbeschreibung von Niggl 1977, S. 7, vgl. S. 62.

225 Vgl. Weber: Protestantische Ethik, S. 148.

226 Vgl. 2. Brief an die Korinther 6, 2 und Brief an die Epheser 5, 16.

227 A. H. Francke: Der rechte Gebrauch der Zeit, 1715, S. 4.

228 Francke: Der rechte Gebrauch der Zeit, 1715, S. 27 bzw. 28.

229 Francke: Der rechte Gebrauch der Zeit, 1715, S. 28.

230 Vgl. Horaz: Oden I, 11, 8, Sämtliche Werke (2018), S. 258 (hier mit „genieße den Tag“ übersetzt, S. 259); Marc Aurel: Selbstbetrachtungen 3/10, S. 47.

231 Francke: Der rechte Gebrauch der Zeit, 1715, S. 28 f.

232 Vgl. Weber: Protestantische Ethik, S. 158.

233 Weber bezeichnet denn auch die Brüdergemeinde als „Geschäftsunternehmen“ (Protestantische Ethik, S. 154). Alle Tagebücher Franckes sind mittlerweile zugänglich unter digital.francke-halle.de.

234 Webers Beschreibung zielt in die Richtung, dass es sich noch um keinen schematischen, von Strukturen verordneten Vorgang handelt – und auch wenn der Blick auf das überschießende, sich verselbstständigende Erwerbstreiben der kritischen Diagnose von Marx/Engels ähnlich ist, unterscheidet er sich deutlich vom Marxismus, insofern die Diagnose dort hauptsächlich auf materielle Produktionszusammenhänge, gar nicht auf individuelle Akteure zielt und insgesamt einen Untergangshorizont zeichnet; dazu Maurer 2017, S. 271 f.

235 Francke: Instruktion für die Präzeptoren, 1722/1876, S. 251 (Übersetzg. im Orig.).

236 Vgl. Foucault: Der Wille zum Wissen, S. 76 ff.

237 Francke: Segensvolle Fußstapfen 1701/1994, S. 93.

238 Vgl. Schönborn: Das Buch der Seele (1999) und Holm: Versuch einer Phänomenologie des Diaristischen, 2008, S. 50.

239 Vgl. Holm: Versuch einer Phänomenologie des Diaristischen, 2008, S. 34.

240 Vgl. Koschorke: Wissenschaften des Arbiträren,1999.

241 Bern 1787, 2. Teil – darin auch die im Nachlasse erschienenen Fragmente Religioser Empfindungen.

242 Haller: Tagebuch, 3. Dez. 1737 (1787, S. 231).

243 Haller: Tagebuch, 3. Dez. 1737 (1787, S. 231).

244 Haller: Tagebuch, 13. Mai 1737 (1787, S. 227).

245 Haller: Tagebuch, 3. Okt. 1737 (1787, S. 229 f.).

246 Hamann: Tagebucheintrag vom 16. Mai 1758 (1949, S. 300).