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Selbstoptimierung

Eine kritische Diskursgeschichte des Tagebuchs

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Ralph Köhnen

Lebenskunst hat Konjunktur: Offenbar ist der Traum, das Leben als Gesamtkunstwerk einzurichten, zur ethischen Maxime geworden. Beteiligt ist dabei seit der Antike das Motiv von Selbsterforschung bzw. Selbstbesserung, das über die Frühe Neuzeit bis in die Gegenwart wirksam geblieben ist. Tagebücher sind dabei ein notwendiges Begleitmedium gewesen und haben wechselhafte Formen angenommen, die von religiösen, wirtschaftlichen, psychologischen und medizinischen Aufschreibesystemen bestimmt worden sind. In diesem umfassenden mediologischen Sinn untersucht der Autor Programme der Selbstschrift und stellt diese an Beispielen dar, die sich von Pacioli über Pepys, Leibniz, Herder, Moritz, Goethe, Hebbel, Schmitt, Jünger oder Rainald Goetz bis in die Gegenwart der Social Media erstrecken.

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8. Goethes Diaristik als (Selbst-)Wirtschaftsplan

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8. Goethes Diaristik als (Selbst-)Wirtschaftsplan

„O Gott, der Tag ist lang, man kann entsetzlich viel tun, wenn man mit Folge arbeitet und Langeweile flieht.“329

Diverse Diaristik: von der flüchtigen Notiz zur Selbstbilanz

Als um 1770 das Originalgenie sich selbst entdeckt und um 1800 auch die juristischen Weihen der Autorschaft erhält, bricht der Gegensatz zwischen Kunst- und Brot-Interessen deutlich auf: Einerseits machen sich Autonomieansprüche in der Praxis der Honorare und der Kunstprogramme geltend, auf der anderen Seite gibt es Heteronomieängste, wenn die adligen Ansprüche durch diejenigen des Kunst- und Unterhaltungsbetriebs abgelöst werden. Flankiert werden die Grundideen des modernen Unternehmertums von Adam Smiths liberal-ökonomischem Programm der Wealth of Nations (1776), das auch im Kunstbetrieb zunehmend greift.330

Dass Goethe ein nicht nur akribisch-gewissenhafter, sondern auch zunehmend selbstbewusster Tagebuchschreiber von Jugend auf gewesen ist, ist bestens dokumentiert und erforscht. Es ist aber zu zeigen, wie die offenkundig protestantische Arbeitsethik der täglichen Schrift teil hat an wirtschaftlichen Aufschreibtechniken namentlich der doppelten Buchführung – und wie Goethe in einem breiten Kontinuum von flüchtiger Haushalts- oder Alltagsnotiz, ersten Arbeitsideen und Motiventwürfen, Gesprächszusammenfassungen bis hin zu gedanklichen Vorbereitungen größerer Texte letztlich seine Autorschaft etabliert und verfestigt. Damit artikuliert er den „pathetischen Gedanken eines Auftrags zu autonomer Lebensgestaltung“ und mithin einen starken „vorpoetischen Lebensreflex“, den Karl Eibl bei den Briefen, Tagebüchern und Gesprächsprotokollen stellvertretend für ←131 | 132→die Phalanx autobiographischer Deutungen hervorgehoben hat.331 In der Tat ist Goethes Wille zur Selbststrukturierung bemerkenswert; es wird eine Ordnung eingeführt, die nicht nur in den Werkausgaben seine angeblich „stufenweise Entwicklung“332 für den Leser nachvollziehbar machen soll, sondern den einzelnen Vorgang auf das große Ganze abbildbar macht und im Augenblick stets das symbolische Potenzial sucht. So hält Goethe als Maxime für junge Schriftsteller parat: „Poetischer Gehalt ist Gehalt des eigenen Lebens.“333 Damit schlägt wiederum das Prinzip des wirtschaftlichen Bilanzierens in der Selbstschrift zu Buche – die Zeit zu nutzen ist die ökonomische Maxime, der einzelne Tag wird stets auf die persönliche Gesamtentwicklung bezogen. Und damit sind Rückschlüsse auf das Schreiben selbst zu ziehen und soll gezeigt werden, wie bestimmte Aufzeichnungstechniken z.B. in den Wilhelm-Meister-Romanen thematisiert worden sind und auch formal auf die Textstrukturierung gewirkt haben.

Tagebuchnotizen in nennenswerter Form fertigt Goethe seit den Straßburger Ephemerides 1770/71 mit summarischen Eintragungen, Lektürelisten, Gesprächsnotizen, Exzerpten oder Sprüchen an.334 Erste durchgehende Aufzeichnungen finden sich anlässlich der Reise in die Schweiz 1775, und kontinuierlich betreibt Goethe die Diaristik in vielfacher Form seit dem 11. März 1776.335 Die äußere Form der später verwendeten Kalendarien disponierte auch die inhaltliche Aufteilung: Links sind Geschäftsnotizen angebracht, aber auch Briefein- und ausgänge, Lesefrüchte, Sentenzen und naturwissenschaftliche Reflexionen, rechts ausgeführt Anmerkungen und Reflexionen. Während in den ersten Jahren seit den Schweiz-Tagebüchern noch Bekenntnishaftes und Selbsterforschungszwecke virulent sind, zeichnet sich auch rasch eine andere, selbstwirtschaftliche Seite ab, die den ←132 | 133→Doppelcharakter der Notizen ausmachen. So zeigt die frühe Diaristik Goethes im Weimarer Berufszusammenhang einen konfessionsmäßig-selbstreflexiven Charakter, der in einigen durchformulierten Maximen oder in sentenzenhaften Ein- und Ansichten deutlich wird. Diese heben sich von den sonstigen stichwortartigen Notizen ab, die an die Tradition des wirtschaftlichen, ökonomischen Hausbuchzweckes anknüpfen.

Ab 1796 wird wieder ein vorgedruckter ‚Schreib-Calender‘ genutzt mit fortlaufendem Kalendarium für Tagesnotizen auf der linken Seite sowie Eintrag von Ausgaben und Einnahmen auf der rechten, etwas später finden sich dort ‚Expeditionen‘, nämlich abgesandte Briefe, Buchtitel, Zitate und Maximen, also penible Auflistungen des eigenen (proto-) literarischen Tuns. All dies wird ab 1797 nach Entwürfen, Mitteilungen oder Diktat Goethes von fremder Hand ausgeführt. Ab 1817 nutzt Goethe ein Tagebuchjournal, bei dem die rechte Spalte für Tagesnotizen reserviert ist und links die genannten ‚Expeditionen‘ (auch mit Besuchern und deren Anzahl) weitergeführt bzw. ‚Notanda‘ verzeichnet werden.

Die fast besessene Vollständigkeit der Einträge lässt die Tagesrhythmen des Arbeitens erkennen und die ‚Agenda‘ durchsichtig werden mitsamt ←133 | 134→einem Schreibprozess, der in einigen Teilen in der Manier heutiger to-do-Listen gehalten ist und knappe Notizen zu Arbeitsschritten enthält, die nach Erledigung abgehakt oder durchgestrichen wurden. Dies ermöglichte Goethes Konstruktion seiner selbst als Literaturinstanz – und sollte später auch den Lesern Einblick in das Selbst-Archiv geben.

Zwar ist Goethe mit Tradition und Diktion der pietistischen Selbstschrift seit seiner Begegnung mit Susanne von Klettenberg 1769 vertraut. Allerdings wird der Anspruch von authentischer Selbsterkenntnis in seiner Diaristik ebenso wenig eine Rolle spielen wie die sensuellen Eindrücke. Vielmehr hat Goethe die Forderung nach Selbstbeschau skeptisch-distanziert zurückgewiesen, und die späte Formulierung aus den Wanderjahren kann als Motto seit den frühen Selbstschriften gelten:

„Nehmen wir sodann das bedeutende Wort vor: Erkenne dich selbst, so müssen wir es nicht im aszetischen Sinne auslegen […] sondern es heißt ganz einfach: Gib einigermaßen acht auf dich selbst, nimm Notiz von dir selbst, damit du gewahr werdest, wie du zu deinesgleichen und der Welt zu stehen kommst. Hiezu bedarf es keiner psychologischen Quälereien; jeder tüchtige Mensch weiß und erfährt was es heißen soll; es ist ein guter Rat der einem jeden praktisch zum größten Vorteil gereicht.“336

Wenn Goethe seine Tag- und Jahreshefte im Untertitel als „Ergänzung meiner sonstigen Bekenntnisse“337 bezeichnet, zitiert er damit allenfalls die Tradition des Bekenntnisdiskurses an. Entscheidend wird vielmehr, dass alle Selbstkenntnis nur durch Weltkenntnis, ja letztendlich durch die ökonomische, politische, aber auch künstlerische Handlung möglich ist. So wie Faust in der Studierzimmer-Szene den ‚logos‘-Begriff ziemlich kühn als ‚Tat‘ übersetzt und damit das griechische Wort der religiös-philosophischen Tradition entreißt, ist auch Selbstwissen für Goethe ohne Handeln im Kontext nicht denkbar und hat das Streben danach nichts mit selbstverstrickt-einsamer Beschaulichkeit oder Geheimbündelei zu tun. Das Bekenntnismotiv wird in Lebenspraxis gewendet: „ich habe alles was ein Mensch verlangen kann, ein Leben in dem ich mich täglich übe und täglich wachse“338 – so lautet eine programmatische Briefäußerung. Daraus folgt für sein Tagebuchschreiben, dass es vor allem ins praktische Leben gewendet ist, um nämlich der „Forderung des Tages“ nachzukommen und schließlich der beruflichen Spezialisierung zu genügen, der das Transzendentalphilosophieren dünkelhaft und fruchtlos erscheinen muss.339 Die traditionelle Prüfung des Tages ist insgesamt eine ökonomische, der Seelenprüfung gegenüber bleibt Goethe skeptisch.340 Wenn aber noch die von der Sturm-und-Drang-Diktion affizierte Tagebuchpoetologie der Tag- und Jahreshefte dahin ging, dass das Tagebuch ein unmittelbarer Lebensausdruck sein müsse, weicht diese Position rasch einem eher nüchternen, handlungsorientierten Verständnis.

Insofern Goethe anlässlich einer Abhandlung Herders davon spricht, „wie der Mensch als Mensch wohl aus eignen Kräften zu einer Sprache gelangen könne und müsse“,341 liegt darin ein neuer Ansatz nicht nur zur Sprachfindung, sondern auch zur Selbstbegründung des Genies, das um 1800 zu seiner Autorfunktion gelangen will. Dazu gehören nicht nur grundlegende Rechtsansprüche, deren Beginn im Allgemeinen Preußischen Landrecht von 1794 zu erkennen ist,342 sondern es ist jenseits der Sicherung des geistigen Eigentums und damit verbundener pekuniärer Ansprüche auch die symbolische Selbststeigerung des Autorlebens in einen exemplarischen Zusammenhang hinein nötig. Die kleinste Notiz kann dann bedeutsam werden, wenn sie sich auf eine höhere Ebene extrapolieren lässt, wie Goethe einmal seinem Sekretär gegenüber äußerte:

„Es sind lauter Resultate meines Lebens, […] und die erzählten einzelnen Fakta dienen bloß, um eine allgemeine Beobachtung, eine höhere Wahrheit, zu bestätigen […]. Ich dächte, es steckten darin einige Symbole des Menschenlebens. […] Ein Faktum unseres Lebens gilt nicht, insofern es wahr ist, sondern insofern es etwas zu bedeuten hatte“.343

Der Tagebuchschreiber muss insofern Einzelbeobachtungen und Verallgemeinerung stets sub specie eines (vor-) bildhaften Zusammenhangs notieren, weil sie „mir und andern durchs ganze Leben zur Leitung und Fördernis“ dienen sollen.344 Das Bestreben, das eigene Dasein zum Muster für Zeitgenossen und womöglich spätere Generationen zu machen, bringt dann in das Tagebuch (und die anderen Schriften) die notwendige Haltung der Selbstobjektivierung. Und so ist auch für den Autor selbst das im Tagebuch Festgehaltene nach einigen Jahren im gepflegten pluralis majestatis so zu lesen, dass „wir uns selbst nunmehr als Gegenstand betrachten können“.345

Dieser Entwicklungslinie der Objektivierung korrespondiert ab etwa 1795 ein neuer Schreibprozess, der auch durch Goethes einsetzende Gewohnheit mitbedingt ist, seinem Sekretär Notizen zur sauberen Niederschrift vorzulegen oder gleich zum Diktat zu schreiten. Es soll damit der spontane Tagesrückblick mitsamt der höheren Idee, die dahinter verborgen sein könnte und sich später dem Leser wie auch dem Autor enthüllen mag, das Hindernis des langsamen Schreibmediums der eigenen Hand leichter überschreiten. Ein geübter, nur Niederschrift leistender Sekretär kann dies eben schneller und besser – und er stellt zugleich jenen Dialogpartner dar, den Goethe stellvertretend für sein Publikum nimmt. Auch darin zeigt sich seine ökonomische Zeitnutzung, die das Subjektive beim Diktat schon einer ersten disziplinierenden Distanz unterwirft, das Persönliche zurücknimmt und in Sachzusammenhänge stellt. Insofern durchläuft schon im objektivierten Schreibprozess der Autor eine Entwicklung; noch deutlicher als zuvor wird für ihn das Tagebuch ein Medium der Selbstdisziplinierung und Selbsterziehung.346

Ganz zweifellos wirkt hier die Tradition Paciolis nach, und sie erzwingt eine bisweilen gnadenlose, aber auch stolze Technik der Selbstbilanzierung. In deren wenigstens indirekter Anwendung geht die Bedeutung der gesammelten Daten weit über den Tageshorizont hinaus und ist jede Ereignisnotiz bereits auf Selbsthistorisierung angelegt. So äußert Goethe gegenüber Kanzler Müller 1827:

„Eine tägliche Übersicht des Geleisteten und Erlebten macht erst, daß man seines Tuns gewahr und froh wird, führt zur Gewissenhaftigkeit. Was ist die Tugend anderes als das wahrhaft Passende in jedem Zustande? Fehler und Irrtümer treten ←136 | 137→bei solcher täglichen Buchführung mit sich selbst hervor, die Beleuchtung des Vergangnen wuchert für die Zukunft. Wir lernen den Moment würdigen, wenn wir ihn alsobald zu einem historischen machen.“347

Die Gewissensprüfung ist hier in die Ordnung und Nutzbarmachung der Selbstbuchführung gelenkt und bringt vollends die pastorale Selbstprüfung in den ökonomischen Diskursbereich – Goethe fasst so sein Selbstverständnis als Diarist zusammen, was die Selbsthistorisierung und Selbstvergegenwärtigung angeht. Ebenso wird die Zeitebene erweitert: Die Tendenz zur Selbsthistorisierung betrifft beides, räumliche Ausdehnung des persönlichen Ereignisses und die Amplifizierung des Moments zu einem großen Lebenskreis im öffentlichen Bereich. In einem Spiegeleffekt wächst aber auch das Selbstbewusstsein dahin, die Selbstschrift nicht mehr in der Exempelfunktion aufgehen zu lassen, sondern die Buchhaltung der eigenen Dinge in einer autonomen Funktion zu betreiben, die fast sportive Ausmaße annimmt – das Motiv der Selbstarchivierung zeigt eine weitere Stufe der Differenzierung von (Künstler-) Individuum und Gesellschaft. Dies ist wohl als Hauptmotiv der täglichen Schrift spätestens ab 1817 zu markieren: die provisorischen Notizen für ein nochmaliges Selbstbespiegeln auf der Ebene der ausformulierten Tag- und Jahreshefte oder in weiteren autobiographischen Texten nutzbar zu machen.

Nachweislich hat Goethe auch das Tagebuchschreiben zum Entwickeln wissenschaftlicher Ideen verfolgt, in interessanter Hybridbildung mit autobiographischem, reisedokumentarischem und literarischem Anspruch in der Italienischen Reise, die erst 1815, knapp dreißig Jahre nach Abfassung, zum Druck überarbeitet wird. Es werden dort nicht nur Erzählmuster und narrative Strukturen des Reisejournals übernommen, sondern auch Erfahrungen systematisch notiert, die zu Vorstufen jener ‚zarten Empirie‘ werden, die noch in den Wanderjahren mit der subjektiven Reflexion im objektiven Ding als Basis des naturwissenschaftlichen Experiments benannt wird.348 In der subjektiven Beobachterposition sind alle überschwänglichen Ich-Bezogenheiten getilgt und wird vielmehr der übersubjektive Zusammenhang gesucht, der die Rhetorik des Bekennens und Gestehens nicht ganz auflöst, aber nur noch zitathaft anführt.349 Themen sind dort kulturvergleichende Überlegungen, akribische Wetteraufzeichnungen, kleinere Begebenheiten, die durch die Beobachtung des Verfassers aufgewertet werden sollen, Landschafts- oder Städteschilderungen, Ereignisse und Begebenheiten, Reflexionen über Kunst, Malerei, Skulptur und Architektur, Geologie, Wetter und Naturkunde, allgemeine Maximen, aber auch Bemerkungen zur Entstehungsgeschichte eigener Werke. Nur selten finden sich Anmerkungen, die man als Innenschau bezeichnen könnte, vielmehr ist das Ich in die Beobachtung hinein aufgelöst.

Dadurch wird aber gerade eine Mittelposition des Beobachtens markiert, die die rein aufzeichnende Empirie übertrifft. Denn das entscheidende Interesse Goethes an der Selbstschrift liegt darin, dem Dokumentarismus zu entkommen. Die Subjektivität des Eindruckes ist das gültige Schreibmotiv:

„Dabei kann ich mich trösten, dass in unsern statistischen Zeiten dies alles wohl schon gedruckt ist, und man sich gelegentlich davon aus Büchern unterrichten kann. Mir ist jetzt nur um die sinnlichen Eindrücke zu tun, die kein Buch, kein Bild gibt. Die Sache ist, dass ich wieder Interesse an der Welt nehme, meinen Beobachtungsgeist versuche und prüfe, wie weit es mit meinen Wissenschaften und Kenntnissen geht, ob mein Auge licht, rein und hell ist, wie viel ich in der Geschwindigkeit fassen kann, und ob die Falten, die sich in mein Gemüt geschlagen und gedrückt haben, wieder auszutilgen sind.“350

Während es hier auch gewisse Tempovorgaben des Auffassens bzw. der Datenverarbeitung zu geben scheint, ist der Leitaspekt aber, dass solches Registrieren unvoreingenommen und unverstellt von dogmatischen Leitsystemen geschehen soll, auch sicher fern von jenen politischen Versuchen, aus der Sammlung und Konnexion an sich unbedeutender Bevölkerungsdaten relevante „Staatsmerkwürdigkeiten“ zu machen, die gesammelt werden sollen, um Herrschaft durch Verwaltung zu sichern.351 Dagegen hat die ←138 | 139→Intention der teilnehmenden und vom Subjekt ausgehenden Empirie in der Insistenz auf „Erfahrungen“ in der Natur, „wie sie keine dunkle Kammer, kein Löchlein im Laden geben kann“, später im Fall der Farbenlehre zwar manchen Irrtum im Affront gegen Newton hervorgebracht,352 in Italien jedoch zwei entscheidende Entdeckungen ermöglicht: Am Venezianischen Lido führt der Anblick eine Schafsschädels zu der Theorie, dass die Schädelknochen eine Fortsetzung bzw. Metamorphose der Wirbelknochen sei, und in Palermo entsteht das – wenn auch problematische, aber heuristisch wertvolle – Konzept der Urpflanze, aus deren Einheit alle Mannigfaltigkeit abstamme derart, „dass man sich alle Pflanzengestalten vielleicht aus einer entwickeln könne.“353

Für Projektskizzen ist das Reisetagebuch in diesen Jahren das probate Medium, insofern es mit Adressatin Charlotte von Stein und seiner narrativen Grundverfassung insgesamt auch das anschauliche Darstellen schon im Wortmedium erfordert. Das Pflanzensystem spielt dabei immer wieder eine Rolle,354 Stadtschilderungen werden angefertigt mit dem Vorsatz „zu dereinstiger Schilderung derselben“.355 Oft reicht es nur für Andeutungen, die dem Reisetagebuch durchaus formgemäß sind, da Goethe das Zuviel an Eindrücken auch kaum in serieller Schreibform möglich findet: „oft alles zusammen so nah, dass es auf ein Blatt gebracht werden könnte. Man müßte mit tausend Griffeln schreiben, was soll hier eine Feder! und dann ist man abends müde und erschöpft vom Schauen und Staunen.“356 Da aber eine parallele Datenverarbeitung noch nicht erfunden ist, muss es bei ←139 | 140→erzählerisch entwickelten Skizzen bleiben, deren Implikationen in späteren Jahren dann zu entwickeln sind – das oftmals so bezeichnete organismische oder keimzellenhaft entwickelnde Arbeiten Goethes ist auch einer Schreibtechnik geschuldet, die noch kein schnelles Prozessieren kennt und gerade deshalb von der Variation in der Länge der Zeit profitiert.

Bilanzieren/Archivieren: Erzählthema und Romanstruktur

Die Italienische Reise ist zweifellos eine Variante der Diaristik Goethes, die die narrativ-literarische Position ins Spiel bringt und komplementär zu aller buchhalterischen Strenge der Selbstverwaltung steht, mit der Goethe sonst in Tagebüchern verfährt. Das Tagebuchschreiben wird sodann Thema in Goethes Romanwerk; formal schlägt sich dies insbesondere in den Wanderjahren (1829) nieder, diskutiert werden ökonomische Lebensordnungen und ihre Niederschrift intensiv schon in den Lehrjahren (1795/96). Dort werden gleich zu Romanbeginn die Parteien ins Spiel gebracht. Wilhelm muss sich von seinem Schwager Werner, dem Goethe im Laufe des Romans alle nur erdenklichen zeitgenössischen Lehrsätze Adam Smiths in den Mund legt, tadeln lassen ob seiner immer unausgeführten, fehlerhaften künstlerischen Pläne.357 Und wenn es um Theaterhandlung geht, ist dies für Werner das Stichwort, Handlung vor allem als Kunst des Wirtschaftstreibens zu fassen: „ich wüßte nicht, wessen Geist ausgebreiteter wäre, ausgebreiteter sein müßte, als der Geist eines echten Handelsmanns“ lautet die Parole, und dafür hat Werner sogleich ein Mittel zur Hand:

„Welchen Überblick verschafft uns nicht die Ordnung, in der wir unsre Geschäfte führen! Sie läßt uns jederzeit das Ganze überschauen, ohne daß wir nötig hätten, uns durch das Einzelne verwirren zu lassen. Welche Vorteile gewährt die doppelte Buchhaltung dem Kaufmanne! Es ist eine der schönsten Erfindungen des menschlichen Geistes, und ein jeder guter Haushalter sollte sie in seiner Wirtschaft einführen.“358

Lobenswert, also noch nicht völlig selbstverständlich im Gebrauch scheint die Technik Paciolis zu sein; Wilhelm kennt bereits Begriffe des Addierens und Bilanzierens, lehnt sie allerdings ab, insofern sie als bloß formale ←140 | 141→Praktiken das „Facit des Lebens“ nicht bilden könnten. Werner konterkariert listig das Argument mit einer Kunstposition, wenn er behauptet, dass Form und Sache hier gerade eine Einheit bilden, zu einem ‚klaren‘ Verhältnis führen und das Sparen wie auch den Erwerb ins Gleichgewicht bringen. Das rechnerische Umgehen mit Einnahmen und Ausgaben wird sogar dem Dunkel des Aberglaubens und Täuschens in aufklärerischer Diktion gegenübergestellt. Dabei erst kämen die Geistesfähigkeiten in ein „freies Spiel“, das den ästhetischen Diskurs der Kreisfigur mit dem von Smith geprägten wirtschaftsliberalen Diskurs verschmelzt. Und unter solchen Voraussetzungen sei es eine Freude für den guten Kaufmann, „alle Tage die Summe seines wachsenden Glücks zu sehen“, 359 und ein solches Kalkulieren ermögliche auch, Unfällen vorzubeugen, was das Leben in harmonische Verhältnisse setzt. Solch optimistisches Denken ist in den fortschrittlichen wirtschaftsliberalen Theorien des späten 18. Jahrhunderts durchaus gängig, wenn zur Glückseligkeit aller auch der Wohlstand für nötig gehalten wird und der allseitige Handel die ständige Melioration vorantreiben soll.360 So ist es auch im Wilhelm Meister die wirtschaftliche Aktion, die über „Spedition und Spekulation“ jenes ‚Wohlbefinden‘ herstellt, „das in der Welt seinen notwendigen Kreislauf führt“. Zieht daraus der einzelne Geschäftsmann seinen Vorteil, kann er dies ‚genießen‘, und wieder formuliert Werner das Wohlverhältnis als klassizistische Figur von Teil und Ganzem, jedoch mit ökonomischer Pointierung: „Die geringste Ware siehst du im Zusammenhange mit dem ganzen Handel, und eben darum hältst du nichts für gering, weil alles die Zirkulation vermehrt, von welcher dein Leben seine Nahrung zieht.“361

Diese Denkfigur, das Ganze zu überschauen und die Einzelteile in Kreis-Einzelpunkt-Relation zu ihm zu setzen, folgt aber um 1790 einem optischen Dispositiv. Kunstmedial entspricht es dem Panorama und ästhetisch ←141 | 142→dem Klassizismus – ohne dass damit eine Herkunftslinie festlegbar wäre. Nutzbar macht Werner dies mit einem aufklärerisch-ökonomischen Konzept der Berechenbarkeit aller Dinge, woraus sich die ganz säkularisierte Lebenskunst ergibt. Denn Zahlen ermöglichen erst das Lebensglück, das die „lebendige Göttin der Menschen“ zuteilt, deren Gunst sich erwerben lässt: Man muss „leben und Menschen sehen, die sich recht lebendig bemühen und recht sinnlich genießen.“362

Pointiert werden die Lehrsätze der neuen Ökonomie auch in Tagebuchzusammenhängen. Die Diaristik begleitet Wilhelms Werdegang – allerdings vor allem als Projekt, als unerfülltes Vorhaben. Im fünften Buch preist Werner dann brieflich das ihm übersandte Tagebuch Wilhelms in höchsten Tönen, weil er dort Beschreibungen von Eisen- und Kupferhämmern oder Leinwandfabrikation „vortrefflich“ und „mit vieler Einsicht in die Sache“, darüber hinaus instruktive Darstellungen der Bewirtschaftung und Verbesserung der Feldgüter gegeben habe. Da aber Wilhelm das Tagebuch leider nur mit Hilfe eines Freundes und einiger Lexikonexzerpte montiert und also mit „fingierten statistischen, technologischen und ruralischen Kenntnisse[n]‌“ ausstaffiert hat, bleibt von dem Lob nichts übrig.363 Immerhin sind damit die Erwartungen an die Diaristik skizziert – hilfreich ist also bei alldem die Praxis der doppelten Buchführung, des Auflistens, Bilanzierens und des statistischen Fixierens, die man mit dem Tagebuch befördern kann.

Wer aber selbst nicht schreibt, der wird geschrieben. Diese Erfahrung jedenfalls macht Wilhelm, als er einen geheimnisvollen Saal im Schloss der Turmgesellschaft betritt. Dort liest er, vom Abbé angeleitet, seinen Lehrbrief und öffnet diejenige Schriftrolle, in der vorgreifend sein Leben geschildert ist.364 Die Flut dieser retro- und prospektiv aufgezeichneten Lebensdaten seiner selbst und auch anderer, mit denen Wilhelm längst im Umgang ist, ist auf eine Weise irritierend, dass Friedrich Kittler damit sogar generalistisch Lacans Theorie der heteronomen Bestimmung des Individuums in den Sozialisationsspielen belegt sieht.365 Dabei bildet das Setting des Schriftensaals ←142 | 143→ein Hybrid aus den Lebensschriften der Herrnhuter Gemeindemitglieder, aus den Lebenslaufsammlungen Schnabels in der Insel Felsenburg, aus Freimaurerritualen im Lichtreich der Zauberflöte (der Abbé als Sarastro) und schließlich Leibniz’ akademischer Sozietät – ein Kompositraum, der nun ins Berufspraktisch-Ökonomische fortgesetzt wird. Denn zu einem guten Ende führen diese Vitae jedenfalls in einem wirtschaftlichen Sinn; letztlich findet damit auch Wilhelm seinen Weg ins Netzwerk der Wirtschaftstreibenden, die dort Platz gefunden haben. Welche Wahl der Einzelne dabei hat und ob sie überhaupt freiwillig getroffen werden kann, ist ein wunder Punkt der ganzen Turmsozietät geblieben – Lebensschrift geht jedenfalls hier der Entwicklung voran, der Plan ist gefasst, ehe er umgesetzt ist.366

Was in den Lehrjahren nicht ausgeführt ist – das Tagebuch Wilhelms – kommt in den Wanderjahren zur Darstellung, im engeren Sinn mit der Aufnahme des fiktiven Tagebuches von Wilhelms Neffen Lenardo, das mit der Wirtschaftshandlung verwoben ist und zugleich als poetisches Selbstverständigungsstück mit zwei Lieferungen im 3. Buch fungiert. Mehrere Motivstränge kreuzen den Text: Auf der Darstellungsoberfläche geht es um das Wirtschaftstreiben mit Baumwolle und Garn sowie seiner Fabrikation, die genau mitgeschrieben wird. Aktiviert wird aber auch die alte Metapher des Textils als textus/Gewebe von Redefäden, wodurch eine Metaebene aufgebaut wird: Das Tagebuch ermöglicht die Niederschrift von ökonomischen Beobachtungen, aber auch Notizen zum Schreiben und damit einen Metakommentar zur Diaristik. Ganz offen angeboten wird diese ←143 | 144→allegorische Ebene durch den Hinweis, die Kinder des Dorfes würden die Baumwollflocken von Samen, Splittern oder Nussschalen trennen, nämlich „erlesen“,367 womit die doppelte Bedeutung von ‚legere‘ als Auslese und Lektüre aktiviert wird. Der Autor ist in dieser Sicht als Fabrikant denkbar, der Text als ein der Natur abgewonnener Stoff. Formal ist der Einschub interessant, insofern er sowohl erzählerisch verfährt und Naturschilderungen in der zeitgenössischen Modalität zwischen Dynamisch-Erhabenem, Idyllik und ihrer technischen Nutzung gibt, als auch in jener lakonischen, lapidaren Sprechweise gehalten ist, die Goethes Tagebuchnotizen zumeist kennzeichnen. Die Reihenfolge verläuft aber nicht von der Notiz zur Erzählung, sondern umgekehrt, was wiederum poetologische Perspektiven birgt. Der Zwischenhändler, der auch als ‚Bote‘ bezeichnet wird und damit zum Neuigkeiten- und Nachrichtenhändler avanciert,368 fungiert insofern als Textilhändler wie auch in der allegorischen Lesart als Erzählinstanz.

Unter dem Eindruck des wirtschaftlichen Prosperierens wird auch die landschaftliche Kargheit zur blühenden Provinz, die im Adam Smithschen Gedanken eines ‚Wohlstands der Nationen‘ durch internationalen Freihandel zur Glückslandschaft umgeformt wird – die Baumwolle wird aus Mazedonien und Zypern via Triest über die Alpen gebracht. Als bedrohlich und als Fremdkomplex wird dagegen das „überhand nehmende Maschinenwesen“ empfunden, und dass damit die ‚Hände‘ ohne Arbeit bleiben, lässt sich wiederum als Problem des Dichters lesen, der bei allem florierenden Buchdruck nurmehr kalte, tote Buchstaben erzeugt (was bekanntlich schon Werthers Problem ist). Das Gegenteil bietet das Bild der Spinnerinnen, die mit Ganzkörpereinsatz während der Arbeit „schöne Bewegungen“ und durch „die zierliche Wendung des Körpers“ einen „sehr malerischen Kontrast“ bieten, was auch – anstatt Gitarrenspiel – den Damen der höheren Gesellschaft zu „wahrem Reiz und Anmut“ verhelfen würde. Diese Arbeit steht nicht nur mit ihrer ästhetischen Begrifflichkeit, sondern auch im Prozess der Dichtung nahe, wenn die schnurrenden Räder eine „gewisse Beredsamkeit“ aufweisen und die Arbeiterinnen Lieder und Psalmen dabei singen. Ferner ←144 | 145→gibt es das bessere, ausgekämmte Garn, das in einer Papiertüte verwahrt und Briefgarn genannt wird, mit dem man „aus dem Brief spinnen“ kann.369

Die Berechnungen des ‚Tagewerks‘, das am Abend vorgewiesen wird, lässt sich Lenardo dann von einer ‚schlanken, fleißigen Spinnerin‘ vorstellen und schreibt sie seinerseits auf, worauf sich eine andere Spinnerin zur Konkurrenz stellt. Der Schluss auf eine wiederum poetologische Ebene des Zeilen- und Seitenschreibens bietet sich an, und es zeigt sich das kompetitive Prinzip, das auch beim Schreiben waltet im bekannten malerischen Motto des ‚nulla dies sine linea‘, was dann zur Arbeitsethik des modernen Autors wird. Dass sich Lenardos Tagebuch über sechs Arbeitstage erstreckt und einen Sonntag folgen lässt, der mit einem Gottesdienst beginnt, apostrophiert die Genesis – und setzt damit die Arbeitswoche mit nichts weniger als der Weltschöpfung Gottes gleich.370

Der Tagebucheinschub ist Mimesis im doppelten Sinn: Nachahmung des Vorgängigen und seine Darstellung, die zugleich auch Überformung ist. Gegenstand ist dabei das Doppelgesicht von Technik: einerseits Faszination und Abscheu, dem Maschinenwesen entgegenstehend, andererseits auch die Aneignung der Technik durch ein notathaftes Erzählen. Die anbrechende Epoche der technischen Revolution begreift Goethe als einen „alle vertrauten Denkmuster durchstreichenden, etablierte Diskurse außer Kraft setzenden Epochenumbruch“, der den „bedrohlichsten Ausdruck der Kontingenzerfahrung“ darstelle,371 und diese prägt auch zweifellos die Bruchlinien des Romans. Wenn in der Turmgesellschaft der Lehrjahre die ‚unsichtbare Hand‘ Adam Smiths ganz wörtlich zu walten scheint372 und ←145 | 146→sie die Egoismen der Einzelakteure zu einem guten Gesamt führen will, wird auch bei Goethe der Zufall dem Ganzen subordiniert mit der Grundannahme, „dass solche Zufälligkeiten durch einen unerforschlichen Willen gelenkt werden“.373 Darin artikuliert sich eine Zuversicht, die sich aber nach dem exemplarisch-optimistischen Aufbruch der Lehrjahre in eine skeptische Modernekritik wendet, in der – deutlich auch im zweiten Teil des Faust – eine Produktionsideologie ohne Ethik abgelehnt wird.

Wenn man denn bilanzieren will, ist poetologisch aber auch der Formgewinn nicht von der Hand zu weisen. Horaz zitierend charakterisiert Lenardo das Tagebuch in epischen Termini als „unterhaltend und gewissermaßen unterrichtend“, das er zum Lesen weitergibt und in entsprechend narrativem Duktus abgefasst hat.374 Und so ist noch einmal auf die poetologisch zentrale Stellung dieses Tagebuchs hinzuweisen, denn es ergeben sich daraus auch Konsequenzen für die Erzählstrategien des Romans: Die Wanderjahre wechseln von der seriellen Informationsvorgabe der Lehrjahre in ein quasi paralleles Prinzip der Darstellung, das zwar schriftkonstitutiv noch ein Nacheinander bildet, aber ohne Verlust als Nebeneinander unterschiedlicher Handlungs-, Text- und Redeflächen gelesen werden kann, insofern die Hierarchien der Bedeutungsstränge und ihre Abfolge weitgehend aufgelöst sind. Alle Handlungsfäden münden schließlich in ein Archiv von Aphorismen, welches auch das Tagebuch Lenardos aufnimmt – die Eintragungen sind an Makarie geschickt worden, jener Menschenkennerin und Philanthropin, die sogar in die kosmische Ordnung eingerückt scheint, wenn sie dem Morgenstern zugeordnet wird.375 Sie wird wiederum als Herausgeberin eingreifend tätig und gibt damit auch ein Bild des gelingenden Literaturbetriebs, insofern sie (wiederum in Textmetaphorik gesprochen) „Verwicklungen“ schlichten und „bedenkliche Verknüpfungen auflösen“ sollte. Dies entspricht dem Befund, dass bereits der Erzählduktus der Wanderjahre immer wieder von allgemeinen Reflexionen in Notatform unterbrochen ist, die von der klaren Perspektivik losgelöst sind und polyphon erscheinen. Dies wird mit dem ganz romantischen Satz im Ton Friedrich Schlegels quittiert: „Literatur ist das Fragment der Fragmente“.376

Archive bieten keine ganzheitliche Erzählung mehr an – auch dieses nicht. Dasjenige der Wanderjahre hat aber in seiner Genese und auch in seiner Verwaltung durch Makarie ein deutlich sympathischeres Antlitz als das der Turmgesellschaft, zumal es am Romanende auch für alle LeserInnen geöffnet wird. Und damit wendet Goethe dann noch einmal ein ökonomisches Schreibverfahren an: Jeder Aphorismus kann zur Keimzelle von langen Erzählungen werden, er braucht keine langen Ausführungen, sondern ‚fruchtet‘, indem er beim Leser (oder Hörer) entwickelt werden kann. Es entspricht dieser kleinen Schreibform auch das Entsagungsmotiv, das von der ganzheitlichen Menschbildung absieht und die Spezialbildung bevorzugt, da vor allem in ihr die besten Entwicklungsmöglichkeiten liegen.377 Gutzkow hat dies später im Romanvorwort zu seinen Rittern vom Geiste (1850/51) als Prinzip benannt. Dieser nicht mehr sukzessiven, zielgerichteten Anordnung korrespondiert auch das nicht mehr intentionale Ergreifen des Berufs Wilhelms als Wundarzt, ebenso seine weit gehende Eigenschaftslosigkeit und Abstraktheit, die auch die anderen Figuren kennzeichnet, was sie allesamt in eine typisierte, höhere Ordnung transponiert.378 Solche Figuren stehen auch mit ihren wenig individuellen, sondern eher sentenzenhaften Sprachflächen eigentümlich verschoben zum selbstbewussten, naiv-heroischen, auf jeden Fall aber individualisierten Subjektbegriff in den Lehrjahren. Und so lassen die Eintragungen auch gegenüber dem allgemein humanistischen Bildungsbegriff um 1800 eine Aktualisierung erkennen, in deren Licht die Spezialbildung gegenüber der Allgemeinbildung favorisiert wird.

Zweifellos entspringt die Diaristik Goethes einem Antrieb zur Rechenschaftslegung, was die eigene Produktivität angeht. Um 1780 wird Goethe als Autor sich selbst zum historischen Objekt, und wenn dort bisweilen schon ein „stiller Rückblick aufs Leben“ gehalten wird,379 so zeigt sich die immer enger getaktete zirkelschlüssige Selbsthistorisierung, die dann schließlich in der Tagebuchnotiz als exemplarisch oder nur schon hypothetisch bedeutendem Textbaustein kulminiert. Dabei erhofft sich Goethe von den diarischen Notizen nicht nur für sich selbst Einblicke in Gedanken- und Entwicklungsprozesse, sondern bringt sich auch für den Leser in Positur, wenn er zum Bibliothekar seiner selbst wird, an seiner Denkmalpflege frühzeitig arbeitet und nach einer Perspektive sucht, „wie meine sämtlichen Papiere, besonders der Briefwechsel, dereinst verständig benutzt und in das Gewebe von Lebensereignissen mit verschlungen werden könne.“380 Er lässt von anderen Verzeichnisse anlegen und beauftragt seinen Diener Kräuter mit einem Repertorium über seine Vorarbeiten, Schriften und Werke. Zur Klärung der eigenen dichterischen Organisation hat Goethe vieles beigetragen und damit auch das Bild des Über-Autors und Großschriftstellers begründet, der seinen Lesern Deutungshilfestellungen geben müsse. Für die nie enden wollende Produktivität des immer Worte und Werke prozessierenden Autorsubjekts ist die Tagebuchform dann bestens geeignet, den stets offenen Prozess der ‚Entwicklung‘ zu dokumentieren und zu fundieren. Hätte Goethe sich noch die von Antoine Lavoisier 1790 ersonnene Methode zu eigen gemacht, um geistige Arbeit abzumessen,381 könnte sich das Ergebnis aller Minuten-, Stunden- und Tagesarbeit seiner Autorschaft sehen lassen:

„nun liegen nicht allein diese [die Tagebücher], sondern so viel andere Documente, nach vollbrachter archivarischen Ordnung, aufs klärste vor Augen und ich ←148 | 149→finde mich gereizt jenen Auszug aus meiner ganzen Lebensgeschichte dergestalt auszuarbeiten, dass er das Verlangen meiner Freunde vorläufig befriedige und den Wunsch nach fernerer Ausführung wenigstens gewisser Theile lebhaft errege; woraus denn der Vortheil entspringt, dass ich die gerade jedesmal mir zusagende Epoche vollständig bearbeiten kann und der Leser doch einen Faden hat, woran er sich durch die Lücken folgerecht durchhelfen möge.“382

Nimmt man die Selbstäußerung schon für das Gelingen, wären damit alle Probleme gelöst und wäre der Bildungskreis erweitert, am Ende auch geschlossen. Mit dieser Figur, die zweifellos Sinnschöpfung ist, ist die diarisch-poetologische Entwicklungslinie Goethes allerdings etwas willkürlich beschrieben. Denn die Entwicklung vom Subjektiv-Persönlichen zur Versachlichung und letztlich zur vielstimmigen Möglichkeitsform ist mit dem Projekt einer abgeschlossenen Ich-Bildung der Lehrjahre-Zeit nicht mehr zu darzustellen. Denn nun rumoren die Archive und bekommen ein beunruhigendes Eigenleben, das eben auch von der wohlmeinenden Makarie der Wanderjahre nicht mehr beherrscht wird. Eibl hat auf die Notwendigkeit und auch wohl Überforderung hingewiesen, die nicht nur die Entdeckung von Autorschaft, sondern auch die Idee eines unteilbaren Individuums mit sich brachte: „Für Goethe und für viele andere Zeitgenossen bedeutete dies eine Verurteilung zur Autonomie, die Möglichkeit und die Notwendigkeit, in einer einzigartigen Welt ein einzigartiges Leben zu gestalten.“383 So aber ist alle auto(r) biographische Abrundung ein Konstrukt und gehört sie mit zur Werkfiktion. Abgeschlossene Bildung steht indessen mit der äußeren Welt nicht im Einklang, sondern bleibt notwendig beweglich in ihrer Teilhabe. Denn die für das Subjekt geltende Steigerungslogik hat längst gravierende Spuren in der Umwelt hinterlassen, wie Goethe in einem Brief an Zelter konstatiert: „alles aber, mein Teuerster, ist jetzt ultra, alles transzendiert unaufhaltsam, im Denken wie im Tun. Niemand kennt sich mehr, niemand begreift das Element worin er schwebt und wirkt, niemand den Stoff den er bearbeitet.“384 Wenn dies für den nicht mehr zum Ende kommenden Autor ein so trauriger wie interessanter Schluss ist, setzt Goethe seine Zeitkritik dann noch viel umfassender an:

„Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen; Reichtum und Schnelligkeit ist was die Welt bewundert und wornach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle möglichen Fazilitäten der Kommunikation sind es worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren.“385

Auch wenn die technischen Entwicklungsprozesse sich hier noch in überschaubarer Geschwindigkeit abspielen, scheint Goethe etwas von den Überbietungsgesten der künftigen Totalkommunikation zu ahnen, die das Authentisch-Subjektive tilgt. Dies wird spätestens um 1900 wieder ein Thema der Literatur sein.

329 Goethe, Gesprächsnotiz von Kanzler Müller am 28. Juni 1830, II/11, S. 279 f. (Angaben mit römischer/arab. Ziffer (Abteilung/Band) beziehen sich auf die Frankfurter Ausgabe der Sämtlichen Werke Goethes.

330 Vgl. Köhnen: Die Zauberflöte und das ‚Populare‘ (2016).

331 Karl Eibl: Johann Wolfgang Goethe. Briefe, Tagebücher und Gespräche (in: Goethe II/1, S. 1090).

332 So Goethe im Vorwort zu seiner Werk-Neuausgabe von 1816 (I/20, S. 596).

333 Goethe: Noch ein Wort für junge Dichter (1832; I/22, S. 934); insofern ist Selbstprüfung auch poetische Gestaltfindung in der Augenblicksgegenwart und in der Rückschau (ebd.).

334 Vgl. Goethe II/1, S. 185–204, S. 234–236, S. 249–251; hier noch ganz unbeschwert nach dem vorangestellten Motto: „Was man treibt, Heut dies und morgen das“ (II/1, S. 185).

335 Ein Überblick findet sich bei Jochen Golz 1997.

336 Goethe: Wanderjahre; I/10, S. 752.

337 Goethe: Tag- und Jahreshefte I/17, S. 9.

338 Goethe, Brief an seine Mutter vom 9. Aug. 1779 (II/2, S. 180).

339 Goethe: Wanderjahre; I/10, S. 557.

340 „Jeder prüfe sich und er wird finden, dass dies viel schwerer sei als man denken möchte; denn leider sind dem Menschen die Worte gewöhnlich Surrogate; er denkt und weiß es meistenteils besser als er ausspricht.“ (Wamderjahre I/10, S. 755).

341 Goethe I/14, S. 443.

342 Vgl. Heinrich Bosse: Autorschaft (1981).

343 Goethe zu Eckermann, 30. März 1831 (II/12, S. 479).

344 Italienische Reise (I/15,1, S. 134).

345 Dichtung und Wahrheit, I/14, S. 376.

346 Vgl. Golz 1997.

347 Goethe: Brief an Kanzler Müller vom 23. Aug.1827 (II/10, S. 510, kursiv R.K.)

348 Vgl. Wanderjahre I/10, S. 577.

349 Vgl. etwa den Eintrag zur Tätigkeit des Gestehens 20. Okt. 1786, I/15,1, S. 119; 1. Nov. 1786, I/15,1, S. 134 f. Auch in den Tag- und Jahresheften oder Annalen bleibt Goethe diskursiv in der Nähe des Bekenntnisses; sie sind untertitelt mit dem Hinweis: „Als Ergänzung meiner sonstigen Bekenntnisse“ (II/40,2, S. 380).

350 Italienische Reise, 11. Sept.1786, I/15,1, S. 28 (kursiv R.K.).

351 Der doppelbödige Begriff findet sich bei Lueder: Kritische Geschichte der Statistik (1817, S. 131), zit. nach Rieger 2018, S. 52.

352 Zum Disput über die Farbenlehre vgl. Köhnen 2009, S. 334 ff.

353 Goethes Leitfrage wird dann sein: „ob ich nicht unter dieser Schar die Urpflanze entdecken könnte? Eine solche muß es denn doch geben! Woran würde ich sonst erkennen, daß dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze sei, wenn sie nicht alle nach einem Muster gebildet wären.“ (Italienische Reise 17. April 1787, I/15,1, S. 286). Das Modell der Urpflanze müsse auch als Erkenntnisprinzip, ja geradezu als Poetik dienen bzw. generativ einsetzbar sein – so könnte man „alsdann noch Pflanzen in’s Unendliche erfinden.“ (Italienische Reise 17. Mai 1787, I/15,1, S. 346).

354 Vgl. etwa Italienische Reise 13. März 1787, I/15,1, S. 221; 28. Sept. 1787, I/15,1, S. 429 über das gemeinsame Arbeiten mit K. Ph. Moritz.

355 Italienische Reise 12. März 1787, I/15,1, S. 215.

356 Italienische Reise 5. Nov. 1786, I/15,1, S. 140.

357 Dies besonders im 2. Kapitel des 5. Buches per Brief (Lehrjahre I/9, S. 653–656).

358 Goethe: Lehrjahre, I/9, S. 389 (beide Zitate).

359 Goethe: Lehrjahre, I/9, S. 389 (alle Zitate).

360 Diese Haltung dürfte Goethe aus der im deutschsprachigen Raum bekannten Schrift von Justi (Kurzer systematischer Grundriss, 1761, S. 254 und passim) bekannt gewesen sein; spätestens mit Adam Smiths Wealth of Nations gehört sie zum fortschrittlichen Denken.

361 I/9, S. 390 (beide Zitate). Zur doppelten Buchführung von Fehlern und Positiva bei Wilhelm siehe Thomas Wegmann: Tauschverhältnisse (2002).

362 Goethe: Lehrjahre, I/9, S. 392.

363 Goethe: Lehrjahre, I/9, S. 655 und S. 656.

364 Goethe: Lehrjahre, I/9, S. 874 f.

365 Friedrich Kittler: Über die Sozialisation Wilhelm Meisters (1978).

366 Dem darauf zielenden Vorwurf Schillers der Maschinisierung und Auflösung in verborgene Geheimbündelei begegnet Goethe mit einem signifikanten Hinweis, der sein (Selbst-) Dichtungsverständnis vor allem prägen sollte: Er sehe sich gerne im „Inkognito“ bzw. lässt seine Identität dementieren (Italienische Reise 3. Nov. 1786, I/15,1, S. 139, auch 11. Mai 1787, I/15,1, S. 334 – „völlig wie die Force des großen Dichters, der aus Wahrheit und Lüge ein drittes bildet, dessen erborgtes Dasein uns bezaubert.“ (I/15,1, S. 5). Wenn er sich in einem „wunderliche[n]‌ und vielleicht grillenhafte[n] Halbinkognito“ wähnt (8. Nov. 1786, I/15,1, S. 143, vgl. 3. Nov. 1786, I/15,1, S. 139) und in einer zehn Jahre späteren Briefnotiz an Schiller diese Haltung als ‚realistischen Tic‘ hervorhebt, so ist dies als Schreibweise taktisch aufgeboten gegen die „unendliche Unbequemlichkeit, von mir und meinen Arbeiten Rechenschaft geben zu müssen“ (9. Juli 1796, II/31, S. 208).

367 Goethe: Wanderjahre, I/10, S. 620.

368 Goethe: Wanderjahre, I/10, S. 619.

369 Goethe: Wanderjahre, I/10, S. 713, S. 629 und S. 621.

370 Vgl. Goethe: Wanderjahre, I/10, S. 622. Detering (2007) hat den Arbeitswochenumfang des Texteinsprengsels als Allegorie der Schöpfungsgeschichte gelesen, die der Katastrophengeschichte im Sinne des um sich greifenden Maschinenwesens gegenübersteht. In der Tat bestimmen Oppositionen den Text: Mühe/Erholung, Tag/Nacht, Kunst/Technik, Schöpfung/Vergehen etc.; ferner ist das Webopfer bereits im Alten Testament (4. Buch Mose Kap. 18, V. 11) angesprochen.

371 Detering 2007, S. 136.

372 Bei Adam Smith regelt letztlich die ‚invisible hand‘ den Wohlstand der Nationen, die innerhalb und außerhalb ihrer Grenzen steten Freihandel treiben sollen, genauer gesagt: Handelt der Kaufmann egoistisch und setzt er sein Kapital zu eigenem Nutzen in der Nationalwirtschaft ein, so werde er „in diesem wie auch in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat.“ (Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen, München 2005 (1776), 4. Buch., Kap. 2, S. 371 („led by an invisible hand to promote an end which was no part of his intention“; An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. London 1776, Vol. II, S. 35).

373 Goethe: Fromme Betrachtungen über Leitung und Vorsehung (I/21, S. 62); er zitiert im Schlusswort Hamann als Bekräftigung – so sei es „eigentlich die Vorsehung in den kleinsten Teilen, die das Ganze gut macht.“ (ebd., S. 64)

374 Goethe I/10, S. 616. Das Tagebuch ist stark angelehnt an den Beschreibungstext eines Mitarbeiters Goethes, nämlich Heinrich Meyer, allerdings mit Figuren aufgefüllt (vgl. Detering 2007, S. 128).

375 Vgl. die Weiterführung 3. Buch Kap. 13 (I/10, S. 696–719); Makariens Archiv (I/10, S. 746–773); dazu Waltraud Maierhofer: Wilhelm Meisters Wanderjahre und der Roman des Nebeneinander, S. 123.

376 Goethe: Wanderjahre, I/10, S. 631, S. 569.

377 Wiederum ein an Adam Smiths Lob des arbeitsteiligen Spezialistentums gemahnender Gedanke; vgl. Max Weber: Protestantische Ethik, S. 229 f.; Smith: Wealth of Nations, Erstes Kap. (2005, S. 49 ff.)

378 Vgl. Maierhofer 1990, S. 120 ff.

379 Tagebuchnotiz 7. Aug. 1779, II/2, S. 183.

380 Goethe: Brief vom 14. Jan. 1824 an Cotta (II/10, S. 140 f).

381 Vgl. Schirrmacher: Ego, 2014, S. 125.

382 Goethe: Lebensbekenntnisse im Auszug, I/17, S. 369.

383 Eibl 1997, S. 1089.

384 Brief an Zelter vom 6. Juni 1825; II/10, S. 277.

385 Brief an Zelter vom 6. Juni 1825; II/10, S. 277.