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Selbstoptimierung

Eine kritische Diskursgeschichte des Tagebuchs

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Ralph Köhnen

Lebenskunst hat Konjunktur: Offenbar ist der Traum, das Leben als Gesamtkunstwerk einzurichten, zur ethischen Maxime geworden. Beteiligt ist dabei seit der Antike das Motiv von Selbsterforschung bzw. Selbstbesserung, das über die Frühe Neuzeit bis in die Gegenwart wirksam geblieben ist. Tagebücher sind dabei ein notwendiges Begleitmedium gewesen und haben wechselhafte Formen angenommen, die von religiösen, wirtschaftlichen, psychologischen und medizinischen Aufschreibesystemen bestimmt worden sind. In diesem umfassenden mediologischen Sinn untersucht der Autor Programme der Selbstschrift und stellt diese an Beispielen dar, die sich von Pacioli über Pepys, Leibniz, Herder, Moritz, Goethe, Hebbel, Schmitt, Jünger oder Rainald Goetz bis in die Gegenwart der Social Media erstrecken.

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11. „größer, besser, vollkommener“: Gustav Großmanns Efficiency-Ratgeber

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11. „größer, besser, vollkommener“: Gustav Großmanns Efficiency-Ratgeber

Im Schatten der Arbeitswissenschaften

In Zeiten der technischen und medialen, aber auch ökonomischen Beschleunigung sowie starker Umstrukturierungen des Arbeitsmarktes bemühen sich nach 1900 mehrere Forschungsdisziplinen um die Optimierung der Arbeitskraft des einzelnen, der im ubiquitären Wettbewerb bestehen muss. Dabei werden Anregungen der Psycho-, Bio- und Anthropometriker aufgenommen, die auf die quantitative Messung von Reizen und Reflexen sowie ihre optimale Verarbeitung zielen, insofern ihre ökonomisch-effiziente Einteilung internalisiert werden soll.451 Gabius hat dieses Prinzip mit aller Deutlichkeit pointiert und als Leitannahme jeder Psychologie formuliert, dass psychische Energiebeträge analog beschreibbar seien zu physikalischen Parametern wie „Arbeit, Energie, Leistung, Intensität, Masse, Gewicht, Trägheit, Beharrung, Kraftfeld, Kraftlinien, Bewegung, Wucht, Niveauflächen“.452 Der Blick geht – in bewusster Herausforderung des anthropologischen Paradigmas eines ‚ganzen Menschen‘ im Leib-Seele-Commercium – eben auf die Perfektionierung und Koordination der Einzeltätigkeit.453 Diese bringt den Arbeitenden und auch denjenigen, der die Arbeit organisiert, in ein festes Gerüst oder eben in jenes ‚stahlharte Gehäuse‘, in das Max Weber den Erwerbstreibenden seit dem Puritanismus gezwängt sieht.454

Dass sich der Wille zur Effizienz bei den Experimentatoren derart verselbständigt, ist eine Voraussetzung dafür, dass sie als Erlebnismuster von den Probanden internalisiert werden – es handelt sich um experimentelle Strukturen, die nicht nur singulär auftreten, sondern sich zum wuchernden Dispositiv formieren, das den Alltag um 1900 zunehmend in den Griff ←175 | 176→nimmt. Gesellschaftsweit wirksam werden die Versuche erst, als Psychoökonomen und Experimentalpsychologen ihre Ergebnisse auf die Arbeitswelt übertragen, woraus sich die Arbeitswissenschaften bilden: Arbeitslenkung, Ökonomisierung und wissenschaftliche Betriebssteuerung sind Frederick Taylors auf die direkte Anwendung hin bedachte Untersuchungsfelder.455 Leitprinzip ist das ökonomische Verhalten, wenn sowohl jede Bummelei ausgeschaltet als auch alle Körperbewegungen durchstrukturiert und getaktet werden sollen mit größtmöglicher Effizienz – und Hilfsmittel dazu ist eine buchmäßige Auflistung möglichst vieler Körperbewegungen. Dieser Taylorismus wird zur Grundlage für den Fordismus, also jene Automatisierung der Fließbandproduktion, welche einförmige, abgeteilte Tätigkeiten zu einer großen Gesamtmaschine synthetisiert – und dies durchaus nicht nur in der westlichen Welt. Namentlich auch durch Lenin, der sich gründlich mit Taylor auseinandergesetzt hat, oder Alexander Bogdanow werden Grundlinien einer Organisationswissenschaft gewonnen, die einen effizienten Kollektivkörper in den Blick nimmt: „man gruppiert die Menschen unter den Gesichtspunkt eines besonderen Zieles, man koordiniert und regelt ihre Handlungen im Sinne einer zweckmäßigen Einheit.“456 Gelingen soll dies mittels „Fabrikdisziplin“, um die individuellen Fähigkeiten in ein historisch folgenreiches, egalitäres Ziel münden zu lassen: „Die gesamte Gesellschaft wird ein Büro und eine Fabrik mit gleicher Arbeit und gleichem Lohn sein.“457 Damit ist vollends technologisch umgesetzt, was Max Weber in seinen Analysen der Protestantischen Ethik (und bes. seiner Vorbemerkung) zur Durchrationalisierung des Einzelnen im Erwerbsleben auch für seine Zeitgenossenschaft angemerkt hat.

Entscheidend ist dabei auch nicht, ob östliche Kommunismus- oder westliche Kapitalismusausrichtungen die Körperdisziplin aktivieren – effiziente gesellschaftsübergreifende Systeme streben beide Weltfahrpläne an. Im Osten wie im Westen werden mit diesem Rechenwesen der Organisation nicht nur Industrie- oder Bauarbeiter, Piloten, Zugführer oder Fernmeldetechniker auf ihre Tauglichkeit geprüft, sondern allgemein Berufskörper parzelliert, die in der verinnerlichten Abfolge von Tätigkeiten und ihrem Einschleifen ←176 | 177→von Zeit und Rhythmus durchdrungen werden, sei es am Fabrikband oder an anderen Produktionsstätten. Spätestens hier wird der ‚gelehrige Körper‘, dessen Internalisierungspraktiken Foucault in Zusammenhängen des Strafvollzugs gezeigt hat,458 zum gesellschaftsweiten Berufskonzept.

In der westlichen Welt hat sich zum Zweck des Trainings und der Leistungsverbesserung die Ratgeberliteratur als Gattung etabliert, deren Anfänge seit dem 18. Jahrhundert in Form religiöser und psychologischer Anleitungen nun überwunden werden und deren Begriffe sich nun sehr pragmatisch auf den Arbeits- oder Büroalltag beziehen. Zweifellos sprechen diese Werke stärker das Individuum an, doch ist ihre Ideologie von Drill und Training, die im Osten stärker auf das kollektivistische Erarbeiten pointiert ist, nicht zu übersehen. Gustav Großmanns umfangreiches Werk Sich selbst rationalisieren, das in den Philologien noch keinerlei Beachtung gefunden hat, soll hier im Vordergrund stehen, weil es nicht nur seit 1927 eine Reihe von Neuauflagen erfahren hat und noch 1993 (!) wieder publiziert wurde, sondern vor allem unterschiedliche Diskurse der Selbstoptimierung oder der Selbsteffizienz sich dort vernetzt finden: Philosophie, Psychologie und Psychotechnik, Wirtschaftslehren und Arbeitswissenschaften sowie Literatur, die vor allem über Bildungskonzepte sowie Arbeitsstrategien zu einer Selbstpoetik beitragen soll und in den Aufschreibtechniken bisweilen Carl Schmitts Buribunken zu imitieren scheint.

Selbstindustrie: Zeittaktungen des Erfolgs

In einer repetitiven, zirkularen Struktur, die das Grundargument eines planbaren Selbstmanagements und realisierbarer Wertschöpfung auf 500 Seiten teils sehr suggestiv variiert, stellt das Buch auch einen Übergang zur zeitgenössisch boomenden Ratgeberliteratur mit ihren Direktiven der Verhaltensnormierung dar und macht sich dabei die „geradezu industriellen Anlagen“ der Psychotechnik zunutze, mit deren Instrumenten Großmann „den Menschen charakterologisch durchleuchten“ will.459 Insofern weist seine Methode Ansätze der Diaristik, der Selbsterkenntnis und des Selbsttrainings auf und zeigt obendrein durch dauernde Referenzen auf Goethe als ←177 | 178→bestens organisiertem, schreibendem Gewährsmann in die Richtung einer protestantischen Arbeitsethik, die nun industriell aktiviert wird – sodass man zu recht von Großmann als einem zwanghaften, in Wiederholungsschleifen getriebenen, auf berechnende Zurichtung aller Selbstsorge versessenen Exponenten des Max Weberschen Fach- und Verstandesmenschen gesprochen hat.460

Dass das Kompetitive in Großmanns Konzept mindestens sportive, aber auch kämpferische und bisweilen martialische Züge annimmt, Arbeits- und Selfmarketingstrategien als „Waffen“ und Rüstungsgebrauch bezeichnet werden oder „Ausscheidungskämpfe“ zu bestehen sind in einem umfassenden „Lebenskampf“, erinnert an Darwins Kampf aller gegen alle – im Konzept Großmanns überleben nur die Tüchtigen, und in diesem Sinne erscheinen auch die Übungseinheiten für die Arbeitswelt bisweilen als Überlebenstraining.461 Innerhalb dieser vitalistischen Weltläufe wird für den einzelnen das Konzept einer smarten, aber auch allseitig gebildeten, seelisch und körperlich trainierten sowie ausgeglichenen Wirtschaftspersönlichkeit aufgebaut, die gleichwohl in Maschinenmetaphern dargestellt wird: „Die Hand ist ein Werkzeug zum Greifen, Halten, das Auge das Instrument zum Sehen, das Ohr gleicht dem Radioempfänger, und das Zentralorgan mit der Zentralschaltanlage ist das Gehirn.“462 Solche Beschreibungsweisen des Körpers sind in recht unterschiedlichen Wertsetzungen auch Bestandteil einer neusachlichen Medizin mit einem Körperbegriff, der stark ins Maschinelle tendiert.463 Rationelles Handeln, Vermeidung von Verschwendung, Konzentration von Energien ist Pflicht im Programm der Leistungssteigerung, und dazu gehört ein selbstbewusster Mensch, der sich selbst für den Angelpunkt hält, aus dem heraus Bewegung geschieht. Was die heutige Psychologie als Selbstwirksamkeitsüberzeugung bezeichnet, deren Stärke den Erfolg begünstigt, wird hier bereits in der Sache grundgelegt – der aktive ←178 | 179→Arbeiter soll seine gestaltende Rolle erkennen, Fehler eingestehen und diese systematisch beheben.464

Optimierungskonzepten sind immer vom Gedanken der Erlernbarkeit gestützt. Und eine entsprechend klare Sprache pflegt der Ratgeber, der stets zum Selberlernen und zur eigenverantwortlichen Tätigkeit anhand von Regeln und nachprüfbaren Zielen auffordert. Das Motiv des Selfmademan bildet dabei eins der entscheidenden Konzepte des 20. Jahrhunderts, die den Arbeitnehmer auf der Schwelle zum Arbeitgeber erscheinen lassen – und wenn dieser Sprung geschafft wird, hält Großmann die Genie-Metaphorik parat, um alle berechnete Anstrengung in kreatives Denken münden zu lassen. In diesem Sinne wird Joseph Schumpeter wenig später eine Theorie des schöpferisch-zerstörenden Unternehmers fomulieren und dies zum makroökonomischen Entwicklungsprinzip ausweiten,465 das heute als ‚disruption‘ zur modisch-neoliberalen Vokabel avanciert ist. Weniger fanatisch und eher im Duktus des allseitig gebildeten Menschkonzeptes wird später der BRD-Wirtschaftsminister Ludwig Erhard als Charakteristika des kreativen Wirtschaftstreibenden in der sozialen Markwirtschaft „Kraft, Phantasie, den Witz, die Tüchtigkeit und den Gestaltungswillen der individuellen Persönlichkeit“ fordern, was einem „Streben nach Sicherheit und Stabilität“ entgegenstehe – dabei generalisiert er allerdings nicht, sondern bezieht all dies auf Unternehmerpersönlichkeiten.466

Neben einer gediegenen Allgemeinausbildung soll der einzelne seine Spezialbegabung erkennen – wie dies auch der taylorisierte Betrieb mache –, um „größer, besser und vollkommener“ zu werden.467 Nach Abhaken einer Fähigkeitenliste für bessere Selbsteinschätzung und -kontrolle empfiehlt Großmann dann zur allgemeinen Dispositionssteigerung ein Ensemble ←179 | 180→von Notizbüchern, Werkplänen und Tagebüchern, mit deren minutiöser Gestaltung nach Stunde und Minute der Tagesablauf gestaltet wird.468 Bereitwilligen Befolgern seiner Methode erlegt Grossmann den Imperativ der Selbstschrift auf, die aber nicht via Schreibmaschine, sondern manuell niedergelegt werden soll. Stift und Papier sollen omnipräsente Wegbegleiter sein, ihre Nutzung ist zu systematisieren:

„Bevor sich ein Mensch an eine Aufgabe bindet, sollte er mit Bleistift und Papier genau festlegen, ob er diese Aufgabe erfolgreich durchführen kann oder nicht, und wenn es sich herausstellt, daß er sie nicht durchführen kann, dann sollte er die Finger davon lassen. Mehr als 90 Prozent aller Mißerfolge könnte man auf diese Weise aus der Welt schaffen.“469

In Kombination der Methode Luca Paciolis, Geschäftsbriefe und Geschäftsvorfälle zu ordnen und jederzeit Kapital und Reserven zu überschauen, sowie Henry Fords Planorientierung entwickelt Großmann nun ein Trichter- oder Zoomsystem, in dem der Wirtschaftshandelnde tätig werden soll.470 Die Haupt- und Teilaufgaben werden als Baumdiagramm vorstellig gemacht, danach werden die Kostenaufwände der Arbeitsschritte berechnet. In solcher Einschätzung und Rationalisierung des Werkplans lassen sich dann jeweils günstigere Posten einsetzen und nach Wahrscheinlichkeiten in ihrer Effizienz abschätzen, sodann Teilstufen und Mittel bzw. Maßnahmen durch bessere ersetzen, um damit Fehler zu antizipieren oder vergangene Aussetzer zu erkennen.471

Die Nutzung von Bleistift, Papier bzw. Karten und Notizbüchern wird an vielen Stellen empfohlen, der Werkplan soll aber auf die Maße des Ringordners angepasst sein, wofür es auch definierte Abmessungen gibt. So lautet die klare Sprache, die das Kleine mit dem Großen in Zusammenhang bringt: „Wir leben in einer Epoche der Normung. Das genormte Einheitsformat für Korrespondenzpapier ist DIN A 4“.472 Vereint man die Tagespläne zu Monatsplänen (die der besseren Übersicht halber jeweils wieder auf die Rückseite der Tagesblätter geheftet werden), lassen sich auf ←180 | 181→Millimeterpapier gezeichnete Verlaufs- bzw. Entwicklungskurven hinzufügen, um eine bessere Gesamtschau zu gewinnen oder, in der kairologischen Sprache, „besondere Gelegenheiten auszunutzen, kleinere Zeitabschnitte oder gerade verfügbares Personal“ einem Zweck zuzuführen.473 Typografisch hat das Buch selbst Elemente der Buchführung übernommen mit abschnittweisen Trennstrichen, haarfeiner Kapiteluntergliederung oder lenkenden Pfeilspitzen, die die Lektüre anleiten sollen.

Die Anweisungen zur Führung dieses arbeitswissenschaftlich fundierten Tagebuchs sind generalstabsmäßig präzise und lauten wie folgt:

„1. In jedem Fall notieren Sie in Ihrem Tagebuch den Zeitpunkt, an dem die fertige Leistung vorliegen muß, und kontrollieren Sie die Ausführung der Befehle durch Sie selbst und durch andere! Dadurch schützen Sie sich vor unangenehmen Unterlassungssünden, die meist ihre Ursache in der Vergeßlichkeit haben. 2. Ihr Tagebuch sei Ihr ständiger Begleiter! Beginnen Sie Ihre Tagesarbeit mit dem Studium der Aufgaben, die Sie dem Tag gegeben. Ergänzen Sie nach Bedarf und achten Sie darauf, daß jeder Befehl ausführbar ist! 3. Jedes Versprechen, jede Zusage gehört auf jeden Fall ins Notizbuch. Es sind Selbstbefehle, die ausgeführt werden müssen.“474

Daten über die eigenen Leistungen sind permanent festzuhalten, und das Medium soll zur Körperausdehnung seines Halters werden, wenn es ihm jederzeit nicht nur zur Verfügung steht, sondern seine Nutzung fordert, der der Planende sich unterwirft. Nicht nur werden Taylor und Ford allgemein angeführt oder erscheint der Organismus des Arbeitenden als Maschine, die vor Schäden bewahrt und deren Leistungsfähigkeit erhalten werden muss.475 Konkreter erscheinen auch die Tagespläne, to-do-Listen und die begleitenden Selfmanagement-Anleitungen als permanente Optimierungshilfen, um im strengen Training zu jenem Menschen zu werden, „der an seiner Selbstbildung, an seiner Vervollkommnung ständig weiter arbeitet“ und über „gute Fähigkeiten, gute Umgangsformen und vorbildliches Auftreten verfügt“.476 Dabei stellt die private Buchführung eine erhebliche Hilfe dar. Diese erstreckt sich dann auf ein Text- und Datenfeld, das auf ←181 | 182→Geldvorgängen basiert und die Eckdaten fürs Autobiographische hergibt, welches sich vor allem aus dem Abgleich der eigenen Leistungskraft herschreibt:

„Der ordentliche Mann besitzt seine Bücher von frühester Kindheit an. Es ist für ihn äußerst interessant, nachzublättern, um festzustellen, wofür er sein Geld vor einem Jahrzehnt ausgegeben hat. Betrachtung seiner Tagebücher, Werkpläne und Studium seiner eigenen Buchführung erzieht zur Objektivität.“477

Das Subjekt soll sich unter diesen Voraussetzungen und mit den Hilfsmitteln eines minutiösen Tagesplans ein eigenes Ziel geben, das der persönlichen Leistungsfähigkeit entspricht – das Vorbild, das Großmann in Benjamin Franklin sah, wird auch hier offenkundig. Nötig sind dazu aber nicht nur selbstberechnende Einteilungen von Arbeitszeit und Ziel- und Teilzielplanungen, sondern auch Lenkungen der Vorstellungskräfte und Affektkontrolle bis hin zur Beherrschung von Bewegungen, Gesten und Muskeln, die nach dem Prinzip der rationellen Energiezuweisung zu ökonomisieren seien.478 Großmanns offenbar gute Kenntnisse der zeitgenössischen Sinnes- und Nervenphysiologie lassen ihn das Gehirn als Zentralstelle bzw. „Riesenregistratur“ bezeichnen, und aus dieser Körper-Psyche-Verbindung werden spezielle, auch motorische Schreib(maschinen)übungen empfohlen, die wiederum zu protokollieren seien und „alle Sinnesfähigkeiten bedeutend steigern“ könnten.479 Großmann benennt aber nicht nur die physiologischen Erfolgsvoraussetzungen, sondern auch die charakterlichen Ausprägungen und Fähigkeiten als Bildungsziel, wie sie in amerikanischen ‚Efficiency‘-Büchern gefordert werden und deutlich an Franklin erinnern: „Ehrlichkeit, Höflichkeit, Energie, Begeisterung, Sparsamkeit, Selbstachtung, Urteilskraft, Mut Gerechtigkeit, Ordnungsliebe, Verantwortungsbewußtsein, Pünktlichkeit, Geistesgegenwart, Schlagfertigkeit und eine Reihe anderer.“480 Die Selbsterkenntnisformel der Antike ist nun auf ein Subjekt gemünzt, das jederzeit zur Diagnose bereit ist und diese sozial- und arbeitsfähig einbringen soll.

Nimmt man alle arbeitswissenschaftlichen Beobachtungen mit den planmäßigen Einzelkalendarien zusammen, lässt sich mit einer umfassenden verschlagwortenden Registratur, die in einer einheitlichen Weltsprache (etwa Esperanto) abgefasst wäre, dann auch die neuzeitliche Idee eines „Universalgehirns“ verwirklichen, das „eine Registratur alles dessen wäre, was Menschengeist und Menschenhirn bisher auf der ganzen Welt geschaffen und niedergeschrieben haben“. Durch eine solche Klassifikation des gesamten Weltwissens wäre dann ein „Gehirn der Welt zu schaffen“.481 Damit wird nicht nur der frühneuzeitliche scientia-generalis-Gedanke der Kommunikation gelehrter Geister oder des Informationsbüros des 17. Jahrhunderts aktualisiert, vielmehr ist er auch technisch in greifbare Nähe gerückt – wenn auch noch drei Unternehmergenerationen vor Silicon Valley, so doch kurz vor Beginn des informatischen Zeitalters.

Dass in Großmanns Ratgeberwerk die Idee des Lebens als Kunstwerk noch greifbar ist und sie signifikanterweise auch mit Blicken auf Goethes produktives Schaffen grundiert, ja sogar mit Schreibempfehlungen für erzählende Autoren verknüpft wird,482 bildet in dieser Kalkulation gar keinen Widerspruch zur berechnenden Tagesplanung. Arbeitskunst und Lebenskunst fallen ineins und durchziehen die Dichtung als Prinzip ebenso wie industrielle Arbeitsbereiche: „Wer aus seinem Leben ein Meisterwerk machen will, muß bemüht sein, auch die einzelnen Teile seines Lebens meisterhaft zu gestalten, jeden Lebensabschnitt, jedes Lebensjahr, ja den Tag ebenfalls.“483 Wenn an Dichtern Produktivität gemessen werden kann, lässt sich umgekehrt auch von „Arbeitskünstlern“ sprechen, und insofern der Körper als Werkzeug betrachtet wird, ist der Körperkult eine notwendige Maßnahme zur Steigerung der Produktivität: „Gerade die Gegenwart ist bestrebt, den Körper zu pflegen und ihn jung und elastisch zu erhalten. Da aber der Körper das Instrument unserer Arbeit ist, erhöhen wir durch eine vernünftige Körperkultur und Pflege unsere Leistungsfähigkeit.“484

Der kausale Lebensplanungsbegriff wirkt sich bis in die Erhaltung der körperlichen Fitness aus und bleibt ganz der instrumentellen Vernunft verpflichtet. Mit seinen diätetischen und trainingsorientierten Körperregeln hat Großmann, den Rieger als „vielleicht wirkmächtigsten Selbstrationalisierer des 20. Jahrhunderts“485 bezeichnet hat, weit in die Zukunft gewiesen bzw. kann er als diskursives Sprachrohr einer heutigen Körperselbstverkultung gelten, die sich in der Regel freilich von der effizienten Verwertung ab- und dem Freizeitleben zugewendet hat. Wenn die agonalen Zustände des Wirtschaftskreislaufs so vom Individuum internalisiert werden, bleibt auch der Selbstgenuss des Körpers seinem Funktionieren weitgehend untergeordnet – und hier zeigt sich, dass Webers Diagnose einer verselbstständigten Wertschöpfung seit der Frühen Neuzeit nunmehr für die Gegenwart Geltung beanspruchen kann. Das exzessiv Zwanghafte der Großmannschen Durchrationalisierung des Lebens hat Jürgen Straub auch im Horizont Max Webers kommentiert und darin eine nochmals zugespitzte, perfektionierte Arbeitsethik gesehen, die weit jenseits von Selbstverwirklichung (oder gar: selbstständigem Willen) eine Selbstmaschinisierung bedeutet – und all dies auch im Horizont nicht des individuellen Arbeitswillens, sondern zugleich einer kollektiven Abrichtung, bei der auch deutschtümelnd-nationalistische Tendenzen durchschimmern.486

In seiner Tagebuchbestimmung radikalisiert Großmann die neuzeitlichen Perspektiven der Selbstordnung und lässt das Individuum als Teil einer gesellschaftlichen Maschine erscheinen, an deren Datenmasse es mitschreiben soll. Auch hier gilt wie schon um 1800: Der Einzelne steht unter dem Imperativ der Selbstschrift – wie aktiv sie aber von massenhaften, allesamt erfolgsorientierten Individuen betrieben werden kann, bestimmt einerseits das soziale Konkurrenzverhalten, andererseits das jeweilige Staatengebilde mit seinen Nachrichtendiensten, die in jeder Informationslücke einen Skandal wittern und deren Informationshunger unstillbar ist.

451 Vgl. Stefan Rieger 2001, S. 71.

452 Peter Gabius: Denkökonomie und Energieprinzip (1913), S. 17.

453 Seine einschlägigen Forschungstätigkeiten hat der Psychologe Hugo Münsterberg entsprechend programmiert: „Lediglich die Teile einer Persönlichkeit sind in Frage und ihre Gesamtheit beschäftigt uns nicht“ (1920, S. 77).

454 Weber: Protestantische Ethik, S. 230.

455 Taylor: Die Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung (1911/1913).

456 Bogdanow: Allgemeine Organisationslehre, 1913/1926, S. 19.

457 Lenin: Staat und Revolution, 1917, S. 107.

458 Vgl. Foucault, Überwachen und Strafen, S. 173 ff.

459 Großmann: Sich selbst rationalisieren (1927/1929), S. 472.

460 Vgl. Jürgen Straub: Rationalising Life by Means of Self-Optimisation (2018).

461 Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 175, S. 188, S. 61 (Zitate); vgl. S. 51 f.

462 Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 212.

463 So etwa bei Fritz Kahn, dessen populäre Darstellungen des menschlichen Körpers eher einer aufklärerischen Tradition verpflichtet sind, dabei aber auf anatomischen Lehrtafeln den Menschen in technoiden Formen als ‚Industriepalast‘ konzipieren (Das Leben des Menschen, 1926).

464 Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 36; zum Konzept der Selbstwirksamkeitsüberzeugung vgl. Albert Bandura: Self-efficacy. The exercise of control (1997).

465 Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 295; vgl. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (amerik. 1942), wo die Zerstörung überkommener Produkte und Produktionswege nicht als inhumane Destabilisierung (wie in der marxistischen Kapitalismuskritik), sondern als Motor der makroökonomischen Innovation betrachtet wird.

466 Erhard: Wohlstand für alle, S. 196.

467 Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 309.

468 Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 290 f.

469 Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 82.

470 Vgl. Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 106 bzw. S. 116–119.

471 Vgl. Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 121 bzw. S. 128 f.

472 Vgl. Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 115; vgl. S. 106 ff.

473 Vgl. Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 139 f.; vgl. S. 452.

474 Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 142.

475 Vgl. Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 79.

476 Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 431.

477 Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 452 f.

478 Vgl. Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 163 bzw. S. 301 ff.

479 Vgl. Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 202 bzw. S. 239.

480 Vgl. Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 282.

481 Vgl. Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 335 bzw. S. 338.

482 Tatsächlich stellt Großmann mit häufigerem Bezug auf Goethe arbeitstechnische und verstreute kleinere poetologische Überlegungen an (etwa S. 83; S. 105 f.).

483 Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 133.

484 Großmann: Sich selbst rationalisieren, S. 421 bzw. S. 416.

485 Rieger 2002, S. 93, der auch die Ambitionen Großmanns zum Körperdrill betont (ebd., S. 92).

486 Vgl. Jürgen Straub: Rationalising Life by Means of Self-Optimisation (2018).