Show Less
Restricted access

Der Holocaust in deutschsprachigen publizistischen Diskursen

Eine sprachwissenschaftliche Analyse am Beispiel der Diskussion um den Roman «Die Wohlgesinnten» von Jonathan Littell

Series:

Britta Gries

Thema dieses Buchs sind die öffentlichen Diskurse um den Holocaust, die einen integralen Bestandteil der Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren darstellen. Viele Konflikte, Brüche und Diskontinuitäten kennzeichnen diesen Zeitraum und auch im 21. Jahrhundert sorgen literarisch-ästhetische Annäherungsversuche an den Genozid für mediale Skandale.

Die Autorin fragt, von welchen Intentionen, Haltungen und Wissensbeständen diese publizistischen Kontroversen geleitet werden. Um die vielschichtige Thematik zu beleuchten, analysiert sie die Debatte über Jonathan Littells Roman «Die Wohlgesinnten» Anfang 2008 in deutschen Qualitätsmedien mit einem eigens konzipierten Diskurslinguistischen Vier-Ebenen-Modell, das Foucaults diskurstheoretische Überlegungen in Analysekategorien übersetzt und so die Dynamik zwischen Gesellschaft und Sprache erfasst.

Show Summary Details
Restricted access

Einleitung

Extract



„Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz“1 – so die Aussage des ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck im Rahmen seiner Rede vor dem Bundestag am 27. Januar 2015 anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch Soldaten der Roten Armee.

Ein Satz, dessen Proposition so bekannt ist und mit seiner deontischen Bedeutung fast schon beschwörend klingt, überträgt seinen Adressaten – den Mitgliedern der deutschen Gesellschaft – eine große Verantwortung: die Aufrechterhaltung des Gedenkens an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik. Vor dem Hintergrund der seit nunmehr sieben Jahrzehnten dauernden öffentlichen Auseinandersetzung mit den Geschehnissen während des Dritten Reiches und insbesondere mit den Gewaltverbrechen der Nationalsozialisten im Kontext des Zweiten Weltkrieges sind die Dimension und Komplexität dieses Erinnerns enorm. Doch am Anfang dieses Prozesses, unmittelbar nach der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht und dem damit einhergehenden Ende der nationalsozialistischen Diktatur am 8. Mai 1945, stand zunächst die Unfähigkeit, über die Geschehnisse, die sich vor allem in Osteuropa zugetragen hatten, zu sprechen.

Der Holocaust – ein Zivilisationsbruch, der eine tiefgreifende Zäsur für die europäische Bevölkerung bedeutete – konfrontierte die Menschen mit einem neuen Ausmaß an Inhumanität und rücksichtsloser Grausamkeit. Im Londoner Statut vom 8. August 1945 wurde der millionenfache Mord als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ definiert – ein Straftatbestand, der vorlag, wenn abseits der Kriegshandlungen Gewaltverbrechen an der Zivilbevölkerung begangen und durch Verfolgung, Deportation und Ermordung aus rassischen, politischen oder...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.