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Text und Holocaust

Die Erfahrung des Ghettos in Zeugnissen und literarischen Entwürfen

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Jacek Leociak

Der Autor analysiert Tagebücher, Erinnerungen, Memoiren, Chroniken, Berichte und Briefe, die während der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung im und um das Warschauer Ghetto entstanden. Er untersucht die Gattungsspezifik und den speziellen Status dieser Texte, die das in Worte zu fassen versuchen, was gemeinhin als unbeschreibbar gilt. Der Autor widerspricht der verbreiteten These von der Unausdrückbarkeit. Er betont die Notwendigkeit des Ausdrucks jener Erfahrung und die Notwendigkeit des Versuchs zu verstehen.

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Einleitung

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Gegen jede Erwartung, entgegen allen landläufigen Vorstellungen, ja, jeglicher Wahrscheinlichkeit zum Trotz sind aus der Zeit des Holocaust zahlreiche schriftliche Zeugnisse erhalten. Den Anstoß für die vorliegende Arbeit gab denn auch meine Verwunderung, dass eine solche Vielzahl von Texten überdauern konnte, obschon doch gemäß der Logik der „Endlösung“ keine Spur von ihnen – wie auch von ihren Autoren – hätte bleiben dürfen. Und dennoch sind sie da. Aufbewahrt unter Gefahr für Leib und Leben, zwischen Schichten von Kleidern weitergeschmuggelt, in Kästchen, Milchkannen oder leeren Karbiddosen verborgen und im Schutt vergraben, auf Dachböden oder in Kellern zwischen Mauersteinen versteckt, unter losen Bodenbrettern, in der noch heißen Asche menschlicher Gebeine … überdauerten diese Texte. Ihre Existenz bedeutet eine Herausforderung für uns alle.

Um sich dieser Herausforderung stellen zu können, gilt es, zu den Relikten der damaligen Wirklichkeit vorzudringen, ähnlich wie man die vergrabenen Überreste längst vergangener Zivilisationen – die einzige Spur dessen, was einst gewesen ist – unter mehreren Erdschichten zutage fördert. So nah wie irgend möglich gilt es zum Text vorzudringen und die Gestalt der in ihm festgehaltenen Erfahrung zu entziffern.

Gegenstand meiner Lektüre sollen Tagebücher, Erinnerungen, Chroniken, Berichte, Notizen, Briefe sein, wobei ich ausschließlich Texte betrachte, die „damals dort“ entstanden sind – dort: im (zumeist) Warschauer Ghetto oder rings um seine Mauern, also im Versteck auf der sogenannten „arischen Seite“, und damals: während des Krieges und der Besatzungszeit. Nicht in den Blick nehmen will ich belletristische Werke sowie rückblickend in der Nachkriegszeit entstandene Erinnerungsliteratur und Memoiren. Diese zeitliche Begrenzung erklärt sich vor allem durch das Postulat, einzig Schriften zu untersuchen, die während des Krieges, der Besatzung, der Vernichtung verfasst wurden. Zusätzlich war die Beschränkung der Analyse auf Texte persönlich-dokumentarischen Charakters insofern vorgegeben, als ich eine umfassendere Beschreibung derartiger Zeugnisse versuchen möchte, sind diese doch aus der Perspektive literaturwissenschaftlicher Praxis bislang nicht erschöpfend präsentiert worden.1 ←7 | 8→Dahingegen ist die (sowohl „damals dort“ als auch post factum geschaffene) Holocaustliteratur2 bereits seit langem Gegenstand vielfältigster Forschungen und Arbeiten. Daher habe ich mich entschieden, mich hier nicht mit den literarischen Werken zu befassen.

Hinweisen möchte ich lediglich auf einige in der polnischen wissenschaftlichen Literatur sehr bedeutende Arbeiten zu diesem Thema: Michał Borwicz: Literatura w obozie [Literatur im Lager], Krakau 1946; Ders.: „Wstęp“ [Einleitung], in: Pieśń ujdzie cało … Antologia wierszy o Żydach pod okupacją niemiecką [Das Lied entkommt heil und ganz … Eine Anthologie von Gedichten über die Juden unter deutscher Besatzung], Warschau 1947; Helena Zaworska: „Medaliony“ Zofii Nałkowskiej [Zofia Nałkowskas „Medaillons“], Warschau 1961; Andrzej Werner: Zwyczajna Apokalypsa. Tadeusz Borowski i jego wizja świata obozów [Eine gewöhnliche Apokalypse. Tadeusz Borowski und seine Sicht auf die Welt des Lagers], Warschau 1971; Tadeusz Drewnowski: Ucieczka z kamiennego świata. O Tadeuszu Borowskim [Flucht aus der steinernen Welt. Über Tadeusz Borowski], Warschau 1972; Irena Maciejewska: „Getto Warszawskie w literaturze polskiej“ [Das Warschauer Ghetto in der polnischen Literatur], in: Literatura wobec wojny i okupacji [Die Literatur angesichts von Krieg und Besatzung], hrsg. von M. Głowiński und J. Sławiński, Wrocław 1976; Henryk Grynberg: „Der Holocaust in der polnischen Literatur“, in: Unkünstlerische Wahrheit (Prawda nieartystyczna), poln. Originalausgabe Berlin 1984, dt. Übers. von L. Quinkenstein, Berlin 2014; Jan Błoński: „Die armen Polen blicken aufs Ghetto“ (Biedni Polacy patrzą na getto), poln. Original Krakau 1994, dt. Übers. von K. Wolff, in: Marek Klecel: Polen zwischen Ost und West. Polnische Essays des 20. Jahrhunderts. Eine Anthologie, Berlin 1995; Irena Maciejewska: „Wstęp“ [Einleitung], in: Męczeństwo i Zagłada Żydów w zapisach literatury polskiej [Martyrium und Vernichtung der Juden in den Schriften der polnischen Literatur], Warschau ←8 | 9→1988; Józef Wróbel: Tematy żydowskie w prozie polskiej 1939–1987 [Jüdische Themen in der polnischen Prosa 1939–1987], Krakau 1991; Natan Gross: Poeci i Szoa. Obraz Zagłady Żydów w poezji polskiej [Dichter und die Schoa. Das Bild der Judenvernichtung in der polnischen Lyrik], Sosnowiec 1993; Irena Maciejewska: „Getta doświadczenie w literaturze“ [Die Ghettoerfahrung in der Literatur], in: Słownik literatury polskiej XX wieku [Wörterbuch der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts], hrsg. von A. Brodzka et al., Wrocław 1993. Von den ausländischen Publikationen, die ich in Händen hielt, möchte ich vor allem auf folgende Bücher aufmerksam machen: Frieda W. Aaron: Bearing the Unbearable. Yiddish and Polish Poetry in Ghettos and Concentrations Camps, New York 1990 (eine fundierte literaturwissenschaftliche Publikation, die eine breit angelegte Präsentation polnischsprachiger Quellen in die Reflexion mit einbezieht); Lawrence L. Langer: The Holocaust and the Literary Imagination, New Haven – London 1975 (eine Untersuchung über den literarischen Ausdruck von Grenzerfahrungen, bei denen das unfassbare Grauen eines unausweichlichen Todes an die Stelle des normalen Lebensbewusstseins tritt, Zeitgefühl und rationales Denken außer Kraft setzt); Alvin H. Rosenfeld: A Double Dying: Reflections on Holocaust Literature, Bloomington – Indianapolis 1988 (die Holocaustliteratur als Zeugnis einer doppelten Katastrophe – Zeugnis sowohl des Todes eines Menschen als auch des Todes menschlicher Ideen; eine Reflexion über fundamentale Fragen: Wie ist es nach dem Holocaust möglich, Literatur zu schreiben und zu lesen?, Gibt es eine Sprache, die den tiefen Riss zwischen Schrei und Schweigen überbrückt, die Täuschung und Korruption durch Wörter überwindet?); Sem Dresden: Vervolging, vernietiging, literatuur [Verfolgung, Vernichtung, Literatur], Amsterdam 1991 (eine Arbeit über das Verhältnis zwischen Literatur und Realität des Holocaust, zwischen der Wahrheit von Aufzeichnungen und der faktischen Wahrheit, zwischen der Zeit der Ereignisse und der Zeit von erinnernder oder erzählerischer Narration, darüber, wie Erleben in ein literarisches Zeugnis des Erlebten transponiert wird).

2

Als grundlegendes Quellenmaterial dienten mir die Archivbestände des Jüdischen Historischen Instituts (Żydowski Instytut Historyczny, ŻIH) in Warschau und der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem. Archivmaterial über das Warschauer Ghetto lässt sich des Weiteren in den Sammlungen des Kibbuz Lochamej haGeta’ot – Kibbuz der Ghettokämpfer – in Israel finden.

Mein Ansinnen bei dieser Arbeit war nicht die Einbeziehung sämtlichen vorhandenen Materials aus obigen umrissenen Gattungen; ein derartiges ←9 | 10→Unterfangen wäre in vielerlei Hinsicht schlicht unmöglich gewesen. Die Quellengrundlage, über die ich verfüge, ist, wie ich denke, dennoch hinreichend repräsentativ.

Was das Archiv des ŻIH betrifft, so ist hier der Typus von Texten, der mich im Folgenden interessieren soll, in zwei Gruppen gebündelt. Die erste Gruppe setzt sich aus „Ring I“ und „Ring 2“ zusammen: zwei nach dem Krieg wiedergefundenen Teilen eines von Emanuel Ringelblum initiierten Untergrundarchivs des Warschauer Ghettos.3 „Ring I“ umfasst 1.208 archivarische Einheiten aus der Zeitspanne von September 1939 bis zum 3. August 1942; „Ring II“ besteht in 484 Einheiten aus der Zeit vom 22. Juli 1942 bis Ende Februar 1943 sowie persönlichen Gütern (Briefen, Versammlungsprotokollen, Schulzeugnissen, Universitätsdiplomen, wissenschaftlichen Arbeiten, literarischen Werken usw.) der Mitglieder von Oneg Schabbat [auch: Oyneg Shabes] – der Gruppierung, die das Archiv anlegte. Tagebücher und Erinnerungen sind im Ghettoarchiv seltener vertreten. Die zweite Gruppe trägt die Bezeichnung „Tagebücher“ und enthält 272 Archiveinheiten, von denen 65 das Warschauer Ghetto betreffen. Unter jenen 65 Warschauer Tagebüchern wurden nur 8 kurz nach dem Krieg verfasst. Nicht in meine Untersuchung einfließen sollen die Materialien aus der Sammlung „Berichte“, in der Aussagen von Überlebenden aus der Nachkriegszeit deponiert sind. Von über 7.000 Positionen beziehen sich lediglich ca. 1.600 auf das Warschauer Ghetto.4

Im Jerusalemer Archiv von Yad Vashem gibt es u.a. eine „Sammlung von Zeugnissen, Erinnerungen und Tagebüchern“: hand- und maschinenschriftliche Berichte von Augenzeugen des Holocaust in den Ländern Europas und aus verschiedenen Vernichtungslagern. Vom Warschauer Ghetto handeln ca. 100 Archiveinheiten, die meisten davon stammen bereits aus der Nachkriegszeit. ←10 | 11→Lediglich 9 der 36 in polnischer Sprache verfassten Texte sind zwischen 1942 und 1944 entstanden.5

Die Archivbestände des ŻIH sowie die mir zugänglichen in Polen (einzeln bzw. im „Biuletyn ŻIH“ [BŻIH, Bulletin des Jüdischen Historischen Instituts]) oder im Ausland publizierten Texte sind mein grundlegendes Forschungsmaterial.6 Ein beträchtliches Hindernis bei der Quellensuche stellte die Sprache dar, in der die erhaltenen Zeugnisse verfasst sind. So überwiegen im Ghettoarchiv Texte in jiddischer und hebräischer Sprache, polnischsprachige Materialien gibt es nur wenige. Auf Polnisch verfasst ist dagegen die Mehrzahl der Texte aus der Gruppe „Tagebücher“ (um die 5.000 maschinengeschriebene Seiten), hier sind lediglich 8 von 65 Texten auf Jiddisch geschrieben. Ich beschränke mich in meiner Arbeit notwendigerweise auf die polnischsprachigen Textdokumente – mit einigen wesentlichen Ausnahmen: Texte in polnischer oder englischer Übersetzung.

Somit ist mein Quellenmaterial zwar begrenzt, genügt jedoch vollkommen dem grundlegenden chronologischen Kriterium: Sämtliche Texte stammen aus der Kriegs- und Besatzungszeit. Den Anfang markiert das Datum des 1. September 1939, das Ende allerdings lässt sich bereits schwieriger festlegen. Für die Warschauer, die sich rechts der Weichsel versteckten, endete der Krieg Mitte September 1944, als die Russen das rechte Weichselufer einnahmen. Zur gleichen Zeit war links des Flusses der Warschauer Aufstand im Gange, an dem manche Autoren der hier besprochenen Texte aktiv oder passiv teilnahmen. Nach der Niederschlagung des Aufstands verbargen sie sich in den Trümmern. Manche Verfasser stellten ihre Texte just in dem Moment fertig, in dem die Rote Armee und Berlings Truppen in das ruinierte Warschau links der Weichsel einmarschierten. So zum Beispiel Dawid Fogelman, der sich bis zum 17. Januar 1945 in einem Bunker versteckte, wo er seine Erinnerungen niederschrieb. Den Anblick der polnischen und sowjetischen Soldaten empfand er als einen Moment des ←11 | 12→Umbruchs – den Anfang einer neuen Zeit und eines neuen Lebens. Damit war seiner schreibenden Tätigkeit ein natürliches Ende gesetzt, und diese Zäsur des überstandenen Krieges betont er deutlich in seinem Text: „Ich höre auf, mein Tagebuch zu schreiben, denn nun fange ich – als freier Mensch – ein ganz anderes Leben an“ (Pamiętniki z getta warszawskiego [Tagebücher aus dem Warschauer Ghetto], S. 310).

Andere Autoren wiederum gaben nach der Befreiung das Schreiben nicht auf, sondern vervollständigten und bearbeiteten ihre zu Kriegszeiten entstandenen Texte. Henryk Rudnicki komplettiert seine Notizen aus der Besatzungszeit, versieht sie mit einem zusammenfassenden Nachwort und lässt sie 1946 in Łódź herausgeben. Beniamin Horowitz schreibt im Juli 1944 in einem Versteck auf der „arischen Seite“ sein verschollenes Ghettotagebuch zum zweiten Mal. Ein Teil des rekonstruierten Manuskripts geht wieder verloren; der Autor ergänzt und überarbeitet die beschädigte Textversion 1945 in Lublin. Verloren geht ebenfalls Leon Najbergs im Versteck verfasster Entwurf eines Tagebuchs; dem Autor gelingt es jedoch, den Text gleich nach der Befreiung Warschaus aus dem Gedächtnis noch einmal niederzuschreiben. Derartige Texte haben ihre endgültige Gestalt erst nach dem Krieg erhalten, verwurzelt sind sie jedoch tief in der Kriegszeit.

Des Weiteren gab es Überlebende, die erst nach der Befreiung überhaupt zur Feder griffen und ihre noch frischen Erinnerungen notierten – entweder auf Anregung von Dokumentationszentren für die Kriegsverbrechen oder auch aus eigenem Antrieb, aus dem inneren Bedürfnis heraus, die Bilder des eben beendeten Krieges festzuhalten. Die Distanz ihrer Schriften zu den beschriebenen Ereignissen ist nicht groß, dennoch haben sie die Zäsur des Kriegsendes bereits überschritten. Zu dieser Art Texte zählen zum Beispiel Marek Edelmans 1945 vom Bund7 herausgegebener Bericht Getto walczy (Das Ghetto kämpft; dt. Übers. von E. und J. Czerwiakowski, Berlin 1993) oder Władysław Szpilmans Śmierć miasta [Der Tod einer Stadt]8, ein – wie wir heute sagen würden – „gesprochenes Tagebuch“, das von Jerzy Waldorf niedergeschrieben und 1946 in Warschau publiziert wurde. Jene Texte sprengen zwar formell den hier abgesteckten Zeitrahmen, sie völlig außer Acht zu lassen wäre jedoch auch nicht sinnvoll, stellen sie ←12 | 13→doch eine Art Zwischenstadium zwischen den „damals dort“ verfassten Texten und der Erinnerungsliteratur der Nachkriegszeit dar.

3

Meine Arbeit teilt sich in zwei Abschnitte. Der erste Teil ist als erweiterte Einleitung zu verstehen; er bereitet den Grund für den zweiten Teil, in dem Analysen und Untersuchungen folgen. In Kapitel 1 bespreche ich die Spezifik der Gattung und den besonderen Status der behandelten Texte. Des Weiteren stelle ich Überlegungen zu einer Formel für die Beschreibung von Holocaustzeugnissen an, welcher sich ein Forscher bedienen kann. Ich rekonstruiere die Lesarten, die mir bei diesen Zeugnissen am nächsten sind, und deklariere meine eigene methodologische Vorgehensweise. Kapitel 2 skizziert ein Gesamtportrait der Verfasser von Zeitzeugendokumenten aus dem Warschauer Ghetto und charakterisiert deren Entstehungszeit und -ort bzw. rekonstruiert die Art und Weise, wie Zeit und Ort von den Schreibenden wahrgenommen wurden. Kapitel 3 wiederum konzentriert sich auf die materielle Geschichte der Texte als Holocaustrelikte, darauf, wie sie versteckt, aufbewahrt, wieder aufgefunden wurden. Kapitel 4 schließlich analysiert die offen deklarierten und interpretierbaren Motive für das Schreiben und führt im Weiteren zu Fragestellungen, die für diese gesamte Arbeit entscheidend sind: auf welche Arten die Erfahrung des Holocaust ausgedrückt wird, welche Form ihre Niederschrift annimmt und auch, welche Möglichkeiten es gibt, diese Erfahrung zu lesen und zu verstehen.

Der zweite Teil setzt sich aus drei Studien zusammen. In der ersten stelle ich zwei Erzählweisen vor, die sich bei den untersuchten Zeugnissen erkennen lassen – eine persönliche und eine unpersönliche –, und zeige auf, wie sich die jeweilige Diskursart auf die Gestaltung des sprechenden „Ich“ und dessen Verhältnis zur dargestellten Welt auswirkt. In der zweiten Studie befasse ich mich mit der Stellung, die das beschreibende Element und bestimmte Formen dieses Elements (Themen wie das Bild der Figur, des Todes, der Leiche) in der narrativen Struktur des Textes einnehmen. Die dritte Studie dreht sich um den religiösen Diskurs, und dabei im Besonderen um die Spannung zwischen einerseits der Redeweise, die die Gegenwart des Sacrum erfassen möchte und einem besonderen Traditions-, Konventions-, Ritualisierungsdruck unterliegt, und andererseits der Herausforderung, zu der die Erfahrung der Ghettorealität für den Autor wird.

Häufig, und manchmal auch sehr ausführlich, zitiere ich dabei die besprochenen Quellen, sind diese doch in der Mehrzahl wenig bekannt, schwer zugänglich, manches Mal nur im Archiv erhältlich. Zwar erweitert das den Umfang ←13 | 14→dieser Arbeit, es lässt jedoch auch die Stimmen, die den Holocaust überdauert haben, hörbarer erklingen.

*

Der Warschauer Stadtteil Muranów (also das Gebiet des ehemaligen Ghettos) ist meine Heimat. Ich weiß nicht, ob ich ohne die Begegnung mit jenem einzigartigen Ort dieses Buch hätte schreiben können.

Ebenso viel verdanke ich den Menschen, mit denen ich inspirierende Gespräche führen durfte und die meinen Text besonders bei der Endredaktion einer aufmerksamen und sehr hilfreichen Lektüre unterzogen. Meine herzlichen Dankesworte für ihre wertvollen Anmerkungen und Ergänzungen möchten auch Prof. Michał Głowiński, Prof. Jan Błoński, Prof. Małgorzata Czermińska und Prof. Tomasz Szarota entgegennehmen. Ebenfalls herzlich danke ich Dr. Ruta Sakowska und Prof. Michał Czajkowski für ihre Beratung sowie meinen Freunden Dr. Stanisław Fałkowski und Dr. Andrzej Stanisław Kowalczyk für die gemeinsamen Überlegungen zu den vielfältigen Fragestellungen dieses Buches.

1 Eine Pionierstudie soziologischer Art über die Zeugnisse des Holocaust ist M.M. Borwiczs Dissertation Écrits des condamnés à mort sous l’occupation allemande (1939–1945). Étude sociologique, Paris 1954, verteidigt durch den Autor an der Sorbonne im Jahr 1953. Über die Arbeiten, die meine eigene Forschungshaltung zu persönlichen Holocaustzeugnissen am stärksten beeinflusst haben, schreibe ich im Kapitel „Die Suche nach einer Formel“.

2 Das Wort Holocaust, das sich vom griechischen Ausdruck holókauston ableitet, hatte ursprünglich die Bedeutung eines freiwillig Gott dargebotenen Brandopfers (siehe 1 Sm 7,9). Zweifellos drückt das hebräische Wort Schoa (Vernichtung) umfassender und wahrhaftiger das Wesen dessen aus, was den Juden während des Krieges widerfuhr. In meiner Arbeit verwende ich dennoch den Begriff „Holocaust“, da dieser sich durch die Verwendung im Englischen so weit verbreitet hat, dass er in den allgemeinen Sprachgebrauch einging. Dieser Praxis möchte ich mich nicht widersetzen.

3 Diese beiden Teile des Archivs wurden von einer Kommission studiert und mit geringfügigen Änderungen in Warschau veröffentlicht. Ein dritter Teil, der angeblich existieren soll, wurde bisher nicht gefunden (siehe die Einleitung von Arieh Tartakower, in: Emanuel Ringelblum: Ghetto Warschau. Tagebücher aus dem Chaos, Stuttgart 1967, S. 14; Anm. d. Übers.)

4 Auf der Grundlage von: M. Grynberg: „Wstęp“ [Einleitung], in: Pamiętniki z getta warszawskiego. Fragmenty i regesty [Tagebücher aus dem Warschauer Ghetto. Auszüge und Regesten], bearb. von M. Grynberg, Warschau 1988, S. 9–10; R. Sakowska: Archiwum Ringelbluma. Getto warszawskie lipiec 1942-luty 1943 [Das Ringelblum-Archiv. Warschauer Ghetto Juli 1942-Februar 1943], bearb. von R. Sakowska, Warschau 1980, S. 19; „Diaries, Holocaust“, in: I. Gutman (Hg.): Encyclopaedia of the Holocaust, New York, London 1990.

5 Auf der Grundlage des Katalogs des Yad-Vashem-Archivs: B. Klibanski (Hg.): Collection of Testimonies, Memoirs and Diaries (Record Group 033), Bd. 1, Jerusalem 1990.

6 Die Quellenbibliographie befindet sich am Ende dieses Buches. Die Zitierregeln sind wie folgt: Wird im Text der Autor des aufgeführten Textdokuments genannt, so gebe ich daneben die Seitenzahl an. Die vollständigen Quellenangaben findet der Leser im Anhang unter „Literatur des persönlichen Dokuments aus dem Warschauer Ghetto“ unter dem Namen des Autors oder, bei Texten unbekannter Verfasser, unter der Bezeichnung der archivarischen Gruppe und der Signaturnummer. Verwende ich zwei Quellengrundlagen, gebe ich neben der Seitenzahl in Klammern die benutzte Grundlage an.

7 Allgemeiner jüdischer Arbeiterbund von Litauen, Polen und Russland [jiddisch: Algemeyner Yidisher Arbeter Bund in Lite, Poyln un Rusland]; Anm. d. Übers.

8 Auf Deutsch erschien eine erweiterte Fassung mit dem Titel Das wunderbare Überleben – Warschauer Erinnerungen 1939–1945, Übers. von K. Wolff, Düsseldorf, München 1998. Auf der Grundlage von Szpilmans Tagebuch entstand der Film Der Pianist (2002); Anm. d. Übers.