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Text und Holocaust

Die Erfahrung des Ghettos in Zeugnissen und literarischen Entwürfen

Series:

Jacek Leociak

Der Autor analysiert Tagebücher, Erinnerungen, Memoiren, Chroniken, Berichte und Briefe, die während der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung im und um das Warschauer Ghetto entstanden. Er untersucht die Gattungsspezifik und den speziellen Status dieser Texte, die das in Worte zu fassen versuchen, was gemeinhin als unbeschreibbar gilt. Der Autor widerspricht der verbreiteten These von der Unausdrückbarkeit. Er betont die Notwendigkeit des Ausdrucks jener Erfahrung und die Notwendigkeit des Versuchs zu verstehen.

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2 Autoren, Ort und Zeit

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2 Autoren, Ort und Zeit

Das Element der persönlichen Dokumentationsliteratur ist die auf eine bestimmte Weise erlebte und festgehaltene umgebende Welt. Einzelheiten über den Autor zu wissen sowie die Situation und die Bedingungen der Entstehung eines Textes rekonstruieren zu können, ist hier von wesentlicher Bedeutung. Die Umstände, unter denen ein Tagebuch entsteht, bestimmen dessen Gestalt und Inhalt, beeinflussen die Ausformung unterschiedlicher Gattungsvarianten (zum Beispiel intimes Tagebuch, Reisetagebuch, Chronik aus Kriegszeiten). Die Literatur des persönlichen Dokuments ist von ihrem Wesen her in das konkrete „Hier und Jetzt“, in den Zeitpunkt des Schreibens eingebettet.

In diesem Kontext betrachtet besteht die Spezifik der Texte aus dem Warschauer Ghetto darin, dass die Umstände des Schreibens – im weitesten Sinne – nicht bloß den Inhalt eines Textes, sondern auch dessen Entstehung überhaupt bedingen. Die Umstände entscheiden hier schließlich oftmals über Sein oder Nichtsein des Autors, und an ihnen liegt es, ob ein Text überdauern kann. Die Situation des Schreibenden drückt dem Niedergeschriebenen ihren unauslöschlichen Stempel auf. Sie entscheidet auch – auf so endgültige Weise wie keine andere Situation –, ob überhaupt etwas aufgeschrieben wird, ob es überdauert und gelesen werden kann.

Der Analyse persönlicher Dokumente aus dem Warschauer Ghetto sollte daher eine Skizze zu einem Sammelportrait ihrer Autoren sowie eine Charakteristik von Zeit und Ort des Schreibens vorausgehen. Es gilt, zu überlegen, wer schrieb, und wo und unter welchen Umständen28 der Schreibende dies tat.←40 | 40→

Wer schrieb

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Emanuel Ringelblum war ohne Zweifel einer der bestinformierten Menschen im Ghetto. Die von ihm geleitete Gruppe Oneg Schabbat, die ein Archiv des Warschauer Ghettos anlegte, wurde zu einem Zentrum, an dem alles Wissenswerte über das Leben im geschlossenen Bezirk und anderen jüdischen Ballungsräumen in Polen zusammenflossen. In den gesammelten Notizen verbindet sich die individuelle mit einer überindividuellen Perspektive, was das Betrachtungsspektrum erheblich erweitert.

In seinen Notitsn fun varshever geto bemerkt Ringelblum ein Phänomen, das man als typische Eigenschaft jüdischer Ghettoerfahrung ansehen kann. Es geht um das Phänomen des Schreibens: die Dokumentation von Fakten, die Registrierung von Terror, Leiden und Verbrechen, die Notierung aktueller Ereignisse, Erlebnisse, Reflexionen. Das betrifft nicht nur die organisierten kollektiven Unternehmungen (das Wirken von Oneg Schabbat), sondern auch – oder vielleicht sogar vor allem – individuelle, rein private und spontane Initiativen.

Ringelblum notiert:

Der Terror nahm stetig zu, […] er richtete sich gegen ganze Gruppen und Gesellschaftsschichten. Die Deutschen interessierte nicht, was der Jude bei sich zu Hause tat. Und deswegen eben begann der Jude zu schreiben: Alle schrieben: Journalisten, Literaten, Lehrer, gesellschaftlich engagierte Menschen, die Jugend, ja selbst Kinder. Die meisten Schreibenden führten Tagebücher, in denen sie die tragischen Geschehnisse unter dem Gesichtspunkt ihres eigenen Erlebens betrachteten. Es wurde sehr viel geschrieben, doch der größte Teil wurde, gemeinsam mit den Warschauer Juden, bei den Deportationen vernichtet. Nur das im Ghettoarchiv aufbewahrte Material blieb erhalten (S. 471).

Die Autoren der erhaltenen Texte sind größtenteils unbekannt. Viele von ihnen konnten lediglich mit dem Kryptonym N.N. und einer Signatur in den Archivsammlungen gekennzeichnet werden. In manchen Fällen überdauerte nur der Vorname des Schreibenden, wie zum Beispiel Jakub, Natan oder Stefa. Dennoch bleibt selbst mit Vor- und Nachnamen eine recht umfängliche Gruppe von Autoren anonym. Unser Wissen über sie geht meistens nicht über ihren Text selbst hinaus und lässt sich in keinster Weise verifizieren. Ringelblum, der auf die überwältigende Vielzahl an Schreibenden hinwies, nannte außerdem zahlreiche Namen von Menschen, von denen er wusste, dass sie im Ghetto Notizen ←40 | 41→angefertigt hatten, die aber zusammen mit ihnen selbst untergegangen waren. Die mit N.N. versehenen Texte repräsentieren gewissermaßen alle diejenigen, die in der damaligen Zeit geschrieben haben, dessen Stimme jedoch nie zu uns vordringen konnte. Diese Texte zeugen – in symbolischer Weise – von anderen, doppelt unbekannten Texten – Texten, die verschollen sind, von deren Existenz nie jemand etwas wusste und die niemand bezeugen kann.

2

Unter den Ghettoautoren am zahlreichsten vertreten ist die Intelligenz. Außer den von Ringelblum erwähnten Journalisten, Literaten, Lehrern und gesellschaftlich Engagierten betätigten sich Juristen, Ärzte, Pädagogen und Wissenschaftler auf diese Weise, viele von ihnen öffentliche Personen, die in jüdischen oder polnischen Kreisen bekannt waren und sich großer Autorität und hohen gesellschaftlichen Ansehens erfreuten. Sie repräsentierten unterschiedliche weltanschauliche und politische Orientierungen, hatten vor dem Krieg auf Polnisch, Hebräisch, Jiddisch geschrieben und publiziert.

Adam Czerniaków (1880–1942) gehörte zur assimilierten jüdischen Intelligenz, die Geschmack gefunden hatte an der polnischen Literatur und Kultur. Er war Chemieingenieur mit Diplomen von der Warschauer Technischen Hochschule und der Technischen Universität Dresden. In Warschau war er Stadtrat für die jüdischen Handwerksverbände, bekleidete kurze Zeit sogar den Posten eines Senators der polnischen Republik. In der Warschauer Jüdischen Gemeinde repräsentierte er die Interessen von Handwerk und Berufsschulwesen. Er publizierte viel zum Thema Wissenschaft, Kultur, Erziehung (u.a. in den Zeitschriften „Izraelita“ [Der Israelit], „Nasze życie“ [Unser Leben], „Miesięcznik żydowski“ [Jüdische Monatsschrift]), schrieb wissenschaftliche Abhandlungen und Gedichte. Am 23. September 1939 wurde er durch den Warschauer Stadtpräsidenten Stefan Starzyński zum Vorsitzenden der Jüdischen Glaubensgemeinde ernannt, am 4. Oktober setzten die Deutschen ihn an die Spitze des Judenrates. Janusz Korczak (1878 oder 1879–1942), Arzt, Pädagoge, Schriftsteller und Redakteur, Mitgründer des jüdischen Waisenhauses Dom Sierot [Haus der Waisen] und des Waisenhauses für polnische Kinder Nasz Dom [Unser Haus], gehörte zu den bekanntesten Ghettobewohnern. Ein hervorragender Pädagoge und Hebraist war ebenfalls Chaim Aron Kaplan (1880–1942 oder 1943), der Betreiber einer privaten polnisch-hebräischen Grundschule in der Warschauer Dzielna-Straße 15. Er war der Autor zahlreicher Lehrbücher für Hebräisch. 1937 veröffentlichte er eine Sammlung von Artikeln, literarischen Skizzen und Feuilletons mit dem Titel Pizzurai (Meine verstreuten Werke). Professor Ludwik Hirszfeld ←41 | 42→(1884–1954), ein weltberühmter Wissenschaftler, Bakteriologe und Serologe, Begründer der polnischen Schule der Immunologie, war assimilierter und polonisierter Jude. Er gehörte zu einer Gruppe von Katholiken, die im Ghetto das Pfarrhaus bei der Allerheiligenkirche am Grzybowski-Platz bewohnte. Und schließlich Emanuel Ringelblum (1900–1944), der Hirszfeld und Czerniaków gegenüber weltanschaulich und politisch am entgegengesetzten Pol stand. Er war an der Universität Warschau ein Schüler Marceli Handelsmans29 gewesen, erwarb mit seiner Arbeit Żydzi w Warszawie od czasów najdawniejszych do ostatniego wygnania w 1527 r. [Die Juden in Warschau, von frühesten Zeiten bis zur letzten Vertreibung im Jahr 1527] den Doktortitel in Philosophie. Ringelblum gehörte zu einem Kreis von Historikern, die sich in der Zwischenkriegszeit um die Kommission für die Geschichte der Juden am Jüdischen Wissenschaftlichen Institut in Wilna gruppierten, die zu einem der Zentren marxistischen Gedankenguts im damaligen Polen wurde.

Eine gesonderte Gruppe innerhalb der Schreibenden im Ghetto bildeten natürlich die Literaten30. Hinter den Mauern des geschlossenen Bezirks wohnten zahlreiche Dichter, Schriftsteller, Publizisten, die ihre Texte sowohl auf Jiddisch als auch auf Polnisch verfassten. Nahezu niemand von ihnen überlebte.

Jizchak [Yitzhak] Katzenelson (1866–1944) schrieb auf Hebräisch und Jiddisch. Dichter, Dramaturg, Übersetzer und Pädagoge, machte er sich noch vor dem Ersten Weltkrieg in der Literatur einen Namen. In der Zwischenkriegszeit gehörten zu seinen meistdiskutierten Werken die Dramen Hanawi [hebr.: Der Prophet] und Tarschisch [hebr.: Forsterit]. Im Warschauer Ghetto wirkte er im Untergrund im Bereich Bildung und Kultur. Wirklich großen Ruhm in der jüdischen Literatur brachte ihm Dos lied vunem ojsgehargetn jidischn volk ein [auf Deutsch erschienen unter dem Titel Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk, Übers. von W. Biermann, Köln 1994; Anm. d. Übers.], das er nach seiner ←42 | 43→Deportation vom Ghetto in das Internierungslager Vittel auf Jiddisch verfasste. Izrael Sztern [Israel Shtern] (1894–1942) und Jechiel [Ichiel] Lerer (1910–1942 oder 1943) schrieben religiöse Lyrik. Sztern betrieb seine Dichtung auch hinter den Mauern intensiv weiter, stand jedoch den grausamen Realien im Ghetto fassungslos gegenüber. „Er verhielt sich wie ein harmloses Täubchen“, bemerkt Ringelblum, „und ging in Hungerstreik“ (S. 574). Seine Handschriften sind verschollen, doch einige verstreute Poeme und Essays, die er ab 1919 verfasst hatte, wurden 1955 publiziert. Lerer, der vor dem Krieg „der jüdische Tagore“ genannt wurde und den Schalom Asch sehr schätzte, war im Ghetto als Postbeamter tätig. Er kam in Treblinka um. Manche seiner Gedichte aus dem Ghetto sind erhalten geblieben und wurden im 1948 erschienenen Sammelband Lieder Un Poemen [Lieder und Poeme] veröffentlicht. Der talentierte Dichter und Volksliedermacher Hersz Danielewicz [Herschele Danilewitch] (1882–1941), dessen vor dem Krieg komponierte und in mehreren Sammlungen herausgegebenen Lieder in aller Munde waren, brillierte im Ghetto mit seinem schwarzen Humor. Dichter, Übersetzer und Autor von Liedern, die u.a. in den Theatern des Warschauer Ghettos aufgeführt wurden, war auch M. Korentajner (dessen Vorname sich nicht mehr ausfindig machen lässt).

Szlojme [Schlojme, Shlomo] Gilbert (1885–1942), dessen Essays und Novellen in der Zwischenkriegszeit in den Warschauer jüdischen Zeitschriften veröffentlicht wurden, und Lejb Pluskałowski (1908–1942), dem die Autorschaft an einem im Ringelblum-Archiv enthaltenen Roman namens Swastyka zugeschrieben wird, fanden bei der großen Liquidierungsaktion den Tod. Zur selben Zeit auf den Umschlagplatz ging auch Hillel Zeitlin (1872–1942) – Philosoph, Literaturkritiker, Essayist und Publizist, Mitarbeiter bei der Warschauer Tageszeitung „Haynt“, der im Ghetto Übersetzungen von Psalmen ins Jiddische anfertigte.

Viele Schriftsteller arbeiteten mit der Untergrundpresse des Ghettos zusammen. Der Dichter Josef Kirman (1896–1943) publizierte Prosatexte in konspirativen Schriften, u.a. „Mówię do ciebie, moje dziecko …“ [Ich spreche zu dir, mein Kind …], „Miasteczko uchodźców – Dzika i Niska“ [Stadt der Flüchtlinge – die Dzika- und die Niska-Straße]; sie wurden später, im Jahr 1955, auf Jiddisch im Sammelband Między życiem i śmiercią [Zwischen Leben und Tod] veröffentlicht. Kirman wurde im SS-Arbeitslager Poniatowa erschossen. Zahlreiche Schriftsteller waren auch Mitglieder bei Oneg Schabbat und unterstützten aktiv das Wirken des Ghettoarchivs. Zu Ringelblums engsten Mitarbeitern gehörte Avrom Levin [Abraham Lewin] (1893–1943) – Pädogoge, Lehrer am jüdischen Gymnasium in Warschau, Historiker und Schriftsteller, Autor des zwischen den Weltkriegen sehr populären Romans Kantonistn [Die Kantonisten]. Sein Ghettotagebuch wurde zusammen mit anderen Dokumenten aus dem Archiv nach dem Krieg ←43 | 44→ausgegraben. Der Lyriker und Prosaist Perec Opoczyński (1895–1943), der vor dem Krieg das Leben der chassidischen Juden in Polen beschrieben hatte (woher auch sein Pseudonym Perec Chasyd stammt), arbeitete im Ghetto als Briefträger. Er war eines der aktivsten Mitglieder von Oneg Schabbat, Autor von Reportagen über das Ghetto, u.a. „Listonosz żydowski“ [Der jüdische Briefträger], ein Text, der 1941 in einem Literaturwettbewerb einen Preis erhielt. Joszua Perle (1888–1944), Prosaist und Autor von Sittenromanen wie Mirla, Ruta, Złoty Paw [Der goldene Pfau] oder Zwyczajni Żydzi [Gewöhnliche Juden; 1935], für den er vor dem Krieg einen Preis des Bund [Allgemeiner jüdischer Arbeiterbund von Litauen, Polen und Russland] und den Jizchok-Leib-Perez-Preis bekommen hatte, schrieb für das Ghettoarchiv den Bericht „Zagłada Warszawy“ [Die Vernichtung Warschaus]. Im Milieu rund um Oneg Schabbat vertreten waren außerdem Lejb Goldin (1906–1942), Publizist, Literaturkritiker und Übersetzer von Werken der europäischen Literatur in die jiddische Sprache, Autor eines erschütternden Essays über den Hunger, Kronika jednej doby [Chronik eines Tages], sowie Cecylia (Luba) Słapakowa, Literaturkritikerin und Übersetzerin, die für das Archiv des Ghettos eine Monographie über eine jüdische Frau im Zweiten Weltkrieg verfasste.

Rokhl Oyerbakh schrieb sowohl polnisch als auch jiddisch. Unter den Schriftstellern, die mit Ringelblum zusammenarbeiteten, war sie die einzige Überlebende (sie starb 1976 in Israel). Vor dem Krieg arbeitete sie überwiegend für die jüdische Presse, publizierte jedoch auch in polnischsprachigen Zeitschriften. In den 1930er Jahren begann sie eine Zusammenarbeit mit der polnisch-jüdischen Tageszeitung „Chwila“ [Der Augenblick], die von 1919–1939 in Lwów [Lemberg] erschien und ein aktives und konsolidiertes literarisches Milieu um sich versammelte31. Zeitungen wie „Chwila“, der Krakauer „Nowy Dziennik“ [Neues Tageblatt], „Nasz przegląd“ [Unsere Rundschau] oder die Wochenschrift „Opinia“ [Meinung] in Warschau spielten eine wesentliche Rolle bei der Formung einer polnisch-jüdischen Literatur und Kultur, die sich in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen dynamisch entwickelte.

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Viele Dichter und Schriftsteller innerhalb der Ghettomauern gehörten zu diesem Milieu. Władysław Szlengel (1914–1943), der größte polnischsprachige Lyriker des Warschauer Ghettos, dichtete schon vor dem Krieg Schlager und war im Ghetto wohl der produktivste Kabarettschreiber. Seine Gedichte, zusammengestellt unter dem vom Autor selbst gewählten Titel Co czytałem umarłym [deutsche Ausgabe: Was ich den Toten las. Gedichte aus dem Warschauer Getto, Übers. von U. Herbst-Rosocha, nachgedichtet von R. Erb, U. Grüning, K. Drawert, M. Erb, Leipzig/Weimar 1990; Anm. d. Übers.], brachten es bei den Bewohnern des geschlossenen Bezirks zu enormer Popularität. Henryka Łazertówna (1910–1942), die in der Vorkriegszeit zur Dichtergruppe Skamander32 gehört hatte, ist die Autorin des in Polen sehr bekannten Gedichts „Mały szmugler“ [Der kleine Schmuggler]. Erhalten ist auch ihr Brief aus dem Ghetto an Roman Kołoniecki (datiert auf den 6. November 1941) – eine lyrische Impression der Straßen und Menschen im geschlossenen Bezirk. Gustawa Jarecka (1908–1942), Romanschriftstellerin, Autorin mehrerer vor dem Krieg erschienener Bücher, arbeitete bei der Jüdischen Gemeinde als Beamtin in der Korrespondenzabteilung, hielt jedoch gleichzeitig engen Kontakt zum Untergrundarchiv des Ghettos. Aus ihrer Feder stammt die umfassendste Schilderung der großen Liquidierungsaktion, erhalten ist ein Textstück mit dem Titel „Ostatnim etapem przesiedlenia jest śmierć“ [Die letzte Etappe der Umsiedlung ist der Tod]. Eugenia Szajn-Lewin (1909–1944), Absolventin der Universität Warschau im Fach Polonistik sowie der Hochschule für Journalismus, publizierte vor dem Krieg Reportagen u.a. in der Zeitung „Kurier Warszawski“ [Warschauer Kurier]. Sie ist die Autorin eines Romans namens Życie na nowo [Leben aufs Neue], hinterließ eine originelle, zu einer Erzählung umgearbeitete Aufzeichnung ihres Lebens im Ghetto. Andrzej Marek (Marek Arensztajn), Dramaturg und Regisseur, machte vor dem Krieg jüdisches Theater in polnischer Sprache. Im Ghetto war er literarischer und künstlerischer Leiter des Neuen Kammertheaters in Warschau (Nowolipki-Straße 52). Gedichte, Sketche und Lieder für das Ghettokabarett lieferten u.a. Andrzej Włast (Gustaw Baumritter), von 1972 bis 1932 Leiter des kleinen Revuetheaters Morskie Oko, Autor zahlreicher Schlager aus der Vorkriegszeit, sowie Jerzy Jurandot (1911–1979), einer der Gründer des Theaters Quid pro ←45 | 46→Quo, Autor der im Ghetto sehr beliebten Posse Miłość szuka mieszkania [Die Liebe sucht eine Wohnung], nach dem Krieg langjähriger Direktor des Warschauer Teatr Syrena.

3

Die schreibende Zunft war besonders prädestiniert dafür, schriftlich Zeugnis über ihre Erfahrungen im Ghetto zu geben. Einige Schriftsteller – wie zum Beispiel Chaim Aron Kaplan oder Barbara Temkin-Bermanowa – schrieben im Übrigen schon lange vor dem Krieg Tagebuch, gehörten sie doch zu einer Generation der Intelligenz, für die das Tagebuchschreiben eine Selbstverständlichkeit war33. Es gibt allerdings eine große Gruppe von Autoren, die ohne die Erfahrung des Ghettos möglicherweise nie zur Feder gegriffen hätten. Sie stammten aus den unterschiedlichsten Berufen – waren Juristen (zum Beispiel Marek Stok oder Stanisław Adler) und Buchhalter (zum Beispiel Chaim Hasenfus oder Jakub, der über sich schreibt: „Jestem z zawodu buchalterem“ [Ich bin Buchhalter von Beruf]), Ladengehilfen (Leon Guz, Pelzlager an der Świętojerska-Straße), Zahntechniker (Karol Rotgeber), Architekten (Ingenieur und Architekt B. Goldman) und Drechsler (Dawid Fogelman, bis Kriegsausbruch in der Landmaschinenfabrik an der Leszno-Straße). Beamte und Arbeiter. Und auch Kinder.

Erinnerungen oder Tagebücher von Kindern bilden unter den erhaltenen Texten aus der Zeit des Holocaust eine gesonderte und außergewöhnliche Gruppe. Eines der meistgelesenen persönlichen Dokumente des Zweiten Weltkriegs ist Das Tagebuch der Anne Frank. Weit weniger bekannt ist Das Tagebuch des Dawid Rubinowicz, geschrieben von einem 13-jährigen Jungen aus der Gegend von Bodzentyn nahe Kielce. Solche Zeugnisse von Kindern haben einen besonderen Wert. Ein Kind sieht mehr, spürt mehr und versteht manches Mal auch mehr als ein Erwachsener. In der kindlichen Narration verbindet sich die Verwunderung über das unbegreifliche Grauen der Welt mit einer einfachen und natürlichen Ausdrucksweise. Die Sprache eines Kindes scheint der Wirklichkeit am nächsten zu kommen, sie am wenigsten zu verschleiern. Daher meint auch Henryk Grynberg, das Kind habe sich als glaubwürdigster Narrator des Holocaust erwiesen34.

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Im Archiv des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau befinden sich in der Abteilung „Erinnerungen“ die Tagebücher und Aufzeichnungen von Kindern aus dem Krakauer Ghetto (zum Beispiel die Tagebücher von Rena Knoll, Mai 1940 bis September 1941, Sign. 197, oder von Irena Glück, ebenfalls Mai 1940 bis zum August 1942, Sign. 255) und dem Ghetto Litzmannstadt (zum Beispiel die Tagebücher zweier nicht identifizierter Mädchen: eines vom Februar und März 1942, Sign. 86, das andere, von einer Verfasserin namens Estera, vom Juli und August 1944, Sign. 9). Die Jüdische Historische Kommission in Krakau veröffentlichte 1946 die Erinnerungen der 12-jährigen Janina Hescheles an ihre Zeit im Zwangsarbeiterlager Lemberg-Janowska, niedergeschrieben im Versteck in Krakau. Vor kurzem wurde Rena Wollerównas Pamiętnik uczennicy [Tagebuch einer Schülerin] herausgebracht; die Autorin kehrte aus dem Krakauer Ghetto und den Lagern Płaszów, Auschwitz und Bergen-Belsen im Juli 1945 nach Krakau zurück. Ihr Tagebuch schrieb sie in Bergen-Belsen und kurz nach ihrer Rückkehr nach Krakau35. 1960 wurde in Polen das im Ghetto von Łódź verfasste Ghettotagebuch des Dawid Sierakowiak herausgegeben [auf Deutsch erschienen 1998, Übers. von R. Matwin-Buschmann; Anm. d. Übers.]. Eine Altersgenossin von Sierakowiak im Warschauer Ghetto war Mary Berg, deren Tagebuch in englischer Sprache bereits im April 1945 in New York publiziert wurde [The Diary of Mary Berg: Growing up in the Warsaw Ghetto; Anm. d. Übers.]; es war eines der ersten weithin bekannten Dokumente über die Vernichtung der europäischen Juden.

Mary Berg (Miriam Wattenberg) war die Tochter eines bekannten Lodzer Kunstantiquars. Als der Krieg ausbrach, war sie 15 Jahre alt. In der Besatzungszeit zog ihre Familie nach Warschau; im Ghetto organisierte Berg Maßnahmen zur Selbsthilfe, nahm an Grafik- und Architekturkursen der Jüdischen Gemeinde teil. Sie sang in einem Jugendtheaterkreis. Ihre Mutter war amerikanische Staatsbürgerin. Im Juli 1942 wurden die Wattenbergs zusammen mit mehreren Dutzend anderen Juden – Bürgern neutraler Länder – im Pawiak-Gefängnis36 ←47 | 48→interniert. Am 17. Januar 1943 deportierte man sie von dort aus in ein Lager im französischen Vittel; am 14. März 1944 gelangten Mary und ihre Familie nach New York. Die Kinder hingegen, deren schriftliche Zeugnisse im Ringelblum-Archiv überdauerten, wurden höchstwahrscheinlich über den Umschlagplatz nach Treblinka gebracht. Unter ihnen waren Beniek Frylingsztajn, Minia Mądra und Gitla Szulcman aus dem Halbinternat an der Nowolipki-Straße 25, die eine Umfrage von Oneg Schabat beantwortet hatten: „Welche Veränderungen hat der Krieg für uns gebracht?“ Ebenfalls darunter waren die Jungen aus dem Waiseninternat in der Gęsia-Straße 6/8, die eine eigene kleine Zeitschrift mit dem Titel „Głos Domu Chłopców“ [Stimme des Jungenheims] herausgebracht hatten – J. Denda, M. Lipman, S. Hajtler, Sz. Gogol, Josef Fibich, Jankiel Hanower, Jakub Lerych, J. Rutowicz, M. Bafiks, J. Cwinkiel.

Aufmerksamkeit verdienen noch zwei weitere Autorengruppen: Beamte und Funktionäre der Jüdischen Gemeinde (besonders Polizisten) sowie Ärzte. Die Jüdische Polizei (also der Ordnungsdienst)37 und die Judenräte sind die beiden kontroversesten Institutionen der von den Nazis in Ghettos gesperrten jüdischen Gemeinschaft. Es herrscht Streit sowohl über die Organisationsstrukturen ←48 | 49→als auch über die in ihnen beschäftigten Menschen38. Der Blick auf das Ghetto in den Aufzeichnungen von Polizisten oder Beamten der Jüdischen Gemeinde erfolgt demnach aus der Perspektive derjenigen Milieus, die von den meisten anderen Autoren als Brutstätte des Bösen bezeichnet wurden.

Außer der grundlegenden Quelle – dem Tagebuch des Gemeindevorsitzenden Adam Czerniaków – haben wir hier das umfassende Tagebuch eines Beamten der Beschäftigungsabteilung der Gemeinde, Stefan Ernest: Trzeci front. O wojnie wielkich Niemiec z Żydami Warszawy 1939–1943 [Die dritte Front. Vom Krieg Großdeutschlands gegen Warschaus Juden 1939–1943] sowie die 1945 redigierten Erinnerungen von Beniamin Horowitz, Leiter einer Abteilung der Versorgungsanstalt der Jüdischen Gemeinde [Zakład Zaopatrzenia Gminy]: Przesiedlenie w zaświaty [Umsiedlung ins Jenseits]. Im Ringelblum-Archiv erhalten sind außerdem schriftliche Aufzeichnungen von (höchstwahrscheinlich) Nachum Remba, einem Beamten der Jüdischen Gemeinde, der sich im Ghettountergrund engagierte. In dem erhaltenen Dokument geht es um den September und Oktober 1939. In seinen Notitsn führt Ringelblum auch ein Textstück aus Rembas verloren gegangenem Tagebuch an. Darin beschreibt er, wie Janusz Korczak und die Kinder aus dem Haus der Waisen auf Waggons geladen wurden (Remba hatte am 6. August 1942 Dienst auf dem Umschlagplatz).

Die Rekrutierung zum Ordnungsdienst fand vor allem unter Angehörigen der assimilierten jüdischen Intelligenz statt. Als Funktionäre des Ordnungsdienstes waren oftmals Juristen tätig, die als Polizisten ebenfalls Tagebuch ←49 | 50→schrieben: Stanisław Adler, Jan Mawult (Stanisław Gombiński) oder der unbekannte Autor eines Tagebuchs, das im Jüdischen Historischen Institut (Abteilung „Erinnerungen“) unter der Signatur 129 geführt ist. Calel Perechodnik, Polizist im Ghetto von Otwock, war Ingenieur und Agronom. Man weiß nicht, wer der unbekannte Werkschutzmann war, der eine Handvoll Notizen hinterlassen hat. Auch weiß man nicht, wer Ber Warm – Funktionär des Ordnungsdienstes, der in der Befehlsstelle und der Werterfassungsstelle arbeitete und der ein Tagebuch mit dem Titel Niska i Prosta, czyli ostatnie dni żywota Żydów w Warszawie [Niska- und Prosta-Straße, oder Die letzten Lebenstage der Juden in Warschau] verfasste – vor dem Krieg war. Als Funktionär beim Ordnungsdienst tätig war auch Mojżesz Passenstein, Verfasser einer Arbeit über den Schmuggel.

Von den Zeugnissen der Ärzte aus der damaligen Zeit bis heute überdauert hat Henryk Makowers Pamiętnik z getta warszawskiego. Październik 1940–styczeń 1943 [Tagebuch aus dem Warschauer Ghetto. Oktober 1940–Januar 1943]. Makower war Chefarzt der Infektionsabteilung im Berson-Bauman-Kinderspital, ein Mitarbeiter Ludwik Hirszfelds, Arzt beim Ordnungsdienst (Leibarzt von Polizeikommandant Józef Szeryński). Erhalten blieb auch das Tagebuch des Kinderarztes Jan Przedborski, Leiter des Kinderheims an der Wolność-Straße 14; es trägt den Titel Likwidacja getta warszawskiego [Die Liquidierung des Warschauer Ghettos]. Henryk Słobodzki, der im Krankenhaus an der Stawki-Straße beschäftigt war, hinterließ eine Mischung aus Essay und Erzählung, Dni na krawędzi [Tage am Rande].

Die Ärzte – die Spezialisten für die Rettung von Menschenleben – wurden im Ghetto zu fachmännischen Beobachtern des Sterbens und hilflosen Handlangern des Todes. Ein ergreifendes Zeugnis jener neuen Rolle ist die einzigartige wissenschaftliche Gemeinschaftsarbeit einer Gruppe von Warschauer Ärzten: Choroba głodowa [Die Hungerkrankheit]39, mit einem Vorwort von Dr. med. Izrael Milejkowski, Leiter der Abteilung für Öffentliche Gesundheit der Jüdischen Gemeinde und Initiator dieses wissenschaftlichen Projekts.←50 | 51→

4

Ein Blick auf die Schicksale der Schreibenden bestätigt, dass das Überdauern im Ghetto für die Texte ungleich leichter war als für ihre Autoren. Nur wenige Autoren überlebten. Das Schicksal vieler von ihnen ist unbekannt, was in diesem Fall mit fast völliger Sicherheit Tod und nicht Rettung bedeutet. Von anderen wissen wir, wann und unter welchen Umständen sie gestorben sind.

Wir kennen die Umstände des Selbstmordes von Adam Czerniaków, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, der sich am 23. Juli 1942, am zweiten Tag der Deportationen, in seinem Arbeitszimmer vergiftete. Wir wissen, dass Emanuel Ringelblum, dem es Ende 1943 gelungen war, mit Frau und Sohn aus dem Ghetto zu entkommen und sich in einem Unterschlupf in der Grójecka-Straße 84 zu verbergen, am Vortag des Warschauer Ghettoaufstands hinter die Mauern zurückkehrte. Dort wurde er gefasst und ins Zwangsarbeiterlager Trawniki gebracht. Freunde organisierten seine Flucht und schmuggelten ihn nach Warschau zurück, wo er in der Radzymińska-Straße 2 und später wieder in der Grójecka-Straße 84 wohnte. Am 7. März 1944 wurde sein Versteck enttarnt, weil jemand ihn denunziert hatte. Zusammen mit Ringelblum wurde eine große Gruppe Männer, Frauen und Kinder festgenommen, außerdem die Familie Marczak, die Eigentümer des Unterschlupfs, und Mieczysław Wolski, der den Versteckten half. Sie alle wurden zum Pawiak-Gefängnis gebracht und am 10. März in den Ruinen des Ghettos erschossen.40

„Der Strom der Umsiedlungen reißt alles mit sich …“, schreibt Ringelblum (Bd. 1, S. 146) über die große Liquidierungsaktion vom 22. Juli bis 21. September 1942. In diesem reißenden Strom gingen zusammen mit den Autoren ihre Tagebücher, Aufzeichnungen, Notizen unter. Von manchen der 300.000 Juden, die damals nach Treblinka deportiert oder gleich an Ort und Stelle umgebracht41 ←51 | 52→wurden, blieben die Texte erhalten. Aus einem Bericht wissen wir über die letzten Lebensstunden Janusz Korczaks, der am 6. August 1942 mit Stefania Wilczyńska ihre gemeinsamen Schützlinge aus dem Haus der Waisen zu den Waggons auf dem Umschlagplatz führte. Damals kamen höchstwahrscheinlich auch die Kinder aus dem Waiseninternat an der Gęsia-Straße 6/8 um, die ihre Zeitschrift „Głos Domu Chłopców“ hinterließen, und die Schüler des Halbinternats an der Nowolipki-Straße 25, deren Antworten auf den Fragebogen von Oneg Schabbat im Ringelblum-Archiv enthalten sind.

Sehr selten jedoch gelingt es, auch nur annähernde Todesdaten auszumachen. Die Opfer der Umsiedlung starben massenweise und namenlos. Alles deutet darauf hin, dass bei der Liquidierungsaktion auch Lejb Goldin den Tod fand. Der letzte Hinweis auf seine Existenz stammt vom 3. August 1942: ein Vermerk auf einer Liste von Menschen, die sich im Untergrund oder gesellschaftlich betätigten und die dem Jüdischen Städtischen Fürsorgekomitee zugeschrieben waren; sie erhielten an jenem Tag eine Zuteilung von einem halben Kilogramm Brot pro Person. Auf einer im Ringelblum-Archiv unter Nummer 13 aufbewahrten Liste ist Goldins Name verzeichnet. Leizor Czarnobroda42, der zwei mit Bleistift geschriebene Hefte mit Einträgen vom 28. August bis zum 2. September 1942 hinterließ, wurde festgenommen, zum Umschlagplatz gebracht und dort in einen Waggon verfrachtet, konnte aber auf der Fahrt entkommen und kehrte nach Warschau zurück. Mit Igor Newerlys Hilfe versteckte er sich in Bielany und später in Kazimierz nad Wisłą, wo er unter unbekannten Umständen zu Tode kam.

Um den Tod Izrael Szterns rankt sich sogar eine Legende, derzufolge der Schriftsteller, vom Hunger völlig entkräftet, mehrere Tage lang auf den Pflastersteinen eines verfallenen Hinterhofs gelegen haben soll, bis er schließlich sein Leben aushauchte. Der exzellente jüdische Dichter Halpern Leivick, der in Belarus geboren wurde und ab 1913 in den Vereinigten Staaten lebte, schrieb 1943 ein Gedicht, in dem er diese Legende gewissermaßen sakralisiert. Das Gedicht trägt ←52 | 53→den Titel „Mój brat Izrael Sitem“ [Mein Bruder Izrael Sitem] und stammt aus der Sammlung Nie byłam w Treblince [Ich war nicht in Treblinka; 1945]. Leivick vergleicht das stille, unterwürfige Opfer seiner selbst, das Sztern auf den Pflastersteinen des Ghettos darbrachte, mit der Opferung Isaaks. Tatsache ist jedoch, dass Sztern nicht an Hunger gestorben ist. „Als die Liquidierungsaktion der Warschauer Juden beginnt“, schreibt Ringelblum, „versteckt Izrael Sztern sich in Hoffmanns »Shop«. Längere Zeit kann er sich so über Wasser halten. Bei einer der zahlreichen Selektionen wird er gefasst, dann geht es über den Umschlagplatz nach Treblinka.“ (Bd. 1, S. 575). Was von Hillel Zeitlins Tod überliefert ist, unterstreicht seine religiöse Haltung. Ringelblum gibt an, Zeitlin habe „auf dem Wagen stehend, der ihn und andere zum Umschlagplatz brachte, den Tallit angelegt und laut das »Widduj« [Sündenbekenntnis vor dem Tod] gebetet“ (Bd. 1, S. 574). Joszua Perle wiederum stellt jene Szene so dar: „Es war ein erstaunlicher Anblick – der Wagen voller Frauen und Kinder, alle unterwegs in den sicheren Tod, und mitten unter ihnen der hochgewachsene, würdige alte Mann mit langem, schneeweißem Bart, eingehüllt in seinen Tallit.“43

Ein zweiter breit angelegter Schlag gegen die dezimierte Ghettobevölkerung war die Januaraktion (18.-22. Januar 1943), bei der die Deutschen zum ersten Mal auf bewaffneten Widerstand stießen. Dabei kam u.a. Avrom Levin um – der letzte Eintrag in seinem Tagebuch findet sich unter dem Datum des 15. August 1943 – sowie auch Dr. Izrael Milejkowski, der seine Einleitung zu Choroba głodowa auf Oktober 1942 datierte. Bei der Januaraktion fand auch Gustawa Jarecka den Tod; sie erreichte Treblinka nicht mehr lebend. Stanisław Adler führt in seinen Erinnerungen den Bericht eines Menschen an, der aus dem Zug entkommen konnte. Unter den auf- und übereinanderliegenden Leichen, die den Boden des Waggons bedeckten, erkannte jener Mensch die sterbende Gustawa Jarecka. Vor seinen Augen tat sie ihren letzten Atemzug (siehe S. 327). Chaim Aron Kaplans Tagebuch bricht am 4. August 1942 ab. Es gibt jedoch Grund zur Annahme, dass Kaplan im Dezember 1942 oder Januar 1943 umgekommen ist, höchstwahrscheinlich in Treblinka44.

Beim Aufstand im Warschauer Ghetto starb Władysław Szlengel. Nicht einmal sein Geburtsdatum und sein genauer Todestag lassen sich heute zweifelsfrei ←53 | 54→feststellen. Man weiß, dass er sich im Bunker von Szymon Kac an der Świętojerska-Straße 36 aufhielt45. In Leon Najbergs Erinnerungen ist allerdings eine Bemerkung über Szlengel in einem äußerst wichtigen zeitlichen Kontext vermerkt. Najberg versteckte sich den ganzen Aufstand hindurch und auch später noch, bis zum September 1943, in verschiedenen Bunkern innerhalb des Ghettos. Der Eintrag in seinem Tagebuch bestätigt, dass der Dichter sich im Bunker an der Świętojerska 36 aufhielt, bis dieser entdeckt und zerstört wurde, d.h. bis zum Samstag, dem 8. Mai 1943:

Nur drei Tage ließ es sich in Szymek Kac’ Unterschlupf überdauern – heute [8. März 1943 – J.L.] ist dieser Unterschlupf „aufgeflogen“ und „abgewickelt“ worden. […] Gestern Abend schrieb der Dichter Władysław Szlengel noch seine Gedichte, in denen er den Heldenmut der jüdischen Kämpfer lobte und das Schicksal der Juden betrauerte. […] Gestern wusste Szlengel noch nicht, dass er zum letzten Mal die Geschichte der heldenhaften Kämpfer und die Geschichte der Verstecke beschrieb. Vielleicht wird sein Manuskript niemals gefunden (S. 73–75).

Najberg und eine Handvoll weiterer gruzowcy [in etwa: „Trümmerkämpfer“, Menschen, die nach der Liquidierung des Ghettos weiter in dessen Ruinen kämpften; Anm. d. Übers.] konnten dem Hinterhalt entgehen. Die restlichen kamen zu Tode. Man darf annehmen, dass der stets sehr exakte und den Realien verpflichtete Tagebuchautor sich nicht irrt und Władysław Szlengel zum letzten Mal am 8. Mai 1943 gesehen wurde, als „um 5 am Nachmittag ein Zug von Märtyrern sich auf seinen letzten Weg machte“ (S. 75).

Die Autorin einiger im Bunker niedergeschriebener Notizen über die Aufständischenkämpfe (N.N. „Erinnerungen“, Sign. 39) wurde wahrscheinlich über den Umschlagplatz nach Majdanek deportiert, wo sich ihre Spur verliert. Ein anderer anonymer Autor eines während des Aufstands verfassten Tagebuchs (N.N. „Erinnerungen“, Sign. 228) wurde ebenfalls zum Umschlagplatz gebracht. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt. Im April oder Mai 1943 wird Jizchak Katzenelson ins Konzentrationslager im französischen Vittel deportiert. Dort schreibt er seinen monumentalen Großen Gesang vom ausgerotteten jüdischen ←54 | 55→Volk, dort führt er Tagebuch. Nach seiner Deportation nach Auschwitz wird er am 3. Mai 1944 ermordet.

Viele Menschen fanden den Tod auch erst auf der arischen Seite von Warschau, nachdem sie aus dem Ghetto entkommen waren. So starb im November 1943 Nachum Remba. Joszua Perle verließ sein Versteck bei polnischen Freunden seines Sohnes und ging den Deutschen im Hotel Polski an der Długa-Straße in die Falle46. Statt nach Südamerika brachte man ihn nach Bergen-Belsen und von dort aus nach Auschwitz, wo er im Mai 1944 ermordet wurde. Stanisław Sznapman, dessen Tagebuch dem Jüdischen Historischen Institut nach dem Krieg von Helena Boguszewska und Jerzy Kornacki übergeben wurde, gelangte erst im Juli 1943 auf die arische Seite und kam dort unter unbekannten Umständen um. Der Ingenieur Goldman, Verfasser eines Berichts aus dem brennenden Ghetto, den er im Auftrag des auf arischer Seite tätigen Jüdischen Nationalen Komitees schrieb, starb zwischen Februar und August 1944. Im Warschauer Aufstand wurde der „buchalter“ Jakub, der sich im Stadtteil Praga verbarg, getötet. Sein umfassendes Tagebuch bewahrte die Frau auf, die ihn versteckte. Im August 1944 kam in den Trümmern des bombardierten Warschau Eugenia Szajn-Lewin um. Nach dem Fall des Warschauer Aufstands führten Plünderer ein paar Deutsche zu dem Versteck, in dem sich der damals bereits typhuskranke Calel Perechodnik aufhielt. Er hatte keine Kraft, hinauszugehen wie seine Gefährten, die draußen erschossen wurden, sondern starb in den Flammen des in Brand gesteckten Bunkers. Besonders dramatisch spitzte sich das Schicksal derjenigen zu, die den Krieg nur kurz überlebten. Noemi Szac-Wajnkranc, deren Erinnerungsband Przeminęło z ogniem [Vom Feuer verschlungen] im Jahr 1947 erschien, arbeitet bis Kriegsende auf einem Landgut in der Nähe von Łódź als Dienstmagd. Ein jüdischer Offizier der Roten Armee kümmert sich um sie und ←55 | 56→rät ihr, aus Sicherheitsgründen nach Łódź zu gehen, das am 19. Januar 1945 durch die sowjetische Armee befreit worden war. Diese Entscheidung erweist sich als folgenschwer. Als Noemi durch eine der verlassenen Straßen geht, wird sie von einer Gruppe Deutscher erschossen, die sich noch in einem der Häuser versteckt47. Henryk Bryskier, Verfasser eines Tagebuchs mit dem Titel Żydzi pod swastyką, czyli getto warszawskie [Juden unterm Hakenkreuz oder Das Warschauer Ghetto], wird während des Ghettoaufstands nach Majdanek deportiert, flieht von dort und versteckt sich in Warschau am rechten Weichselufer. Dort erlebt er 1944 den Einmarsch der sowjetischen Truppen. Kurze Zeit arbeitet er im Lubliner Komitee [Polski Komitet Wyzwolenia Narodowego PKWN – Polnisches Komitee der nationalen Befreiung], nach seiner Rückkehr nach Warschau wird er Direktor der Abteilung Chemie am Industrie- und Handelsministerium. Im Oktober 1945 stirbt er an Angina Pectoris. Stanisław Adler, Jurist bei der jüdischen Polizei im Ghetto, der sich in Anin versteckt, wird im Herbst 1944 von den sowjetischen Truppen befreit, als sie die Deutschen vom rechten Weichselufer verdrängen. Adler geht nach Lublin, wo er als Jurist Mitglied der Beratergruppe der Lubliner Übergangsregierung wird. Zudem bekommt er eine Stelle in Wissenschaft und Lehre an der Juristischen Fakultät der Universität Warschau angeboten. Am 11. Juli 1946 – wenige Tage nach dem Pogrom von Kielce48 – begeht Adler, der in immer tiefere Depressionen versinkt und sich weder entscheiden kann, in Polen zu bleiben, noch, nach Palästina zu emigrieren, Selbstmord49.

Viele der Überlebenden verließen Polen früher oder später. Nach Israel gingen u.a. Rokhl Oyerbakh50, Symcha Rotem-Ratajzen, Marian Berland. Adolf ←56 | 57→Berman, Mitglied des Landesnationalrats [Krajowa Rada Narodowa, KRN], ab 1947 Vorsitzender des Zentralkomitees der Juden in Polen, verließ das Land gemeinsam mit seiner Frau im Jahr 1950. Bekannt ist, dass Marek Stok nach Brasilien emigrierte, nicht bekannt dagegen, auf welche Weise sein Tagebuch über das erste Halbjahr 1944 ins Archiv des Jüdischen Historischen Instituts gelangte. Samuel Kahan (mit arischem Namen Mieczysław Lewandowski) stellt sein in der Besatzungszeit verfasstes Tagebuch im März 1945 fertig. Der letzte Eintrag vermerkt, dass der Autor nach Brasilien zu seinen Söhnen zu fahren plant.

Andere Überlebende wiederum blieben für immer in Polen. Marek Edelman war einer von ihnen. 1945 wurde mit der Hilfe des Bund sein Bericht Das Ghetto kämpft in Warschau herausgegeben, in der polnischen Ausgabe versehen mit einem Vorwort von Zofia Nałkowska, der bekannten Schriftstellerin und Verfechterin eines unabhängigen Polens, die ihre Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust im Roman Medaillons [dt. Übers. von H. Bereska, Berlin 1956, Frankfurt/Main 1968] verarbeitete. Henryk Makowers Pamiętnik z getta warszawskiego erschien erst 44 Jahre, nachdem er es geschrieben hatte, im Druck; da war der Autor bereits seit 20 Jahren tot. Makower, Professor an der Wrocławer Medizinischen Akademie, verstarb 1964 in Polen. Ludwik Hirszfelds Geschichte eines Lebens, die seine während des Krieges aufgezeichneten Erinnerungen enthält, wurde mehrmals neu aufgelegt. Ihr Autor, ein ausgezeichneter Gelehrter von internationalem Rang, beteiligte sich direkt nach dem Krieg an der Gründung der Marie-Curie-Skłodowska-Universität in Lublin. 1945 ließ er sich in Wrocław nieder, übernahm eine Professur an der dortigen Medizinischen Akademie. Ebenfalls in Wrocław verstarb 1954 Józef Gitler-Barski, Autor eines Berichts über die Liquidierung des Ghettos von Mitte 1943 sowie eines Bands über seine Erinnerungen an das Ghetto; er wurde nach Bergen-Belsen deportiert, überlebte aber und kehrte im April 1945 nach Polen zurück. Er arbeitete im Staatsapparat der Volksrepublik Polen, war Generaldirektor des Joint51 in Polen, hatte eine leitende Position am Jüdischen Historischen Institut in Warschau inne.←57 | 58→

Ort und Umstände des Schreibens

1

Am 24. August 1940 wurden in der „Gazeta Żydowska“52 [Jüdischen Zeitung] die genauen Informationen zu den festgelegten Ghettogrenzen bekannt gegeben. Vier Tage später publiziert dieselbe Zeitung bereits Ergänzungen und Korrekturen dazu. Am 14. Oktober erscheint im „Nowy Kurier Warszawski“ [Neuer Warschauer Kurier – ein von den Deutschen herausgegebenes polnischsprachiges Propagandablatt], der offizielle Text der Verordnung Gouverneur Fischers zur Eröffnung eines deutschen Bezirks in Warschau sowie eines Ghettos für die jüdische Bevölkerung. Am nächsten Tag veröffentlicht der „Nowy Kurier Warszawski“ einen Stadtplan von Warschau mit eingezeichneten Ghettogrenzen. Bis der jüdische Bezirk geschlossen wird, d.h. bis zum 15. November 1940, werden seine Grenzen noch mehrmals anders gezogen. Am 14. November 1940 publiziert die Propagandazeitung einen neuen, detaillierten Plan des Ghettos, seiner Eingänge und Straßenbahnlinien. Doch auch dieser Plan sollte in Kürze nicht mehr aktuell sein.

Indessen notiert Adam Czerniaków bereits am 10. April 1940: „An über zehn Stellen hat die Gemeinde mit dem Bau von Mauern begonnen“ (S. 60). Der Bau der Mauern, dessen Kosten die Juden selbst tragen müssen, wird von da an zur Hauptbeschäftigung für die Maurertrupps des Ghettos. Am 22. November 1940 bemerkt Mary Berg: „Die roten Backsteinmauern, die die Straßen des Ghettos schließen, sind sehr gewachsen.“ Am 15. Februar 1941 schreibt sie ihre nächsten Beobachtungen nieder: „Nun wachsen die Mauern höher und höher […]. Oben sind sie von einer dicken Schicht Ton bedeckt, vermischt mit Glasscherben, damit Menschen, die zu flüchten versuchen, sich die Hände zerschneiden.“ (S. 42, 52). Es gab auch Abgrenzungen aus Stacheldraht und Holzzäune. Tafeln bei den Eingängen informierten über eine im Ghetto wütende Seuche. Die deutsche Propaganda erklärte die Abriegelung des Ghettos mit der Notwendigkeit, eine Barrikade zu Hygienezwecken zu errichten, um Warschau vor der Seuche zu ←58 | 59→schützen. Auf den Straßen der Stadt hingen „[r]‌iesige Plakate mit einem Juden aus dem Stürmer und der Aufschrift: Juden – Läuse – Fleckfieber. Eine riesige Laus kriecht in den Bart eines Juden“, notiert Ringelblum (S. 243). Czerniaków schreibt am 4. April 1940, nach einem Besuch im Blank-Palast, wo sich das Büro des Warschauer Stadthauptmanns Ludwig Leist befand, eine mitgehörte These auf und setzt sie in Anführungsstriche: „Die Mauern sind dazu da, die Juden vor Ausschreitungen zu schützen“ (S. 58). Das Gespräch fand wenige Tage nach heftigen antijüdischen Exzessen statt. Die Mauern sollten somit auch ein Beweis für die Großzügigkeit der Deutschen sein, die die Juden vorgeblich so vor der Bedrohung durch die Polen schützten53.

←59 | 60→

Die Grenzen des Ghettos wurden zu Grenzen zwischen Leben und Tod. Bewacht wurden sie von der deutschen Gendarmerie in ihren grünen Uniformen mit braunen Aufschlägen, von der polnischen dunkelblauen Polizei und vom jüdischen Ordnungsdienst mit seinen gelben Mützenbändern. Die Mauern verliefen entlang der Häuserlinien, teilten benachbarte Grundstücke, schnitten Gehsteige von Straßen ab, versperrten Straßen in der Mitte, zerschlugen die bisherige, gewohnte Topographie der Stadt und schufen eine neue, fremde und feindliche Raumordnung. Der Raum wurde jetzt anders erlebt als zuvor – beklemmend und traumatisch. Der Anblick der Mauern, die auf der Rymarska-Straße hochgezogen worden waren, ruft bei Ringelblum das alptraumhafte Gefühl hervor, lebendig begraben worden zu sein: „Man will uns lebendig einmauern“ (S. 186), vermerkt er am 1. November 1940, zwei Wochen vor der Abriegelung des Ghettos. Wanda Lubelska, die kurz vor dem Krieg ihre Matura im A.-Piłsudzka-Gymnasium (heute S.-Sempołowska-Lyzeum) im Stadtteil Żoliborz abgelegt hatte, vertraut ihrer Schulfreundin in einem Brief, der auf den 22. Dezember 1940 datiert und demnach bereits aus dem geschlossenen Ghetto verschickt wurde, an, sie fühle sich auf beklemmende Weise gefangen:

Du ahnst ja nicht, wie schrecklich gern ich hier von hier fort würde, nach Żoliborz […] Das Schlimmste sind die Szenen auf der Straße, du hast ja keine Ahnung, welche Wirkung das auf mich hat. […] Überall Mauern, Polizei, Wachen, eine furchtbare Gefangenschaft, all das zusammen und dieses Gefühl, man säße in einem Gefängnis, hat so eine schreckliche psychische Wirkung (S. 154).

Nach fast zwei Jahren des Lebens im geschlossenen Bezirk schreibt Chaim Kaplan von einer doppelten Mauer:

Wir sind hinter Doppelmauern eingesperrt: hinter einer Mauer aus Ziegeln für den Körper und einer Mauer aus Schweigen für den Geist. Was auch geschieht oder getan wird, ist von einem Mantel des absoluten Schweigens umhüllt (Buch der Agonie, S. 356).

Was sich auf der einen und auf der anderen Seite der Mauer befand, nahm neue Dimensionen an. Die Welt jenseits der Mauern war gleich hier, zum Greifen nahe. Doch im drastischen Kontrast zur physischen Nähe der beiden Welten stand der Abgrund zwischen ihnen. Die paar Schritte von der einen zur anderen Seite zurückzulegen war unter Androhung von Todesstrafe verboten54. ←60 | 61→Das Raumempfinden musste somit einer gewissen Umwertung unterzogen werden. In Aufzeichnungen von damals ist der Kontrast zwischen Ghetto und arischer Seite häufig als ein endgültiger, unüberwindbarer, geradezu ontologischer Graben dargestellt. Etwas Bekanntes wird verändert bis zur Unkenntlichkeit. Es dominiert ein bizarrer Eindruck von Fremdheit. Chaim Kaplan hält am 4. November 1940 fest:

Das Aussehen Warschaus hat sich derartig verändert, daß niemand, der die Stadt kannte, sie jetzt noch erkennen würde. […] Aber das Aussehen des jüdischen Warschau hat sich besonders verändert. […] [S]‌eit der jüdische »Wohnbezirk« errichtet wurde, ist das jüdische Warschau eine Stadt für sich geworden, die sich charakteristisch vom arischen Warschau unterscheidet. Jeder, der vom jüdischen Bezirk in den arischen geht, gewinnt den Eindruck, daß er eine neue Stadt betritt, die völlig anders aussieht, ihren eigenen Lebensstil hat und nicht mit ihrem jüdischen Nachbarn gemein hat. (S. 260)

Das Passieren der Wachposten an den Ghettoeingängen und der Übertritt auf die andere Seite der Mauer wurden empfunden wie der Wechsel in eine andere Dimension, in eine andere Wirklichkeit. Leon Guz konnte 1941 nach Mińsk Mazowiecki gelangen. Über seine Eindrücke nach der Durchfahrt durch das Ghettotor schreibt er:

Ich betrachte die Straßen auf der „anderen Seite“ und fühle mich, als wäre ich zum ersten Mal in Warschau. Ich war in einer anderen Welt angelangt. Dabei war das ein mir sehr gut bekannter Teil der Stadt (S. 54).

Bereits im Juli 1941 wird Wanda Lubelska bewusst, dass Warschau in zwei getrennte und einander fremde Welten zerfallen ist, die von der Mauer getrennt werden. Zwei Welten, in denen Menschen, die einander noch vor kurzem nahe waren, nun andere Sprachen zu sprechen scheinen. Sie dankt ihrer Freundin von der anderen Seite für ihren Brief und schreibt zur Antwort:

Geliebte Zeta. Jedes Deiner Worte ist mir, die heute so von Schmerz erfüllt ist, wunderwirkender Balsam für meine Seele. Manchmal scheint es mir, als sprecht „Ihr“ dort in einer Art anderer Sprache, anderen Worten als wir hier (S. 158).

Die alten Kategorien und Parameter von Raum haben sich als ungeeignet erwiesen. Begrifflichkeiten wie „fern – nah“, „dort – hier“ mussten neu definiert ←61 | 62→werden. Sie hatten einen neuen Sinn angenommen. Hier zwei Zeugnisse jener dramatischen Umwertung der räumlichen Kategorien. Eines stammt aus den Aufzeichnungen Franz Blättlers, eines Fahrers der Schweizer Ärztemission, der sich 1942 in Warschau aufhielt. Blättler ist ein Außenstehender, sowohl im Verhältnis zum Besatzer als auch zum besetzten Land. Als Bürger der neutralen Schweiz hat er sich als Freiwilliger für eine Mission des Roten Kreuzes gemeldet. Er distanziert sich von den Deutschen in allem, was er tut, schreibt voller Sympathie und Mitgefühl über die Polen. Mit Mut, scharfem Blick und Wissensdurst beobachtet er das Leben im besetzten Warschau. Er betritt auch das Ghetto und gelangt zum jüdischen Friedhof. So beschreibt er die Fahrt über die Okopowa-Straße zum Friedhofstor:

Ich fahre weiter der Ghettomauer entlang. Nun taucht auch zu meiner Linken eine langgestreckte Ziegelmauer auf, das muss der Judenfriedhof sein. Die Straße ist eingekeilt zwischen den beiden Stätten des Grauens. Für mich „Arier“ bedeutet sie noch körperliche Freiheit, für die Juden zu meiner Rechten und Linken ist sie so nahe und doch nicht erreichbar.55

Das zweite Zeugnis ist die Innenansicht eines Menschen, der die Realien des Ghettos bestens kennt, da er darin lebt. Władysław Szlengel zeigt in seinem Gedicht „Gespräch mit einem Kind“ in künstlerischer Kürze auf, was der Begriff „weit“ im Ghetto bedeutete:

Neunzehnhundertzweiundvierzig das Jahr.

Werkstatt-Block. Mutter und Kind sieht man da …

………………………………………………………

Mutter, sag mir, fragt der Kleine,

was bedeutet: weit

Weit bedeutet hinter den Bergen,

hinter den Flüssen und Wäldern …

………………………………………………………

Wie soll man dem Kind erklären,

was das Wort bedeutet: weit

wenn es nicht weiß, was ein Berg ist,

und auch nichts von Flüssen weiß …

……………………………………………………….

←62 | 63→

Weit, mein liebes Kind

(eine Träne hängt an ihren Wimpern),

weit, das ist von hier, wo wir sind,

bis zum Block von Toebbens5657

2

Was das Aussehen des Bezirks betraf, so wurden verschiedenste Eigentümlichkeiten eingeführt, die nicht nur die bisherige Gestalt des Stadtteils deformierten, sondern auch einen neuen Maßstab erzwangen, eine neue Zeichen- und Werteordnung – eine neue Art, den Raum wahrzunehmen und sich in ihm zu bewegen. Den Bewohnern des Ghettos blieb nichts übrig, als sich schnell an die manchmal schockierenden Veränderungen und beschwerlichen Verunstaltungen zu gewöhnen.

Eine davon waren zweifellos die hölzernen, über die Straßen verlegten Fußgängerbrücken. Diese Art baulicher Lösung wandten die Deutschen zunächst im Ghetto von Łódź und später dann auch in Warschau an. Im Warschauer Ghetto gab es vier solcher Holzbrücken: Ein Fußgängersteg führte von der jüdischen Seite der Żelazna-Straße zu einem Gebäude auf arischer Seite, in dem sich das Arbeitsamt [im Orig. deutsch] der Gemeinde befand (Leszno-Straße 86); die Mitte 1941 errichten Brücken in der Przebieg-Straße (ein kleines Sträßchen zwischen Muranowski-Platz und Bonifraterska-Straße) und in der Mławska-Straße (am nordöstlichen Rand des Ghettos) sowie die größte und bekannteste Überführung über der Chłodna-Straße, die das große mit dem kleinen Ghetto verband. Adam Czerniaków verzeichnet in seinem Tagebuch die einzelnen Phasen ihres Baus. Erbaut wurde sie bei klirrendem Frost: „18.I.1942. Frost. Die Brücke in der Żelazna-Str. ist beinahe fertiggestellt“. Zum Gebrauch freigegeben wurde die Brücke am 26. Januar 1942: „Morgens um 8:30 hielt mich Probst auf der Straße an, bei der Holzbrücke Ecke Chłodna-Żelazna-Str. (jetzt Eisgrubenstrasse und Eisenstrasse), und befahl, die Brücke für die Öffentlichkeit freizugeben. Ich bat darum, keinen Zoll für die Öffentlichkeit einzuführen (Auerswald plant Gebühren).“ (S. 219–221). Sie blieb bis zur Liquidierung des kleinen Ghettos in Betrieb, d.h. bis Mitte August 1942. Im traditionellen Raumerleben symbolisiert die Brücke positive Werte, erlaubt sie es doch, Schluchten oder das ungezähmten Element Wasser zu überqueren, erweitert die Bewegungsmöglichkeiten, schafft ←63 | 64→mehr Komfort – und ist somit ein Zeichen für die Überwindung von Widrigkeiten. Sie verbindet zwei Ufer, zwei Ränder und schafft einen gemeinsamen Raum – einen Raum der Begegnung. Eine Brücke fügt in unserer Vorstellung mehrere Teile zu einem Ganzen zusammen und hilft, Trennendes zu überwinden.

Für die Bewohner des Warschauer Ghettos verlor die Brücke jene Bedeutung. Stattdessen war sie ein spektakulärer Beweis dafür, dass diese Menschen sich in einem absurden räumlichen Arrangement befanden. Die Brücken erinnerten sie an die demütigende Situation des Eingesperrtseins. Sie machten ihnen bewusst, dass jegliche Verbindungen zwischen dem Ghetto und der restlichen Welt durchtrennt werden sollten. Im Ghetto war die Brücke somit – gegenteilig zu ihrer sonstigen Bedeutung – ein Zeichen für Trennung und Freiheitsberaubung. Henryk Makower nennt sie „eine urbanistische Wunde im Antlitz Warschaus“:

Wie viele Male bin ich über die Brücke gegangen – 2 Stockwerke hinauf und 2 hinunter, durch eine hastende, immer dicht gedrängte Menge – […] ich hörte nicht auf, mich zu wundern, dass so etwas möglich ist, dass ich mich daran gewöhnen konnte (S. 175).

Von der Brücke an der Chłodna-Straße sah man den Turm der Hl. Karl-Borromäus-Kirche, umgeben von Baumkronen, und unten den normalen, arischen Straßenverkehr. Die Nähe und zugleich Unerreichbarkeit der gewöhnlichen Welt wurden als Trauma empfunden. So erzählt der jüdische Dichter Josef Kirman seinem Sohn von der Brücke:

Nur mit mir, mit mir allein wolltest du auf die hölzerne Brücke steigen. Fragen über Fragen stelltest Du mir: Wie viele Stockwerke hatte die Brücke? Wie weit war es von der Brücke bis in den Himmel? Durfte man von der Brücke nach unten schauen? […] Als du mich fragtest, ob ich nicht fürchte, dass die Brücke einstürzen könnte, griff ich danach wie nach einem rettenden Strohhalm. Ja, mein Kind, komm schnell weiter. Sie kann einstürzen, sie sollte es sogar … […] So oft ich die Brücke erklimme oder hinabsteige, so oft bitte ich Gott darum, diese hölzerne Brücke möge in ihre Einzelteile zerfallen.58

Die Menschen gehen vom engen, überfüllten, mit Mauern umgebenen Ghetto hinauf auf die Brücke, um den Anblick eines weiten, offenen Raumes in sich aufzunehmen. Von der Brücke über der Przebieg-Straße „erstreckt sich […] der Blick über die Weichsel und Żoliborz. […] [Ü]ber jene freie Welt“ (Ringelblum, Bd. 1, S. 293). Die Brücke an der Chłodna-Straße nennt Jan Mawult ironisch „Seufzerbrücke“:

←64 | 65→

Tausende hängende Köpfe heben sich, begrüßen das Panorama von Chłodna- und Wolska-Straße, die Hallen und den Sächsischen Garten, die Wolkenkratzer am Napoleon-Platz, den Cedergren-Turm an der Zielna-Straße [Sitz der polnischen Tochter der schwedischen Telefongesellschaft Cedergren; Anm. d. Übers.], die Kreuze auf den Kirchtürmen und weit entfernt das Band der Weichsel. Seufzend sinken die Köpfer wieder, die Ghettobrücke – Ponte dei Sospiri (Seufzerbrücke) („Biuletyn ŻIH“ 62, S. 108).

Vom Dach eines Altbaus, der an der Chłodna-Straße in der Nähe der Brücke steht, schaut Mary Berg „auf die Stadt hinter Mauern“ herab und träumt „von der weiten Welt, fernen Ländern, von der Freiheit“ (S. 159).

Eine andere alltäglich gewordene Absonderlichkeit waren das Gedränge und der Lärm auf den Straßen, die jede normale Fortbewegung unmöglich machten59. Das Motiv des Gedränges taucht in vielen Texten auf; das veränderte Aussehen der Straße war bestürzend und verlangte danach, notiert zu werden.

Auf den jüdischen Straßen – ein entsetzlicher Betrieb. Nicht nur der Gehsteig ist voller Menschen, sondern auch die ganze Fahrbahn. Dort hindurchzukommen ist sehr schwer,

schreibt Ringelblum (Bd. 1, S. 186), und bei Marek Stok lesen wir:

Tausende Elendsgestalten, Bettler hausen auf der Straße. […] Sie sind überall. In Hinterhöfen, auf Gehsteigen, vor Mauern und auf der Fahrbahn hockend, sie klagen, schreien, bitten um ein Almosen (Pamiętnik z getta [Tagebuch aus dem Ghetto], S. 40).

Die verstopften Straßen werden zu einem Teil der Alltagserfahrung, an den verstümmelten Raum aber kann sich niemand gewöhnen. Die Straße – so schreibt Stanisław Różycki – „frisst“ Junge und Alte, Männer und Frauen, deklassiert und degradiert alle und jeden:

Ich sehe mich auf der Straße um. Ein ungeheurer Betrieb, ein Gebrodel, Gedränge, Gejammer und Gegreine, Gezanke … Durch die Nadelöhre der einstigen Straßen, durch die schmalen Schläuche, die die beiden großen Teile des Ghettos miteinander verbinden, wälzen sich Tausende Menschen, ergießen sich Wellen von Passanten. Die Gehsteige reichen nicht aus, man muss die Fahrbahn mitnutzen, auf der ebenfalls sehr starker Verkehr herrscht. […] Dreckig, dunkel, beengend, kalt, fremd (Bd. 2, S. 135).

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Aufgrund der enormen Überbevölkerung des Ghettos war die Regelung des Fußgängerverkehrs auf den Straßen eine der wichtigsten Aufgaben des Ordnungsdienstes. Das erwähnt Stanisław Adler; er widmet diesem Thema ein eigenes Unterkapitel in seinem Tagebuch. Besonders neuralgische Punkte in dieser Hinsicht waren die Karmelicka-Straße sowie die Kreuzung Chłodna-/Żelazna-Straße.

Die schmale Karmelicka-Straße stellte bis zum Herbst 1941 die einzige Verbindung zwischen dem nördlichen und südlichen Teil des großen Ghettos dar. So beschreibt sie Makower:

Menschenmassen wälzen sich über den Gehsteig, drängen sich zwischen Rikschen, Straßenbahnen und Wagen auf der Fahrbahn. Es gibt kaum ein Durchkommen, besonders in Zeiten stärkeren Verkehrs wie am Nachmittag oder vor der Polizeistunde (S. 171),

und so Ringelblum in den Notitsn:

Das Zumauern des Straßenabschnitts Przejazd-Nowolipie hat die Situation auf der Karmelicka-Straße unerträglich gemacht. Es ist furchtbar eng dort, ein riesiger Betrieb (S. 141).

Auf der Karmelicka unbeschreibliches Gedränge. Über Gehsteige und auch Fahrbahn [wälzt sich] eine dichte Menschenflut; die Durchfahrt ist unerhört schwierig und zeitraubend (S. 196).

Die Karmelicka macht einen schrecklichen Eindruck. Es ist so dunkel dort, dass einer über den andern fällt (S. 242).

Genannt wurde sie „die Straße von Gibraltar“ oder „Todesschlucht“ (Ringelblum, Bd. 1, S. 217, 175). Auf ihrer gesamten Länge, besonders auf dem Abschnitt zwischen Nowolipie- und Leszno-Straße, wurden die Passanten notorisch geprügelt und malträtiert. Täglich fuhr ein SS-Lastwagen durch die Karmelicka bis zum Pawiak-Gefängnis. „Ein Gestapo-Mann auf dem hinteren Teil des Lastwagens lehnt sich in der engen Karmelicka-Straße hinaus und schlägt mit einer langen Peitsche mit einem Stück Blei am Ende der Schnur auf die Passanten ein“ (Ringelblum, Bd. 1, S. 377). Die Durchfahrten des deutschen „Geisterautos“ schildert Henryk Bryskier und erläutert dabei zugleich das komplizierte Verkehrssystem auf der Karmelicka-Straße:

Auf der geraden Seite der Leszno-Straße gab es auf dem Abschnitt zwischen Przejazd und Żelazna-Straße drei Seitenstraßen, von denen die erste und die dritte durch die Mauer versperrt waren, offen war nur noch die Karmelicka-Straße […]. Der ganze Fahr- und Fußgängerverkehr wurde in diese eine Straße geleitet, wodurch sich ein grässliches Gedränge bildete. Das Vorwärtskommen der ganzen Menschenflut musste zwangsläufig sehr langsam vonstatten gehen; obwohl der Verkehr so geregelt war, dass man auf der geraden Straßenseite von der Leszno- zur Dzielna-Straße gelangte und auf der ←66 | 67→ungeraden in die Gegenrichtung, von der Dzielna- zur Leszno-Straße. Die Straßenmitte war für gewöhnlich von Rikschen und Wagen vollkommen blockiert (BŻIH 67, S. 121).

Die Kreuzung von Chłodna- und Żelazna-Straße, die das kleine mit dem großen Ghetto verband, war stets von massenweise Passanten belagert. Es bildeten sich Staus und Warteschlangen, Möglichkeit, die Fahrbahn zu überqueren, musste man lange warten. Juden, die durch diesen Engpass von einem Teil des Ghettos in den anderen gelangen wollten, waren Schikanen und Schlägen ausgesetzt. Der Durchgang wurde auch „die Dardanellen“ (Ringelblum, Bd. 1, S. 217) oder „bei Skylla und Charybdis“ (Adler, S. 115) genannt. Das Verkehrssystem war hier besonders kompliziert. Durch die Chłodna-Straße, und nach der neuen Grenzziehung im Herbst 1941 auch durch einen Teil der Żelazna-Straße, floss der arische Verkehr. Mal war die eine, mal die andere Straße durch bewegliche eiserne Tore versperrt, die Menschen und Fahrzeuge anhielten oder passieren ließen. In einer poetischen Aufzeichnung von der anderen Seite der Mauer, aus der Feder Miron Białoszewskis, verwandelt sich die ganze eigentümliche Maschinerie in ein biblisches Tor, das das auserwählte Volk – das auf den Durchzug wartet – vom Rest der Welt trennt.

Gegeneinander zugeschlagen

schwingen in metallischem Klagen

das Tor zum Kleinen Ghetto

das Tor zum Großen Ghetto …

Bei der Mauer, hinter Wagen

rollt die Christen-Karawane.

Die Augen ghettowärts gerichtet,

wo das Volk des Melchisedek

auf den Durchzug wartet.

Durch schwarze Galerien von Stäben

die Blicke irrend sich verweben

bis beider Tore

Flügel zueinander streben,

und die Straße schließt sich quer

wie das Rote Meer.60

Die Topographie des geschlossenen Bezirks widersprach jeglichem gesunden Menschenverstand. Die Grenzen trennten das Ghetto nicht nur vom übrigen ←67 | 68→Warschau, sondern waren zudem eine weitere perfide Schikane, eingerichtet zur Plage der jüdischen Bevölkerung. In einem „irren Zickzack“ – wie Stanisław Adler schreibt (S. 34) – verliefen sie mitten durch die Stadt. „Die Straßenausgänge sind verschlossen“, berichtet Wanda Lubelska ihrer Freundin aus dem Stadtteil Żoliborz in einem Brief, „häufig muss man, wenn man nur ein paar Häuser weiter will, einen Umweg außen herum über mehrere Straßen nehmen“ (S. 154). Die durch den Grenzverlauf erzwungenen Verkehrswege innerhalb des Ghettos nahmen manches Mal absurde Form an.

Die Mauern – notiert Chaim Kaplan in seinem Tagebuch – versperrten die bis dahin betriebsamsten Straßen. So wurde zum Beispiel an der Ecke Nowolipki- und Nalewki- Straße eine Mauer errichtet; ein Bewohner der Nalewki-Straße 2 musste nun, um zum Haus Nowolipki-Straße 5 zu gelangen (früher eine Sache von wenigen Schritten), über verschlungene Wege etwa eine halbe Stunde laufen, und zwar über die Nowolipki-, Zamenhof-, Gęsia- bis zur Nalewki-Straße. Genauso verhält es sich bei der Rymarska-, der Leszno- und mehreren weiteren Straßen (BŻIH 50, S. 111–112).

Ein weiteres Beispiel topographischer Verirrung, die den Ablauf des täglichen Lebens der Ghettobewohner störte, gibt Ringelblum:

Am 22. Dezember [1941] wurde es den Juden plötzlich verboten, die Sienna-Straße direct zu verlassen. Es gab nur einen Weg – über die angrenzende Śliska-Straße. Diesen Weg zu nehmen war aber nicht überall möglich, es war vonnöten, einige Häuserwände einzureißen, um auf die Śliska-Straße zu gelangen. Manch einer musste somit durch Maueröffnungen, Keller usw. kriechen (Bd. 1, S. 347).

Das bisher bestehende Stadtbild wurde zerschlagen, die Menschen wurden aus ihrem bekannten, sicheren, eigenen Umfeld hinausgedrängt. Das Ghetto wurde zur Domäne der Entfremdung. Stanisław Różycki schildert seine Verlorenheit im fremden Raum des Ghettos wie folgt:

Ich trete auf die Straße hinaus. Zunächst starre ich alles und alle mit den Augen eines Reisenden aus fernen Landen bei der Besichtigung exotisch und exzentrisch wirkender Stadtteile an. Was ist mit mir geschehen? Ich kenne doch jede Straße hier, fast jedes Haus, jeden zweiten Menschen, und dennoch erkenne ich Straßen und Menschen nicht. Ich weiß nicht, auf welcher Straße ich mich befinde, ich kann den Weg zu meinem Haus nicht finden (Bd. 2, S. 134).

Unentwegt neu errichtete, ausgebaute, versetzte und reparierte Mauern riegelten den beständig kleiner werdenden und die Bewohner beengenden Ghettoraum ab. „[Mauern] wachsen unvermittelt an den verschiedensten Stellen empor, verschließen Straßen“, notiert Marek Stok (Pamiętniki z getta [Tagebücher aus dem Ghetto], S. 27). Mary Berg sagt das Gleiche: „Rote Backsteine türmen sich ←68 | 69→höher und höher auf [….] Von allen Seiten mauert und schließt man uns ein“ (S. 133). Einen Monat vor Beginn der Deportationen ist die Mauer fast fertiggestellt. Chaim Kaplan beschreibt unter dem Datum des 22. Juni 1942 die letzte Etappe der Einmauerung. Damals wird bereits der letzte Abschnitt der zusammenhängenden Mauerlinie errichtet, entlang der Muranowska-Straße, zwischen Bonifraterska- und Pokorna-Straße; wenn jenes Mauerstück gebaut ist, wird die Mauer den jüdischen Bezirk vollständig umschließen. In Kaplans Aufzeichnungen lässt sich eine symbolische Dimension ausmachen. Die Arbeiten enden, als der Mauerring sich endgültig um das Ghetto zusammenzieht wie die Schlinge um den Hals des Verurteilten.

An den Grenzen, die nach dem Plan ihrer Errichter das Ghetto dauerhaft und endgültig vom Rest der Stadt abschneiden sollten, wurden fast ununterbrochen Veränderungen und Korrekturen vorgenommen. Auch das war eine Tortur, der man die Bewohner unterzog – die daher von der ständigen Angst begleitet wurden, dass gerade ihr Haus, ihre Straße oder auch Straßenseite vom Ghetto ausgeschlossen werden würden. Durch die Grenzänderungen wurden Umzüge erzwungen, die für stetige Unruhe sorgten und Menschen samt ihrer Habe von Ort zu Ort ziehen ließen. Bereits am 24. Oktober 1940, also vor der Abriegelung des Ghettos, schrieb Kaplan: „Die Qualen, die mit der Einrichtung des Ghettos einhergehen, sind vielleicht schlimmer als das Ghetto selbst. Stündlich werden bezüglich des einen oder anderen Gebietes Änderungen vorgenommen“ (Buch der Agonie, S. 252).

Im August 1942 wird das kleine Ghetto liquidiert und die Menschen nach Treblinka deportiert oder ans nördliche Ende der Leszno-Straße im großen Ghetto verlegt. Im September, nach der großen Liquidierungsaktion, blieb innerhalb drastisch verengter Grenzen das sogenannte Restghetto übrig, und in ihm ein paar vereinzelte „Shops“ – von Holzzäunen umgrenzte kleine Arbeitslager. Zwischen den Shops erstreckte sich ein verwilderter, wie ausgestorbener Raum, den man nicht betreten durfte. Die ehemals überfüllten Straßen waren jetzt menschenleer. Offene Fensterhöhlen von Wohnungen, in Hinterhöfen und auf Gehsteigen verstreute Habseligkeiten von Deportierten, Federn aus zerrissenem Bettzeug. Leere. Ein Verbot, sich während der Arbeitszeiten auf den Straßen aufzuhalten, wurde erlassen. Auf Passanten wurde ohne Vorwarnung geschossen. Durch das Restghetto bewegten sich nur organisierte Arbeiterkolonnen, Funktionäre des Ordnungsdienstes und Wagen zum Abtransport von Leichen. Doch selbst zu jener Zeit waren die Grenzen, innerhalb derer die Lebenden versammelt worden waren, nicht stabil. Eine Aufzeichnung von Stanisław Sznapman handelt vom Ende des Jahres 1942:

←69 | 70→

Um das Gelände des Shops zu verkleinern, bauen sie eine neue Mauer, gleichzeitig reißen sie die alte ab. Und so geht es immer weiter. Mauerbau, Mauerabriss, Umzüge, Deportationen. Das ist das 20. Jahrhundert (Pamiętniki z getta, S. 142).

Um ein Minimum an notwendigen Verkehrswegen aufrechtzuerhalten, begannen die Ghettobewohner, versteckte Durchgänge zwischen Kellern und Dachböden benachbarter Häuser anzulegen. Das bildete die Grundlage für das Netz von unter- und oberirdischen Geheimwegen, die später während des Ghettoaufstands genutzt wurden. Die Bausubstanz des Ghettos erinnerte mit ihren unzähligen Durchschlupfen, Gängen, Verkehrspfaden auf den unterschiedlichsten Ebenen – von Dächern bis zu Kanälen – an einen Schwamm. Der gleiche Prozess weitete sich während des Warschauer Aufstands 1944 auf das ganze Stadtgebiet aus.

Endgültig vernichtet wurden die Straßen und Häuser im Feuer des Aufstands. Der Raum des Ghettos verlor damals jegliche Merkmale einer wie auch immer gearteten – selbst der irrsten – Ordnung. Er verwandelte sich in ein Chaos aus Schutt und rauchenden Trümmern, unter denen noch lange Zeit in Bunkern verborgenes Leben schwelte.

Der Schutt stellte für die Deutschen jedoch nach wie vor einen großen Wert dar. Man beschloss also, die Brandstätte bis zum Letzten zu nutzen, sie erst danach dem Erdboden gleichzumachen und an der Stelle einen weitläufigen Park anzulegen. Die Topographie des Ghettos wurde somit einer weiteren Metamorphose unterzogen, und der Prozess der räumlichen Zerstörung trat in eine neue Phase ein. Im Sommer 1943 wurde auf den Ruinen ein Konzentrationslager gegründet; dieser Plan wurde von General Stroop in seinem Bericht über die Erstickung des Aufstands erstmals zur Sprache gebracht und von Himmler für gut befunden. Die Häftlinge sollten – wie Stroop schrieb – „die Millionen von Backsteinen, den Eisenschrott und andere Materialien aus[…]bauen, […] sammeln und der Verwertung zu[…]führen“61. Das Gelände des Lagers nahm ein Gebiet ein, das sich entlang fast der gesamten Gęsia-Straße erstreckte, d.h. von Zamenhof- bis Okopowa-Straße. Es reichte vom Gefängnis in der ehemaligen Kaserne der Kronartillerie an der Kreuzung Gęsia-/Zamenhof-Straße (der sog. Gęsiówka) bis zur Mauer des Friedhofs an der Okopowa-Straße. Das Lager wurde zu einem Unterlager von Majdanek; es war (neben Majdanek und ←70 | 71→Plaszów bei Krakau) eines der insgesamt drei Konzentrationslager im Gebiet des Generalgouvernements.

Am 5. August 1944 wurde das Lager auf den Ghettoruinen von Aufständischen des Bataillons „Zośka“ eingenommen. Sie befreiten rund 350 Gefangene – ausländische Juden. Auch Michael Zylberberg befand sich darunter. So beschreibt er seine Wanderschaft durch die befreiten Ruinen des Ghettos im aufständischen Warschau:

Wir betraten das Ghetto über den Krasiński-Platz und gingen weiter durch holprige Gassen, bis wir die Zamenhof-Straße erreichten. Die geradezu fühlbare Stille, der grauenvolle Anblick der Ruinen versetzten sogar meinen Begleiter in Angst und Schrecken. Wir sahen keine lebende Seele. […] Ich suchte nach der Miła-, der Muranowska-, der Nalewki-Straße – alles ein einziger Trümmerhaufen. Die Miła-Straße war im schlimmsten Zustand. Kein Durchkommen. Inmitten der Ruinen ragte das ausgebrannte Skelett des Gebäudes auf, in dem zuletzt der Judenrat seinen Sitz gehabt hatte – Zamenhof-Straße 31. Wir gingen einfach durch das zerstörte Haustor hinein. Das Gebäude, vor dem Krieg ein Militärgefängnis, besaß ein ganzes System von Hinterhöfen. Wir betraten jeden einzelnen von ihnen. Im dritten entdeckten wir etwas, das vom jüdischen Aufstand übriggeblieben sein musste: einen Haufen Knochen und Asche an einer Seite des Hofes. Man konnte sich leicht denken, was sich hier zugetragen hatte (S. 168–169).

Januar 1945 befand Zylberberg sich wieder auf dem Gelände des Ghettos – eine gigantische Grabstätte aus Gesteinstrümmern, die ihm ausgestorbener vorkam als ein Friedhof. Die Substanz der Stadt war endgültig vernichtet worden und zerfiel zu Staub, ohne eine erkennbare Spur ihrer alten Existenz zu hinterlassen.

Ich beschloss, meinen Ausflug in den Stadtteil Praga zu verschieben und stattdessen für mich allein zu den Ruinen des ehemaligen Ghettos zu pilgern. Es war still wie in einem Grab. Das ganze Gelände war von einer dicken Schicht Schnee bedeckt. Sein Weiß, das doch eigentlich ein Symbol der Reinheit sein sollte, erfüllte mich mit Grauen. Unter diesem Weiß wogte ein Meer von unschuldig vergossenem jüdischem Blut. Ich irrte ziellos durch die Ruinen, stieß auf kein einziges Anzeichen dessen, was hier früher existiert hatte. Es war unheimlich und erschreckend. Unversehens fand ich mich an der Stelle wieder, wo einst der Friedhof an der Gęsia-Straße gewesen war. Ein Gefühl der Erleichterung ergriff mich. […] Es schien mir, als seien alle hier beerdigten Menschen, alle, die im Ghetto gewesen waren, zum Leben zurückgekehrt. Auch ich kam wieder zu mir, fühlte mich fast beschwingt, es ging mir hier um einiges besser als zwischen den schweigenden Ruinen. Die Friedhofsmauer war niedergerissen worden wie die Grenze zwischen zwei Welten – zwischen Leben und Tod (S. 211–212).

Die Häuser und Straßen, in denen sich die Menschen des geschlossenen Bezirks bewegten, existieren nicht mehr. Wie unvergleichlich leichter fällt es aber, sich in Gedanken das Bild eines niedergerissenen Altbaus auszumalen, als sich vorzustellen, wie die Menschen von damals jenen abgeschnittenen und für sich ←71 | 72→stehenden Raum empfunden haben mussten. Zu verstehen, dass es eine eigene Semantik des Ghettoraumes gab, ist die Bedingung für eine sinnvolle Antwort auf die Frage: Wo schrieben die Autoren der überlieferten Zeugnisse ihre Texte?

3

Tagebuch über ihr Leben innerhalb der Ghettomauern führten Czerniaków, Kaplan, Levin, in Teilen auch Mary Berg; Ringelblum schrieb seine Notitsn, Korczak seinen Pamiętnik [Tagebuch aus dem Warschauer Ghetto]. Adam Czerniaków, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, schrieb in der Nächten in seiner Wohnung in der Elektoralna-Straße 11 und später, vom 13. Dezember 1941 an, in der Chłodna-Straße 20. Er versuchte, sich möglichst nie von seinen Notizen zu trennen, trug kleine Hefte in schwarzen Wachstuchumschlägen bei sich, in die er laufend mit hastiger und schwer entzifferbarer Schrift die aktuellen Geschehnisse eintrug. Das fünfte dieser Notizhefte, mit Aufzeichnungen vom 14. Dezember 1940 bis zum 22. April 1941, ist verloren gegangen; es wurde dem Autor wahrscheinlich bei seiner Verhaftung im April 1941 von der Gestapo abgenommen. Avrom Levin wohnte in der Mylna-Straße 2, die an dieser Stelle mit der Przejazd-Straße zusammenlief. Entlang der Przejazd-Straße verlief die Grenze. Schaute Levin beim Schreiben aus dem Fenster, sah er die Mauer – und in der Mauer ein Loch, durch das Schmuggler Säcke schoben. Dieses Loch wurde in schöner Regelmäßigkeit zugemauert und ebenso regelmäßig mit großem Fleiß wieder in die Mauer gehauen. Emanuel Ringelblum hörte draußen vor dem Fenster seiner Wohnung in der Leszno-Straße 18 vor Hunger schreiende Kinder. In Henryka Lazertównas Wohnung drang durch die Fenster der unablässige Tumult des Ghettos. „Die Straße. Auch jetzt, wo ich an Dich schreibe, ist sie mit mir hier im Raum“, gab sie ihre Eindrücke in einem Brief an Roman Kołoniecki weiter, skizzierte eine ganze Galerie singender, klagender, vor Hunger stöhnender Bettler. Auffallend an diesem Bild ist die nahezu aggressive Gegenwart der lärmenden, schreienden Straße im Zimmer der Schreibenden, das Gefühl der Einkesselung und zugleich Durchdringung.

Das Zuhause war ein fester Punkt im Ghettoraum, mit dem die Situation des Schreibens verknüpft wurde. Obwohl die Realität alles bisher Erlebte überstieg, schienen die Bedingungen, unter denen es festgehalten wurde, doch – sozusagen – traditionell, geradezu klassisch: Der Tagebuchschreiber kommt nach einem Tag voller Eindrücke von der Straße in seine Wohnung und schreibt auf, was er gesehen und gehört hat.

Hunderte Juden geprügelt und verletzt, Dutzende ermordet – das ist die Ernte nur eines Tages. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, ich komme eben von dort zurück und ←72 | 73→kann mich kaum beruhigen! In so einem Seelenzustand fällt es schwer, zur Ruhe zu kommen, die Feder zur Hand zu nehmen,

notiert Chaim Kaplan am 2.5.1940 (BŻIH 50, S. 107). Haus und Straße sind die beiden grundlegenden Gemeinschaftsbereiche des Ghettos. Die Straße ist ein öffentlicher Raum, in dem sich das Leben des Bezirks konzentriert, ein Ort des Waren- und Informationsaustauschs, eine Arena der aktuellen Ereignisse. Das Haus ist ein privater Raum, der bis zu einer bestimmten Zeit noch die Illusion eines geschützten Bereichs und eine Art imitierte Privatsphäre bieten kann62. Seit Beginn der Besatzung wurden die Juden selbst in ihren Häusern von den Deutschen verfolgt und ungestraft ausgeraubt. Zudem mussten sie, aufgrund der Überbevölkerung im Ghetto, die beschwerliche Anwesenheit von Untermietern ertragen. Daher waren sie selbst in ihren Wohnungen selten wirklich „bei sich zu Hause“.

Das Schreiben fand demzufolge in einer beständig schrumpfenden und fortwährend gestörten Privatsphäre statt. Auch lässt sich die häusliche Situation der Schreibenden kaum als stabil bezeichnen. Ständig drohte der Umzug. Bei einem Wohnungswechsel veränderte sich die nächste Umgebung. Ein anderes Haus, andere Zimmer, ein anderer Blick aus dem Fenster. Andere Möbel, meistens von fremden Menschen. Unter diesen Bedingungen fiel es schwer, die Distanz eines Beobachters, der von einem festen Punkt aus den Strom der Ereignisse an sich vorbeiziehen lässt, herzustellen und aufrechtzuerhalten. Die Realität vor dem Fenster gestattete keine passive Beobachtung, sie drang auch in die intimsten Bereiche ein, während die Aufenthaltsorte der Schreibenden in immer rascherer Folge wechselten und zunehmend flüchtig und zufällig wurden.

Korczak schrieb sein Tagebuch noch an nur einem Ort: im Dom Sierot, dem Haus der Waisen, das sich damals im Gebäude der Gesellschaft der Handelsarbeiter in der Sienna-Straße 16, Ecke Śliska-Straße 9 befand – was wohlgemerkt bereits die dritte Adresse war. Vom Altbau in der Krochmalna-Straße 92, der 1912 eigens für das Haus der Waisen errichtet worden war, mussten die ←73 | 74→Heimbewohner im November 1940 in den Stadtteil hinter die Mauer umziehen, in das Gebäude der Roesler-Handelsschule an der Chłodna-Straße 33. Im Oktober 1941 folgte dann der Umzug von der Chłodna- in die Śliska-Straße. Und im August 1942 von der Śliska-Straße nach Treblinka.

Korczak schrieb überwiegend nachts: „In dieser nächtlichen Stille (es ist zehn Uhr) will ich den heutigen Tag überdenken, einen – wie ich schon sagte – arbeitsreichen Tag“ (S. 53) – hinter einem Paravent, der seinen Schlafbereich vom Schlafsaal der Kinder trennte, umgeben von den Seufzern der Schlafenden und dem Geräusch hallender Schüsse auf den Straßen:

Zehn Uhr. Schüsse: zwei, mehrere, zwei, einer, mehrere. Vielleicht ist ausgerechnet mein Fenster schlecht verdunkelt.

Aber ich unterbreche meine Notizen nicht.

Im Gegenteil: lebendiger (ein einzelner Schuß) werden die Gedanken. (S. 107)

Er war bei sich im Zimmer, hatte einen schreibbereiten, mit Tinte gefüllten Federhalter, Papier und eine Karbidlampe, die hin und wieder erlosch und das Schreiben unmöglich machte: „Moszek hat wieder zu wenig Karbid nachgefüllt. Die Lampe verlischt. Ich muss unterbrechen. (S. 34).“ Auch hatte er etwas Spiritus, mit dem er sich stärken konnte: „Fünf Gläschen Spiritus, halb und halb mit heißem Wasser, bringen mich in Stimmung“ (S. 52).

Mit jener Szenerie des nächtlichen Schreibens schuf Korczak sich, selbst wenige Tage vor dem Gang zum Umschlagplatz, ein Asyl der Ruhe und Sicherheit:

So still ist es hier und so sicher. Ja, sogar sicher – denn ich glaube nicht, daß Besuch von draußen kommt. Gewiß, es könnte so ein Besuch kommen, wie zum Beispiel eine Feuersbrunst, ein Luftangriff, ein über meinem Kopf herabstürzender Verputz. Aber schon allein der Ausdruck „Gefühl der Sicherheit“ beweist, daß ich mich subjektiv wie der Bewohner eines weit abgelegenen Hinterlandes fühle. Wer die „Front“ nicht kennt, kann das nicht verstehen.

Ich fühle mich wohl und will lange schreiben, bis zum letzten Tropfen Tinte in meinem Federhalter (S. 54).

Die Deportation zerschlug endgültig jeden Anschein von Stabilität, riss alle aus ihrer bisherigen Umgebungen. Levin fand sich in der Gęsia-Straße 30 wieder, im Shop der OBW (Ostdeutsche Bautischlerei-Werkstätte, Produktion von Möbeln und Truhen). Die Arbeiter des Shops waren in Wohnblocks an der Miła-Straße untergebracht. Im Gebiet zwischen Gęsia- und Miła-Straße führte Levin weiterhin Tagebuch. Ringelblum war formal in Hallmanns Tischler-Shop an der Nowolipki-Straße 68 eingetragen. Dort führte er seine Dokumentationsarbeit über das Ghetto weiter, hielt seine Notitsn fest. Und dort wurde auch das Ghettoarchiv ←74 | 75→vergraben. Leizor [Leizer, Lejzor] Czarnobroda, der wie alle bei der Großaktion verfolgt wurde, beschreibt seine Situation in seinem Tagebuch so:

Ich schreibe in der Fabrik, versteckt in einer Ecke, an dem einzigen Ort, wo wir noch bleiben dürfen. […] Ich weiß nicht, ob ich überleben werde. Höchstwahrscheinlich erklingt hier schon eine Stimme aus dem Grab. Ein Pogrom ist im Gange. […] Ich schreibe nur unter Schwierigkeiten (Archiwum Ringelbluma, S. 112–113).

Der Aufstand trieb diejenigen, die noch im Ghetto geblieben waren, unter die Erde: in Keller, Bunker, in Höhlen, die sie sich in den Trümmern gruben. Menschen versteckten sich zusammengepfercht zwischen den aufgeheizten Kellerwänden brennender Häuser. Über sich hörten sie Schüsse hallen und die Schritte der die Trümmer durchsuchenden Deutschen.

Im Archiv des Jüdischen Historischen Instituts befindet sich unter der Signatur 39 in der Gruppe „Pamiętniki“ [Erinnerungen] ein ungewöhnliches Dokument: die Photokopie von 15 herausgerissenen Schulheftseiten, bedeckt mit winzig kleiner Schrift. Die grammatischen Formen verraten, dass die Niederschrift von einer Frau stammen muss [im Polnischen lässt sich an den Verben in der Vergangenheit und an den Adjektiven die Geschlechtszugehörigkeit des/der Schreibenden erkennen; Anm. d. Übers.]. Darüber hinaus ist nichts bekannt. Jene paar Seiten sind Teil eines weitaus größeren Ganzen, weisen sie doch die Seitenzahlen 319–334 auf. Eine Anmerkung auf Seite 322 lautet: „Im Versteck. 23/IV [1943]“. Der Text muss somit während des Aufstands in irgendeinem Bunker entstanden sein. Unter dem Datum „27/IV“ deckt die Verfasserin die Umstände ihres Schreibens auf:

Mein Schreiben ist nun ungeordnet, da ich nur schreibe, wenn ich Licht habe – ich lebe schließlich jetzt überwiegend in der Dunkelheit des Kellers –, und wenn ich meine herumwirbelnden Gedanken einigermaßen fassen kann (S. 8).

Die Aufzeichnungen wurden laufend geführt, bis zur letzten Minute, bis der Bunker entdeckt wurde. Dann reißt das Tagebuch mitten im Satz ab, mitten in einer panischen Notiz, die das Entsetzen über die Entdeckung des Verstecks und die Geräusche der eindringenden Deutschen beschreibt. Der Rest der Seite ist leer. Das Heft gelangte vom brennenden Ghetto nach Majdanek, wo seine Reste gefunden wurden.

Etwas mehr wissen wir über eine Autorin namens Stefa („Pamiętniki“, Sign. 180), die sich während der Aufständischenkämpfe in einem Bunker an der Wołyńska-Straße 6 und in den Trümmern ringsum versteckt hielt. In ihrem Manuskript finden sich zwei Daten: der 6. Mai 1943 und der 13. Mai 1943. Die Aufzeichnungen brechen Ende Mai 1943 ab; Stefas weiteres Schicksal ist nicht bekannt. Wo der Text genau entstand, lässt sich nicht endgültig festlegen. ←75 | 76→Vielleicht zum Teil im Bunker und zum Teil auf der arischen Seite Warschaus, falls es der Verfasserin gelungen sein sollte, dem Ghetto zu entkommen? Ihre Aufzeichnungen enthalten Korrekturen in einer anderen Tinte und wahrscheinlich auch anderen Handschrift. Es bleibt die Frage: Wer hat sie korrigiert und unter welchen Umständen? Konnte Stefa den Mauern lebend entkommen, oder haben nur ihre Notizen überlebt? Vielleicht war die Szenerie, in der sie schrieb, der überfüllte Bunker an der Wołyńska-Straße, vielleicht war es auch das Versteck in den Trümmern unter dem Wellblech eines eingestürzten Daches, wo sie lange Stunden verbrachte. Ferner wissen wir nicht, ob der unbekannte Autor, der seinen Text wie folgt betitelte: „W nocy na dzień 18.V śmiertelna cisza ulicy“ [In der Nacht zum 18.5. Todesstille auf den Straßen] („Pamiętniki“, Sign. 228) und sich dabei im Datum irrte – es handelte sich nämlich um den April, nicht Mai – seine Aufzeichnungen wirklich im Versteck in der Zamenhof-Straße 35 anfertigte, wo er sich während der 23 Tage des Aufstands verbarg. Wir wissen nur, dass er gefasst und auf den Umschlagplatz gebracht wurde. Der Text reißt mitten in der Beschreibung der sich dort ereignenden makabren Szenen ab. Hier verliert sich auch die Spur des Autors. Was bleibt, sind nur die beschriebenen Blätter Papier.

An der materiellen Substanz des Ghettos, und auch an dessen Bewohnern, vollzog sich eine langsame Degradierung, die bis zur völligen Vernichtung ging. Menschen und ihre Orte wurden ausgelöscht. Die Zerstörung des Raumes verlief etappenweise, analog zu den Etappen der Vernichtung der Bevölkerung, die ihn bewohnte. Zunächst erfolgte eine Verdichtung, dann die Zerschlagung der bisherigen Strukturen, darauf die schrittweise Zerbröselung, Ausdünnung. Indem man die alte Ordnung in ein Chaos verkehrte, wurde alles, was bis dahin beständig war, hinweggefegt von einem Element der Unbeständigkeit – bis schließlich der Moment der völligen Vernichtung gekommen war63.

Die jenem Prozess übergeordnete Typologie der Situation und der Umstände des Schreibens im Ghetto enthüllt eine charakteristische Entwicklungsrichtung: vom Schreibtisch in der eigenen Wohnung über ein improvisiertes Eckchen in einem fremden, überfüllten, zu irgendeinem Shop gehörenden Zimmer ←76 | 77→bis hin zu zufälligen Schlupfwinkeln oder sorgsam vorbereiteten Bunkern. Die Richtung ist deutlich erkennbar – ein Weg nach unten, unter die Erde. Das Leben mit seiner Domäne des offenen Raums führt auf den Tod zu, auf das, was in der Erde vergraben liegt. Somit befindet sich das Schreiben in direkter Nachbarschaft zum Tod. Diese Nähe ist sowohl im übertragenen Sinn zu verstehen, schwebt doch der Schreibende in ständiger Todesgefahr, als auch im wörtlichen Sinne als unmittelbare Nachbarschaft. Dr. Izrael Milejkowski weist den Friedhof als den Ort aus, an dem seine wissenschaftliche Abhandlung über die Hungerkrankheit entstand. Die Umstände des Schreibens nehmen in diesem Moment eine symbolische Dimension an:

Eine charakteristische Besonderheit darf nicht außer Acht gelassen werden: Die Anordnung und Beschreibung des Forschungsmaterials geht in einem der Friedhofsgebäude vor sich – was symbolisch für den Hintergrund und die Bedingungen stehen mag, unter denen wir leben und arbeiten (S. 99).

4

Im Versteck auf der arischen Seite schrieb, wer den Mauern glücklich entkommen war. Die Grenze sollte, außer in wenigen streng reglementierten Ausnahmesituationen, für die Ghettobewohner unübertretbar sein. Dennoch wurde sie immer wieder überschritten. Die Berührung der beiden Räume – des arischen und des Ghettoraumes – schuf eine eigene Zone, die weder zu der einen noch zu der anderen Seite gehörte. Das waren Knotenpunkte, Übergangsorte – im wörtlichsten wie auch zutiefst metaphysischen Sinn des Wortes „Übergang“.

Sämtliche Flüchtlinge und Deportierte, die im geschlossenen Bezirk eintrafen, mussten die „Schwelle zum Ghetto“ überschreiten – das heißt, eine Quarantäne in der Leszno-Straße 109 durchlaufen, in unmittelbarer Nähe zur Mauer. „Die Quarantänestation Leszno 109 stellt die Schwelle zum Ghetto dar. Alles, was ins jüdische Warschau hinein- oder hinausgeht, durchläuft diese Institution“, lesen wir im anonymen Bericht eines Mitarbeiters der Station (Ring I, 143, S. 2). Das Gebäude Leszno-Straße 109 wurde zum Tor, durch das die Juden, noch voller Glauben und Hoffnung, in eine unbekannte Welt eintraten. Sein Eintreffen in der Quarantänestation beschreibt ein unbekannter Autor, der von Jeziorna bei Warschau hergebracht worden war:

Allein der Anblick des modernen Gebäudes, das vor uns aus dem nächtlichen Dunkel auftaucht, weckt in uns die Hoffnung, dass uns dort, hinter dieser Tür, ein guter Empfang erwarten möge, wenigstens ein warmes Wort zur Begrüßung (Ring I, 22, S. 1).

Die Mauer trennte Welten und wurde damit sozusagen zu einer eigenen Welt; die Durchlässe im Mauerwerk und die an ihnen hängenden menschlichen ←77 | 78→Schicksale bilden eine eigene Geschichte. Durch jene Spalten der Existenz ging der Schmuggel vonstatten. Mojżesz Passenstein – der Autor einer im Versteck auf arischer Seite verfassten Abhandlung über den Schmuggel im Warschauer Ghetto – beschreibt die Gestalt jener Löcher genau:

Geschmuggelt wird durch Öffnungen, die direkt am Boden in die Mauer geschlagen und oftmals noch durch Aushöhlung des Bodens vertieft werden. […] Öffnungen mit einem Durchmesser von einem halben Meter, die häufig mit lose aufeinandergeschichteten Ziegelsteinen und Erde getarnt wurden, waren bei den Schmugglern besonders beliebt. […] Die Hauptöffnungen – hinsichtlich der Intensität des Warenverkehrs – befanden sich bei der Zegarmistrzowska- […], der Przejazd- (Mostowski-Palast) und der Leszno-Straße (Post, Finanzministerium) (S. 47).

Die Mauer selbst war trotz allem (vor allem während des Aufstands und in der Zeit danach) nur selten die Übergangsstelle zur arischen Seite. Über die Mauer bei der Bonifraterska-Straße entkamen Leon Najberg, der später in Żoliborz seine Erinnerungen aufschrieb, und seine Gefährten.

Der offizielle Weg, das ummauerte Gebiet zu verlassen, führte an den Wachposten bei den Eingängen vorbei. Schmuggelnde Kinder stahlen sich dort hinaus auf die andere Seite, wenn der Gendarm nicht hinsah oder ihnen eine besondere Gnade erwies. An diesen Stellen ging der große Schmuggel vonstatten; unter Mithilfe von bestochenen Gendarmen und Polizisten verkehrten Transportfahrzeuge und Lastwagen. Bei den Ghettoeingängen fand auch „Menschenschmuggel“ statt.

Polen wollten ins Ghetto eingelassen werden – schreibt Passenstein –, um dort industrielle Artikel zu kaufen und sie auf die arische Seite zu exportieren. Juden wiederum wollten das Ghetto verlassen, um für immer oder auch für kurze Zeit auf die arische Seite zu gelangen; im letzteren Fall, um ihre Waren zu verkaufen oder Produkte fürs Ghetto einzukaufen. Der Menschenverkehr fand nach Einbruch der Dunkelheit statt, wenn semitische Gesichtszüge den Deutschen nicht so ins Auge sprangen und Juden keine Erpressung durch „szmalcownicy“ [„Schmalzowniks“; Menschen, die Juden Geld dafür abpressten, sie nicht an die Deutschen zu verraten; Anm. d. Übers.] zu befürchten hatten, die hinter den Ausgängen auf „koty“ [„Katzen“, also Juden64] lauerten. […] An manchen Ghettoausgängen, besonders bei der Okopowa- und bei der Leszno-Straße, umfasste dieser Verkehr [bis zur Großaktion] mehrere Hundert Personen täglich (S. 59).

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Zusammen mit der täglichen Kolonne „placówkarze“ – Arbeiter, deren Arbeitsstellen außerhalb des Ghettos lagen – verließ das Ghetto, wer in der Lage war, sich auf arischer Seite zu verstecken. So gelangten viele hinaus, besonders zwischen den Liquidierungsaktionen im Juli [1942] und im Januar [1943]. Ende Januar 1943 versuchte Henryk Makower gemeinsam mit seiner Frau und anderen Flüchtenden mit einem Lastwagen an einem bestochenen Wachposten an der Dzika-Straße, gleich beim Umschlagplatz, vorbeizukommen. Die Eskapade misslang jedoch, und die Makowers entgingen nur durch ein Wunder dem Tod. Der zweite Versuch am nächsten Tag glückte dann; das Ehepaar gelangte in einem Lastwagen versteckt an dem Wachposten vorbei und suchte einen Unterschlupf in Miłosna bei Warschau auf.

Einen außergewöhnlichen Grenzpunkt stellte das Gerichtsgebäude der Sądy Grodzkie [„Städtisches Gericht“; Anm. d. Übers.] zwischen Leszno- und Ogrodowa-Straße dar. Es hatte zwei Eingänge: einen auf Ghettoseite an der Leszno 53/55, den anderen auf arischer Seite an der Ogrodowa 12/14 durch den arischen Korridor der Biała-Straße, welche die arische Seite der Chłodna-Straße mit dem Gerichtsgebäude verband. Die komplizierte Topographie des Ghettos sorgte dafür, dass jenes Gebäude zu einer Art exterritorialem Gebiet wurde. Dort konnten sich – natürlich illegal – Menschen von beiden Seiten der Mauer treffen. Durch das Gerichtsgebäude erfolgte der Übergang vom Ghetto auf die arische Seite, und umgekehrt – von der arischen Seite ins Ghetto65.

Schreibt man über Orte des Übergangs, darf man den Umschlagplatz nicht vergessen. Das Tor des „Umschlag“ [ugs. Abkürzung für Umschlagplatz; Anm. d. Übers.] führte zu den Waggons nach Treblinka. Das war die Endstation. Vom Umschlagplatz in Stawki zu entkommen glückte nicht vielen: Manche Menschen ←79 | 80→wurden freigekauft, in Sanitäterkleidung oder auf Leichenwagen herausgeschmuggelt, andere stiegen in die Waggons und sprangen später ab. Im April 1943 sprang Marian Berland aus einem fahrenden Zug, nachdem er während des Ghettoaufstands aus einem Bunker gezerrt worden und auf dem Umschlagplatz für den Transport nach Majdanek abgefertigt worden war. Berland kehrte nach Warschau zurück und notierte in einem Versteck auf der arischen Seite seine Erinnerungen. Auch die aus Treblinka geflohenen Menschen strebten nach Warschau. Die Geschichte eines solchen Flüchtlings hält Samuel Puterman in seinem Tagebuch fest (S. 254–258), und Avrom Levin notiert unter dem Datum „21. September, Tag des Gerichts (1942)“:

In unseren Shop kam ein Jude zurück, den man drei Wochen zuvor mitgenommen hatte, er hatte 9 oder 11 Tage lang in Treblinka als Totengräber gearbeitet, war von dort in einem Waggon geflüchtet, mit dem die Kleidung der Ermordeten abtransportiert wurde. Er erzählt grauenvolle, erschütternde Geschichten (BŻIH 22, S. 104).

Die Berichte der Flüchtlinge aus Treblinka wurden im Ringelblum-Archiv deponiert66.

Um auf die arische Seite zu gelangen, musste man manche Grenzen überwinden – Grenzen aus Ziegelsteinen und Stacheldraht und Grenzen aus Angst und Hass. Zusätzlich gab es schwer zu meisternde Barrieren: die nötigen Geldmittel, ein Netz von Bekanntschaften auf der anderen Seite, „das richtige Aussehen“ … Nicht für alle Ghettobewohner bot die Seite außerhalb der Mauer eine Chance für Flucht und Rettung. Viele schlossen von vornherein die Möglichkeit eines Wechsels auf die andere Seite aus, sahen sie dort doch keinerlei ←80 | 81→Überlebenschancen für sich. Und von denjenigen, die sich für eine Flucht entschieden, kehrten doch viele ins Ghetto zurück – ohne Geld, ohne Habe und jeglicher Illusionen beraubt, dass hinter der Mauer die Rettung für sie liege. Die arische Seite war eine andere Welt, gewebt aus Träumen, Ängsten und Hoffnungen. Schnell stellte sich heraus, dass jene Welt, die so ganz anders war als die Ghettowelt, ebenfalls Grausamkeit und Gefahren barg. Verbissen um sein Leben kämpfen musste man hüben wie drüben.

Adressen von Verstecken auf arischer Seite gab es verschiedene, von vielen werden wir nie erfahren. Zahlreiche Autoren der erhaltenen Texte fanden Schlupfwinkel im Stadtteil Praga jenseits der Weichsel. Henryk Bryskier kam nach seiner Flucht aus Majdanek nach Warschau zurück und verbarg sich zunächst in der Wohnung des Ehepaars Kanigórski an der Chełmska-Straße. Im Mai 1944 musste er, da er erpresst wurde, nach Praga übersiedeln. Auf dem Dachboden eines bis heute erhaltenen Altbaus in der Targowa-Straße 64 versteckte sich Leon Guz. Marek Stok fand Unterschlupf bei Herrn und Frau Koper in der Ratuszowa-Straße 6/3. So beschreibt er die Umstände, unter denen sein Text entstand: „Geschrieben wurde er im Frühsommer 44 in einer kleinen 2-Zimmerwohnung in Praga, in der 12 Personen aus der jüdischen Intelligenz gemeldet waren“ („Pamiętniki“, Sign. 228, S. 32). Die Adressen Jakub oder Karol Rotgebers in Praga können wir uns nur denken. „Aus dem Fenster meines Wohnsitzes jenseits der Weichsel sieht man den Feuerschein des brennenden Ghettos“, schrieb Rotgeber (S. 39). In einem Haus im Stadtteil Saska Kępa, ebenfalls mit Blick auf das in Flammen stehende Ghetto, versteckte sich Stanisław Adler; später zog er auf den Dachboden einer Villa in Anin. Adolf und Barbara Berman wohnten im Stadtteil Żoliborz bei Irena Kurowska. In Żoliborz versteckte sich auch Leon Najman, und Marian Berland in einem Zimmer in der Sienna-Straße. Calel Perechodnik lebte bei Frau Hela, in einem Raum neben ihrem Laden, dessen Tür direkt auf die Pańska-Straße führte. Man weiß nicht, in welchem Teil Warschaus sich der Dachboden befand, auf dem ein unbekannter Autor diese Worte notierte:

Ich wohne zur Zeit auf dem Dachboden eines Hauses. Mein Tisch ist der Boden eines umgedrehten Kübels, mein Stuhl ein kleines Schränkchen. Ich schreibe hastig, mit dem Gedanken, dass diese Blätter sich irgendwann in einem befreiten Warschau wiederfinden werden (Pamiętniki z getta, S. 199).

Stefan Ernest beendete sein Tagebuch mit einem Vermerk zu Ort und Zeit: „Deutscher Bezirk. Kellerloch, Mai 1943“. Früher beschreibt er nicht nur die Bedingungen, in denen er verharren musste, sondern auch die charakteristische Schreibsituation:

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Ich sitze […] im Souterrain, fast gänzlich isoliert von der Außenwelt. Mein Manuskript schreibe ich mit dem Bleistift, habe ich mich doch gerade gestern auf der Straße mit meinem Füllfederhalter von einem Spitzel freigekauft, der meine jüdische Herkunft erraten hatte – ganz simpel und blödsinnig an der Ecke Wilcza- und Poznańska-Straße („Pamiętniki“, Sign. 195, S. 6).

Der Autor, dem sein Füller in einem brenzligen Moment das Leben gerettet hat, schreibt nun mit einem Bleistift die Fortsetzung seines Überlebenskampfes weiter. Der Text endet mit der Beschreibung seines Verstecks – des Ortes, an dem sich die letzte Spur von ihm verliert:

Ich verstecke mich in einem Kellerloch, ohne frische Luft, ohne genügende und regelmäßige Ernährung, ohne ausreichende Kanalisationsanlagen, ohne den Hinblick auf irgendwelche Veränderungen in diesem Zustand des Dahinvegetierens, in dem jede überlebte Stunde mit Gold aufgewogen werden muss („Pamiętniki“, Sign. 195, „Posłowie“ [Nachwort]).

Das Schicksal eines Juden auf arischer Seite hing von einer ganzen Kette engagierter Menschen ab, die für sein Versteck und für seine Unterstützung sorgten. Der Alltag in der Besatzungszeit war ein Zustand stetiger Bedrohung für Retter und Schützlinge. Gefahr lauerte überall, vor allem jedoch ging sie von den nächsten Mitmenschen aus – von Nachbarn, Hausmeistern, Passanten auf der Straße, Verkäufern in Geschäften. Gefährlich waren die alltäglichsten Verrichtungen – das Hinaufsteigen der Treppe zur Wohnung, die Fahrt in der Straßenbahn, der Einkauf (es gab die Regel, dass man möglichst nie zu viele Nahrungsmittel an ein- und demselben Ort kaufen sollte). Die Deutschen standen im Grunde außerhalb der Gefahrenzone; sie waren die fremden und rücksichtslosen Vollstrecker eines grausamen Schicksals. Mit dem Schicksal gespielt wurde hauptsächlich unter den unmittelbaren Mitmenschen. Am häufigsten musste man sich vor Nachbarn verstecken, am häufigsten musste man vor Seinesgleichen Ausflüchte machen, Spuren verwischen, Irrfährten legen.

In manche Texte sickert, zusammen mit manchmal winzig kleinen situativen Realien, die Atmosphäre ihres Schreibens ein:

Klopft jemand, lasse ich das Schreiben sofort sein, damit man das Kratzen der Feder nicht hört […]. Schon ist es dunkel, und ich kann nicht weiterschreiben, denn Licht darf ich keines machen (Jakub, S. 164, 135).

[…] [I]‌n diesem Moment, während ich schreibe, höre ich deutlich ein Geschoss detonieren (Rotgeber, S. 55).

Beim Schreiben dieses Tagebuchs bin ich mir nicht sicher, ob ich irgendwann meinen Bekannten werde zeigen können, denn auf der einen Seite besteht jederzeit die Gefahr, dass hier ein Schrapnell eindringt und mein ganzes Versteck zerstört, und auf der anderen Seite könnten die Deutschen mich erwischen (Fogelman, S. 107).

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Unerträglich war auch die Situation des Eingesperrtseins. Wer sich versteckte und sich trotzdem frei in der Stadt bewegen, sogar arbeiten konnte, galt als Glückspilz. Das Eingeschlossensein und die erzwungene Untätigkeit waren für viele ein direkter Impuls zum Schreiben.

Jakub versteckte sich von Mai 1943 bis August 1944 in Praga, in einem feucht-muffigen Kämmerchen im Hinterhaus seiner engen Bekannten Julia Rogowińska. In seinem Tagebuch klagt er wiederholt über die Qual der freiwilligen Gefangenschaft, des Bewegungsmangels, der Monotonie und Einsamkeit. Das Warten und die Langeweile setzen ihm beinahe körperlich zu, „zwicken ihn in die Fersen“.

Was soll ich tun, Verzweiflung packt mich […]. Wie ich die beneide, die schon im Grab liegen […]. Man muss mich verstehen, ich lechze nach der offenen Straße und nach Luft (S. 130).

Um die Zeit herumzubringen, beginnt er zu schreiben:

[…] ich schreibe ein wenig, damit die Zeit schneller zum Teufel geht, und unter anderem habe ich ein Gedicht gemacht (S. 120).

Ich schreibe diese Gedichte aus Langeweile, habe ich doch nichts anderes zu tun (S. 124).

Ich muss etwas schreiben, wenn ich anderes zu tun hätte, [würde] ich dieses widerwärtige Schreiben gewiss bleiben lassen […]. Schreiben tue ich nur aus Langeweile (S. 335).

Je mehr Seiten er aber zu Papier dringt, desto deutlicher entsteht in ihm ein Bewusstsein für die tiefere Bedeutung dessen, was er tut. Er erkennt nach und nach den Wert seines persönlichen Zeugenberichts.

Seine Langeweile erwähnt mehrmals auch Dawid Fogelman, der sich nach dem gescheiterten Warschauer Aufstand in einem Bunker in der Szczęśliwa-Straße 5 versteckt:

Da ich hier den ganzen Tag in der Grotte sitze, bin ich jetzt aus Langeweile dazu gezwungen, meine Erlebnisse aufzuschreiben; vielleicht sind sie ja irgendwann zu etwas nütze (S. 107).

Wieder ist Langeweile eingekehrt. Ich fange an, Tagebuch zu schreiben, obwohl ich nur eine Grundschulbildung besitze und die Handwerksschule abgeschlossen habe (S. 137).

Für den Entflohenen, der irgendwo auf der arischen Seite an einem Ort festsitzt, bekommt das Zeitempfinden einen neuen, anderen Wert als im Ghetto. Es ist ein Zuviel an Zeit, beschwerlich wie eine untragbare Last. Der Mensch wird zum Gefangenen seiner unausgefüllten Zeit. Er ist zur zwangsläufigen Untätigkeit verurteilt; ohne Wissen um den genauen Tag und die genaue Uhrzeit wird er zum passiven Zeugen der verstreichenden Minuten. Das Einzige, was er tun kann, ist warten. Diese Haltung weckt seine Hoffnung und verstärkt zugleich die ←83 | 84→Angst und Einsamkeit. Die Zeit erweist sich für die aus dem Lebensrhythmus des Ghettos herausgerissenen Geflüchteten als neue Herausforderung. Manch einer empfindet das als weitere Folter, anderen gelingt es, eine Chance darin zu sehen.

Eine der Methoden, mit dem Übermaß an Zeit umzugehen, ist das Schreiben. Manche Schreibenden – wie Fogelman oder Jakub – betrachten es anfangs als einfache Flucht vor der Langeweile und nehmen erst später seinen eigenständigen Wert wahr. Für andere – wie Marian Berland, Leon Najberg, Karol Rotgeber, Stefan Ernest, Ludwik Hirszfeld, Henryk Makower – stellt das Schreiben von Anfang an eine der wichtigsten Tätigkeiten dar, die der Existenz im Versteck irgendeinen Sinn verleihen. Die meisten von ihnen entdecken den Impuls, Aufzeichnungen anzufertigen, in sich selbst. Anders ist es bei Berland. Zum Schreiben regen ihn seine Beschützer an: Jan Wesołowski und Basia Bermanowa. Die einzelnen Hefte seines Tagebuchs gab der Verfasser sukzessive an das Untergrundarchiv weiter, das er „Komitee“ nannte. Die Anregung verinnerlichte er allerdings sogleich; das Schreiben wurde ihm zum tiefsten seelischen Bedürfnis:

Ereignisse, Erinnerungen und Bilder fließen in einem Strom zu Papier, und schon nach wenigen Tagen ist das erste Heft gefüllt und bereit zur Übergabe an Frau Basia. Das Schreiben gibt mir Befriedigung, es scheint mir, dass auch ich zu etwas nütze bin. […] Ohne Frau Basias glücklichen Einfall, Tagebuch zu schreiben – ich würde in diesen Tagen unweigerlich verrückt werden (S. 411–412).

Leon Najberg gelang es im September 1943 als einem der Letzten nach dem Aufstand, das Gebiet des Ghettos zu verlassen. Versteckt im Haus von Teofilia und Aleksander Szczypiorski in der Chełmżyńska-Straße 88 [heute Płatnicza-Straße] in Żoliborz, begann er, seine Erinnerungen aufzuschreiben, schlussendlich wurden es 800 Heftseiten. Er schrieb wie in Trance:

Als ich mich ans Schreiben machte – begannen meine Erinnerungen wie ein Springbrunnen hervorzusprudeln und drängten aus der Feder aufs Papier. Der Strom der Erinnerungen war so reißend, breit und stark, dass ich nicht imstande war, alles zu notieren, was mein Gedächtnis mir eingab. […] Das Schreiben absorbierte mich gänzlich. Es beherrschte mich in einem Maße, dass ich nicht rechtzeitig zu den Mahlzeiten kam (S. 5–6).

Die Umstände, unter denen Berlands und Najbergs Texte entstanden, sind das deutlichste Beispiel für eine therapeutische Funktion des Schreibens. Beide Autoren sind sich dessen bestens bewusst. Sie bekannten offen, dass ihnen das Schreiben half, mit der Last des soeben Durchlebten zurechtzukommen.

Wer es geschafft hatte, dem Ghetto zu entkommen und einen Unterschlupf auf der anderen Mauerseite zu finden, nahm eine Distanz zu den zurückliegenden Erlebnissen ein. Diese Menschen waren sich von da an stets bewusst, dass die ←84 | 85→Vernichtung ihres Volkes im Gange war; das Gefühl einer nur relativen persönlichen Sicherheit verließ sie nie mehr. Als sei das Urteil, dem sie vorübergehend entgangen waren, lediglich vertagt worden. Jener illusorische und zerbrechliche Zustand der Ruhe setzte in manchen Menschen Energien frei und regte zum Nachdenken, zur Reflexion an. Es war ein Zustand, der das Schreiben förderte – und das wiederum erwies sich als eine Möglichkeit, das Leben im Versteck zu meistern. Leon Najberg notiert: „Es begannen Tage himmlischer Ruhe, die jedoch nicht von langer Währ sein sollte“ (S. 5). Leon Guz lässt seine Beschreibung des Zimmers in der Targowa-Straße mit folgender Bemerkung enden: „Es ist still und friedlich. Nur die Atemzüge der Schlafenden sind zu hören. […] Nun kann ich, unter relativ ruhigen Bedingungen, diese Notizen machen“ (S. 11–12).

Marian Berland, der im Schreiben eine Möglichkeit fand, der grausamen Wirklichkeit zu entfliehen, war sich jedoch bewusst, dass dieses Asyl illusorisch und nicht von langer Dauer war:

Ich sitze auf dem Fußboden und beschreibe Blätter, die Welt hat aufgehört zu existieren. Ringsum tobt der Sturm der Geschichte. Das Stückchen Boden und mein Heft sind für mich eine kleine Insel, die jeden Moment von den wütenden Wogen fortgerissen warden kann (S. 411).

5

Eine der Eigenschaften jener Erfahrung, die den Autoren der geretteten Texte zuteil wurde, war die radikale und präzedenzlose Verwandlung der sie umgebenden Welt in ihren grundlegendsten Dimensionen – in Zeit und Raum. Die Wirklichkeit, in deren Rahmen sie sich bewegten, war zunehmend weniger erkennbar. Sie stellte ein unbekanntes Antlitz zur Schau – ein seltsames, erschreckendes, vor allem aber fremdes Antlitz. Die vertraute Topographie der eigenen Stadt verwandelte sich in ein absurdes, von Mauern durchkreuztes Labyrinth von Straßen und später von leeren, jeglichen Lebens entbehrenden Flächen, schlussendlich in eine formlose Masse von Trümmern. Der Druck jener Situation im Angesicht des Todes veränderte auch das Empfinden von Zeit. Die Zeit verläuft im Ghetto in ihren eigenen Schlaufen und Variationen, die eine unweigerlich auf den Abgrund zukreiselnde Spirale bilden. In so wortwörtlichem Sinne wie nie zuvor durchdringen sich die Erfahrung der Zeit und die Erfahrung des Todes67.

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Was dauerhaft erschien, zerfällt zu Staub. Was bekannt und vertraut schien, erweist sich als bizarr und fremd. Was gewöhnlich und alltäglich war, ist jetzt ein grauenvoller Alptraum. Das Leben scheint schlimmer als der Tod. In den Texten, die das Schicksal uns heutigen Lesern in die Hände gespielt hat, wird der Prozess der Erfahrung und kognitiven Beherrschung jener plötzlich enthüllten Fremdheit und Andersartigkeit erkennbar. Sie sind der Versuch einer Beschreibung jener Erfahrung – entstanden sie doch im Moment der Veränderung von Raum und Zeit, als die Wirklichkeit vor den Augen der Autoren, die sie zu beschreiben suchten, zu Staub zerfiel.

28 Ich möchte schon jetzt die grundlegenden Quellen erwähnen, die ich in diesem Kapitel über geschichtliche und biographische Informationen nutze. In den weiteren Fußnoten werde ich mich nur noch auf Texte von außerhalb des folgenden Kanons beziehen: R. Sakowska: Menschen im Ghetto: Die jüdische Bevölkerung im besetzten Warschau 1939–1943, dt. Übers. von R. Henning, Osnabrück 1999; Dies.: Die zweite Etappe ist der Tod. NS-Ausrottungspolitik gegen die polnischen Juden, gesehen mit den Augen der Opfer. Ein historischer Essay und ausgewählte Dokumente aus dem Ringelblum-Archiv 1941–1943, Berlin 1993; Archiwum Ringelbluma. Getto warszawskie lipiec 1942–styczeń 1943, bearb. von R. Sakowska, Warschau 1980; Pamiętniki z getta warszawskiego. Fragmenty i regesty [Tagebücher aus dem Warschauer Ghetto. Auszüge und Regesten], 2., korrigierte und erweiterte Auflage, bearb. von M. Grynberg, Warschau 1993; Im Warschauer Getto. Das Tagebuch des Adam Czerniaków 1939–1942, München 1986; E. Ringelblum: Kronika getta warszawskiego: wrzesień 1939–styczeń 1943 [Chronik des Warschauer Ghettos: September 1939–Januar 1943], hg. von A. Eisenbach, aus dem Jiddischen ins Polnische übers. von A. Rutkowski, Warschau 1983.

29 Marceli Handelsman, geb. am 8. Juli 1882 in Warschau, verstorben am 20. März 1945 in Dora-Nordhausen, polnischer Jurist und Historiker jüdischer Abstammung, Mediävist, Historiker mit dem Forschungsgebiet neue und neueste Geschichte, Geschichtsmethodologe, einer der exzellentesten polnischen Geschichtswissenschaftler der ersten Hälfte des 20. Jh.; Anm. d. Übers.

30 Zu den jüdischen Schriftstellern im Warschauer Ghetto siehe (außer den bereits genannten Quellen): E. Ringelblum: „Jak zginęli pisarze żydowscy?“ [Wie kamen die jüdischen Schriftsteller um?], in: ders.: Kronika getta warszawskiego, S. 569–585; die Arbeit eines anonymen Autors: Polscy pisarze (Stosunki polsko-żydowskie) [Polnische Schriftsteller (Polnisch-jüdische Beziehungen)] (Ring I, 92); S. Liptzin: A History of Yiddish Literature, New York 1985.

31 Für „Chwila“ schrieben damals u.a. Stanisław Jerzy Lec und Artur Sandauer; Julian Stryjkowski publizierte hier seine Übersetzungen aus dem Hebräischen. Aus den Kreisen um „Chwila“ gingen drei Lemberger Dichter hervor: Daniel Ihr, Stefan Pomer und Maurycy Szymel; sie hatten einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der polnisch-jüdischen Lyrik. Siehe E. Prokop-Janiec: Międzywojenna literatura polsko-żydowska jako zjawisko kulturowe i artystyczne [Die polnisch-jüdische Literatur der Zwischenkriegszeit als kulturelles und künstlerisches Phänomen], Krakau 1992, S. 32, 158.

32 Die berühmte Dichtergruppe wurde um 1916 von einigen bekannten polnischen Dichtern gegründet – u.a. Jarosław Iwaszkiewicz, Antoni Słonimski, Julian Tuwim, Kazimierz Wierzyński, Jan Lechoń – und bestand bis 1939. Die Skamandriten traten viel in Kabaretts und auf Lesungen auf; sie vertraten die Ansicht, in die Lyrik sollte mehr Alltagssprache einfließen; Anm. d. Übers.

33 Z. Stefanowska weist darauf hin, dass das Tagebuchschreiben eine Art Sucht der damaligen Intelligenz gewesen sei, und äußert die Vermutung, dass auch Adam Czerniaków bereits länger als seit Kriegsbeginn ein Tagebuch geführt haben könnte. Siehe „Dyskusja nad esejem o Dzienniku Adama Czerniakowa“ [Diskussion um den Essay über Adam Czerniakóws Tagebuch], in: „Biuletyn ŻIH“ 1974, Nr. 90, S. 100.

34 „Aaron Appelfeld […] sagte kürzlich, […] die Kinder des Holocaust könnten am besten über ihn berichten, war doch für sie der Holocaust der Anfang der Welt, es gab keinen anderen Bezugspunkt. Kinder betrachteten den Holocaust auf ganz natürliche Weise und sprachen über das, was sie sahen, ohne sich dabei auf die Vergangenheit, auf ein früheres Wissen zu beziehen. […] Und genau das ist meine Herangehensweise an den Holocaust.“ Zitat aus: „Polsko, czego ty ode mnie chcesz. Z Henrykiem Grynbergiem rozmawia Jacek Leociak“ [Polen, was willst du bloß von mir. Jacek Leociak im Gespräch mit Henryk Grynberg], in: „Nowe Książki“ 1994, Nr. 3, S. 2.

35 Siehe „Kalendarz Żydowski“ [Jüdischer Kalender] 1991–1992, (Warschau), S. 145–154.

36 Der Pawiak war von 1835 bis 1944 ein berüchtigtes Gefängnis für politische Häftlinge in Warschau. Ab 1940 wurde es von der Gestapo geführt. Der Gebäudekomplex liegt zwischen Dzielna-, Pawia- und Więżienna-Straße, daher auch der Name; Anm. d. Übers.

37 Wann diese Formation genau entstand, lässt sich schwer sagen. A. Podolska schreibt über den gesamten Prozess ihrer Einberufung (Służba Porządkowa w getcie warszawskim w latach 1940–1943 [Der Ordnungsdienst im Warschauer Ghetto 1940–1943], Warschau 1996, S. 22–28). Gedanken zu einer jüdischen Ordnungsformation kamen bereits in den ersten Besatzungsmonaten auf, und im September 1940 wurde Czerniaków zur Abteilung „Umsiedlung“ gerufen, wo man anordnete, er möge schnell eine jüdische Miliz auf die Beine stellen (laut eines im Archiv aufbewahrten Berichts von T. Wittelson, auf den sich Podolska beruft). Im Tagebuch des Gemeindevorsitzenden findet sich unter dem Datum 12. Oktober 1940 folgenden Bemerkung: „Man beauftragte mich, eine jüdische Miliz mit 1000 Personen aufzustellen“ (S. 122). Am 27. Oktober 1940 verzeichnet Czerniaków: „Gestern habe ich Oberstleutnant Szeryński zum Leiter des Ordnungsdienstes bestellt“ (S. 126); am 15. November 1940 notiert er: „Man verlangt, daß morgen früh um 7 je 10 unserer Milizionäre an den Ausgängen der Straße stehen“ (S. 131). Daraus geht hervor, dass die ersten Funktionäre des Ordnungsdienstes auf den Straßen erschienen, gleich nachdem das Ghetto zum geschlossenen Bezirk gemacht worden war. Doch es gibt eine Notiz in Ringelblums Kronika, die davon zeugen könnte, dass schon früher jüdische Polizisten auf den Straßen erschienen. Unter dem Datum des 20. Oktobers 1940 ist zu lesen: „Worin besteht der [Ordnungs]Dienst. Er reguliert den Straßenverkehr. Auf der Karmelicka-Straße hat er bereits für Ordnung gesorgt. Diese Leute sitzen schon in den Kommissariaten, auch wenn dort im Moment noch die polnische Polizei ihren Dienst tut. Sie geht am 31. dieses Monats“ (S. 174).

38 Siehe v.a. die fundamentale Monographie von I. Trunk: Judenrat. The Jewish Councils in Eastern Europe under Nazi Occupation, New York, London 1972. Der Autor beschreibt umfassend die Strategie und Taktik der verschiedenen Judenräte und der jüdischen Polizei gegenüber der deutschen Besatzungsmacht und der von ihr durchgeführten Extermination der Ghettobewohner, er befasst sich auch mit den Prozessen, die in der Nachkriegszeit gegen die Gemeindebeamten und Polizeifunktionäre geführt wurden. Vgl. auch R. Sakowska: Ludzie z dzielnicy zamkniętej, S. 141–150; I. Gutman: Żydzi warszawscy 1939–1943. Getto – podziemie – walka [Die Warschauer Juden 1939–1943. Ghetto – Untergrund – Kampf], poln. Übers. v. Z. Pelermuter, Warschau 1993, S. 66–70, 124–160. H. Arendts Buch Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen (dt. Übers. von B. Granzow, München 1964), in dem die Autorin u.a. am Beispiel der Tätigkeit der Judenräte aufzeigt, wie der von den Deutschen geplante Mechanismus des Verbrechens funktionierte, der dazu führte, dass auch Juden andere Juden den vielfältigsten Repressalien aussetzten, rief eine Welle von Polemiken hervor. Siehe beispielsweise den Briefwechsel zwischen H. Arendt und G. Scholem (auf Deutsch: M.-L. Knott und D. Heredia (Hgg.): Hannah Arendt/Gershom Scholem. Der Briefwechsel: 1939–1964, Berlin 2010).

39 Choroba głodowa. Badania kliniczne nad głodem wykonane w getcie warszawskim w roku 1942 [Die Hungerkrankheit. Klinische Untersuchung über den Hunger, vorgenommen im Warschauer Ghetto im Jahr 1942], Warschau 1946. Autoren der einzelnen Arbeiten waren: Dr. med. und phil. Józef Stein, Dr. med. Julian Fliederbaum, Dr. med. Anna Braude-Hellerowa, Dr. med. Emil Apfelbaum-Kowalski, Dr. med. Michał Szejnman, Dr. med. Szymon Fajgenblat.

40 Den 10. März 1944 als Tag der Erschießung Ringelblums wird zwei Mal bei W. Bartoszewski angegeben: in 1859 dni Warszawy [1895 Tage Warschaus], Krakau 1974, S. 523, und in Warszawski pierścień śmierci 1939–1944 [Warschauer Todesring 1939–1944], [ohne Ortsangabe] 1967. Ebendort wird auch, basierend auf konspirativen Meldungen aus dem Pawiak, die wahrscheinliche Anzahl der zusammen mit Ringelblum verhafteten Personen genannt: 24 Frauen und 16 Männer.

41 Die genaue Anzahl der Menschen, die bei der Liquidierungsaktion umkamen, ist schwer zu schätzen. Zumeist werden zwei Zahlen angegeben: um die 275.000 oder um die 310.000. Erstere Angabe findet sich im sog. Raport listopadowy [Novemberapport] mit dem Titel Likwidacja żydowskiej Warszawy [Die Liquidierung des jüdischen Warschau], datiert auf den 15. November 1942, den die Untergrundorganisationen des Ghettos für die polnische Exilregierung in London und für die Alliierten Regierungen erstellte. Letztere Zahl nennt General J. Stroop in seinem Bericht über die Niederschlagung des Ghettoaufstands. Es ist schwer zu sagen, welche der Wahrheit näher kommt.

42 Leizor Czarnobroda war Redaktionssekretär bei der Zeitung „Mały Przegląd“ [Kleine Rundschau], die von J. Korczak 1926 ins Leben gerufen worden war und ab 1930 von I. Newerly redigiert wurde. Es war eine für junge Leser gedachte Beilage zur Zeitung „Nasz Przegląd“ [Unsere Rundschau], der wichtigsten jüdischen Tageszeitung in polnischer Sprache unter der Leitung von Jakub Appenszlak, Natan Szwalbe, Saul Wagman und Daniel Rozencwajg. Die Zeitung versammelte die Elite der Publizisten, Journalisten und zionistischen Intellektuellen um sich.

43 Zitat nach den Anmerkungen des Herausgebers zu: A. Lewin: A Cup of Tears. A Diary of the Warsaw Ghetto, hg. von A. Polonsky, London 1990, S. 277–278. Zeitlin konnte damals vom Umschlagplatz geholt und in ein Krankenhaus gebracht werden. Wenig später jedoch teilte er das Los anderer nach Treblinka deportierter Kranker.

44 Siehe das Vorwort zu Ch. A. Kaplan: Buch der Agonie: das Warschauer Tagebuch des Chaim A. Kaplan, hg. von Abraham I. Katsh, Frankfurt/Main 1967, S. 16.

45 Die Herausgeberin von Szlengels Gedichten aus der Ghettozeit, I. Maciejewska, gibt nach B. Marek: Umgekumene szrajber fun die getos un lagern [Umgekommene Schreiber aus Ghettos und Lagern, Warschau 1954] an, dass der Dichter „im April 1943 im Warschauer Ghetto, im Bunker von Szymon Kac, in der Świętojerska-Straße 36“ starb („Nachwort“, in: W. Szlengel: Was ich den Toten las: Texte und Gedichte aus dem Warschauer Ghetto, S. 105). Ich denke, dass Leon Najbergs Zeugnis, das ich hier anführe, die Grundlage für eine Präzisierung des Todesdatums des Dichters liefert.

46 Der Fall Hotel Polski ist bis heute nicht ganz geklärt. Es wird angenommen, dass die Deutschen nach der Niederschlagung des Ghettoaufstandes Juden anlocken wollten, die sich noch auf arischer Seite versteckten, und daher verkündeten, es gebe die Möglichkeit einer legalen Ausreise nach Südamerika. Grundlage dafür sollten Dokumente sein, die den Ghettobewohnern von ausländischen Verwandten geschickt würden. Die meisten Adressaten wurden jedoch damals bereits ermordet, somit wurden die Papiere zum Handelsgegenstand. Das Hotel Polski, wo die Ausreisewilligen versammelt wurden, erwies sich als Falle. Dennoch stellt der israelische Historiker N. Eck fest („Yad Vashem Studies“, Vol. 1, 1957), dass die Nazis anfangs tatsächlich Juden gegen in Südamerika internierte Deutsche austauschen wollten. Wer sich zu Anfang der Aktion im Hotel Polski meldete, wurde ins Interniertenlager nach Vittel deportiert und entkam der Vernichtung. Die weiteren Transporte gingen dann nach Auschwitz.

47 Vorwort von E. Kaganowski zu: N. Szac-Wajnkranc: Przeminęło z ogniem. Pamiętnik [Vom Feuer verschlungen. Erinnerungen]; Warschau 1947, S. 5.

48 Beim Pogrom von Kielce am 4. Juli 1946 wurden in einer Serie von Überfällen um die 40 jüdischen Einwohner von anderen Einwohnern, Mitgliedern der Polnischen Volksarmee, des Korps der Inneren Sicherheit und Funktionären der Bürgermiliz ermordet und zahlreiche weitere verletzt. Grund war die angebliche Entführung eines christlichen Jungen für einen Ritualmord. In der Folge verließen viele Juden Polen und das Stereotyp des antisemitischen Polen verbreitete sich weiter; Anm. d. Übers.

49 L. „Lola“ Zeldowicz: „Personal Notes on Stanisław Adler“, in: In the Warsaw Ghetto 1940–1943. An Account of a Witness. The Memoirs of Stanisław Adler, aus dem Polnischen ins Englische übers. von S. (Chmielewska) Philip, Jerusalem 1982, S. XIV–XVIL.

50 Vor ihrer Ausreise aus Polen schrieb Rokhl Oyerbakh für jüdische Zeitungen, die in polnischer Sprache erschienen: „Mosty“, „Opinia“, „Nasze słowo“, „Przełom“. Sie veröffentlichte auch ihre Erinnerungen Oif di fełder fun Treblinke [Auf den Feldern von Treblinka], Warschau 1947. In Israel erschienen auch ihre Memoiren Warszewer cawoes [Warschauer Testamente], Tel Aviv 1974. Sie publizierte dort auf Polnisch und auf Jiddisch, arbeitete für die polnischsprachige Presse („Nowiny-Kurier“ [Neuigkeiten-Kurier]) und für die wichtigste literarische Quartalsschrift in Jiddisch, „Di Goldene Kejt“ [Die Goldene Kette], die von Avrom Sutzkever gegründet worden war und seit 1949 in Israel erschien. Zu Oyerbakhs Zusammenarbeit mit der polnischsprachigen Presse in Israel nach dem Krieg siehe R. Löw: „Ostatki polskie. Rzecz o izraelskiej prasie w języku polskim [T.1], in: „Zeszyty literackie“ 1994, Nr. 48, S. 153.

51 American Jewish Joint Distribution Committee: seit 1914 bestehende Hilfsorganisation US-amerikanischer Juden, vorwiegend in Europa tätig, ursprünglich gegründet, um jüdischen Opfern des Ersten Weltkriegs Hilfe zu leisten; Anm. d. Übers.

52 Das einzige öffentliche, vom Besatzer genehmigte polnischsprachige jüdische Periodikum im Generalgouvernement. Die „Gazeta Żydowska“ erschien in Krakau vom 23. Juli 1940 bis zum Juli 1942 zwei Mal (dienstags und freitags), eine Zeitlang auch drei Mal pro Woche. Gewidmet war sie überwiegend den Angelegenheiten des Warschauer Ghettos. Der Redaktionssitz der „Gazeta Żydowska“ in Warschau befand sich in der Elektoralna-Straße 4/1. Siehe M. Fuks: „Życie w gettach GG na tle ‚Gazety Żydowskiej‘ (1940–1942)“ [Das Leben in den Ghettos des Generalgouvernements in der Darstellung der „Gazeta Żydowska“], in: „Biuletyn ŻIH“ 1971, Nr. 3.

53 Der Leiter der Umsiedlung, Waldemar Schön, erklärt die Einrichtung des Ghettos v.a. mit einer hygienischen Notwendigkeit – dem Schutz des deutschen Heers und des deutschen Volkes „vor dem Juden, dem immunen Überträger von epidemischen Erregern“ – sowie mit einer politisch-moralischen und einer wirtschaftlichen Notwendigkeit. Siehe „Z referatu Schöna, kierownika wydziału przesiedleń w Urzędzie gubernatora dystryktu warszawskiego, o gecie warszawskim, 20 stycznia 1941 r.“ [Aus dem Referat Waldemar Schöns, Leiter der Abteilung Umsiedlungen im Amt des Gouverneurs des Distrikts Warschau, über das Warschauer Ghetto, 20. Januar 1941], in: Eksterminacja Żydów na ziemiach polskich w okresie okupacji hitlerowskiej. Zbiór dokumentów [Die Ausrottung der Juden in polnischen Gebieten während der Besatzung durch die Nazis. Eine Sammlung von Dokumenten], bearb. von T. Berenstein, A. Eisenbach, A. Rutkowski, Warschau 1957, S. 106. L. Landau wiederum stellt nach antisemitischen Exzessen auf Warschaus Straßen im Frühjahr 1940 einen charakteristischen Tonfall deutscher Propaganda fest: „Zweck dieser Aktion ist es […], Dokumente zu erhalten, die die Deutschen auf polnischem Gebiet in den Augen des Auslands rechtfertigen sollen – ach, was sage ich, die sie auf das Podest der Ordnungshüter, der Rächer der Unterdrückten erheben sollen. Dazu dienen Photographien und Filme; dazu dienen soll auch, dass die Juden sich an die Deutschen wenden, um Schutz vor Angriffen der christlichen polnischen Bevölkerung zu erhalten. […] Die Absichten der Deutschen sind klar. […] [E]‌in Unglück ist nur, dass diese Absichten sich auf dem Boden, den die Endecja [Nationaldemokratie, eine polnische nationalistische und antisemitische Bewegung; Anm. d. Übers.] ihnen jahrelang bereitet hat, so leicht realisieren lassen“ (Bd. 1, S. 370–371). Über die Pogrome in Warschau im Frühjahr 1940 schreibt T. Szarota: „Zajścia antyżydowskie i pogromy w okupowanej Europie“ [Antijüdische Vorfälle und Pogrome im besetzten Europa], in: D. Grynberg und P. Szapiro (Hgg.): Holocaust z perspektywy półwiecza. Pięćdziesiąta rocznica powstania w getcie warszawskim. Materiały z konferencji zorganizowanej przez Żydowski Instytut Historyczny w dniach 29–30 marca 1993 [Der Holocaust aus der Perspektive eines halben Jahrhunderts. Der fünfzigste Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto. Materialien von einer Konferenz des Jüdischen Historischen Instituts, 29.-30. März 1993], Warschau [ohne Erscheinungsdatum].

54 Am 15. Oktober 1941 erschien die „Dritte Verordnung über Aufenthaltsbeschränkungen im Generalgouvernement“ von Generalgouverneur Hans Frank; einen Auszug daraus lohnt es wegen der eigentümlichen Stilistik anzuführen: „(1) Juden, die den ihnen zugewiesenen Wohnbezirk unbefugt verlassen, werden mit dem Tode bestraft. Die gleiche Strafe trifft Personen, die solchen Juden wissentlich Unterschlupf gewähren. (2) Anstifter und Gehilfen werden wie der Täter, die versuchte Tat wird wie die vollendete bestraft.“ Bereits am 17. November 1941 kündigt der Kommissar des Ghettos, Heinz Auerswald, in einer speziellen Bekanntmachung die Erschießung von 8 Juden „wegen unerlaubten Verlassens des jüdischen Wohnbezirks in Warschau“ an. Siehe Eksterminacja Żydów na ziemiach polskich, op. cit., S. 122–123.

55 Franz Blättler: Warschau 1942: Tatsachenbericht eines Motorfahrers der zweiten schweizerischen Aerztemission 1942 in Polen, Zürich 1945, S. 27. Blättler zeichnete in Warschau Notizen auf und machte Photos. Als er Polen verließ, schmuggelte er seine Filmrollen und Notizen in den Absätzen seiner Schuhe mit.

56 S. 5

57 W. Szlengel: „Gespräch mit einem Kind“, dt. Übers. von R. Erb, in: ders.: Was ich den Toten las, op. cit., S. 54.

58 Text aus Archiwum Ringelbluma, op. cit.

59 B. Engelking widmet sich bei ihrer Schilderung des Alltagslebens im Warschauer Ghetto ausführlich dem Phänomen des ständigen Gedränges (Zagłada i pamięć. Doświadczenie Holocaustu i jego konsekwencje opisane na podstawie relacji autobiograficznych [Vernichtung und Gedächtnis. Die Erfahrung des Holocaust und seine Konsequenzen, dargestellt auf der Grundlage von biographischen Berichten], Warschau 1994, S. 85–87). Die Situation der pathologischen Einengung, die eine Dekomposition des gesellschaftlichen Raums und eine Zerschlagung der Privatsphäre bedeutet, nennt sie – nach E.T. Hall (Die Sprache des Raumes; Düsseldorf 1976) – einen „Verhaltenspfuhl“.

60 Erstabdruck in: „Akademik“, Warschau 1946, Nr. 14/19. Zitat nach: Męczeństwo i Zagłada Żydów w zapisach literatury polskiej. Antologia [Märtyrertum und Vernichtung der Juden in Aufzeichnungen der polnischen Literatur. Anthologie], bearb. von I. Maciejewska, Warschau 1988, S. 140; dt. Übers. hier von mir, Anm. d. Übers.

61 Zitat aus: J. Stroop: „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr“, Warschau, 16. Mai 1943, in: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Bd. 9. Polen: Generalgouvernement August 1941–1945, bearb. von K.-P. Friedrich, München 2014, S. 656; Anm. d. Übers.

62 Ausführlich über Straße und Zuhause im Ghetto schreibt Różycki. Im Ringelblum-Archiv sind lediglich seine Reportagen vom Februar und März 1942 erhalten: Obrazki uliczne z getta [Straßenbilder aus dem Ghetto] (Ring I, 428). Der Autor weist auf die große Bedeutung des gemeinschaftlichen Aspekts des häuslichen Lebens im Ghetto hin (Hauskomitees, Feiern, Nachbarschaftshilfe). Unter den polnischsprachigen Dokumenten im Ringelblum-Archiv befinden sich außerdem die Thesen eines unbekannten Autors zu einer Monographie über die Straße im Ghetto (Ring I, 135) und eine 23-seitige Studie über das jüdische Straßenleben im Ghetto, ebenfalls von einem unbekannten Autor (Ring I, 154).

63 Das Ausmaß der Zerstörung des Ghettoraumes lässt sich am vollständigsten erfassen, wenn man eine Luftaufnahme, die am 24. September 1939 von der Luftwaffe gemacht wurde (zur Einsicht in den Sammlungen des Hauptstadtarchivs in Warschau), mit einem Photo vergleicht, das die sowjetischen Luftkräfte im Juni 1945 anfertigten (zur Einsicht in den Sammlungen des Jüdischen Historischen Instituts). Beide photographischen Landkarten wurden nebeneinander in der Zeitschrift „Polska-Izrael“, 1993, Nr. 2 veröffentlicht.

64 Die Bezeichnung „Katzen“ für Juden bezieht sich auf eine antisemitische Redensart aus der Besatzungszeit, derzufolge jeder Jude vor dem Krieg „alles im Überfluss hatte“ [poln. „miał i miał“ [„hatte und hatte“]], was ähnlich klingt wie „miau miau“; Information nach A. Bikonts Biographie von Irena Sendlerowa: Sendlerowa. W ukryciu; Warschau 2017, S. 48; Anm. d. Übers.

65 So schildert Helena Rufeisen-Schüpper, die im Frühjahr 1941 auf Schleichwegen von Krakau nach Warschau gelangte, in ihren Erinnerungen den Moment, in dem sie durch das Gerichtsgebäude das Ghetto betrat: „Man musste mit der Vorgabe, etwas zu erledigen zu haben, in den dritten Stock hinauf- und von da aus über eine Seitentreppe wieder ins Erdgeschoss hinuntergehen. Dort befand sich eine Garderobe, an der ein Pförtner aufpasste. Ich drückte ihm eine Fünf-Złoty-Note in die Hand, legte meine Armbinde an und war wieder eine Jüdin. […] Die Eingangspforte zum Gericht auf der Ghettoseite wurde von einem polnischen Polizisten bewacht. Er hielt mich an und fragte: ‚Sie sind nicht zufällig Polin?‘ Ich entgegnete: ‚Mal ja, mal nein – je nach Lage.‘ Und so fand ich mich auf der mir unbekannten Leszno-Straße wieder.“ – H. Rufeisen-Schüpper: Pożegnanie Miłej 18. Wspomnienia łączniczki Żydowskiej Organizacji Bojowej [Abschied von der Miła-Straße 18. Erinnerungen einer Meldegängerin der Jüdischen Kampforganisation [die in der Miła-Straße 18 ihren Sitz hatte; Anm. d. Übers.]], Krakau 1996, S. 25.

66 Bericht von D. Nowodworski (in jiddischer Sprache) (Ring I, 296); Bericht von J. Rabinowicz (Ring II, 298) veröffentlicht in: Archiwum Ringelbluma, S. 122–123. Im 2. Teil des Ringelblum-Archivs befinden sich auch zwei andere, anonyme Berichte von Geflohenen aus Treblinka. Autor des ersten ist ein Warschauer (Ring II, 295), Autor des zweiten ein von Częstochowa nach Treblinka deportierter Jude (Ring I, 297). Beide Texte wurden im „Bulletin des Jüdischen Historischen Instituts“ 1961, Nr. 40, S. 78–88 veröffentlicht. Bekannt sind auch Berichte aus Treblinka von A. Krzepicki, S. Rajzman, J. Rajgrodzki. Am meisten Aufsehen erregte das noch 1944 von der Jüdischen Koordinationskommission mit Hilfe der Polnischen Heimatarmee AK herausgegebene Tagebuch von J. Wiernik: Ein Jahr in Treblinka, dt. Ausgabe übers. aus dem Englischen von Philip Bauer, Wien 2014. Ein anderer Treblinka-Flüchtling, S. Willenberg, gab seine Erinnerungen 1986 in Tel Aviv heraus (auf Hebräisch). Polnische Ausgabe: Bunt w Treblince [Aufstand in Treblinka], Warschau 1991; deutsche Ausgabe: Treblinka: Lager, Revolte, Flucht, Warschauer Aufstand, übers. von S. Hänschen, Münster 2009.

67 Siehe zu diesem Thema auch die hervorragende Studie von B. Engelking: „Czas przestał dla mnie istnieć …“: analiza doświadczenia czasu w sytuacji ostatecznej [„Die Zeit hörte für mich auf zu existieren …“: Eine Analyse der Zeitwahrnehmung im Angesicht des Todes], Warschau 1996, die vor allem auf einer Analyse persönlicher Dokumente aus dem Warschauer Ghetto basiert. „In einer abyssischen Situation (vom griechischen Wort abyssos, das „Abgrund“ bedeutet) erweist sich, dass der bis dahin als horizontal wahrgenommene Zeitstrom plötzlich in einen direkt in den Abgrund führenden Spalt stürzt. […] Die Zeit des Ghettos ist eine abyssische Zeit, ein Leben in Spalten der Zeit“, schreibt die Autorin und zeigt damit auf, dass die einzelnen Etappen der Geschichte des geschlossenen Bezirks die Chronologie jener Zeitspalten enthüllen, die aufeinanderfolgenden Schlaufen der Zeit: die Zeit des Ghettoalltags; die Zeit der großen Liquidierungsaktion; die Zeit nach jener Aktion; die Zeit des Ghettoaufstands; die Zeit im Versteck, also die Zeit der Juden auf arischer Seite (S. 12).