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Text und Holocaust

Die Erfahrung des Ghettos in Zeugnissen und literarischen Entwürfen

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Jacek Leociak

Der Autor analysiert Tagebücher, Erinnerungen, Memoiren, Chroniken, Berichte und Briefe, die während der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung im und um das Warschauer Ghetto entstanden. Er untersucht die Gattungsspezifik und den speziellen Status dieser Texte, die das in Worte zu fassen versuchen, was gemeinhin als unbeschreibbar gilt. Der Autor widerspricht der verbreiteten These von der Unausdrückbarkeit. Er betont die Notwendigkeit des Ausdrucks jener Erfahrung und die Notwendigkeit des Versuchs zu verstehen.

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2 Autoren, Ort und Zeit

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Das Element der persönlichen Dokumentationsliteratur ist die auf eine bestimmte Weise erlebte und festgehaltene umgebende Welt. Einzelheiten über den Autor zu wissen sowie die Situation und die Bedingungen der Entstehung eines Textes rekonstruieren zu können, ist hier von wesentlicher Bedeutung. Die Umstände, unter denen ein Tagebuch entsteht, bestimmen dessen Gestalt und Inhalt, beeinflussen die Ausformung unterschiedlicher Gattungsvarianten (zum Beispiel intimes Tagebuch, Reisetagebuch, Chronik aus Kriegszeiten). Die Literatur des persönlichen Dokuments ist von ihrem Wesen her in das konkrete „Hier und Jetzt“, in den Zeitpunkt des Schreibens eingebettet.

In diesem Kontext betrachtet besteht die Spezifik der Texte aus dem Warschauer Ghetto darin, dass die Umstände des Schreibens – im weitesten Sinne – nicht bloß den Inhalt eines Textes, sondern auch dessen Entstehung überhaupt bedingen. Die Umstände entscheiden hier schließlich oftmals über Sein oder Nichtsein des Autors, und an ihnen liegt es, ob ein Text überdauern kann. Die Situation des Schreibenden drückt dem Niedergeschriebenen ihren unauslöschlichen Stempel auf. Sie entscheidet auch – auf so endgültige Weise wie keine andere Situation –, ob überhaupt etwas aufgeschrieben wird, ob es überdauert und gelesen werden kann.

Der Analyse persönlicher Dokumente aus dem Warschauer Ghetto sollte daher eine Skizze zu einem Sammelportrait ihrer Autoren sowie eine Charakteristik von Zeit und Ort des Schreibens vorausgehen. Es gilt, zu überlegen, wer schrieb, und wo und unter welchen Umständen28 der Schreibende dies tat.←40 | 40→

Emanuel Ringelblum war ohne Zweifel einer der bestinformierten Menschen im...

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