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Text und Holocaust

Die Erfahrung des Ghettos in Zeugnissen und literarischen Entwürfen

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Jacek Leociak

Der Autor analysiert Tagebücher, Erinnerungen, Memoiren, Chroniken, Berichte und Briefe, die während der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung im und um das Warschauer Ghetto entstanden. Er untersucht die Gattungsspezifik und den speziellen Status dieser Texte, die das in Worte zu fassen versuchen, was gemeinhin als unbeschreibbar gilt. Der Autor widerspricht der verbreiteten These von der Unausdrückbarkeit. Er betont die Notwendigkeit des Ausdrucks jener Erfahrung und die Notwendigkeit des Versuchs zu verstehen.

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2 Die Darstellung des Ghettos

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Zwei einander ergänzende Fragen begleiten die Erörterungen in diesem Kapitel. Eine Frage betrifft die Ausdrucksmittel und -möglichkeiten der Autoren, die andere betrifft die Haltungen des Forschers zu den untersuchten Texten. Also: Wie ist das Ghetto zu beschreiben und welche interpretative Fährte ist einzuschlagen, damit die Aufzeichnungen dieser Erfahrung begreiflich gemacht werden können?

Hier möchte ich mich zunächst mit dem Motiv des Fensters und der Situation des Hinausschauens befassen. Philippe Hamon, der vor allem die Romane Émile Zolas erforscht, kommt zu dem Ergebnis, dass jenes Fenstermotiv eines von vielen verbreiteten Signalen sei, die einer solchen Beschreibung einen Untergrund bieten. Der realistische Diskurs unterliege verschiedenen Beschränkungen aufmerksam, auf die Hamon das Augenmerk lenkt, indem er die Einleitungssituation zu dieser Beschreibung als „leere Thematik“ bezeichnet. Fülle man die leere Thematik durch Beschreibung auf, führe das zu einer paradoxen Situation, beziehe sich doch dann der Text zunehmend weniger auf die außertextuelle Realität als auf sich selbst. Daher müsse die Beschreibung notwendigerweise in einen bestimmten Motivationsrahmen eingebaut werden, wodurch sich wiederum das Netz innertextueller Verbindungen verdichte.

Das Fenstermotiv als narrativer Kunstgriff zur Einführung einer Beschreibung konstituiere eine auf den beschriebenen Gegenstand gerichtete Blicksituation. Damit sei die Beschreibung abhängig vom Blick des Beschreibenden, sie sei von diesem Blick motiviert. Das Fenster werde somit zum Zeichen für diese Art von Beschreibung, der Blick wiederum zum speziellen Vehikel der Beschreibung, das diese im Diskurs ansiedle und untermauere166. Das...

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