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Bild, Affekt, Inventio

Zur «Johannespassion» Johann Sebastian Bachs

Benedikt Schubert

Auf Grundlage dreier Zentralbegriffe aus der Musikanschauung der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts (Bild, Affekt, Inventio) unternimmt der Autor eine Neuinterpretation der «Johannespassion» Johann Sebastian Bachs. Konsequent wird dafür zudem erstmalig versucht, eine Synthese aus Quellen der Musikästhetik und der Frömmigkeitspraxis der Zeit herzustellen. Dies führt in der Tat zu einer gänzlich neuen Sicht auf das exemplarisch untersuchte Werk und zur Rekonstruktion vieler jener Ideen, welche das Textverständnis der Zeit nahelegen.

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Vorwort

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Die Inspiration des Johann Sebastian – so nannte der Maler Jost Heyder (*1954) sein imaginäres, im Jahr 2012 vollendetes Bildnis des Thomaskantors, welches sich auf dem Vorderdeckel des Buches befindet. Zeituntypisch wird Bach ohne Perücke und in modernem Frack dargestellt. Doch dies sind noch die oberflächlichsten Merkmale, die hinter der einmaligen Perspektive, aus der heraus das Porträt entstanden ist, zurücktreten: Anders als die Darstellungen des 18. Jahrhunderts – anders als das einzig authentische, von Elias Gottlob Haußmann (1695–1774) angefertigte Gemälde – kommt hier die Illusion einer Momentaufnahme zustande. Der Portraitierte sitzt nicht stilisiert Modell, hält nicht Requisiten seines Berufstandes dem Betrachter entgegen, sondern ist – gleichsam unbeobachtet – hochkonzentriert. Welche Situation wird hier festgehalten? Naheliegend, das weiße Hemd und den Frack mit den goldfarbenen Knöpfen in Betracht ziehend, könnte man von einer Aufführungssituation ausgehen und die erhobenen Hände als Dirigierbewegung, sowie den nach unten gesenkten Blick als Lesen der Partitur interpretieren. Der Titel des Bildes – und nicht zuletzt das perückenlose Haupt – lässt jedoch auch die Interpretation eines noch sehr viel intimeren Moments zu: Der nach unten gesenkte Blick kann auch das in sich selbst Hineinhorchen, die erhobenen Hände auch das Zusammenführen imaginärer Fäden (Ideen? Musikalischer Motive?) darstellen. Vielleicht – dies sei als letzte Assoziation noch mitgegeben – darf man Die Inspiration des Johann Sebastian somit auch als Äquivalent zu dem von Eichendorffschen Lied sehen. Ein Lied, welches dann „anhebt zu singen“, wenn man nur das...

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