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Die niederdeutsche Sprachgeschichte und das Deutsch von heute

Dieter Stellmacher

Sprachen haben in der Regel ein langes Leben, die niederdeutsche ist 1000 Jahre alt. Der Autor untersucht die vielfältigen, von den Zeitgenossen kaum wahrgenommenen Veränderungen, denen die Sprache in dieser Zeit unterworfen war. Über Systemvergleiche, Textstudien und soziolinguistische Erhebungen ist die Sprachgeschichtsschreibung in der Lage, grundlegende Veränderungen zu erfassen – in Umbauten des Sprachsystems und in der Sprachverwendung. Sie lassen sich als gesetzmäßige Veränderungen verstehen und an der Geschichte des Niederdeutschen gut nachvollziehbar darstellen. Ein Vergleich mit dem Hochdeutschen zeigt, wie sich entgegengesetzte Entwicklungen heute darstellen und wie die Sprachkulturarbeit damit umgehen sollte.

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5. Deutsch und Niederdeutsch heute: Dialektisierungen und Standardisierungen

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Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden (Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland Artikel 3,2)

Dass Dialektisierung einen Systemumbau und einen Verlust an kommunikativer Potenz und an Prestige bedeutet, ist in dieser Schrift bereits an mehreren Stellen behandelt worden, auch dass der entgegengesetzte Prozess einen Ausbau dieser Bereiche bewirkt. Jacob Grimm (1785–1863) hat in solchem Zusammenhang die literatursprachliche Verwendung einer Sprache als ein Lebenselixier verstanden. In seiner Akademierede zum Schillerjubiläum 1859 fasste er das in diese nach wie vor gültige Feststellung: „eines volkes sprache, welchem keine dichter auferstanden sind, stockt und beginnt allmälich zu welken, wie das volk selbst […] zurückgesetzt und ohnmächtig erscheint“ (J. Grimm 1879, S. 376).

Für den Sprachausbau kommt es nach Heinz Kloss (1904–1987) besonders auf die Sachprosa an, ob hier allein die Standardsprache verwendet wird oder auch dialektnähere Sprachformen, das Niederdeutsche zum Beispiel. Kloss unterscheidet bei der Sachprosa je drei Sachgebiete und Ausbaustufen, die „Entfaltungsstufen“, eine Graphik führt das vor Augen. Die Felder stehen für die horizontal an←55 | 56→ geordneten Sachgebiete (1) des Eigen-, besser Gruppenbezogenen; darunter werden Themen aus dem unmittelbaren Lebensumfeld verstanden: die „Muttersprache“ und in ihr verfasste Literatur, Heimatkunde und Geschichte der Region „einschließlich ihrer Landwirtschaft, Gewerbezweige, der heimatlichen Fauna, Flora usw.“ (Kloss 1976, S. 307); (2) „kulturkundliche Fächer“, Geistes- und Rechtswissenschaften,...

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