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Die Chronologie von Emily Brontës «Wuthering Heights»

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Michael Weber

Lange galt in der Forschung die Zeitstruktur von Emily Brontës Roman «Wuthering Heights» als undurchsichtig, meist sogar als fehlerhaft. Lediglich drei Jahreszahlen stehen im Text einer Fülle von relativen Zeitangaben gegenüber, die den Verlauf der Ereignisse zu diesen Jahresangaben in Beziehung setzen. Wenn man – wie in der Forschung üblich – die Jahresangaben auf die Zeit der Handlung bezieht, lässt sich keine Übereinstimmung mit den übrigen Zeitangaben erzielen. Der entscheidende Neuansatz dieser Studie besteht demgegenüber in der Hypothese, dass zwei der Jahreszahlen die Entstehungszeit des Berichts über die Handlung markieren. Damit lässt sich die Stimmigkeit des gesamten Zeitgerüsts erweisen und zugleich eine innovative Interpretation mit Blick auf die fiktive Erzählstrategie begründen. Ihre Berücksichtigung eröffnet neue Perspektiven, insbesondere auf den Protagonisten Mr. Heathcliff.

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VII. Chronologie als praktische Narratologie

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VII.  Chronologie als praktische Narratologie

Sanger nimmt an, dass Emily Brontë in Wuthering Heights kalendarische Angaben („dates“) weggelassen habe, um das Gefühl der Leser für „den Lauf der Zeit nicht zu belästigen“.1 Das mag zutreffen. Dagegen spricht jedoch, dass die zeitlichen Unschärfen und Widersprüche die Leser verwirren und ihre Aufmerksamkeit gerade auf den Lauf der Zeit hinlenken. Es fragt sich daher, ob nicht noch mehr als Aufmerksamkeitslenkung hinter der erstaunlichen Verrätselung des Zeitplanes von Wuthering Heights steckt. Der Aufwand, mit dem die Chronologie verborgen wird, legt die Vermutung nahe, dass Emily Brontës Motive mit den Interessen Ellen Deans übereinstimmen. Dieser Umstand würde auch erklären, warum Emily Brontë im Roman als Autorin keine „eigene Stimme“ hat. Ihre Implikation zeigt sich, wenn überhaupt, an einem Hauch von Ironie, der Mr. Lockwoods saloppe Kommentare umweht (etwa zu den Eigentümlichkeiten von Gespenstern oder den Motten in der berühmten Schlussszene des Romans) oder an der makabren Komik von Josefs Anmerkungen (etwa wenn er sagt, dass „Heathcliff seinen Tod angrinst“ („girnning at death“, WH, 414). Dass die Etablierung eines Ich-Erzählers, erst recht seine Verdoppelung, einem Autor erlaubt, sich vom Erzählinhalt und den Erzählinstanzen zu distanzieren, ist oft genug erörtert worden und trifft sicher auch auf Wuthering Heights zu. Es kommt also darauf an zu klären, in welchem narrativen Verhältnis Ellen Dean und Mr. Lockwood zueinander und zur Autorin und zu den Lesern...

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