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Das Hohelied im Konflikt der Interpretationen

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Ludger Schwienhorst-Schönberger

Das Buch analysiert kritisch den vorherrschenden Konsens, das Hohelied (Canticum) als Sammlung profaner Liebeslieder zu verstehen. Intertextualität und Rezeptionsästhetik lassen das traditionelle metaphorisch-religiöse Verständnis des Buches in einem neuen Licht erscheinen. Die altorientalische Liebeslyrik liefert weitere Argumente für diese offene Sicht. Ob das allegorische Verständnis des Hoheliedes als Ausdruck der Liebe zwischen Gott und Israel der ursprünglich intendierten Bedeutung entspricht, bleibt umstritten. Die Beiträge der Fachtagung der Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen katholischen Alttestamentlerinnen und Alttestamentler im Jahre 2015 in Wien vermitteln einen lebendigen Eindruck von der neu aufgebrochenen Diskussion.

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Vorwort

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Das Hohelied gehörte in der Geschichte der christlichen Schriftauslegung zu den am häufigsten kommentierten Büchern des Alten Testaments. Da dessen Thema, die Liebe, zugleich als das zentrale Thema der Heiligen Schrift galt, konnten auf der Grundlage des Hoheliedes wesentliche Fragen der Theologie und des religiösen Lebens erörtert werden. Für die christliche Mystik war es einer der wichtigsten Bezugstexte. Mystik galt in dieser Zeit nicht als kurioser Sonderfall der Theologie und des Glaubens, sondern als deren höchste Form und Vollendung. In der Reihenfolge der dem Salomo zugeschriebenen Bücher Sprichwörter, Kohelet, Hohelied sah die christliche Tradition drei Etappen des spirituellen Weges vorgezeichnet. Im Hohelied, so wurde gelehrt, gelangt dieser Weg mit dem Vollzug der Einheit von Gott und Mensch zu seiner Vollendung. Entsprechend der im Judentum geläufigen Deutung der Überschrift „Lied der Lieder“ galt auch in der christlichen Theologie das Hohelied als das höchste und schönste Lied der Heiligen Schrift. Im Hintergrund dieser Auslegung steht die Einsicht, dass es eine wechselseitige Durchdringung von menschlicher und göttlicher Liebe, eine Analogie zwischen der Liebe von Mann und Frau und der Liebe von Gott und Menschen gibt und dass diese Entsprechung von grundlegender theologischer und anthropologischer Relevanz ist und in der Bibel bezeugt wird. Die geistig-allegorische Auslegung des Hoheliedes, die in der jüdischen Tradition grundgelegt und in der christlichen Rezeption weiter entfaltet wurde, ist das älteste uns bekannte Verständnis des Buches. Dass diese Deutung der ursprünglichen Bedeutung...

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