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Figur und Handlung im Märchen

Die «Kinder- und Hausmärchen» der Brüder Grimm im Licht der daoistischen Philosophie 2., überarbeitete Ausgabe

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Liping Wang

Diese Studie geht von einem weit außerhalb der europäisch-germanistischen Forschung liegenden Punkt aus, nämlich der fernöstlichen Philosophie des Daoismus, und eröffnet durch eine symboltheoretisch-strukturalistische Bedeutungsanalyse einen interkulturell erweiterten Zugang zu ausgewählten Texten der «Kinder- und Hausmärchen». Aus dem Handeln von 16 signifikanten Märchenfiguren extrapoliert sie Verhaltensmodelle, die sowohl grundlegend für das Weltbild in Grimms Märchen sind als auch überraschende Ähnlichkeiten mit dem Daoismus aufweisen. Mit der Kardinalfrage der Märchen: «Was ist Glück und Unglück?» gelangt die Arbeit zu einer von traditionellen Märcheninterpretationen abweichenden, sie reflektierenden und ergänzenden Antwort, die mit «der Suche nach der verlorenen (R)Einheit» anfängt.

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4. Märchenantihelden und ihre Verhaltensmodelle

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„Ziel erreicht“, das können keine Antihelden in den Kinder- und Hausmärchen behaupten. Der Weg ist das Ziel. Wenn der Weg ein Irrweg ist, versteht sich das Ziel als ein „Irrziel“. Während die Märchenhelden entweder nur kurz oder kaum von der konventionellen Wertvorstellung berührt werden und manche davon die egozentrische Denk- und Verhaltensweise zeitweilig ausüben, verfallen die Märchenantihelden tief in einen „Sündenfall“, der „die Einheit mit der Natur zerreißt und eine kalkulierende Vernunft freisetzt, die den spontanen Selbstlauf zerstört.“968 Die Egozentrik, die bei den Märchenhelden durch die Wiederherstellung der Reinheit und Einheit überwunden ist, pervertiert bei den Antihelden zum Egoismus, der

„Mensch[en] und Natur […] in doppelter Weise entzweit: Nicht nur ist der äußeren Natur im Menschen ein unersättlicher Feind erwachsen, er ruiniert auch seine innere Natur im aufreibenden Kampf um Ruhm, Besitz und Macht.“969

Darum verhalten sie sich wider die Natur, „deren Deskription“ der daoistischen Philosophie nach „unmittelbar auch moralische Präskription ist.“970 In dieser Hinsicht ist die Moralvorstellung der daoistischen Philosophie nicht nur eine Art von „Jenseits von Gut und Böse“, die für eine prädestinierte Harmonie sowohl in den Dingen der Natur als auch in der Natur der Dinge plädiert und Kritik an der egozentrischen Klugheit übt, die willkürliche Urteile über Gut und Böse bildet, sondern auch eine Art von „Lob der Torheit“, die die konventionell für „Dummheit“ gehaltene wahre...

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