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Das neue Glücksspielrecht unter besonderer Berücksichtigung von Online-Glücksspielen

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Stefanie Ruth Fuchs

Die Autorin leistet einen Beitrag zur Debatte über den Reformbedarf des Glücksspielrechts. Sie analysiert die Glücksspielregulierung gemäß dem GlüStV 2012, vergleicht diesen Vertrag mit den Regelungen des ehemaligen GlüG SH und überprüft ihn auf seine Verfassungs- und Unionsrechtskonformität. Hierzu behandelt sie die einschlägige Rechtsprechung (insbesondere vom EuGH, BVerfG, BVerwG sowie BGH) und bespricht die Stellungnahmen der EU-Kommission. Abschließend folgt eine ökonomische Analyse. Da Sportwettveranstalter für ihre Wettangebote die Sportdatenbanken der Sportveranstalter verwenden, beantwortet dieses Buch die Frage, welche Rechte den Sportveranstaltern nach derzeitiger Rechtslage an ihren Sportdatenbanken zustehen und ob es sinnvoll wäre, neue Rechte zu schaffen.

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Kapitel 4: Wirtschaftliche Analyse

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Kapitel 4: Wirtschaftliche Analyse

Zunächst erfolgt eine Darstellung des derzeitigen Glücksspielmarktes in Zahlen, bevor sich daran eine Analyse einer ökonomisch effizienten Regulierung anschließt.

A.  Darstellung des derzeitigen Glücksspielmarktes in Zahlen

Glücksspiel gehört zum Unterhaltungs- und Freizietmarkt. Es ist ein schnell wachsendes Milliardengeschäft. Laut einer Studie der Pariser Panthéon-Sorbonne-Universität werden allein auf dem Sportwettenmarkt weltweit jährlich rund EUR 200 bis 500 Mrd. umgesetzt, davon 80% über illegale Geschäfte.1123 Friedrich Stickler, Präsident der European Lotteries (EL) schätzt den weltweiten Sportwettenmarkt sogar auf 1 Billionen Dollar.1124 Die organisierte Kriminalität wäscht hierüber laut der Studie der Pariser Panthéon-Sorbonne-Universität jährlich um rund EUR 100 Mrd. Die Nettoeinnahmen betrugen 2012 weltweit EUR 5,9 Mrd. und in der EU EUR 3,8 Mrd.1125

Der Anteil der EU am Weltmarkt für sämtliche Online-Glücksspiele beträgt nach einer Schätzung der EU 45%.1126 In dem gesamten Online-Glücksspielsektor wurden hiernach 2012 in der EU Nettoeinnahmen von EUR 10,54 Mrd. erzielt.1127 Die Europäische Kommission erwartet jährliche Wachstumsraten von 15% und rechnet für 2015 mit Nettoeinnahmen von mindestens EUR 13 Mrd.1128 In der gesamten EU leiden zwischen 0,1 und 0,8% der erwachsenen Bevölkerung an einer Glücksspielstörung und weitere 0,1–2,2% weisen ein potentiell problematisches Spielverhalten auf.1129

In Deutschland macht das Glücksspiel ca. 3,8% des Freizeitmarkts aus.1130 Spielteilnehmer investierten 2012 mehr als EUR 33 Mrd. in das legale Glücksspiel. In diesen Betrag sind die Umsätze von nicht legalen Anbietern (illegale Sportwetten, Online-Casino-Spiele und Online-Poker) noch nicht eingerechnet. Die Umsätze ← 383 | 384 → bewegten sich auch in den vergangenen 10 Jahren in dieser Größenordnung und machten rund 1,25% der gesamten Wirtschaftsleistung aus.1131 Verändert hat sich aber der Anteil der einzelnen Glücksspielarten an diesem Gesamtumsatz. Den Großteil konnten, wie schon in den Jahren zuvor seit der fünften Novelle der SpielV, mit rund EUR 19 Mrd. und rund 56%, die Aufsteller von Geldspielautomaten für sich verbuchen. Rund EUR 6 Mrd., mithin rund 19% entfielen auf Spielbanken und rund EUR 6,4 Mrd., also rund 21%, auf den Deutschen Lotto und Toto-Block (inklusive der Oddset-Wetten).1132 Die legalen Glücksspielveranstalter hatten 2012 einen Martkanteil von rund 76% des Gesamtmarktes und rund 85% des Marktes aus regulierten sowie zwar nicht in Deutschland, aber im EU-Ausland lizenzierten Anbietern. Sie erwirtschafteten einen Bruttospielertrag (Spieleinsätze minus ausgezahlte Gewinne) von rund EUR 9,16 Mrd. Davon entfielen 4,4 Mrd.(48%) auf die Aufsteller von Geldspielautomaten, 3,22 Mrd. (35,2%) auf Lotterie-Produkte des DLTB, 59 Mio. (0,6%) auf Oddset, 22 Mio. (0,2%) auf Fußball-Toto, 413 Mio. (4,5%) auf TV-Lotterien, 228 Mio. (2,5%) auf Gewinnsparen, 153 Mio. (1,7%) auf Klassenlotterien, 651 Mio. (7,1%) auf die Spielbanken, u. 15 Mio. (0,2%) auf Pferdewetten.1133

Der Marktanteil der in Deutschland legalisierten Angebote blieb bis 2014 konstant. Da erwirtschafteten sie einen Bruttospielertrag i. H. v. EUR 10,045 Mrd. (+9,8% im Vergleich zu 2012), davon 223 Mio. (2,22%) online: 5,1 Mrd. die Aufsteller von Geldspielgeräten (50,8%), 3,49 Mrd. (34,7%) Lotterie-Produkte d. DLTB, davon 188 Mio. online, 53 Mio. (0,5%) Oddset, 18 Mio. (0,2%) Fußball-Toto, davon 0,3 Mio online, 425 Mio. (4,2%) TV-Lotterien, davon 34 Mio. online, 239 Mio. (2,4%) Gewinnsparen, davon 0,1 Mio. online, 200 Mio. Klassenlotterien (2%), 508 Mio. (5,1%) die Spielbanken, u. 13 Mio. (0,1%) Pferdewetten. Sie zahlten insgesamt EUR 4,781 Mrd. Steuern und Abgaben.1134

Demgegenüber wiesen in Deutschland unregulierte, aber im EU-Ausland lizenzierte Angebote mit Bruttospielerträge i. H. v. EUR 1,571 Mrd. (2012) u. EUR 1,74 Mrd. (2014) einen Marktanteil von rund 13 des Gesmatmarktes und rund 15% des regulierten und nicht regulierten Marktes auf. Hiervon entfielen 2012 EUR 357 Mio. (22,7%) u. 2014 EUR 735 Mio (42,2%) auf Online-Casino-Spiele, 2012 EUR 301 Mio (19%) u. 2014 EUR 149 Mio. (8,6%) auf Online-Poker, 2012 EUR 325 Mio. (21%) u. 2014 EUR 263,2 Mio. (15,1%) auf Online Sportwetten sowie 2012 EUR 588 Mio. (37%) u. 2014 EUR 395 Mio (22,7%) auf in Deutschland nicht genehmigte Wettshops. 11,4% der Bruttospielerträge gingen 2014 mit EUR 198 Mio. an sog. Zweitlotterien ← 384 | 385 → (Wetten auf den Ausgang der Lotterien des DLTB).1135 Hinzu kommen noch mind. EUR 1,3 Mrd. (2012) u. mind. EUR 1,4 Mrd. (2014) Bruttospielertrag (jeweils 11–12% des Gesmatmarkts) auf dem Schwarzmarkt, von nirgendwo in der EU lizenzierten Anbietern.1136 Damit ist der deutsche Online-Pokermarkt der zweit größte der Welt.1137 Online-Casinospiele und Online-Poker machten 2012 zusammen 6,13% des Gesamtmarktes aus, und 2014 zusammen bereits 7,5%. Diese zahlten bis Ende des Jahres 2014 noch keine Steuer, da diese als Konsequenz des Totalverbots auch keiner Glücksspielsteuerregulierung unterliegen.1138. Auf dem deutschen Wettmarkt hielten nicht legale Sportwettenangebote einen Marktanteil von über 90%.1139 Diese zahlten 2014 Sportwettensteuern i. H. v. EUR 217 Mio.1140 Insgesamt wuchs der nicht regulierte Markt 2014 um 10,83% im Vergleich zu 2012. Der nicht-regulierte Markt sowie der Schwarzmarkt machten 2014 zusammen bereits ca. 26% des Gesamtmarkts aus.1141

Im Jahr 2015 wies der gesamte deutsche Glücksspielmarkt ein Volumen von EUR 14,218 Mrd. Bruttospielerträgen auf. Der regulierte Markt der in Deutschland legalisierten Angebote wuchs im Vergleich zu 2014 um 4%. Er erwirtschaftete Bruttospielerträge i. H. v. EUR 10,448 Mrd., davon EUR 299 Mio. (2,9%) online. Auf die Aufsteller von Geldspielgeräten entfielen davon EUR 5,3 Mrd. (50,73%), auf Lotterie-Produkte d. DLTB EUR 3,64 Mrd. (34,84%, davon EUR 258 Mio, (7,09%) online), auf Oddset EUR 54 Mio (0,52%), auf Fußball-Toto EUR 18 Mio. (0,17%, davon 0,4 Mio. (2,22%) online), auf Soziallotterien EUR 427 Mio. (4,1%, davon 41 Mio. (9,6%) online), auf Gewinnsparlotterien EUR 244 Mio (2,34%, davon 0,1 Mio. (0,04%) online), ← 385 | 386 → auf die GKL EUR 198 Mio. (1,9%, davon 0,2 Mio. (0,1%) online), auf Spielbanken EUR 557 Mio. (5,3%) sowie auf Pferdewetten EUR 12 Mio (0,1%). Damit machten die regulierten Angebote 73,5% des Gesamtmarktes und 82% des Marktes aus regulierten und nicht regulierten Anbietern aus. Sie zahlten insgesamt EUR 5,052 Mrd. Steuern und Abgaben.1142

Der nicht regulierte Markt aus im EU-Ausland lizenzierten Anbietern wuchs in Deutschland 2015 im Vergleich zu 2014 um 30%. Er erwirtschaftete Bruttospielerträge i. H. v. EUR 2,27 Mrd. Davon entfielen auf Online-Casino-Spiele EUR 1,165 Mrd. (51,32%), auf Online-Poker EUR 123 Mio. (5,42%), auf Online-Sportwetten EUR 294,4 Mio. (12,97%), auf in Deutschland nicht lizenzierte Wettshops EUR 441,6 Mio (19,45%) und auf sog. Zweitlotterien EUR 246 Mio. (10,84%).1143 Hinzu kommen noch ca. EUR 1,5 Mrd. Bruttospielertrag (11–12% des Gesmatmarkts) auf dem Schwarzmarkt, von nirgendwo in der EU lizenzierten Anbietern.1144 Online-Casinospiele und Online-Poker machten 2015 zusammen mithin knapp 57% des nicht regulierten Marktes und über 10% desGesamtmarktes aus. Deren Anbieter zahlen seit 2015 Umsatzsteuer, aber – anders als stationäre Casinos – keine Spielbankenabgabe, da sie als Konsequenz des Totalverbots auch keiner Glücksspielsteuerregulierung unterliegen. Auf dem deutschen Wettmarkt hielten nicht legale Sportwettenangebote einen Marktanteil von über 91%. Diese zahlten 2015 Sportwettensteuern i. H. v. EUR 243 Mio.1145

Michael Burkert, Referent des Deutschen Lotto- und Totoblocks erklärte auf der 9. Forum-Jahresfachtagung „Sportwetten & Glücksspiel“ am 24.06.2014 in Frankfurt/Main, dass insbes. die vielen illegalen Spielangebote auf dem deutschen Markt den Verbraucherschutz sowie die Suchtprävention „verhageln“.1146 Denn dort scheint alles möglich, was technisch geht. Gewettet wird live auf alle denkbaren Ereignisse während des Spiels (Zahl der Tore, wer diese schießt, Zahl der Ecken und Einwürfe, wer den ersten bekommt, wer den nächsten, und ob es am Ende eine gerade oder ungerade Zahl sein wird), sowie auf Sieg, Unentschieden oder Niederlage und auf konkrete Zwischen- und Endstände, bis kurz vor Abpfiff.1147 Diese Bendenken bzgl. ← 386 | 387 → der Unterwanderung jeglichen Jugend- und Spielerschutzes teilen die EU-Kommission und die Wissenschaft insbes. mit Blick auf die nicht regulierten Online-Casino- und Online-Automatenspiele.1148

Insgesamt weisen 0,51% der deutschen Bevölkerung ein problematisches Spielverhalten auf, und weitere 0,49% ein pathologisches. Dieser Anteil seit mehreren Jahren konstant.1149 Dreiviertel aller Hilfesuchenden bei Beratungsstellen sind süchtige Automatenspieler, 26% Süchtige nach Casino-Spielen und 6% Wettsüchtige (bei der Erhebung waren Mehrfachnennungen möglich).1150

B.  Analyse einer ökonomisch effizienten Regulierung

Aus ökonomischer Sicht sollte eine effiziente Glücksspielregulierung zwei Ziele verfolgen, nämlich die Eindämmung externer Effekte wie die Entstehung von Spielsucht, Betrug, Manipulationen und Geldwäsche sowie die Erzielung von Steuereinnahmen und die Generierung von Wachstum auch in anschließenden Branchen (bspw. d. Werbebranche).1151 Zur Erreichung beider Ziele ist eine möglichst hohe Kanalisierung des unregulierten Marktes sowie des Schwarzmarktes in den regulierten Markt erforderlich. Denn Schutzmaßnahmen können nur im regulierten Markt eingreifen. Auch Steuereinnahmen und Wachstum lassen sich langfristig kalkulierbar nur im regulierten Markt erzielen.1152 ← 387 | 388 →

I.  Kanalisierung des unregulierten Marktes sowie des Schwarzmarktes

Eine hohe Kanalisierung des unregulierten Marktes sowie des Schwarzmarktes in den regulierten Markt lässt sich mit dem Regulierungsmodell des GlüStV 2012 nicht erreichen. Diesbezüglich ist ihm das GlüG SH deutlich überlegen.1153

1.  Die Kanalisierung nach dem Regulierungsmodell des Glücksspielstaatsvertrags 2012

Die regulierten und unregulierten Sportwetten-Anbieter werden auch zukünftig ca. 6 Milliarden Euro Wetteinsätze generieren können. Bei einer Beibehaltung der Begrenzung der Anzahl der Sportwettenkonzessionen auf 20 Stück ist zu erwarten, dass – auch wegen der Restriktionen des GlüStV 2012 (insbes. wg. des monatlichen Einsatzlimits von 1000 Euro) – die unregulierten Anbieter im ersten Jahr nach der Konzessionsvergabe 52% der Wetteinsätze (3,105 Milliarden Euro) für sich verbuchen können, und 48% (2,878 Milliarden Euro) die konzessionierten Anbieter. Im Laufe der darauf folgenden drei Jahre ist zu erwarten, dass die konzessionierten Anbieter einen Rückgang der Wetteinsätze in Höhe von rund 900 Millionen Euro zu verzeichnen haben werden, und dass sie mittel- und langfristig stagnieren werden. Sie werden nur noch 1,98 Milliarden Euro, mithin rund 30%-35% der Wetteinsätze vereinnahmen können. Das freiwerdende Wetteinsatz-Volumen wird sich sowohl in den unregulierten Markt, als auch in den Schwarzmarkt verschieben, die ein Umsatzplus von rund einer Milliarde Euro verbuchen können und ca. 65–70% des Sportwettenmarktes ausmachen werden. Für Online-Casinospiele und Online-Poker bestehen weiterhin nur ein unregulierter Markt sowie ein Schwarzmarkt.1154 Dieser wird nicht verschwinden. Vollzugsmaßnahmen erscheinen von vorneherein aussichtslos. Es besteht eine erhebliche Nachfrage hierfür. Die Spielteilnehmer werden diese Nachfrage im nicht regulierten und Schwarzmarkt befriedigen, solange es keine legalen Angebote gibt. Die im Sommer 2017 wirksam werdenden Beschränkungen des GlüStV 2012 für Spielhallen werden diese Abwanderung in den illegalen Online-Casino-Markt noch verstärken. Dieser wird daher noch stärkere Wachstumstendenzen aufweisen, als bisher schon.1155 ← 388 | 389 →

2.  Kanalisierungseffekte bei einer zahlenmäßig unbeschränkten Konzessionierung von Sportwettenanbietern sowie einer Öffnung des Online-Marktes für Casiono-Spiele und Poker

Bei einem zahlenmäßig unbeschschränkten Konzessionsmodell für Sportwetten sowie einer Zulassung von Online-Casinos sowie von Online-Poker ist davon auszugehen, dass der regulierte Sportwettenmarkt schon im ersten Jahr der Konzessionsvergabe knapp 6,7 Milliarden Euro an Wetteinsätzen wird vereinnahmen können. Es ist zu erwarten, dass dieser Betrag in den drei darauf folgenden Jahren auf knapp 8 Milliarden Euro anwachsen wird, da alle marktlich relevanten Anbieter eine Lizenz einholen und wegen legaler Werbemöglichkeiten ein Umsatzplus erzielen könnten. Der unregulierte Markt (mit ca. 6,7% Marktanteil) sowie der Schwarzmarkt würden nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Dieser würde sich bei ca. 8% einpendeln. Entsprechende Entwicklungen wären bei den Online-Casinos und Online-Pokeranbietern zu erwarten. Insgesamt ist für den gesamten bisher nicht regulierten Markt bei einer Legalisierung bis 2020 mit Mehreinnahmen i. H. v. EUR 33 Mrd. zu rechnen. Ferner bieten viele Anbieter gleichzeitig Sportwetten und Online-Casinospiele sowie Online-Poker an. Dies könnten sie dann legal tun, was die Kanalisierung bei Online-Sportwetten nochmals erhöhen würde.1156

II.  Die Glücksspielbesteuerung

Ferner ist auch die Besteuerung des Bruttospielertrags nach dem GlüG SH mit 20% der Besteuerung des Wetteinsatzes mit 5% nach dem GlüStV 2012 überlegen. Die Besteuerung von 20% des Bruttospielertrags ist niedriger, als die Besteuerung von 5% auf die Wetteinsätze. Bei einer Marge der Anbieter von 10% entspricht der Steuersatz bei einer Wetteinsatzsteuer dem zehnfachen Steuersatz bei einer Bruttospielerstragssteuer. Eine Besteuerung von 20% des Bruttospielertrags entspricht mithin bei einer Marge der Anbieter von 10% einer Besteuerung von 2% des Wetteinsatzes. Diese niedrigere Besteuerung führt aber wegen der hierdurch erzielbaren höheren Kanalisierungsrate im Ergebnis nicht zu niedrigeren, sondern sogar zu höheren Steuereinnahmen. Denn das Besteuerungsmodell des GlüStV 2012 sowie des RennwLottG führt zu erheblichen Wettbewerbsnachteilen für die steuerzahlenden ← 389 | 390 → Anbieter. Diese würden durch eine Umstellung auf eine Bruttospielertragssteuer abgemildert.1157

Die in Deutschland unregulierten, aber wenigstens im EU-Ausland lizenzierten Sportwetten-Anbieter agieren seit Inkrafttreten des GlüStV 2012 von den Behörden geduldet sichtbar in der Öffentlichkeit, als Sposoren für Fußballvereine, mittels TV- und Hörfunkwerbespots und deutschsprachigen Webseiten. Sie zahlen immerhin die 5% Wetteinsatzsteuer des RennwLottG (zwischen Juli 2012 und April 2013 mindestens EUR 164,5 Mio., im Jahr 2014 bereits mit EUR 217 Mio. rund 95% der insges. vereinnahmten Wettsteuer in Höhe von 228 Millionen EUR und 2015 mit EUR 243 Mio. rund 96% der insges. vereinnahmten Wettsteuer in Höhe von EUR 254 Mio. EUR).1158 Aber seit sie dies tun, gehen bei ihnen die Wetteinsätze zurück. Denn sie können keine Wetten mit niedrigen Quoten (unter 1,06) mehr anbieten, da die Spieler bei diesen durch die Steuer trotz Gewinn weniger als ihren Einsatz zurück ausgezahlt bekämen. Besonders hart trifft die Steuer die Online-Wettanbieter, bei denen die Ertragsmarge im Vergleich zu den Anbietern im Wettshop-Geschäft nur etwa halb so groß ist. Auch trifft sie die Konkurrenz auf dem Schwarzmarkt in besonderer Weise, die keine Steuern zahlt u. daher dieselben Quoten, jedoch ohne die Wetteinsatzsteuer von 5% anbieten kann. Wettshops haben mit Schwarzmarkt-Buchmachern zu kämpfen, die in ihrem Umfeld Kunden anwerben, und mangels Steuerabführung ebenfalls attraktivere Quoten oder dieselben Quoten ohne die 5% Wetteinsatzsteuer anbieten können. Der hierdurch anzunehmende Einahmerückgang bei den (derzeit noch unregulierten) Online-Sportwetten sowie Wettshops wird in den Schwarzmarkt abwandern. Deswegen sind sogar Rückgaben von Konzessionen von den einmal regulierten Anbietern sowie eine Rückkehr in den unregulierten Markt bzw. in den Schwarzmarkt zu befürchten.1159

Ferner werden nach Beendigung der Übergangszeit durch die Konzessionsvergabe die nicht regulierten Anbieter nicht mehr wie bisher agieren können, da die Behörden sie voraussichtlich nicht mehr dulden werden. Der unregulierte Markt wird daher auch keine Steuern mehr zahlen. Das Steuaufkommen wird sich bei einer Beibehaltung der fünfprozentigen Wetteinsatzsteuer und der Beschränkung der Konzessionsanzahl auf 20 Stück voraussichtlich in den vier Jahren nach der Konzessionserteilung um rund 45% reduzieren. Bei einer Streichung der zahlenmäßigen Beschränkung der Sportwettenkonzessionen könnten sich die Steuereinnahmen im ← 390 | 391 → gleichen Zeitraum bei einer Beibehaltung der fünfprozentigen Wetteinsatzsteuer um über 100% erhöhen. Auf Basis des GlüStV 2012 entgehen dem Fiskus aus diesem Grund voraussichtlich in den ersten vier Jahren nach der Konzessionserteilung bis zu 1,58 Milliarden Euro an Steuereinnnahmen.1160

Hinzu kämen bei einer Öffnung des Online-Marktes für Casino-Spiele und Poker die von den Anbietern dieser Glücksspiele zu zahlenden Steuern. Diese Online-Spiele sind noch wichtiger, als die Online-Sportwetten. Online-Sportwetten haben 2012 einen Bruttospielertrag von 325 Millionen Euro erwirtschaftet. Online-Casinospiele und Online-Poker zusammen mehr als doppelt so viel, und auch mehr als Wettshops (mit Bruttospielertrag von 588 Millionen Euro), nämlich einen Bruttospielertrag von 658 Millionen Euro. Auch 2015 wuchs der Online-Casinomarkt stärker, als der Sportwettenmarkt. Er macht mittlerweile mehr als 50% des nicht regulierten marktes und mehr als 10 des Gesmatmarktes aus. Für Online-Casinospiele eignet sich aber die Wetteinsatzsteuer nicht. Denn wegen der hohen Einsatzfrequenz dieser Spiele würden unverhältnismäßig hohe Steuern anfallen. Die Bruttospielertragssteuer (von 20%) hingegen ließe sich problemlos auf sie Anwenden. Diese ist mit einem Steuerertrag von mind. EUR 160 Mio. pro Jahr (Hessen geht von EUR 230 Mio. p.a. aus) für den Fiskus äußerst attraktiv. Insgesamt ließen sich bei einer legalisierung des Sportwetten- und Online-Casinomarktes (einschließlich Online-Poker) und bei einer Einführung einer Bruttospielertragssteuer bis einschließlich 2021 Steuermehreinnahmen i. H. v. EUR 8 Mrd. erzielen. Hinzu kommen die Mehreinnahmen durch die größeren Umsätze der vor- und nachgelagerten Branchen (mehr als EUR 400 Mio.).1161 ← 391 | 392 →


1123 Gotzner, Wirtschaftswoche 2014, Sparte Technologie, digitale Welt, Artikel Nr. 9993566 vom 23.06.2014.

1124 Breining, Stuttgarter Zeitung, Artikel vom 18.07.2014, 08:35 Uhr.

1125 Gotzner, Wirtschaftswoche 2014, Sparte Technologie, digitale Welt, Artikel Nr. 9993566 vom 23.06.2014, siehe dort auch bei der Grafik „Zocken im Netz“.

1126 Europäische Kommission, Pressemitteilung vom 14.07.2014, IP/14/828, Hintergrund.

1127 Empfehlung 2014/478/EU, L 2014/38/39, Erwägungsgrund 10.

1128 COM (2012) 596 final, S. 3.

1129 Empfehlung 2014/478/EU, L 2014/38/39, Erwägungsgrund 12; Europäische Kommission, Pressemitteilung vom 14.07.2014, IP/14/828, Hintergrund.

1130 Der gesamte deutsche Freizeitmarkt belief sich 2014 auf insges. Rund EUR 300 Mrd.: Peren/Clement, ZfWG 2016, Sonderbeilage 2, S. 4.

1131 Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Datenfakten Glücksspiel; Deutsche Wirtschafts Nachrichten, Artikel vom 10.07.2013, 01:58 Uhr; Dohm, ZUM 2011, 98.

1132 Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Datenfakten Glücksspiel; Deutsche Wirtschafts Nachrichten, Artikel vom 10.07.2013, 01:58 Uhr.

1133 Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Datenfakten Glücksspiel; Folmand Olsen, http://www.gluecksspielschule.de/gewinnspiele/Gluecksspielmartzahlen.html; Goldmedia, Glücksspielmarkt Deutschland 2017, S. 4f.

1134 Glücksspielaufsichtsbehörden der Länder, Jahresreport 2015, S. 17; Peren/Clement, ZfWG 2016, Sonderbeilage 2, S. 8.

1135 Folmand Olsen, http://www.gluecksspielschule.de/gewinnspiele/Gluecksspielmartzahlen.html; Glücksspielaufsichtsbehörden der Länder, Jahresreport 2015, S. 18; Goldmedia, Glücksspielmarkt Deutschland 2017, S. 4ff.; Peren/Clement, ZfWG 2016, Sonderbeilage 2, S. 8ff.

1136 Goldmedia, Glücksspielmarkt Deutschland 2017, S. 6; Kleibrink/Köster/Rürup, Handelsblatt Research Institute, Studie März 2017, S. 41f.; Peren/Clement, ZfWG 2016, Sonderbeilage 2, S. 14ff.

1137 Hambach, K&R 2014, 570, 574; Hambach/Riege, World Online Gambling Law Report, March 2013, 6, 7.

1138 Goldmedia, Glücksspielmarkt Deutschland 2017, S. 9.

1139 Die Schätzungen reichen von über 90% bis 97%: Breining, Stuttgarter Zeitung, Artikel vom 18.07.2014, 08:35 Uhr; Deutscher Olympischer Sportbund, Presse-Mitteilung 38/2011 vom 19.07.2011; ders., Pressemitteilung vom 28.10.2011. Diesbach/Ahlhaus, ZUM 2011, 129, 131; Dohm, ZUM 2011, 98; EU-Kommission, EU Pilot-Schreiben an Deutschland vom 30.06.2015, Az. 7625/15/GROW, S. 2; Glücksspielaufsichtsbehörden der Länder, Jahresreport 2015, S. 18; Goldmedia, Glücksspielmarkt Deutschland 2017, S. 6; Nolte, Entwurf eines Staatsvertrags zum Glücksspielwesen in Deutschland, Gutachten im Auftrag des DOSB, Februar 2011, S. 2.

1140 Glücksspielaufsichtsbehörden der Länder, Jahresreport 2015, S. 18.

1141 Peren/Clement, ZfWG 2016, Sonderbeilage 2, S. 22, die EU-Kommission bezifferte den Anteil im EU-Pilot 7625/15/GROW sogar mit rund 30%.

1142 Glücksspielaufsichtsbehörden der Länder, Jahresreport 2015, S. 4, 6ff.; Kleibrink/Köster/Rürup, Handelsblatt Research Institute, Studie März 2017, S. 36ff.

1143 Glücksspielaufsichtsbehörden der Länder, Jahresreport 2015, S. 4, 11ff.; Kleibrink/Köster/Rürup, Handelsblatt Research Institute, Studie März 2017, S. 36f., 40f.

1144 Kleibrink/Köster/Rürup, Handelsblatt Research Institute, Studie März 2017, S. 41f.

1145 Glücksspielaufsichtsbehörden der Länder, Jahresreport 2015, S. 12; Peren/Clement, ZfWG 2016, Sonderbeilage 2, S. 12.

1146 Burkert, Saarland Sporttoto GmbH, ISA-GUIDE, Artikel Nr. 114342 vom 24.06.2014.

1147 Gotzner, Wirtschaftswoche 2014, Sparte Technologie, digitale Welt, Artikel Nr. 9993566 vom 23.06.2014; Schwan/Winter, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Artikel vom 22.06.2014.

1148 EU-Kommission, EU Pilot-Schreiben an Deutschland vom 30.06.2015, Az. 7625/15/GROW, S. 3f.; Henseler-Unger/Gries/Strube Martins, WIK-Consult Bericht, Studie für den DVTM, Oktober 2015, S. 4, 48ff.; Kleibrink/Köster/Rürup, Handelsblatt Research Institute, Studie März 2017, S. 89; Monopolkommission, 19. Hauptgutachten 2010/2011, BT Drs. 17/10365, S. 45ff.; Peren/Clement, ZfWG 2016, Sonderbeilage 2, S. 4.

1149 Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Datenfakten Glücksspiel; Peren/Clement, ZfWG 2016, Sonderbeilage 2, S. 22.

1150 Deutsche Wirtschafts Nachrichten, Artikel vom 10.07.2013, 01:58 Uhr; Peren/Clement, ZfWG 2016, Sonderbeilage 2, S. 4, 23.

1151 Henseler-Unger/Gries/Strube Martins, WIK-Consult Bericht, Studie Oktober 2015, S. 30; Institut für Weltwirtschaft Kiel, Policy Brief Nr. 44, März 2012, S. 2f.; Monopolkommission, 19. Hauptgutachten, 2012, BT Drs. 17/10365, S. 21f., 47f. (ziff. 12ff.); Kleibrink/Köster/Rürup, Handelsblatt Research Institute, Studie März 2017, S. 10, 87ff.; Peren/Clement, ZfWG 2016, Sonderbeilage 2, S. 4, 23.

1152 Henseler-Unger/Gries/Strube Martins, WIK-Consult Bericht, Studie Oktober 2015, S. 30; Institut für Weltwirtschaft Kiel, Policy Brief Nr. 44, März 2012, S. 5, 7f.; Monopolkommission, 19. Hauptgutachten, 2012, BT Drs. 17/10365, S. 21f.

1153 Henseler-Unger/Gries/Strube Martins, WIK-Consult Bericht, Studie Oktober 2015, S. 38ff.; Goldmedia, Glücksspielmarkt Deutschland 2017, S. 8ff.; dies., Pressemeldung vom Juli 2013; Institut für Weltwirtschaft Kiel, Policy Brief Nr. 44, März 2012, S. 8 (Schlussfolgerungen); Monopolkommission, 19. Hauptgutachten, 2012, BT Drs. 17/10365, S. 21f., 60f.; Peren/Clement, ZfWG 2016, Sonderbeilage 2, S. 23f.

1154 Henseler-Unger/Gries/Strube Martins, WIK-Consult Bericht, Studie Oktober 2015, S. 38; Goldmedia, Glücksspielmarkt Deutschland 2017, S. 9ff.; dies., Pressemeldung vom Juli 2013.

1155 Koestler-Messaoudi, Behörden Spiegel / Mai 2018, Kommunale Ordnung, S. 28; Monopolkommission, 19. Hauptgutachten, 2012, BT Drs. 17/10365, S. 48; Schaich, Pressestelle Hessisches Ministerium des Innern und für Sport, Pressemitteilung Nr. 22803 vom 08.10.2015, S. 2, Begründung Leitlinie 1.

1156 Boehringer, Süddeutsche.de Wirtschaft, Artikel vom 19.03.2017, 18:53 uhr, Nahaufnahme; EU-Pilot 7625/15/GROW, S. 3; Henseler-Unger/Gries/Strube Martins, WIK-Consult Bericht, Studie Oktober 2015, S. 38ff.; Goldmedia, Glücksspielmarkt Deutschland 2017, S. 13f.; dies., Pressemeldung vom Juli 2013; Institut für Weltwirtschaft Kiel, Policy Brief Nr. 44, März 2012, S. 8; Kleibrink/Köster/Rürup, Handelsblatt Research Institute, Studie März 2017, S. 34, 89; Monopolkommission, 19. Hauptgutachten, 2012, BT Drs. 17/10365, S. 58.

1157 Institut für Weltwirtschaft Kiel, Policy Brief Nr. 44, März 2012, S. 5; Monopolkommission, 19. Hauptgutachten, 2012, BT Drs. 17/10365, S. 22, 55; Schaich, Pressestelle Hessisches Ministerium des Innern und für Sport, Pressemitteilung Nr. 22803 vom 08.10.2015, S. 2, Begründung Leitlinie 1.

1158 Deutscher Sportwettenverband e.V., Pressemitteilung vom 30.01.2015, Archiv für Glücksspiel- und Wettrecht, eingestellt am 31.01.2015; Glücksspielaufsichtsbehörden der Länder, Jahresreport 2015, S. 6, 12.

1159 Koestler-Messaoudi, Behörden Spiegel / Mai 2018, Kommunale Ordnung, S. 28; Goldmedia, Glücksspielmarkt Deutschland 2017, S. 8, 10f.; dies., Pressemeldung vom Juli 2013.

1160 Goldmedia, Glücksspielmarkt Deutschland 2017, S. 15f.; dies., Pressemeldung vom Juli 2013.

1161 Henseler-Unger/Gries/Strube Martins, WIK-Consult Bericht, Studie Oktober 2015, S. 40ff.; Goldmedia, Glücksspielmarkt Deutschland 2017, S. 13, 16; dies., Pressemeldung vom Juli 2013; Institut für Weltwirtschaft Kiel, Policy Brief Nr. 44, März 2012, S. 7; Schaich, Pressestelle Hessisches Ministerium des Innern und für Sport, Pressemitteilung Nr. 22803 vom 08.10.2015, S. 2, Begründung Leitlinie 1.