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Musik und die Ordnung der Dinge im ausgehenden Mittelalter und in der Frühen Neuzeit

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Karsten Mackensen

Die «Musica» ist in Weltvorstellungen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit oft nicht nur ein Bestandteil des Wissens neben vielen anderen, sondern stellt ein übergeordnetes Ordnungsprinzip dar. Erstmals untersucht dieses Buch die genaue Stellung von Musik innerhalb der universalen Ordnung der Dinge, wie sie sich in enzyklopädischen Texten auch jenseits des fachdisziplinären Diskurses darstellt. Anhand zentraler Leitthemen wie Produktivität, Kombinatorik und Kosmologie führt die Untersuchung von der mittelalterlichen Logik Ramon Llulls über zahlreiche Stationen bis hin zur Weltkonzeption Athanasius Kirchers. Noch im 17. Jahrhundert, so wird deutlich, kann die Rolle der Musik nur vor dem Hintergrund der anhaltenden Wirksamkeit mystischer, magischer und kosmologischer Denkweisen verstanden werden.

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Zurück zu Gott – die Produktivität der Welterschließung bei Athanasius Kircher

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Enzyklopädische Musurgie

Die Frage, wer nun eigentlich die Weltschöpfungsorgel, deren Illustration programmatisch das zehnte Buch der Musurgia universalis eröffnet (Abb. 30)684, schlägt und so, alle Register zugleich ziehend, im Moment ihrer Erschaffung einen unendlichstimmigen concentus der Welt generiert, ist nur scheinbar einfach zu beantworten. Natürlich kann es eigentlich nur Gott sein. Nicht umsonst wird er als oberster „Werckmeister“ (so Andreas Hirsch in seiner zeitgenössischen Übersetzung685) und höchster Organoede von Kircher umfassend vorgestellt, nicht zufällig entspricht die detailgetreue Abbildung der Orgel insgesamt keinem von Menschenhand spielbaren Instrument, nicht umsonst gehorcht schon die Abwechslung von weißen und schwarzen Tasten keinem je gebräuchlichen oder bei Kircher vorgestellten Tonsystem, sondern vielmehr einer zahlensymbolischen Repräsentation der Trinität. Und trotzdem: Die Klaviatur lädt zum Platznehmen ein, wir schauen praktisch aus Augenhöhe auf den Spieltisch, der ja nicht besetzt ist und auf einen Spieler vielleicht bloß wartet. Keineswegs aus der Höhe einer supramundanen Sphäre noch jenseits des empyreischen Himmels manipuliert hier die Hand Gottes das harmonische Weltgefüge – wie bei Robert Fludd in rührender Anschaulichkeit dargestellt686 –, stattdessen ist die Weltmusik-Maschine buchstäblich zum Greifen nah, zum In-die-Tasten-Greifen. ← 269 | 270 →

Abb. 30: Kircher, Harmonia nascentis mundi

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