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Musik und die Ordnung der Dinge im ausgehenden Mittelalter und in der Frühen Neuzeit

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Karsten Mackensen

Die «Musica» ist in Weltvorstellungen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit oft nicht nur ein Bestandteil des Wissens neben vielen anderen, sondern stellt ein übergeordnetes Ordnungsprinzip dar. Erstmals untersucht dieses Buch die genaue Stellung von Musik innerhalb der universalen Ordnung der Dinge, wie sie sich in enzyklopädischen Texten auch jenseits des fachdisziplinären Diskurses darstellt. Anhand zentraler Leitthemen wie Produktivität, Kombinatorik und Kosmologie führt die Untersuchung von der mittelalterlichen Logik Ramon Llulls über zahlreiche Stationen bis hin zur Weltkonzeption Athanasius Kirchers. Noch im 17. Jahrhundert, so wird deutlich, kann die Rolle der Musik nur vor dem Hintergrund der anhaltenden Wirksamkeit mystischer, magischer und kosmologischer Denkweisen verstanden werden.

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Einleitung. Musik in der Ordnung des Wissens in der Frühen Neuzeit

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An der Schwelle zur Neuzeit, in der Sattelzeit der Moderne, artikuliert Johann Mattheson, der vielleicht einflussreichste Musikpublizist der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, einen spektakulär hohen Anspruch an die Musik. Nicht eine Disziplin unter oder neben vielen solle sie darstellen, nicht ein einzelnes, separates Wissensgebiet im Feld des für den Menschen wissbaren Wissens, sondern schlichtweg das übergeordnete Paradigma für Wissen und Erkenntnis generell. Die „musicalische Gelehrsamkeit“ – und gemeint ist damit das Total musikalisch-praktischen wie -theoretischen Wissens – sei „ohne Zweiffel eine allgemeine Wissenschafft, welche, wie die Gerechtigkeit alle andere Tugenden; also diese alle andere Wißenschafften unter sich begreiffet“1. Musik käme damit eine epistemologisch prominente Position zu, als Paradigma von Wissenschaft, als Modell für jede Form von Wissen und Erkenntnis, wie sie der Mensch nur je erlangen könnte. Musik wird nicht nur ein Platz, ein locus oder topos in einem zusammenhängenden Wissenssystem mit einer ganz bestimmten Ordnung zugewiesen, sondern epistemisch ausgezeichnet, als eine Form von Erkenntnis sui generis. Dass es sich dabei nicht um eine naturwissenschaftliche, auf Empirie und der naturgesetzlichen Kette von Ursache und Wirkung aufruhende Art der Erkenntnis geht, noch um eine Form rationaler Logik und mathematischer Algorithmen, verdeutlichen Matthesons Bezugnahmen auf klassische Autoritäten einerseits, die unmittelbare Assoziation mit dem Bereich der Theologie andererseits.2

Dass Mattheson eine solche Forderung an die Bedeutung der Musik für den Menschen stellt genau zu einem Zeitpunkt, zu dem universalhistorische Vorstellungen eines einheitlichen (Wissens-)Kosmos zugunsten partikulärer Fachdisziplinen...

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