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Die gespiegelte Schweiz

Erzählte Zeitgeschichte in ausgewählten Romanen von Jakob Bosshart, Meinrad Inglin, Kurt Guggenheim und Charles Lewinsky

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Ewa Mazurkiewicz

Das Buch verfolgt anhand von vier Schweizer Romanen die aus diversen Perspektiven gespiegelte, zwischen 1871 und 1945 situierte Schweizer Geschichte. Die Werke «Ein Rufer in der Wüste» (1921) von Jakob Bosshart, «Schweizerspiegel» (1938) von Meinrad Inglin, «Alles in Allem» (1952–1955) von Kurt Guggenheim und «Melnitz» (2006) von Charles Lewinsky, in der kritischen Rezeption oft als «Schweizerspiegel» etikettiert, vermitteln ein komplementäres, großangelegtes, als Zeitgemälde gedachtes Panorama-Bild der Schweiz. Mit der Annäherung an ausgewählte literarästhetische Tendenzen sowie Autoren der deutschsprachigen Schweiz des 20. Jahrhunderts zeigt die Autorin auf, inwieweit sich das Land mitsamt dessen Politik, Geschichte und Gegenwart in seiner Literatur spiegelt und Grundlage für das Konstruieren literarischer Fiktion wird.

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5. Integration, Assimilation, Antisemitismus. Das jüdische Panorama der Schweiz im Roman Melnitz von Charles Lewinsky

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Mit seinem 2006 publizierten Roman Melnitz schrieb Charles Lewinsky Gottfried Kellers Tradition des groß angelegten realistischen Erzählens fort. Die Kritikerstimmen betonten das am Schweizer Klassiker orientierte epische Kolorit, man fühle sich „manchmal wie bei Gottfried Keller in einem jüdischen Seldwyla, so sehr wirken die Figuren, die Pinchas Pomeranz heißen, wie Wiedergänger klassischer Charaktere“1. Analog zu Kellers Seldwyla als „repräsentative[m] Konzentrat der Schweiz“2 sah Ernst Osterkamp die Kleinstadt Lengnau – den ursprünglichen Handlungsort von Melnitz – als einen für Schweizer Juden ganz besonderen Ort, an dem sie sich bis 1866 niederlassen durften. Dominik Müller erkannte dagegen Parallelen zwischen Kellers letztem Roman Martin Salander und Melnitz, indem er auf den Verzicht der beiden Texte verwies, die Schweiz als einen Sonderfall darzustellen, etwa nach Arnold Salanders Motto: „chez nous comme partout“3. Dabei betonte Müller, in Kellers um 1886 konzipierter Figur sei die Grundlage des gegenüber dem Schweizer Mythos distanzierten Denkens zu situieren, das etwa in Frischs Andorra, Muschgs Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt und nicht zuletzt auch bei Lewinsky kontinuiert werde.4

In dem zum Bestseller gewordenen Familien- und Generationenroman Melnitz erblickte die Kritik auch die Fortsetzung der helvetischen Tendenz aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Schweiz in ihrer Totalität darzustellen, sie als ein breit gefächertes, repräsentativ gestaltetes Panorama zu entwerfen. So ← 163 | 164 → wurde Melnitz etwa von Klara Obermüller5, Roman Bucheli6 und Dominik Müller7 mit Kurt Guggenheims...

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