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Über Rede in Vers und Prosa

Die Funktion der Formensprache im Roman Doktor Shiwago

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Ulrich Steltner

«Doktor Shiwago», der Roman des Lyrikers Boris Leonidowitsch Pasternak, geriet 1958 in ein Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik, das seine Rezeption bis heute prägt. Diese Studie geht, mit dem Ziel der Objektivierung, von einem Form-Funktions-Gefüge aus. Sie analysiert die Formensprache sowohl des Prosateils als auch der Verse des Schlusskapitels, um die Funktion beider Redeformen für das Romanganze zu bestimmen. Ebenso berücksichtigt der Autor den Unterschied zwischen Textschema und kontextuellen Konkretisationen, seien es Urteile der Zeit oder historisch wandelbare Gattungsmerkmale, die das Textverständnis lenken. «Doktor Shiwago» ist ein Experimentalroman, in dem «Chaos» und «Ordnung», «Leben» und «Kunst» sowie «Prosa» und «Vers» einander metafiktional gegenübergestellt beziehungsweise miteinander verbunden werden.

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6. Die Funktionalisierung des 17. Kapitels

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6.   Die Funktionalisierung des 17. Kapitels

Die 25 nummerierten Gedichte des Jurij Shiwago139 werden für den ersten Blick durch Nennung ihres fiktiven Urhebers in der Überschrift zu einem Ganzen gefasst und als solche in der Darstellung im Prosateil motiviert. Beim genaueren Hinsehen zeigen sich Ordnungsmomente, die es erlauben, von einem „Zyklus“ zu sprechen, wodurch die 25 Einzelgedichte zu einem größeren Ganzen wirklich zusammengeschlossen werden. Dennoch weisen die Gedichte eine ziemliche Variabilität in Bezug auf Themen, Motive und formensprachliche Momente auf. Hinsichtlich seiner variablen Kleinteiligkeit ist das 17. Kapitel zur Prosa der Kapitel 1–16 mit ihren mehr als 200 Abschnitten gewissermaßen isomorph,140 aber eben nicht ‚chaotisch‘, weil diese Art Kleinteiligkeit funktional eher zur Lyrik gehört als zur Großprosa und nur in der Lyrik problemlos konkretisiert werden kann.141

Der Zyklus

Wurde die Gliederung des Prosateils von Ortsangaben als Merkmal des durchgängigen Motivs der „Reise“ bestimmt, so fallen in der Gedichtsammlung die expliziten oder impliziten Zeitangaben ins Auge. Sie umfassen knapp die Hälfte der Gedichte, nämlich 13 von insgesamt 25: (2) März (Mart), (3) In der Karwoche (Na Strastnoj), (4) Weiße Nacht (Belaja noč’), (5) Wegelosigkeit im Frühling (Vesennjaja rasputica), (7) Sommer in der Stadt (Leto v gorode), (10) Altweibersommer (Bab’e leto), (12) Herbst (Osen’), (14) August (Avgust), (15) Winternacht ← 99 | 100 → (Zimnjaja noč’), (18) Stern der Geburt [Christi] (Roždestvenskaja zvezda), (19) Dämmerung (Rassvet), (22)...

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