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Über Rede in Vers und Prosa

Die Funktion der Formensprache im Roman Doktor Shiwago

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Ulrich Steltner

«Doktor Shiwago», der Roman des Lyrikers Boris Leonidowitsch Pasternak, geriet 1958 in ein Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik, das seine Rezeption bis heute prägt. Diese Studie geht, mit dem Ziel der Objektivierung, von einem Form-Funktions-Gefüge aus. Sie analysiert die Formensprache sowohl des Prosateils als auch der Verse des Schlusskapitels, um die Funktion beider Redeformen für das Romanganze zu bestimmen. Ebenso berücksichtigt der Autor den Unterschied zwischen Textschema und kontextuellen Konkretisationen, seien es Urteile der Zeit oder historisch wandelbare Gattungsmerkmale, die das Textverständnis lenken. «Doktor Shiwago» ist ein Experimentalroman, in dem «Chaos» und «Ordnung», «Leben» und «Kunst» sowie «Prosa» und «Vers» einander metafiktional gegenübergestellt beziehungsweise miteinander verbunden werden.

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7. Schlussbetrachtung

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7.   Schlussbetrachtung

In meiner Abhandlung habe ich die Absichten und Meinungen Pasternaks als des psychophysischen Autors insbesondere des Doktor Shiwago zwar immer wieder zitiert, aber doch nur, um zur Erfassung des Romans den geeigneten Konterpart von einer gewissen Plausibilität zu haben, und nicht etwa, um Pasternaks Äußerungen für bare Münze zu nehmen, als sei der Roman nur so zu verstehen und als sei Pasternak die letzte und entscheidende Berufungsinstanz. Ganz im Gegenteil bin ich der Meinung, dass Kunst zwar „gemacht“ ist, wie von den russischen Formalisten einst herausgestellt wurde,228 dass aber produktionsästhetisch gesehen keine streng kalkulatorische Rationalität unterstellt werden darf. Schon allein die „heteronome Seinsweise“ des literarischen Kunstwerks (Ingarden) bedeutet, dass das physikalische Gebilde des Textes, sein „Schema“, wenn es einmal „gemacht“ ist, von den Bewusstseinsakten des Autors unabhängig wird. Es wird erst wieder im Bewusstsein des Lesers konkretisiert. Das irrationale Moment im künstlerischen Schaffen wie auch im ‚Erleben‘ von Kunst durch einen Rezipienten liegt darin gleichsam verschlossen. Diese Sachverhalte sind seit den 1930er Jahren wiederholt und unterschiedlich modelliert worden. Ich bin an dieser Stelle nur darauf zurückgekommen, um Pasternaks Auktorialität und meine Abstraktion über Vers und Prosa bzw. Kunst und Leben noch einmal in das richtige Verhältnis zu setzen.

Abschließen möchte ich meine Überlegungen zu Doktor Shiwago mit einer kurzen Abwägung, welche Stelle diesem Roman in der Literatur des 20. Jahrhunderts letzten Endes zugemessen werden kann....

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