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Über Rede in Vers und Prosa

Die Funktion der Formensprache im Roman Doktor Shiwago

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Ulrich Steltner

«Doktor Shiwago», der Roman des Lyrikers Boris Leonidowitsch Pasternak, geriet 1958 in ein Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik, das seine Rezeption bis heute prägt. Diese Studie geht, mit dem Ziel der Objektivierung, von einem Form-Funktions-Gefüge aus. Sie analysiert die Formensprache sowohl des Prosateils als auch der Verse des Schlusskapitels, um die Funktion beider Redeformen für das Romanganze zu bestimmen. Ebenso berücksichtigt der Autor den Unterschied zwischen Textschema und kontextuellen Konkretisationen, seien es Urteile der Zeit oder historisch wandelbare Gattungsmerkmale, die das Textverständnis lenken. «Doktor Shiwago» ist ein Experimentalroman, in dem «Chaos» und «Ordnung», «Leben» und «Kunst» sowie «Prosa» und «Vers» einander metafiktional gegenübergestellt beziehungsweise miteinander verbunden werden.

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Vorwort

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Boris Pasternak gehört seit Ende meiner Schulzeit zu den russischen Lyrikern, die ich mit Begeisterung immer wieder gelesen habe. Seine Gedichte waren für mich von einem geheimnisvollen Zauber und sind es noch. Kennengelernt habe ich Pasternaks Dichtung durch seinen Roman Doktor Shiwago, weil ich 1962/63 in der Abschlussklasse des „Staatlichen Aufbau-Gymnasiums“ zu Bad Neuenahr darüber meine Jahresarbeit im Fach Russisch zu schreiben hatte. Der Roman, 1957 zuerst in italienischer Sprache erschienen, war wegen der Vorgänge um den Nobelpreis 1958 lange in aller Munde geblieben. Er verursachte keinen literarischen, sondern einen handfesten politischen Skandal mit Folgen. Erst später, als ich während des Studiums der Slavischen Philologie einigermaßen in das Metier der Literaturwissenschaft hineingefunden hatte, befiel mich bei der Lektüre des Doktor Shiwago ein ungutes Gefühl. Die Meisterschaft des Lyrikers war nur im Abschlusskapitel zu spüren. Der 16 Kapitel umfassende lange Prosateil erschloss sich dagegen ästhetisch nicht oder doch nicht in gleicher Weise, wie ich es von den Meistern der russischen Prosa aus dem 19. Jahrhundert bis hin zu Andrej Belyj gewohnt war und wie es eigentlich von dem erfahrenen Literaten Pasternak zu erwarten gewesen wäre. Noch später wurde mir klar, dass ich mit dem Ungenügen an dem Roman nicht allein stand, ebensowenig mit dem Reiz, ihm wissenschaftlich ‚beizukommen‘. Die wissenschaftliche Literatur zu Doktor Shiwago umfasst mittlerweile nämlich ein völlig unüberschaubares Areal. Wenn ich mich dennoch entschlossen habe, einen eigenen wissenschaftlichen Zugang zu den...

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