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Der Umgang mit Geschichte im historischen Roman der Gegenwart

Am Beispiel von Uwe Timms «Halbschatten», Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» und Christian Krachts «Imperium»

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Max Doll

Ausgehend vom anhaltenden Vorwurf, der historische Roman betreibe Geschichtsklitterei, kann dieses Buch zeigen, dass das Genre in der Gegenwart sogar in seinen postmodernen Ausprägungen produktiv mit Geschichte verfährt. Zu diesem Zweck interpretiert der Autor nicht nur drei ausgewählte Werke, sondern erschließt sie im genauen Abgleich mit ihren Quellen und erörtert, dass historische Romane Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken nutzen. Vielmehr erfolgt eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material; in Veränderungen und Verfremdungen lässt sich eine klare, nicht minder korrekte Aussageabsicht erkennen, die lediglich auf eine unmittelbare Reproduktion von Quellen verzichtet.

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2.3 Historischer Roman und Gegenwartsliteratur

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2.3 Historischer Roman und Gegenwartsliteratur

In diesem Komplex gewinnt der historischen Roman nicht nur aufgrund seiner fiktionalen Freiräume an Bedeutung, sondern weil sich das Genre für postmoderne Darstellungen in besonderem Maße eignet: „Wenn es eine repräsentative Gattung für die Postmoderne gibt, so ist dies der Geschichtsroman“ (Neubauer 2007: 12). Der Definition von Eggert zufolge handelt es sich um einen „Romantypus, in dem geschichtliche Personen, Ereignisse, Lebensverhältnisse narrativ in fiktionalen Konstruktionen dargestellt werden“ (Eggert 2000: 53). Vereinfacht ist der historische Roman also ein „hybrides Genre, das im Medium der Fiktion Geschichte darstellt“ (Nünning 1995: 42) und demnach sowohl fiktive als auch faktische Elemente enthält, die in einem produktiven Diskurs stehen; der Roman bewegt sich damit in einem Raum zwischen Fakt und Fiktion. Entscheidend ist, wie das Verhältnis dieser beiden Komponenten im Einzelfall aufgelöst wird (Geppert 2009: 4), wobei „mindestens ein ‚Handlungskern‘, also ein←45 | 46→ für das Ganze unverzichtbares Element der geformten Erzählung, […] historisch wiedererkennbar“ sein muss (ebd.: 154). Hieraus ergibt sich ein direkter Bezug zur Gegenwart und damit zur Vorstellungswelt des Lesers ebenso wie ein Bezug auf außerliterarische „Wirklichkeit“. Die fiktiven beziehungsweise kontrafaktischen Elemente bieten insbesondere jüngeren Gattungsvertretern außerdem die Gelegenheit, „neuere geschichtswissenschaftliche Diskurse zu reflektieren“ (Neubauer 2007: 270).1

Die Entstehung des historischen Romans2 dieser Minimaldefinition ist eng verbunden mit der Entstehung eines modernen Geschichtsbegriffs, der Vergangenheit als Raum der Alterität erfasst, der sich fundamental von der Gegenwart unterscheidet.3...

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