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Der Umgang mit Geschichte im historischen Roman der Gegenwart

Am Beispiel von Uwe Timms «Halbschatten», Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» und Christian Krachts «Imperium»

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Max Doll

Ausgehend vom anhaltenden Vorwurf, der historische Roman betreibe Geschichtsklitterei, kann dieses Buch zeigen, dass das Genre in der Gegenwart sogar in seinen postmodernen Ausprägungen produktiv mit Geschichte verfährt. Zu diesem Zweck interpretiert der Autor nicht nur drei ausgewählte Werke, sondern erschließt sie im genauen Abgleich mit ihren Quellen und erörtert, dass historische Romane Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken nutzen. Vielmehr erfolgt eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material; in Veränderungen und Verfremdungen lässt sich eine klare, nicht minder korrekte Aussageabsicht erkennen, die lediglich auf eine unmittelbare Reproduktion von Quellen verzichtet.

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3.3 Geschlechterrollen

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3.3 Geschlechterrollen

In Anbetracht der Stellung des weiblichen Geschlechts im gesellschaftlichen Gefüge des beginnenden 20. Jahrhunderts ist ein Blick auf die im Roman abgebildeten Geschlechterrollen unerlässlich. Der zeitgenössischen Frauenrolle kommt zudem für die Auseinandersetzung mit dem Selbstmord Marga von Etzdorfs elementare Bedeutung zu. Halbschatten ordnet dabei zunächst Pilotinnen im gesellschaftlichen Gefüge der 1920er Jahre ein, wobei sich die Darstellung auf die deskriptive Wiedergabe des Forschungsstands beschränkt. Skizziert wird die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und der Situation von Fliegerinnen entlang der unterschiedlichen Fliegerfiguren; bei den Begegnungen von Frau und Mann spielt das Geschlecht ebenso wie der Eros immer eine Rolle. Eine Frauengeschichte muss im Roman zwingend einen Mann als Gegenposition beinhalten, sie werden als Oppositionspaar und komplementäre Ergänzung gedacht. Die dargestellten Positionen sind jedoch grundverschieden. Heydrich betrachtet Frauen als Objekte in Form einer Freizeitressource, an der sich seine Weltanschauung manifestiert: „Ich wusste, dass er es mit vielen Frauen hatte. Er nahm sie sich einfach, wie man im Amt sagte“ (H2008: 101), wobei klar nach animalischer Rangordnung vergeben werden, bei der die Ranghöheren zuerst „wählen“ dürfen. Der Adjutant Heydrichs, obwohl er als Sexualpartner von Erpenbeck bevorzugt wird, „hielt sich von mir fern“ und bleibt „freundlich, aber distanziert“ (ebd.: 100) um seinem Chef den Vortritt zu lassen. Die hier offenkundige Unterordnung sowie die klar von männlicher (Paarungs-)Dominanz geprägte Szene erinnern an tierisches Verhalten; ein Vergleich, den Erpenbeck nahe legt, indem sie Heydrichs Äußeres mit einem Wolf...

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