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Der Umgang mit Geschichte im historischen Roman der Gegenwart

Am Beispiel von Uwe Timms «Halbschatten», Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» und Christian Krachts «Imperium»

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Max Doll

Ausgehend vom anhaltenden Vorwurf, der historische Roman betreibe Geschichtsklitterei, kann dieses Buch zeigen, dass das Genre in der Gegenwart sogar in seinen postmodernen Ausprägungen produktiv mit Geschichte verfährt. Zu diesem Zweck interpretiert der Autor nicht nur drei ausgewählte Werke, sondern erschließt sie im genauen Abgleich mit ihren Quellen und erörtert, dass historische Romane Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken nutzen. Vielmehr erfolgt eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material; in Veränderungen und Verfremdungen lässt sich eine klare, nicht minder korrekte Aussageabsicht erkennen, die lediglich auf eine unmittelbare Reproduktion von Quellen verzichtet.

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3.4 Mythen und Nationalsozialismus

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3.4 Mythen und Nationalsozialismus

Ein weiterer Schwerpunkt des Romans liegt auf der kritischen Bearbeitung von Mythen des kulturellen Gedächtnisses insbesondere im Hinblick auf die deutsche Militärgeschichte und den Nationalsozialismus.1 Aufgegriffen werden apologetische Erklärungsmuster der unmittelbaren Nachkriegszeit und des sozialen Rahmens, womit gegenwärtige Forschungsergebnisse unter anderem von Aly und Welzer Berücksichtigung finden.2 In besonderem Maße wird das Vorgehen an der Figur Heydrichs ersichtlich, die als Symbol für den Nationalsozialismus und die dahinter stehende Ideologie präsentiert und dekonstruiert wird. Einer einfachen Dämonisierung seiner Figur, wie im kulturellen Gedächtnis üblich,←113 | 114→ verweigert sich der Roman jedoch. Stattdessen wird Heydrich nach dem Schlagwort von Hannah Ahrendt in seiner Bosheit banal dargestellt, als eine Figur voller Widersprüche zwischen Rezeption respektive der erinnerten, funktionalisierten Figur aus dem kulturellen Gedächtnis einerseits und der historisch rekonstruierten Person andererseits.

„Eine gute Erscheinung, wie gesagt, auffallend in der schwarzen Uniform. Störend an dem Mann war die Stimme, eine piepsige Stimme, die so gar nicht zu seiner Größe passte. Kalt und distanziert wirkte er, umso überraschender war seine Höflichkeit.“ (H2008: 98)

Ebenso wie Erpenbeck beschreibt unter anderem auch Miller den „lächerlichen Kontrast“ von Erscheinung und Stimme (H2008: 33, 37).3 Dem Aufzeigen von Widersprüchen, etwa zwischen der Außenwirkung und dem Auftreten (H2008: 37) sowie zwischen Eindruck und Person bleibt der Roman durchgehend treu.4 Die von Heydrich ausgehende Bedrohung, mit der er, auch dank der Aufnahmen, die...

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