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Der Umgang mit Geschichte im historischen Roman der Gegenwart

Am Beispiel von Uwe Timms «Halbschatten», Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» und Christian Krachts «Imperium»

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Max Doll

Ausgehend vom anhaltenden Vorwurf, der historische Roman betreibe Geschichtsklitterei, kann dieses Buch zeigen, dass das Genre in der Gegenwart sogar in seinen postmodernen Ausprägungen produktiv mit Geschichte verfährt. Zu diesem Zweck interpretiert der Autor nicht nur drei ausgewählte Werke, sondern erschließt sie im genauen Abgleich mit ihren Quellen und erörtert, dass historische Romane Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken nutzen. Vielmehr erfolgt eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material; in Veränderungen und Verfremdungen lässt sich eine klare, nicht minder korrekte Aussageabsicht erkennen, die lediglich auf eine unmittelbare Reproduktion von Quellen verzichtet.

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4.1 Formale und inhaltliche Konzeption

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4.1 Formale und inhaltliche Konzeption

Zentral für die Analyse des Romans sind der Blick auf die Erzählstruktur sowie die formalen Merkmale, die die postmoderne Dimension des Romans und damit auch den Blick auf Geschichte stützen. Bereits durch die Unbestimmtheit der erzählten Zeit, die im Textganzen von einem nicht definierten Zeitpunkt in der Jugend der Protagonisten aus das Leben beider Figuren bis hin zu einem vagen Endpunkt im hohen Alter umspannt, wird die Künstlichkeit der Zeit als Kategorie und ihr Unvermögen der realen Abbildung des Vergangenen imitiert.1 Fixiert werden lediglich die Zeitebene durch das Erzählen im Präteritum sowie die erzählerische Ausgangsposition; diese wird bereits mit dem ersten Satz, der die einzige exakte Zeitangabe der gesamten Erzählung enthält, „im September 1828“ verortet (V2005: 1).2 Dadurch kündig der Text an frühestmöglicher Stelle an, von Geschehnissen in einer entfernteren Vergangenheit zu erzählen, was durch die erhebliche temporale Differenz funktional Fremdheit evoziert. So lässt der Roman bereits auf formaler Ebene die Exaktheit vermissen, die beide Forscher als Maßstab anlegen. Als zeitlicher Anker dient ausschließlich der Deutsche Naturforscherkongress, der einen Großteil der Handlung rahmt. Von diesem Punkt←246 | 247→ aus können die Forschungsreisen und -arbeiten der Protagonisten auf der Erzählebene als implizite Vergangenheit eingeordnet werden, bis die Geschichte erneut diesen Fixpunkt erreicht und davon ausgehend die gealterten Forscher beschreibt. Die Rahmung der Haupthandlung mündet in den späteren Kapiteln in Imitation...

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