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Der Umgang mit Geschichte im historischen Roman der Gegenwart

Am Beispiel von Uwe Timms «Halbschatten», Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» und Christian Krachts «Imperium»

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Max Doll

Ausgehend vom anhaltenden Vorwurf, der historische Roman betreibe Geschichtsklitterei, kann dieses Buch zeigen, dass das Genre in der Gegenwart sogar in seinen postmodernen Ausprägungen produktiv mit Geschichte verfährt. Zu diesem Zweck interpretiert der Autor nicht nur drei ausgewählte Werke, sondern erschließt sie im genauen Abgleich mit ihren Quellen und erörtert, dass historische Romane Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken nutzen. Vielmehr erfolgt eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material; in Veränderungen und Verfremdungen lässt sich eine klare, nicht minder korrekte Aussageabsicht erkennen, die lediglich auf eine unmittelbare Reproduktion von Quellen verzichtet.

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5.1 Nationalsozialismus

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5.1 Nationalsozialismus

Der Nationalsozialismus ist nicht nur ein Themenfeld, das durch Imperium aktiv thematisiert wird, sondern auch eines, das durch den Vorwurf, „antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken“ zu befördern (Dietz 2013a: 38), den Diskurs um den Roman initial bestimmt hat. Georg Dietz, der Kracht vorwirft, ein „Türsteher rechter Gedanken“ (ebd.) zu sein,1 ignoriert jedoch die immanent←346 | 347→ kritisch-distanzierte Haltung des Romans. Handwerklich und inhaltlich sind die aufgestellten Thesen daher nicht zu halten, alleine schon weil Dietz die notwendige Unterscheidung von Autor sowie Erzähler ignoriert und beide Positionen gleichsetzt, wobei insbesondere das Rollenspiel der öffentlichen Figur Krachts fälschlicherweise als Beitrag der tatsächlichen Autorenperson gewertet wird (s. u.: Kap. 5.3). Der ursprünglich im Spiegel veröffentlichte Beitrag ist darüber hinaus von zahlreichen vagen Spekulationen geprägt. Dietz bleibt, nicht ohne unfreiwillige Ironie, selbst im „schönen Wellenschlag der Worte“ verhaftet (Dietz 2013a: 31), der in Imperium das fragliche und fragwürdige Gedankengut maskieren soll. Der Argumentation von Dietz lässt sich außerdem ein bemerkenswerter Mangel an qualitativer Textarbeit konstatieren,2 die wenigen Textbezüge werden unsauber eingebunden und ohne Berücksichtigung des Kontextes inhaltlich entstellt.3 Aufgrund dieser offenkundigen Problematiken sind die Reaktionen auf die←347 | 348→ Vorwürfe deutlich und eindeutig ausgefallen,4 während der von Dietz dargelegte Interpretationsansatz übereinstimmend als unzulänglich verworfen wurde.5

Der Nationalsozialismus, nationalsozialistisches Gedankengut sowie deren Vorläufer sind, wie von Dietz korrekt bemerkt, in Imperium fraglos durchgängig in variierenden Graden...

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