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Der Umgang mit Geschichte im historischen Roman der Gegenwart

Am Beispiel von Uwe Timms «Halbschatten», Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» und Christian Krachts «Imperium»

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Max Doll

Ausgehend vom anhaltenden Vorwurf, der historische Roman betreibe Geschichtsklitterei, kann dieses Buch zeigen, dass das Genre in der Gegenwart sogar in seinen postmodernen Ausprägungen produktiv mit Geschichte verfährt. Zu diesem Zweck interpretiert der Autor nicht nur drei ausgewählte Werke, sondern erschließt sie im genauen Abgleich mit ihren Quellen und erörtert, dass historische Romane Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken nutzen. Vielmehr erfolgt eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material; in Veränderungen und Verfremdungen lässt sich eine klare, nicht minder korrekte Aussageabsicht erkennen, die lediglich auf eine unmittelbare Reproduktion von Quellen verzichtet.

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5.2 Kolonialismus

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5.2 Kolonialismus

Die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus ist allein aufgrund der durch den Roman abgebildeten Epoche unvermeidlich. Die Verortung Engelhardts in zeitgenössischen Diskursen1 wird zur Auseinandersetzung mit den dahinter stehenden Vorstellungen genutzt, insbesondere auch dem Kolonialismus, der eine kritische←365 | 366→ Ausleuchtung erfährt.2 Dazu wird Engelhardt durch den Vergleich mit Wagners „Jung Siegfried“ als Exponent rassisch-germanischer Ideologie und Mythologie präsentiert (I2012: 36), er entspricht folglich Vorstellungen eines „reinrassigen“ Deutschen. Zuvor allerdings bemerkt die Figur eingeborene Kinder, die „aus einer lustigen Laune der Natur heraus blondes Haar“ besitzen (ebd.: 17). Diese Szene fungiert wie eine Vielzahl Darstellungen des Romans als Scharnier in mehrere Richtungen. Sie unterläuft zunächst subversiv das Denken dieser Zeit, in der sich Kolonialherren zur Rechtfertigung ihrer Überlegenheit nach Möglichkeit unter anderem rassisch von den Beherrschten abzugrenzen suchten, was im Roman durch die zufällige Vermischung dieser theoretisierten Merkmale als unzulänglich und kontrafaktisch offenbart wird.3 Dazu wird, wie von Gerlach dargelegt, die zeittypische Wahrnehmung fremder Kulturen als homogene Gruppe durch Darstellung ihrer tatsächlichen Heterogenität dekonstruiert, indem den Kindern durch ihre Haarfarbe ein typisches Merkmal „arischer“ Deutscher zugewiesen wird: Die Beobachtung von „Kanakenkindern“ mit blondem Haar rekurriert auf die rhetorische Frage eines Plantagesbesitzers, ob „ein Deutscher im Schutzgebiet nicht mehr einen Kanaken von einem Rheinländer unterscheiden dürfe“ (Gerlach←366 | 367→ 2013: 199, I2012: 26),4 was den Versuch der rassischen Abgrenzung und Überlegenheit durch die Definition heterogener Gruppen als unzulänglich entlarvt.5 Wie in historischen Kolonialreichen bleiben...

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