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Der Umgang mit Geschichte im historischen Roman der Gegenwart

Am Beispiel von Uwe Timms «Halbschatten», Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» und Christian Krachts «Imperium»

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Max Doll

Ausgehend vom anhaltenden Vorwurf, der historische Roman betreibe Geschichtsklitterei, kann dieses Buch zeigen, dass das Genre in der Gegenwart sogar in seinen postmodernen Ausprägungen produktiv mit Geschichte verfährt. Zu diesem Zweck interpretiert der Autor nicht nur drei ausgewählte Werke, sondern erschließt sie im genauen Abgleich mit ihren Quellen und erörtert, dass historische Romane Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken nutzen. Vielmehr erfolgt eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material; in Veränderungen und Verfremdungen lässt sich eine klare, nicht minder korrekte Aussageabsicht erkennen, die lediglich auf eine unmittelbare Reproduktion von Quellen verzichtet.

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5.4 Wissen und Wahrnehmung

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5.4 Wissen und Wahrnehmung

„Das Konstruktionsprinzip von Imperium ist die Dekonstruktion vermeintlich sicherer Informationen, vermeintlich absoluten Wissens“ stellt Gerlach fest (Gerlach 2013: 204). Zum eigentlich zentralen Thema des Romans wird neben der Renarration deutscher kolonialer und nationaler Geschichte anhand aktueller Erkenntnisse der Forschung die Metaebene; es ist dieses Element, das den Roman eindeutig der Postmoderne zuordnet. Wissen und Wahrnehmung, die von Gerlach als zentrale Themen des Romans ausgemacht wurden, werden permanent als unzuverlässig ausgestellt und relativiert, wobei die gesamte Erzählung durch eine Struktur der Wiederholung überformt und damit präfiguriert wird. Historiographie ist hierbei nur ein Teil des übergeordneten Themenbereiches Wissen, insofern metahistorische und metahistoriographische Aussagen nicht in gleichem Maße thematisiert werden, wie dies in den anderen untersuchten Romanen der Fall ist. Unter anderem aufgrund der ausgeprägten Intertextualität und der Konzeption als Pastiche wird deutlich, dass jede Aussage bereits einmal getätigt worden ist.1 Im Kern misstraut sich Imperium damit so sehr selbst wie←410 | 411→ jeder Art von Erzählung oder Text. Wenn „Engelhardt sich „am Rande einer Seite mittels eines Bleistiftstummels […] einige Notizen“ macht, „die er selbst, kaum hatte er sie geschrieben, schon nicht mehr entziffern konnte“ (I2012: 15), dann erscheint schon das sprachliche Zeichen als unzuverlässig, weil es sich unmittelbar nach seiner Niederschrift bereits von seinem Autor entfremdet hat.2 Dies gilt insbesondere, wenn auch schriftliches Wissen in scheinbar beliebigen Erzählungen und Zusammenhängen eingesetzt werden kann (s. o.: 389 f, s. u.: 470 ff).3 Darin verbirgt sich...

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