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Der Umgang mit Geschichte im historischen Roman der Gegenwart

Am Beispiel von Uwe Timms «Halbschatten», Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» und Christian Krachts «Imperium»

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Max Doll

Ausgehend vom anhaltenden Vorwurf, der historische Roman betreibe Geschichtsklitterei, kann dieses Buch zeigen, dass das Genre in der Gegenwart sogar in seinen postmodernen Ausprägungen produktiv mit Geschichte verfährt. Zu diesem Zweck interpretiert der Autor nicht nur drei ausgewählte Werke, sondern erschließt sie im genauen Abgleich mit ihren Quellen und erörtert, dass historische Romane Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken nutzen. Vielmehr erfolgt eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material; in Veränderungen und Verfremdungen lässt sich eine klare, nicht minder korrekte Aussageabsicht erkennen, die lediglich auf eine unmittelbare Reproduktion von Quellen verzichtet.

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6.1 Historiographie

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6.1 Historiographie

Halbschatten schildert die fliegerischen Aktivitäten sowie die vielfältigen Rollen der Pilotin Marga von Etzdorf. Eine Interpretation von Quellen sowie Person erfolgt stets unter dem Gesichtspunkt ihres Selbstmordes in Aleppo, für den aus einem Ungenügen bisheriger Ansätze heraus eine neue Erklärung gefunden und begründet werden soll. Der Selbstmord wird allerdings nicht auf absolute Weise zu erklären versucht. Stattdessen wird das plurale Gefüge bisheriger Theorien um eine neue Hypothese und Dimension bereichert, aber in unauflösbarer Gleichzeitigkeit belassen (vgl. Kap. 3.5). Auf den Entwurf eines singulären Erklärungsmusters verzichtet der Roman jedoch zugunsten postmoderner Polyphonie. Besonderes Augenmerk wird auf Person und Persönlichkeit gelegt, auch unter der Zielsetzung, der zeitgenössischen und historiographischen Funktionalisierung sowie Instrumentalisierung der Person entgegenzuwirken. Basis für die Darstellung ist der historiographische Wissensstand, wobei die Erzählung durch Intertextualität narrativ überformt wird (vgl. Kap. 3.2). Anhand der Person und←519 | 520→ ihren Erfahrungen werden außerdem weitere Themenfelder betrachtet. Dazu gehören die Fliegerei als dominant männliche Domäne, die Rollenwechsel der Pilotin und das historische Frauenbild (vgl. Kap. 3.3), anhand derer auch die soziale und kulturelle Bedingtheit von Wahrnehmung deutlich wird, ebenso wie Reflexionen über den Nutzen technologischen Fortschritts etwa im Hinblick auf die von Etzdorf mythisierten Vorteile des Fluges, dem die gewalttätige Seite dieser Neuerungen in Form mehrerer Kriegsflieger entgegengestellt wird, die Fortschrittsversprechen der Aufklärung und die Zufälligkeit historischer Entwicklung; Metaebene und Intention des Romans sind...

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