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Der Umgang mit Geschichte im historischen Roman der Gegenwart

Am Beispiel von Uwe Timms «Halbschatten», Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» und Christian Krachts «Imperium»

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Max Doll

Ausgehend vom anhaltenden Vorwurf, der historische Roman betreibe Geschichtsklitterei, kann dieses Buch zeigen, dass das Genre in der Gegenwart sogar in seinen postmodernen Ausprägungen produktiv mit Geschichte verfährt. Zu diesem Zweck interpretiert der Autor nicht nur drei ausgewählte Werke, sondern erschließt sie im genauen Abgleich mit ihren Quellen und erörtert, dass historische Romane Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken nutzen. Vielmehr erfolgt eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material; in Veränderungen und Verfremdungen lässt sich eine klare, nicht minder korrekte Aussageabsicht erkennen, die lediglich auf eine unmittelbare Reproduktion von Quellen verzichtet.

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3. Uwe Timm: Halbschatten

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3. Uwe Timm: Halbschatten

Halbschatten ist nach Johannisnacht und Rot der letzte, bislang vergleichsweise wenig beachtete Roman der nach ihrem Schauplatz bezeichneten „Berliner Trilogie“ Uwe Timms, die für das gegenwärtige kulturelle Selbstverständnis relevante Schlüsselmomente und -epochen deutscher Geschichte ausleuchtet. Die Betrachtung der Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Machtergreifung in Halbschatten steht so in einer Linie mit der Betrachtung von Mauerfall und 68er-Bewegung in den vorangegangenen Romanen. Der Blick in die Geschichte und auf Geschichte tritt im Falle von Halbschatten offenkundig hervor: Die Rahmenhandlung auf dem Berliner Invalidenfriedhof schildert ein „Gespräch“ mit der Vergangenheit im Sinne einer einseitigen Dialogsituation mit den durcheinander sprechenden Stimmen der Toten, die den Raum der Geschichte und der Quellen sichtbar werden lassen. Gegenstand der Auseinandersetzung ist die Reichweite von Geschichtserzählungen, bei denen nicht die grundsätzliche Fiktionalität von Text und Wahrnehmung, sondern unter anderem die Limitierung von Quellen und Erinnerung im Vordergrund steht. Auf historischer Ebene geht der Roman insbesondere der Frage nach, warum sich die in der Gegenwart weitgehend unbekannte Pilotin Marga von Etzdorf im Alter von nur 25 Jahren nach einer Bruchlandung auf ihrem letzten Flug 1933 in Aleppo erschossen hat. Die Ursachenforschung, bei der die Karriere der Fliegerin anhand ihrer wichtigsten Langstreckenflüge nachgezeichnet wird, bietet dabei immer wieder Anlass, auch Themen der Zeitgeschichte kritisch zu betrachten.1 Hier steht die Rolle einer Pilo←73 | 74→ tin insbesondere vor dem historischen Hintergrund einer männlich dominierten Fliegerei ebenso im Blickpunkt wie eine mögliche Verstrickung...

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