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Der Umgang mit Geschichte im historischen Roman der Gegenwart

Am Beispiel von Uwe Timms «Halbschatten», Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» und Christian Krachts «Imperium»

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Max Doll

Ausgehend vom anhaltenden Vorwurf, der historische Roman betreibe Geschichtsklitterei, kann dieses Buch zeigen, dass das Genre in der Gegenwart sogar in seinen postmodernen Ausprägungen produktiv mit Geschichte verfährt. Zu diesem Zweck interpretiert der Autor nicht nur drei ausgewählte Werke, sondern erschließt sie im genauen Abgleich mit ihren Quellen und erörtert, dass historische Romane Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken nutzen. Vielmehr erfolgt eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material; in Veränderungen und Verfremdungen lässt sich eine klare, nicht minder korrekte Aussageabsicht erkennen, die lediglich auf eine unmittelbare Reproduktion von Quellen verzichtet.

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4. Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

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4. Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

Daniel Kehlmanns Vermessung der Welt gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Romanen der Gegenwartsliteratur. Ein Teil dieses Erfolges wird auf die kulturelle Bedeutung seiner Protagonisten zurückgeführt: Erzählt wird alternierend von den wichtigsten Reisen und Entdeckungen Johann Carl Friedrich Gauß‘, dessen Konterfrei auf dem 10-Mark-Schein der Bundesrepublik verewigt wurde, sowie Alexander von Humboldts.1 Die Schilderung beschränkt sich nicht auf Deskription, sondern erfolgt auf Basis einer kritischen Auseinandersetzung mit den Quellen, deren Ergebnis in pointiert ironischer Perspektive präsentiert wird. Die historische Dimension des Romans ist demnach geprägt von einer Auseinandersetzung mit dem Material, dessen Wahrheitsgehalt angezweifelt wird. Legitimiert wird das Misstrauen gegenüber dem Geschriebenen in der metahistorischen Dimension des Romans; die Vermessung der Welt betont die Notwendigkeit, Realität und Wirklichkeit erzählen zu müssen. Erinnerung und Wahrnehmung sind nicht nur Limitierungen unterworfen, sondern geradezu unzuverlässig und ungeeignet, um Ereignisse akkurat festzuhalten. Damit ist nicht nur Geschichte, sondern bereits Realität potentiell ein fiktionales Konstrukt. Die Vermessung der Welt zeigt folglich permanent das Ungenügen von Wissen und Wahrnehmung auf. Dabei widersetzt sich der Roman der Erwartung einer zuverlässigen Erzählung des Vergangenen. Dies schlägt sich nicht nur in einer größeren Entfernung zwischen Quelle und Romantext, sondern vor allem in einer bewussten Verfremdung des historischen Materials nieder. Priorität hat die Darstellungsabsicht vor der „Faktizität“, die Aussagen der Quelle sind insofern prinzipiell sekundärer Natur und nur Mittel, nicht Zweck...

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