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Der Umgang mit Geschichte im historischen Roman der Gegenwart

Am Beispiel von Uwe Timms «Halbschatten», Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» und Christian Krachts «Imperium»

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Max Doll

Ausgehend vom anhaltenden Vorwurf, der historische Roman betreibe Geschichtsklitterei, kann dieses Buch zeigen, dass das Genre in der Gegenwart sogar in seinen postmodernen Ausprägungen produktiv mit Geschichte verfährt. Zu diesem Zweck interpretiert der Autor nicht nur drei ausgewählte Werke, sondern erschließt sie im genauen Abgleich mit ihren Quellen und erörtert, dass historische Romane Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken nutzen. Vielmehr erfolgt eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material; in Veränderungen und Verfremdungen lässt sich eine klare, nicht minder korrekte Aussageabsicht erkennen, die lediglich auf eine unmittelbare Reproduktion von Quellen verzichtet.

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5. Christian Kracht: Imperium

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5. Christian Kracht: Imperium

Imperium, der bislang letzte Roman von Christian Kracht, rückt das Leben des Südsee-Aussteigers August Engelhardt in den Vordergrund, der im heutigen Papua-Neuguinea eine neue Weltreligion auf der Basis von Anbetung und Verzehr der Kokosnuss ins Leben rufen wollte.1 Der Roman orientiert sich lose am Lebenslauf der historischen Figur, nimmt dessen Nacherzählung aber nur als vordergründigen Anlass für weitere, sich konstant überlappende narrative Ebenen variierender Abstraktionsgrade. Die biographische Ebene, der Versuch des Protagonisten, die eigene Utopie Realität werden zu lassen, ist lediglich die offensichtlichste Dimension der Erzählung. Die Figur und ihre Vorstellungen werden darüber hinaus in die Ideenwelt der kolonialen Ära beziehungsweise in die Gesellschaft des Deutschen Kaiserreiches und der deutschen Kultur eingebettet, für welche die Romanfigur stellvertretend betrachtet wird. Dabei wird eine Verbindung zum Nationalsozialismus geschaffen, der als Endpunkt dieser Ideologie erscheint. Schließlich werden Utopien und Heilsversprechen als Bestandteil von Metanarrationen der Moderne entlarvt, die sich lediglich zirkulär abwechseln. Wesentlicher historischer Themenschwerpunkt des Romans ist neben dem Kolonialismus, der allein aufgrund der Epoche unumgänglicher Bestandteil der Erzählung wird, auch der Nationalsozialismus,2 der hier in eine Kontinuitäts←345 | 346→ linie gestellt wird. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte auf Basis aktueller historiographischer Erkenntnisse und in renarrativer Absicht erfolgt dabei auch entgegen Inhalten des kulturellen Gedächtnisses und kultureller Mythen wie den noch immer populären, romantisierten Vorstellungen der Südsee. Schon das Thema selbst ist dabei eine bewusste Abgrenzung zur typischen...

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