Show Less
Restricted access

Nazi-Täterinnen in der deutschen Literatur

Die Herausforderung des Bösen

Series:

Simonetta Sanna

Die Studie verbindet mit der Thematisierung des NS-Vernichtungsapparates und Frauen, die darin als Protagonistinnen wirkten, ein doppeltes Skandalon. Die Autorin untersucht die Werke von Stephan Hermlin, Hans Lebert, Bernhard Schlink, Lukas Hartmann und Helga Schneider. Diese ziehen schuldige Frauen nachträglich zur Rechenschaft, lassen ihnen gegenüber jedoch einen nicht-ausgrenzenden Sinn der Gerechtigkeit gelten. Aus der Erzählperspektive regt gerade die Unmöglichkeit der Vergebung das Interesse an, die Verschränkungen von Gut und Böse, Opfer und Täter wahrzunehmen. Das erfordert umfassende kognitive Fähigkeiten auch beim Leser. Das Buch fasst abschließend den Beitrag des Romans zur Aufarbeitung der Vergangenheit zusammen. Die Autorin geht hierbei der Frage nach, inwieweit die Erfahrung des Negativen zur Selbsterkenntnis des Menschen und damit auch zur Hinwendung zum anderen Menschen beiträgt.

Show Summary Details
Restricted access

II. Lukas Hartmann, Die Frau im Pelz: im Niemandsland des Zweifels

Extract



1. Einleitung

Wie Die Kommandeuse von Stephan Hermlin ist auch Die Frau im Pelz von dem Schweizer Autor Lukas Hartmann die Geschichte eines Gerichtsverfahrens, deren Protagonistin beschuldigt ist, während des NS-Regimes nicht Opfer, sondern Täter gewesen zu sein. Gleichzeitig trägt die ‚Frau im Pelz‘ den Namen der wirklichen Person, der Schweizerin Carmen Mory, die 1947 in einem gleichsam ‚politischen Prozess‘ von britischen Behörden zum Tode verurteilt wurde. Darüber hinaus wurde die Mory auch von der Presse – diesmal der westdeutschen, da die Geschichte in Hamburg stattfindet, und von der Schweizer Publizistik, angesichts der Nationalität der Angeklagten – als „schwarzer Engel“ (167)142 von Ravensbrück angesehen. Der Fall Carmen Mory ist jedoch komplexer als der von Hedwig Weber, alias Erna Dorn. Im Gegensatz zur Weber ist Hartmanns Figur in der Lage, ihre Gedanken zu artikulieren; sie besitzt zudem einen vielschichtigen Charakter, der ihr zum Beispiel erlaubt, von 1933–1938 als Spionin für das NS-Regime, im Jahr 1940 dann für Frankreich zu arbeiten. Vor allem aber führt die Frau im Pelz im Gegensatz zur Kommandeuse, die eindimensional ist und fast kein subjektives Leben besitzt, ein vielfältiges „Innenleben“, wie der Autor infolge seiner „durch Dokumente angeregten – Phantasie“ (279) rückschließt.

Daher wird auch der Leser dazu angeregt, seine Aufmerksamkeit auf die Werte und Meinungen, die Begeisterungsphasen, Unsicherheiten und Ängste der Gestalt zu lenken, d.h. auf ihren inneren Dialog. Dieser verdeutlicht ihren Weg zu falschen Entscheidungen, lässt...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.